Von Ursache und Wirkung

Hiob 8, 1 – 22

 1 Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

             Jetzt hält es den Zweiten der Freunde nicht mehr. Bildad von Schuach hat zugehört und lange geschwiegen. Aber nun ist genug geschwiegen.

 2 Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren? 3 Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?

             Ich übertrage ein wenig grob: Was soll das Geschwätz? So kommen ihm die Worte Hiob vor: unangemessen, ungestüm, ungezügelt. Wie kann man nur so von Gott, vor Gott sprechen? Es ist nicht so selten, dass in einer hitzigen Debatte jemand sagt: Aber bitte nicht so! Nicht in diesem Ton! So redet man nicht von Gott.

Denn das ist für Bildad unumstößliche Gewissheit: Gott richtet recht und der Allmächtige verkehrt das Recht nicht. Ohne diese Gewissheit wäre die Welt ihm ein schrecklicher Ort. Indem Bildad Gott so verteidigt als den Gerechten, den Allmächtigen, verteidigt er die Ordnung der Welt. Seiner Welt. Bildad „ist der konsequente Vertreter der Weisheitslehre; das Schema der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes ist die Voraussetzung und das Gesetz, das seine Gedanken ganz bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 66)

             Es ist leicht nachvollziehbar: Gerechtigkeit ist auch in unseren Augen fast immer das, was dem Tun eines Menschen entspricht. Was allen in gleicher Weise zuteilwird. Wenn der eine viel Glück hat und der andere viel Pech – das ist nicht gerecht. Gleiches Recht für alle – das ist Gerechtigkeit. Und jedem, was er verdient. Bildad ist wohl doch ein naher, wenn auch nicht unbedingt sympathischer Verwandter. Über die Zeiten hinweg.

4 Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen. 5 Wenn du aber dich beizeiten zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen flehst, 6 wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht. 7 Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.

             Es ist hart, was Bildad sagt: Das Unheil, das die Söhne Hiobs getroffen hat, hat sie selbst zu Urhebern. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben. Es Gott anzulasten ist unfair. Mehr noch: Sünde. Es ist die Sünde, ihre Sünde, die sie hingerafft hat. Bildad verwendet den „härtesten Begriff für Sünde(hebräisch pӕša), der so viel heißt wie Auflehnung, Rebellion, Verbrechen.“  (Hj. Bräumer, aaO. S. 161) Nichts davon wird aber im Text des Hiob-Buches angedeutet. Es ist nur in der Vorstellung des Bildad unumstößlich notwendig.

Hält Hiob also an seinen Worten fest, so macht er sich der gleichen Sünde schuldig. Stattdessen ist, so Bildad, eine ganz andere Haltung angesagt: Unterwerfung, Umkehr, Demut. Zu Gott flehen – doch wohl um „Gnade“. Hebräisch: „hӕsӕd“. Auch dieses Wort kann, merkwürdigerweise, mit Gerechtigkeit übersetzt werden. Es ist die Art von Gerechtigkeit Gottes, die Bildad nicht zu kennen scheint. Er kennt nur die Gerechtigkeit, die zuteilt in Entsprechung zum eigenen Tun.

Aber immerhin: Bildad rechnet noch damit, dass Gott einem Hiob, der sich unterwirft, der aufhört mit seinen unflätigen Reden, der sich unter die starke Hand Gottes beugt, eine neue Zukunft eröffnen könnte. Die will er ihm vor Augen stellen, damit Hiob endlich einlenkt, klein beigibt, sich unterwirft.

 8 Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben, 9 denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden. 10 Sie werden dich’s lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen: 11 »Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser?

  Wieder der gleiche Gedanke: es gibt diesen unauflöslichen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Hier vorgeführt aus generationenübergreifende Lebenserfahrung. Er hat fast naturgesetzlichen Charakter. So, wie zwangsläufig nichts wächst, wo kein Wasser ist, so ist es auch mit dem Unglück: wo keine Schuld ist, gibt es auch kein Unglück, keine Strafe.

 12 Noch steht’s in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras. 13 So geht es jedem, der Gott vergisst, und die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein. 14 Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb. 15 Er verlässt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen. 16 Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten. 17 Über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und halten sich zwischen Steinen fest. 18 Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht.

Obendrein: alles ist doch vergänglich. Alles ist doch, mitten in der Blüte des Lebens, schon vom Tod gekennzeichnet. Frühere Zeiten haben das gewusst und auch besungen – sogar schön besungen:

Wie eine Rose blühet, wenn man die Sonne siehet begrüßen diese Welt,
die, eh der Tag sich neiget, eh sich der Abend zeiget,                                                    verwelkt und unversehens fällt:

So wachsen wir auf Erden und denken groß zu werden,                                              von Schmerz und Sorgen frei;
doch eh wir zugenommen und recht zur Blüte kommen,                                       bricht uns des Todes Sturm entzwei.

