Manchmal sendet Gott seinen Engel

Tobias 5, 1 – 17a

 1 Da antwortete Tobias und sprach zu Tobit, seinem Vater: Alles, was du mir gesagt hast, mein Vater, das will ich tun. 2 Wie aber kann ich das Geld bei ihm holen? Dieser Gabaël kennt mich nicht, und ich kenne ihn auch nicht. Was für ein Zeichen soll ich ihm geben, damit er mir Glauben schenkt und mir das Silber gibt? Auch kenne ich den Weg nach Medien nicht und weiß nicht, wie ich dorthin komme.

             Tobias ist ein guter Junge. Er wird sich die so grundsätzlichen Mahnungen des Vaters zu Herzen nehmen. Aber dann wird er gleich konkret: Wie soll das gehen mit dem Geld? Wie kann ich mich Gabaël  gegenüber ausweisen? Es wird Vertrauen brauchen, damit Gabaël  ihm das Silber anvertraut. Darüber hinaus: Wie kann ich den Weg nach Medien finden? Es ist eine Reise in unbekanntes Land, die vor ihm liegt.

 3 Da antwortete Tobit seinem Sohn Tobias: Seine Unterschrift hat er mir gegeben, und auch ich habe ihm meine Unterschrift gegeben. Dann habe ich das Schriftstück geteilt, und jeder von uns nahm eine Hälfte, und ich legte sie zu dem Silber. Siehe, nun ist es zwanzig Jahre her, seit ich das Silber hinterlegt habe.

             Es gibt ein Dokument, das Tobias legitimieren wird. Eines, das damals, vor zwanzig Jahren erstellt worden ist und dessen eine Hälfte Tobias mitgegeben werden wird. Die andere ist beim Silber hinterlegt. Wenn die beiden Schriftstücke zusammengefügt werden, wird es passen. Damit kann er sich ausweisen.

Und nun, mein Kind, suche dir einen zuverlässigen Begleiter. Dem wollen wir seinen Lohn geben, wenn du wiederkommst. Auf, hole bei Gabaël das Silber! 4 Da ging Tobias hinaus, um jemanden zu suchen, der den Weg kannte und mit ihm nach Medien reisen würde. Und er ging hinaus und fand den Engel Rafaël, der bereits zur Reise gerüstet dastand. Und Tobias erkannte nicht, dass er ein Engel Gottes war.

Schließlich: Tobias soll sich nicht allein auf den Weg machen. Er braucht einen zuverlässigen Begleiter, einen Weggefährten für die lange Reise. Den gilt es zu finden. Jetzt ans Werk! Es ist fast, als würde der Vater ihn aus der Tür schubsen.

Tobias geht und findet. Rafaël, einen Engel Gottes. Er  weiß nicht, wen er da gefunden hat. Er sieht wohl auch nicht, dass der schon reisefertig dasteht. Wie bestellt. Müsste er, wenn er das wahrnimmt, nicht misstrauisch werden? Er sieht es aber nicht.

 5 Und er sprach zu ihm: Woher kommst du, mein Freund? Der aber antwortete ihm: Von den Israeliten, deinen Brüdern; ich bin hierher gekommen, um Arbeit zu finden. Und Tobias fragte ihn: Kennst du den Weg nach Medien? 6 Und er sagte zu ihm: Ja, ich bin schon oft dort gewesen und kenne alle Wege. Oft bin ich nach Medien gezogen und habe Herberge genommen bei unserem Bruder Gabaël, der in der Stadt Rages im Lande Medien wohnt. Zwei ganze Tagereisen sind es von Ekbatana bis nach Rages. Denn es liegt im Gebirge, Ekbatana aber in der Ebene.

             Es kommt zum Gespräch und es zeigt sich: dieser Unbekannte passt. Er ist ein Israelit auf Arbeitsuche. Er kennt den Weg, weil er alle Wege kennt. Er kennt sogar den, zu dem die Reise gehen wird. Er liefert eine genaue Anschrift. Man liest und fragt sich erneut: Müsste Tobias nicht aufhorchen?

7 Und Tobias sagte zu ihm: Warte doch einen Augenblick auf mich, mein Freund. Ich will hineingehen und es meinem Vater erzählen. Denn ich brauche dich, dass du mit mir ziehst. Ich will dir auch einen Lohn dafür geben. 8 Der antwortete ihm: Siehe, ich warte, nur verweile nicht zu lange. 9 Und Tobias ging hinein und erzählte es Tobit, seinem Vater: Siehe, ich habe jemanden gefunden, der ist von unseren Brüdern, den Israeliten. Da sprach Tobit zu ihm: Rufe mir den Menschen herein, damit ich erfahre, aus welcher Familie und aus welchem Stamm er ist und ob er zuverlässig genug ist, um mit dir zu reisen, mein Kind.

             Tobias scheint zu spüren: das passt alles so glatt. Das macht mich staunen. Ich will es mit dem Vater abklären, was ich davon halten soll. Der Fremde stimmt zu, mahnt aber nicht zu langatmiger Prüfung. Es ist an der Zeit, aufzubrechen.

             Tobit hört, was der Sohn berichtet und will nun doch diesen Fremden selbst kennenlernen, befragen, um sich ein Bild von ihm zu machen. Wer ist das, der mit meinem Sohn so eine Reise auf sich nehmen wird? So können Väter (und Mütter) sein, dass sie wissen wollen, mit wem sich die eigenen Kinder einlassen, wem sie sich auch anvertrauen.

