Der Reisebegleiter als Reiseplaner

Tobias 6, 1 – 18

1 Und sie hörte auf zu weinen.

             Das ist der Abschluss der Abschiedsszene. von nun an richtet sich der Blick nach vorne, auf den Weg nach Medien.

 2 Und der junge Tobias zog dahin und der Engel mit ihm, und sein Hund lief hinterher und machte sich mit ihnen auf die Reise. So zogen die beiden hinaus, und als die Nacht über sie hereinbrach, nächtigten sie am Fluss Tigris.

Es ist ein Bild wie aus einem Film: zwei Männer und sein Hund. Wessen Hund? Es wird wohl so sein, weil Engel im Normalfall keine Hunde mit sich führen, es geht um den Hund des Tobias. Der läuft hinter seinem Herrn her. Die Nacht bricht herein. Sie machen Lager am Tigris. Das Gebirge ist noch weithin.

3 Und Tobias stieg zum Fluss Tigris hinab, um seine Füße zu waschen; und siehe, ein großer Fisch schoss aus dem Wasser heraus und wollte den Fuß des Jungen verschlingen. Da schrie er laut. 4 Und der Engel sagte zu ihm: Pack den Fisch und zieh ihn heraus! Und der Junge packte den Fisch und zog ihn aufs Land.

             Eine Schrecksekunde. Aus dem Fluss schießt ein Fisch hervor, offensichtlich ein Raubfisch, der nach dem Fuß des Tobias schnappt. Es ist nur zu verständlich, dass Tobias erschrocken aufschreit. Der Engel aber, sein Weggefährte, reagiert unerschrocken: Zupacken! Herausziehen. Tobias  auch, indem er rasch reagiert, trotz seines Schreckens und zupackt.

  5 Da sagte der Engel zu ihm: Nimm den Fisch aus und behalte das Herz, die Galle und die Leber; die Eingeweide aber wirf weg. Denn Galle, Herz und Leber sind sehr gut als Arznei. 6 Und Tobias nahm den Fisch aus und legte Galle, Herz und Leber beiseite. Den Fisch aber briet er und aß davon. Er ließ etwas übrig und legte es in Salz ein.

             Es ist seltsam: der Engel, doch eigentlich nur als Begleiter gedacht, übernimmt das Kommando. Er lässt Tobias den Fisch ausnehmen, Herz, Galle und Leber aufheben und die Eingeweide verwerfen. Seine Erklärung: Es geht um gute Arznei. Warum, wofür bleibt unerörtert. Der restliche Fisch wird am Feuer zubereitet und gegessen, bis auf einen kleinen Rest, den sie, durch Salz konserviert, mitnehmen werden.   

 Und die beiden zogen zusammen weiter, bis sie in die Nähe Mediens kamen. 7 Da fragte Tobias den Engel: Bruder Asarja, was für eine Arznei ist im Herzen und in der Leber des Fisches und in seiner Galle? 8 Und er antwortete ihm: Wenn ein Mann oder eine Frau mit einem Dämon oder einem bösen Geist geschlagen ist, lass das Herz und die Leber des Fisches in Rauch aufgehen. Dann wird jede Plage von ihnen fliehen, und alle bösen Geister werden ihnen in Ewigkeit nicht schaden. 9 Die Galle aber streiche auf die Augen eines Menschen, die mit weißen Flecken befallen sind; dann hauche gegen sie auf die weißen Flecken, und die Augen werden geheilt.

             Der Weg geht weiter. Es scheint, die Ereignisse des Vortages arbeiten noch in Tobias. Darum fragt er jetzt nach, was das mit der Arznei, die in Herz, Galle und Leber steckt auf sich hat. Bereitwillig erklärt der Engel: Es geht um Mittel gegen Dämonen, böse Geister und um Heilmittel für Blindheit. Beides hochwirksam – einmal mit Wirkung in Ewigkeit, einmal mit einem Heilungswunder: Augen werden aufgetan.

 10 Und als er nach Medien kam und sich schon in der Nähe Ekbatanas aufhielt, 11 sagte Rafaël zu dem Jungen: Bruder Tobias! Der antwortete: Siehe, hier bin ich. Und er sprach zu ihm: Wir müssen diese Nacht bei Raguël einkehren. Dieser Mann ist dein Verwandter und hat eine Tochter mit Namen Sara. 12 Da er nun weder einen männlichen Nachkommen noch eine Tochter außer Sara hat, bist du ihr nächster Verwandter. Deshalb kommt es dir vor allen anderen Männern zu, sie zu gewinnen. Dir ist es auch bestimmt, alle Güter ihres Vaters zu erben. Das Mädchen ist verständig und tüchtig und sehr schön, und ihr Vater ist edel.

             Dieser Engel ist ein merkwürdiger Begleiter. Er kennt sich mit Medizin aus. Er kennt den Ort ihrer Bestimmung. Er kennt sich mit den Familienverhältnissen des Raguël aus. Er weiß mehr über die familiären Beziehungen als Tobias. So weiß er auch, dass es durch die Verwandtschaftsverhältnisse auf Tobias zukommen wird, diese Sara zu gewinnen. Immerhin tröstlich: Das Mädchen ist verständig und tüchtig und sehr schön. Auch der Vater kann sich sehen lassen – ein edler Mann.

