Loslassen

Tobias 5, 17b – 23

Da ging Tobias hinaus, um seines Weges zu ziehen, und er küsste seinen Vater und seine Mutter; und Tobit sprach zu ihm: Reise wohlbehalten.

             Es folgt eine Abschiedsszene, wie sie ihm Buch steht. Kuss für Vater und Mutter und dann das nüchterne Wort des Vaters: Mach´ es gut.

 18 Und seine Mutter weinte und sagte zu Tobit: Warum hast du mein Kind weggeschickt? Ist er nicht unsere Stütze, wenn er bei uns aus und ein geht? 19 Es muss doch nicht das Silber zum Silber kommen; ach könnte es doch das Lösegeld für das Leben unseres Sohnes werden! 20 Was uns vom Herrn zum Leben gegeben wurde, ist doch genug für uns!

             Der Sohn geht, die Angst fällt über die Mutter her. Ist es das Silber wert, dass wir ihn so weggehen lassen? Wir haben doch alles, was wir brauchen. Wir sind doch von Gott reichlich versorgt. Und: wenn er geht, wer kümmert sich um uns? Geld macht doch nicht glücklich. Klagen und Fragen, die nur zu verständlich sind. 

 21 Doch Tobit sprach zu ihr: Sorge dich nicht! Wohlbehalten wird unser Kind dahinziehen und wohlbehalten wird es zu uns zurückkehren. Deine Augen werden es sehen an dem Tage, an dem es wohlbehalten zu dir zurückkehrt. Sorge dich nicht um die beiden und fürchte dich nicht, meine Schwester.

Tobit beruhigt – oder versucht es doch wenigstens. Es ist, als würde er den Ängsten der Mutter – und vielleicht auch den eigenen? – seine Zuversicht entgegenstellen. Er wird gut,  wohlbehalten wiederkommen. Es wird gut werden. Wie soll man auch sonst Kinder gehen lassen, wenn man nicht die Zuversicht hat, dass sie einen guten Weg finden werden?

22 Denn ein guter Engel wird ihn begleiten, und seine Reise wird gelingen, und er wird wohlbehalten zurückkehren.

Auch darauf ruht die Zuversicht: ein guter Engel wird ihn begleiten. Weiß Tobit, was er sagt? Oder ist es nur so ein frommer Spruch? Er weiß jedenfalls nicht, wie nahe seine Worte der Wirklichkeit sind.

 Zum Weiterdenken

             Abschiedsszenen haben es in sich. Als der junge Parzival aufbricht, den Blick nach vorne gerichtet, sieht er nicht, wie hinter ihm seine Mutter Herzeloyde zusammenbricht. Es ist wohl oft so – die aufbrechen sehen einen Weg vor sich. Die zurückbleiben, sind mit ihren Ängsten allein.

„Ich gebe dir einen Engel mit!“ Christoph Blumhardt, der Ältere hat mit diesen Worten oftmals Menschen aus Seelsorge-Gesprächen entlassen. Um ihnen den Rücken für die nächsten Schritte zu stärken. Ob sich der Seelsorger so auch selbst ein wenig entlastet hat? Manchmal ist es ja so, dass man Menschen gehen lassen muss und die Begleitung ist nicht mehr zu leisten. Es ist gut, in solchen Situationen auf die göttliche Gegenwart über die eigene Gegenwart hinaus hoffen zu dürfen. Dafür stehen die Engel.

 

Du, mein Gott, mutest uns das Loslassen zu. Unsere Kinder können nicht immer im Haus bleiben, sie müssen ihren Weg gehen. Du hast es Dir selbst nicht erspart, den einen, geliebten Sohn loszulassen. Ihm den Weg zuzutrauen und zuzumuten – durch die Tiefen der Welt.

Es ist gut zu wissen: Du verlangst von uns nichts, was Du nicht selbst zuvor Dir abverlangt hast. Amen