Gott fordern?

Hiob 9, 1 – 35

1 Hiob antwortete und sprach: 2 Ja, ich weiß sehr gut, dass es so ist und dass ein Mensch nicht Recht behalten kann gegen Gott. 3 Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht „eins“ antworten.

Hiob reagiert. Auf den ersten Blick mit einem Zugeständnis. Man könnte ins Fragen kommen: Hat ihm die Rede Bildads doch die Augen geöffnet?

Wer genauer hinsieht, spürt: Es ist das Zugeständnis, dass Gott groß ist, anders, unfassbar, unbegreiflich. Es ist aber nicht das Eingeständnis: Gott ist im Recht. Sondern: Gott ist so groß, dass es kein Recht gegen ihn gibt. Wer mit Gott rechtet, debattiert, streitet, muss damit rechnen, dass er auf tausend nicht „eins“ antworten kann. „Ein Rechtsstreit zwischen einem Menschen und  Gott ist in keinen Fall en Vorgang zwischen Streitpartnern, die auf gleicher Stufe stehen, das heißt, er ist kein symmetrischer Konflikt.“ (Hj. Bräumer aaO., S.168) . Das weiß Hiob und ist doch darauf aus, diesen Rechtsstreit zu führen. Es deutet sich hier schon an, selbst wenn es ein hoffnungsloses Unterfangen ist.

4 Gott ist weise und mächtig; wem ist’s je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat? 5 Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er kehrt sie um in seinem Zorn. 6 Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern. 7 Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne. 8 Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. 9 Er macht den Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.

             Hiob macht sich nichts vor. Es ist die Macht des Schöpfers, der gestaltet, wie er will, der sich Hiob gegenüber sieht. Der auch umgestaltet, wie er will. Hiob kennt keinen Zweifel an dem Allmachts-Wort. An dem Wort, das wirkt, was es sagt. Es ist mitten im Zorn, in der Angst wie ein beschreibendes Lob Gottes. Daran kommt dieser geschlagene Mann nicht vorbei: Gott ist groß. Das würde er auch nie und nimmer bestreiten und ist darin zumindest mit seinen Freunden einig. Stehen sie doch auf einem gemeinsamen Boden, den die Hymnen der Anbetung Gottes bildet.

 10 Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. 11 Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich’s gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich’s merke. 12 Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?

             Weil Gott groß ist, der Schöpfer ist, der Mächtige, ist es vergeblich, ihn zur Rede stellen zu wollen. Er ist doch für Hiob gar nicht zu fassen. Selbst wenn er da ist, Hiob wird seiner nicht gewahr, kann ihn nicht greifen. Begreifen und Ergreifen.

Wie nahe sind diese Worte an der Gotteserfahrung des Elia, wie sie vom Berg Horeb erzählt wird: Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“(1. Könige 19, 11 – 13)

Weil Gott so ist, unfassbar, unbegreiflich, deshalb kann ihn auch keiner zur Rede stellen, zur Rechenschaft ziehen. Die Folge daraus: „Niemand kann ihn zur Rede stellen aufgrund gültigen Rechts. Die höchste Gerechtigkeit ist wie die höchste Willkür. Die höchste Macht ist nicht kontrollierbar.“ (W. Reiser, aaO. S.71)

13 Gott wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mussten sich beugen die Helfer Rahabs. 14 Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm? 15 Wenn ich auch Recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müsste um mein Recht flehen.

             Wenn Gott seinem Zorn freien Lauf lässt, gibt es kein Entrinnen, keinen Widerstand. Dieser Zorn Gottes hat die Chaosmächte – für sie steht Rahab, „der Dränger“ – unterworfen. Wie viel weniger kann Hiob, nichts als ein kleiner Mensch,ihm wiederstehen. Selbst wenn Hiob im Recht ist, er hat keine Chance im Rechtsstreit mit Gott.

 16 Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört, 17 vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund. 18 Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis. 19 Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen? 20 Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.

             Es ist vergeblich, nach ihm zu rufen. Gott ignoriert sein Rufen, sein Schreien, sein Klagen. Er hat kein Ohr für Hiob. Wie bitter klingt das in den Ohren Israels, das immer bekennt, dass Gott ein Gott ist, der das Schreien hört: „Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“(2. Mose 2,24-25) Diese uralte Erfahrung Israels steht hier auf dem Spiel. Im Schicksal eines Einzelnen.

 21 Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben. 22 Es ist eins, darum sage ich: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. 23 Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen. 24 Er hat die Erde unter gottlose Hände gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht „er,“ wer anders sollte es tun?

Hiob ist fertig. Er schließt mit seinem Leben ab. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Das ist doch kein Leben mehr. Was Menschen heute sagen, um ihr selbstbestimmtes Sterben-Wollen zu begründen, das hat hier seine „Vorlagen“. Es ist „nur“ Kopie der Worte des Hiob.

Warum kann Hiob nicht mehr? Weil er sich einem Gott gegenüber sieht, der Willkür ist und Willkür übt. Der keinen Unterschied macht zwischen Frommen und Gottlosen. Der blindlings zuschlägt. Und wo seine Geißel trifft, trifft sie eben.