13 Und er sagte: Dir ist es bestimmt, sie zur Frau zu nehmen. Hör auf mich, mein Bruder: Heute Nacht wollen wir mit dem Vater über das Mädchen sprechen und ihn bitten, dass sie deine Braut werde. Und wenn wir aus Rages zurückkehren, wollen wir deine Hochzeit mit ihr feiern. Denn ich weiß, dass Raguël sie dir nicht verweigern oder sie einem anderen antrauen kann. Nach der Ordnung im Buch des Mose wäre er dann des Todes schuldig, weil er weiß, dass es dir vor jedem andern zukommt, seine Tochter zur Frau zu nehmen. Nun hör mich an, mein Bruder: Wir werden diese Nacht über das Mädchen sprechen und sie mit dir verloben. Wenn wir dann aus Rages zurückkehren, werden wir die Hochzeit feiern und sie mit uns in dein Haus führen.

             Jetzt lässt Asarja die Katze aus dem Sack. An diesem Abend noch will er die zukünftige Hochzeit klären. Er selbst will wohl den Werber machen und weil die Verwandtschaftsverhältnisse sind, wie sie sind, wird es bei dem Vater des Mädchens keine Einwände geben. Wobei der erste Satz die Situation klärt. Dir ist es bestimmt, sie zur Frau zu nehmen. Es geht hier nicht um eine willkürliche Aktion des Asarja. Es geht um eine Bestimmung von Ewigkeit her.

14 Da antwortete Tobias und sagte zu Rafaël: Bruder Asarja, ich habe gehört, dass sie schon sieben Männern nacheinander zur Frau gegeben worden ist. Alle starben des Nachts in ihrem Brautgemach; als sie zu ihr eingehen wollten, da starben sie. Man sagt, dass ein böser Geist sie getötet habe. 15 Darum fürchte ich mich. Denn Sara fügt er keinen Schaden zu; aber wer sich ihr nähern will, den tötet er sogleich. Ich bin das einzige Kind meines Vaters – ach dass ich doch nicht sterben muss und meinen Vater und meine Mutter aus Schmerz über mich ins Grab bringe! Sie haben doch keinen anderen Sohn, der sie begraben könnte.

Ist Tobias überrumpelt? Verschreckt? Er sagt nicht gleich Ja, sondern hat einen gewichtigen Einwand. Auch er ist nicht gänzlich uninformiert auf die Reise gegangen. Was er gehört hat, ist doch ein echtes Hochzeitshindernis. Noch keiner hat die Nacht in ihrem Brautgemach überlebt. Sieben Männer, ebenso viele Leichen. Salopp: Leichen pflastern den Weg aus ihrem Brautgemach.

Es ist nicht so sehr die Angst um sich selbst, signalisiert Tobias. Aber was wäre das für ein Schmerz, wenn er, der einzige Sohn stirbt, für die Eltern, für Vater und Mutter. Das würden sie nicht überleben. Dann wäre keiner da, um sie anständig zu begraben!

 16 Der Engel sprach zu ihm: Gedenkst du nicht der Worte deines Vaters, der dir gebot, eine Frau aus dem Hause deines Vaters zu nehmen?

             Der Engel gibt sich durch diesen so einleuchtenden Einwand nicht geschlagen. Er erinnert vielmehr an den Wunsch des Vaters: Eine Frau aus der Sippe, aus dem Hause deines Vaters. Es ist ja die Ideal-Ehe in der Sicht des Orients: So nahe wie möglich in der Verwandtschaft. Vetter und Base, Cousin und Cousine.

 Und nun hör mich, mein Bruder, und sorg dich nicht wegen dieses bösen Geistes. Nur zu, denn ich bin gewiss, dass sie dir diese Nacht zur Frau gegeben wird. 17 Wenn du in das Brautgemach hineingehst, nimm von der Leber des Fisches und sein Herz und lege sie auf glühende Kohlen. Der Geruch wird aufsteigen 18 und der böse Geist wird ihn riechen und fliehen und nicht mehr bei ihr erscheinen in alle Ewigkeit.

Das zweite Argument: Du bist gerüstet – durch die Beigaben – Leber und Herz des Fisches. Wenn sie auf dem Herd verbrannt werden, entwickeln sie intensive Gerüche und sie vertreiben auch den bösen Geist. Der Geruch schlägt ihn in die Flucht. Er wird regelrecht ausgeräuchert. Und Sara wird so von dem ungebetenen Gast auf ewig frei.

Und wenn du zu ihr eingehen willst, erhebt euch beide zuerst; betet und bittet den Herrn des Himmels, dass Gnade und Heil auf euch komme. Und fürchte dich nicht, denn dir ist sie von Ewigkeit her bestimmt, und du wirst sie retten, und sie wird mit dir ziehen. Ja, ich bin mir dessen gewiss, dass du mit ihr Kinder haben wirst, und sie werden dir wie Brüder sein. Sorg dich also nicht.