Wir rechnen Jahr auf Jahre; indessen wird die Bahre                                                     uns vor die Tür gebracht.
Drauf müssen wir von hinnen und, eh wir uns besinnen,                                                 der Erde sagen: Gute Nacht!                  A.
Gryphius 1650, EG 527

Es ist Wissen von der Vergänglichkeit, das sich hier zu Wort meldet. Ein schmerzhaftes Wissen, aber zugleich ein Wissen, das vor Selbsttäuschung bewahrt. Aber dieses Wissen darf nicht zur Anklage gegen einen Bedrängten werden. Es kann den Selbstsicheren – vielleicht – nötigen, sich zu bescheiden, indem es ihm vor Augen hält:  Seine Hoffnung ist ein Spinnweb.

Solches Wissen kann auch die Kostbarkeit des Augenblickes schätzen lehren. Aber als Angriffswaffe ist es völlig untauglich und fehl am Platz. Vergisst Bildad etwa, dass er doch auch seine eigene Vergänglichkeit hier zur Sprache bringt?

19 Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen.« 20 Siehe, Gott verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest, 21 bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens. 22 Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Gottlosen wird nicht bestehen.

             Das wirkt wie eine Zusammenfassung. Ein letzter „Fundamental-Satz der Weisheit“, mit dem Ausrufezeichen Siehe eingeleitet. Gott verwirft die Frommen nicht. Das könnte Zuspruch sein. Ermutigungswort. Aber es ist durch den nachfolgenden Satzteil nur eine Richtigkeit, allerdings eine, von der Bildad glaubt, dass sie unumstößlich ist. Den Frommen geht es gut. Die Boshaften haben keine Chance. Es tut weh: das ist „zum Lehrsatz erstarrtes Glaubenswissen (P. Deselaers, aaO. S. 61). Das nicht einmal immer stimmt.

Man kann schon fragen: Hat Bildad nur einen Teil der Psalmen gelesen, aber nie diese Worte:

 Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen;                                                   mein Tritt wäre beinahe geglitten.                                                                                       Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                              als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                                 Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                                                      gesund und feist ist ihr Leib.                                                                                                   Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                                                  und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                                                             Sie achten alles für nichts und reden böse,                                                                            sie reden und lästern hoch her.                                                                                              Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                                                  was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                                                                             Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen?                                                                            Wie sollte der Höchste etwas merken?                                                                             Siehe, das sind die Gottlosen;                                                                                                    die sind glücklich in der Welt und werden reich.         Psalm 73, 2-5. 7-9.11-12

Bildad sieht für Hiob nur eine Chance: er muss endlich einsehen, dass es nichts ist mit seiner Unschuld. Dass er klein beigeben muss. Dass es Zukunft, eine strahlende Zukunft für ihn nur so gibt, dass er sich unterwirft, unter die vergeltende Gerechtigkeit Gottes, unter den Tun-Ergehens-Zusammenhang. Überspitzt: dass er sich von Bildad belehren lässt.

Zum Weiterdenken

Vielleicht aber steckt hinter diesen so harschen Worten des Bildad, die so gefangen sind in ihrer dogmatischen Richtigkeit, die blanke Angst. „Es ist einfacher, die Not in ein Problem zu verwandeln, das allgemein und distanziert abgehandelt werden kann. Zugleich kann ich nebenbei den Menschen, der in Zorn ausbricht, auf seine zornigen und ungerechten Äußerungen reduzieren.“ (W. Reiser, aaO. S. 65) Und ihn mir so vom Leib und von der Seele halten. Kann es also sein, dass wir in Gesprächen manchmal allgemein werden, theoretisch, auch theologisch theoretisch, weil wir es nicht aushalten mit der konkreten Not?

 

Mein Gott, wie oft bin ich skeptisch Leuten gegenüber, die sich für gute Menschen halten, so tun, als hätten sie nie Böses getan, die sich unschuldig fühlen, auch Dir gegenüber. Es sitzt tief in mir: Wir sind allzumal Sünder. So tief, dass ich es wie von selbst auf andere übertrage. Sie sind alle Sünder.

Heiliger Gott, hilf mir heraus aus dieser Falle, andere zu beurteilen, andere zu verurteilen, wo es nur um das Sehen auf sich selbst gehen kann. Hilf Du mir, dass ich richtige Sätze meines Glaubens  nicht missbrauche, nicht dadurch verfälsche, dass ich sie unterschiedslos auf alle anwende und mich dabei vergesse.

Hilf Du mir, an Deinem Erbarmen festzuhalten als dem letzten Wort, auf das wir alle angewiesen sind. Amen