Wenn im Mittelalter die Pest als die „Geißel Gottes“ bezeichnet wurde, dann genau deshalb. Weil sie unterschiedslos alle getroffen hat, Junge und Alte, Frauen und Männer, Fromme und weniger fromme, Kleriker und Laien, Krieger und Mönche, Ärzte und Totengräber.

Da ist keine andere Ursache für das Unglück. Hiob kommt nicht im Ansatz auf die Idee, dass sein Unglück Teufelswerk sein könne. Neben Gott ist im Denken Hiobs kein Platz für eine andere, wirkende Macht. Es ist Gott, der so wütet. So um sich schlägt. „Es ist hart, aber wohl unausweichlich: „Von seiner Leidenserfahrung her kann Hiob nur sagen: Gott ist un-gerecht.“  (A. Weiser, aaO., S.  75)

 25 Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt. 26 Sie sind dahingefahren wie schnelle Schiffe, wie ein Adler herabstößt auf die Beute. 27 Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben, 28 so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, dass du mich nicht unschuldig sprechen wirst. 29 Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich?                                                               

Auch das ahnt Hiob. Das Urteil steht schon fest. Sind da nicht alle Worte vergeblich – so wie sein ganzes Leben nur ein rascher Hauch gewesen ist. „Alles ist eitel“(Prediger 1,2)  lese ich  Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“(Einheitsübersetzung)  Und spüre, wie nahe beieinander diese beiden Bücher sind in ihrer Auseinandersetzung mit einer Weisheit, die glaubt, die Welt theologisch widerspruchsfrei fassen zu können.

30 Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit Lauge, 31 so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, dass sich meine Kleider vor mir ekeln. 32 Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen. 33 Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte! 34 Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige!

Es gibt keine dritte Instanz. Kein Schiedsgericht. Alle Reinigungsversuche des Hiob- vergebliche Liebesmühe. Der, den er anklagen möchte, ist der, der die Macht hat und sein Recht setzt. Absolut. Gott. Gegen ihn gibt es keine Berufungsinstanz.

Es ist ein in Israel geläufiges Bild: Gott zieht Israel in ein Gerichtsverfahren vor dem Thron Gottes. Gott fordert zum Rechtsstreit. Um seinen Unschuld zu beweisen. So gehen vor allem die Propheten immer wieder mit diesem Bild um.

Hier, im Hiob-Buch, wird das Bild neu gefasst. Was sonst nur auf ganz Israel bezogen ist, wird hier individuell gewendet. Da sucht ein einsamer, geschlagener Mann sein recht gegen Gott. Einer, der auf dem Aschehaufen sitzt, dem das Fleisch von seinen Geschwüren weggefressen wird, der dabei ist, bei lebendigem Leib zu verfaulen, zu verwesen.

Hiob fordert Gott. Und hofft auf eine dritte Instanz, von der er doch weiß: es gibt sie nicht. Vielleicht auch ahnt: Ich brauche sie nicht. „ Lieber diesen unverständlichen Gott als ein Prinzip, lieber diesen dunklen Gott als eine einleuchtende Antwort.“ (W. Reiser, aaO., S.73) Vielleicht rückt uns Hiob damit näher. Wir brauchen keine Antworten, keine Auskünfte über Gott. Was wir brauchen, nötiger als Brot, sind Erfahrungen. Erfahrungen, die uns Vertrauen eröffnen.

 35 So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.

Vor einer Instanz zwischen Gott und Mensch – da wäre Raum für Hiob zu reden. Das wünscht er sich, einen Rechtsstreit, „in dem seine Unschuld erweisen und zugleich das Willkürregiment, das auf der Erde herrscht, angeprangert würde.“ (H. Flender, aaO. S. 39)   Noch einmal die Beteuerung:  Hiob ist der Mensch, der ein reines Gewissen hat.  Man darf das nicht in Zweifel ziehen, so wie es die Freunde tun. So wie es eine Anthropologie zu tun geneigt ist, die von Paulus her sagt: Wir sind allesamt Sünder. Ausnahmslos. Hiob sieht sich so nicht. Und es wird gut sein, ihm darin nicht zu widersprechen.

 

Mein Gott. Mir fehlt manchmal der Mut, so klar mit Dir zu reden, es Dir vorzuhalten, dass Du mich verletzt hast, dass Du mir ein Rätsel bist, dass ich Dich nicht verstehe. Mir fehlt manchmal der Mut, Dir zu sagen, dass ich mich unschuldig fühle, dass ich nichts weiß von Bösem, das Übel, die mir widerfahren, rechtfertigen würde.

Mir fehlt der Mut, Dich so vor Gericht zu fordern, Dir meine Verletzungen hinzuhalten, Dir zu sagen, dass Du mir zu viel zugemutet hast, zu viel an Lasten aufgeladen.

Gib Du mir den Mut, dass ich ehrlich bin vor Dir auch in meinem Ärger, meinem Zweifel, meiner Wut auf Dich. Wie sonst soll ich ehrlich sein können in meinem Vertrauen? Amen