             Schließlich ordnet er noch den Verlauf des Abends: erst beten. Um Gnade und Heil. Das ist mehr als eine Verlangsamung des gegenseitigen Begehrens, auch keine Lustbremse. Es ist das Zutrauen, dass gelebte Sexualität ihren Platz vor Gott hat. Gesegnet ist. Darum keine Furcht. Was geschehen wird, ist vom Himmel her schon gewollt – die beiden müssen nur noch nachkommen.

In der Anmerkung der neuen Lutherübersetzung 2017 steht: „Der lateinische Text berichtet den Befehl des Engels Rafael, dass Tobias und Sara drei Tage und Nächte im Gebet verbbringen sollten, bevor sie die Ehe vollzogen.“ Das ist eine harte Gedulds-Probe.ein bisschen auch der Angst vor gelebter Sexualität bei den Lateinern geschuldet?

Auch das ist keine Selbstverständlichkeit: du wirst mit ihr Kinder haben. Die Bibel weiß so manche Geschichten vom unerfüllten Kinderwunsch, vom langen Warten auf ein Kind zu erzählen. Kinder sind eine Gabe Gottes. Ob das alles nicht reicht? Ob Tobias immer noch Fragen ins Gesicht geschrieben stehen? Sorg dich also nicht. Das ist das Schlusswort des Engels. Es ist im Augenblick alles gesagt.  

 Und als Tobias die Worte Rafaëls hörte und verstand, dass sie eine Schwester aus der Sippe seines Vaters sei, gewann er sie lieb und sein Herz hing an ihr.

             Tobias nimmt alle diese Worte auf, hört sie, fängt zu begreifen an und in ihm wird Liebe erweckt. Er hat von diesem Mädchen bis zu diesem Tag nur gehört, nichts von ihr gesehen – aber sein Herz hängt schon jetzt an ihr. Keine Liebe auf den ersten Blick. Eher eine Liebe auf das genaue, zweite Hören.

Das ist so anders als es in unserer Zeit zugeht. Ein völlig anderes Modell vom Entstehen einer Liebe. Es sind nicht die Augen, nicht die Figur, nicht die Stimme, – es ist was ihm ein anderer gesagt hat. Gewiss ein Engel. Aber das weiß Tobias ja nicht.

Was mich beschäftigt:

Hinter diesem ganzen Erzählen steckt die Vorstellung einer voraus laufenden Planung Gottes. Nicht nur in dem Satz: dir ist sie von Ewigkeit her bestimmt. Der Engel weiß schon, was geschehen wird, während Tobias ahnungslos seinen Weg geht. Vielleicht ist das ja einen Gedanken mehr wert: Hier ist nicht von umfassender Vorherbestimmung die Rede, die gewissermaßen automatisch abläuft, auch nicht so, dass ein Menschen vor der Aufgaben steht, diesen einen Weg Gottes zu entdecken und zu gehen. Es braucht einen Engel, der führt. Der auch nicht einfach nur kommandiert, sondern um Zustimmung wirbt. Hier ist immer noch ein Element der Freiheit mit im Spiel. Tobias könnte auch anders.

Allerdings: das gibt es, dass einer die Frau findet, die ihm von Ewigkeit her bestimmt ist. Das gibt es, dass einer im seinem Inneren eine Stimme hört, die ihm sagt: „Unter den jungen Frauen hier ist Deine Frau.“ So die Erzählung vor wenigen Wochen und die beiden sind inzwischen auf dem Weg zur Diamanten Hochzeit.

Ich frage mich freilich, ob solche Sätze dir ist sie von Ewigkeit her bestimmt, leichter zu hören sind zu einer Zeit, in der Eltern noch die Ehe arrangiert haben, in der Ehen dem Weg der Sippe zu folgen hatten. Da war nicht der Primat der Liebe – das ist eine sehr romantische Vorstellung aus der Spätzeit der Romantik. 19. Jahrhundert. Wir heute denken an das Recht der Liebe zu wählen, Nicht an das Recht der Eltern zu bestimmen. Und dass Gott eine Vorauswahl treffen könnte, ist auch irgendwie weit weg.

Vor allem – diese Sätze des Engels Bestimmen das Handeln des Tobias in der  Zukunft. Was wir allenfalls denken können, ist Einverständnis im Rückblick. Ja, es ist gut, dass Gott uns einander hat finden lassen, dass wir einander – so die Trauliturgie – aus der Hand Gottes empfangen haben, als Geschenk. Ob wir uns deshalb schon von Ewigkeit her bestimmt sein sollen, wissen wir nicht.

 

Mein Gott, abwägen, überlegen, auswählen. So geht der Weg des Lebens. So bin ich auch meine Wege gegangen. In der Hoffnung, dass es gut werden wird mit den Entscheidungen. In der Hoffnung, die richtigen Schritte zu tun.

Ich weiß nicht, wie oft Deine Engel verkleidet am Weg standen, mir die Richtung gewiesen haben, mich dazu bringen wollten, ihrem Winken zu folgen. Ich bin oft meine eigenen Wege gegangen und habe es nicht gewusst: Du machst auch aus meinen Wegen Deinen Weg. Dir, Gott, sei Dank. Amen