10 Und Tobias ging hinaus, rief ihn und sagte zu ihm: Freund, mein Vater ruft dich. So ging er zu ihm hinein, und Tobit grüßte ihn zuerst, und er sagte zu ihm: Freude sei mit dir! Und Tobit antwortete und sprach zu ihm: Was soll ich denn für Freude haben? Ich bin ein Mensch, der sein Augenlicht verloren hat und des Himmels Glanz nicht schauen kann, sondern liege in der Finsternis wie die Toten, die das Licht nicht mehr sehen können. Noch lebendig, weile ich doch unter den Toten: Ich höre die Menschen reden, doch ich sehe sie nicht.

Der Fremde wird gerufen und löst durch seine Gruß heftige Irritationen bei Tobit aus. Freude sei mit dir! Tobit ist befremdet. Ich, ein Blinder soll mich freuen können? Ich bin ins Dunkel verbannt, ich kann den Himmel und das Licht nicht mehr sehen. Von den Menschen bin ich isoliert. Fast schon wie tot kommt sich Tobit vor. Sein Leben ist ihm nur noch eine Verlustgeschichte. Es schwingt eine Menge Bitterkeit in diesen Worten mit.

 Und er sprach zu ihm: Sei getrost, bald wird Gott dich heilen. Sei getrost! Und Tobit sagte zu ihm: Tobias, mein Sohn, will nach Medien ziehen. Kannst du ihn begleiten und ihn hinführen? Ich will dir den Lohn dafür geben, mein Bruder. Und er antwortete ihm: Gern will ich mit ihm ziehen, ich kenne alle Wege. Ich bin oft nach Medien gewandert und habe all seine Ebenen und Gebirge durchzogen; dort kenne ich alle Wege.

Hat der Fremde nicht zugehört? Seine Antwort auf die Klage des Tobit: Sei getrost, bald wird Gott dich heilen. Mit keinem Wort geht der allerdings auf diesen Satz ein. Weil es nichts bringen wird? Weil er im wahrsten Sinn des Wortes unerhört ist? Stattdessen wird das Reiseangebot geklärt: Es geht um Wegkenntnis und Lohnversprechen. Beides passt.  Und der Unbekannte signalisiert die Bereitschaft zur Reise, zur Begleitung des Sohnes.

 11 Und Tobit sagte zu ihm: Bruder, aus welchem Vaterhaus bist du und aus welchem Stamm? Sage es mir! 12 Da sprach er: Wozu willst du denn meinen Stamm wissen? Und er sagte zu ihm: Ich möchte jetzt die Wahrheit wissen: Wessen Sohn bist du, mein Bruder, und wie ist dein Name? 13 Und er sagte zu ihm: Ich bin Asarja, der Sohn des großen Hananja, einer von deinen Brüdern.

          Eine letzte Legitimation erfragt Tobit: Herkunft. Bist du einer von uns?  Nach einigem Drucksen lässt sich der Fremde nötigen. Er liefert einen Namen, mit dem Tobit etwas anfangen kann. Ich bin Asarja, der Sohn des großen Hananja, einer von deinen Brüdern. Das ist, so wissen die Leser*innen, nicht die ganze Wahrheit.

 14 Da sprach er zu ihm: Gesund und wohlbehalten mögest du ziehen, mein Bruder! Zürne mir nicht, Bruder, dass ich die Wahrheit über dein Vaterhaus wissen wollte! Es fügt sich, dass du ein Bruder und aus gutem und edlem Geschlecht bist! Ich kenne Hananja und Nathan, die zwei Söhne des großen Schimi; sie sind einst mit mir nach Jerusalem gezogen und haben dort mit mir den Herrn angebetet. Sie sind nie vom rechten Wege abgefallen; ja, deine Brüder sind gute Menschen! Von guter Herkunft bist du. Fröhlich mögest du ziehen!

             Tobit aber ist damit zufrieden. Er kann mit dieser Herkunft etwas anfangen. Sie ist in Ordnung. Er schätzt die Vorfahren – sie sind gute Menschen. Sie teilen die Wertvorstellungen und Lebenshaltung des Tobit. Damit steht der gemeinsamen Reise nichts mehr im Weg. Es ist wie ein Segenswort, dieser Wunsch. Fröhlich mögest du ziehen!

 15 Und er fuhr fort: Ich gebe dir zum Lohn eine Drachme am Tag, dazu auch das, was ihr, du und mein Sohn, zum Leben braucht! Mach dich nun auf mit meinem Sohn, 16 und ich will dir auch noch etwas zu deinem Lohn hinzufügen. Und er antwortete ihm: Ich werde mit ihm reisen. Fürchte dich nicht; wohlbehalten werden wir ausziehen, und wohlbehalten werden wir zu dir zurückkehren, denn der Weg ist sicher!

Bevor es jetzt losgeht, werden noch die Lohnverhandlungen zu Ende geführt. Es sind nicht wirklich Verhandlungen, es ist nur ein Angebot des Vaters, eine Drachme am Tag. Asarja geht nicht wirklich auf diesen Angebot ein, verspricht aber, dass er sich kümmern wird. Dass es gut gehen wird mit der Reise, auch weil der Weg sicher ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit – damals nicht, heute nicht.

17 Tobit sprach zu ihm: Segen sei mit dir, mein Bruder. Und er rief seinen Sohn und sagte zu ihm: Mein Kind, rüste dich für den Weg und zieh hin mit deinem Bruder. Der Gott, der im Himmel wohnt, bewahre euch und bringe euch wohlbehalten zu mir zurück. Und sein Engel begleite euch mit seinem Schutz, mein Kind.

             Jetzt bleibt nur noch der Aufbruch, bleiben Segensworte. Es ist die Zuversicht aller Glaubenden: Gott im Himmel hat ein Auge auf die Erde. Er wird wachen, er wird behüten. Er sendet seine Engel. Es ist sicher eine Ironie im Erzählen – Tobit weiß nicht, dass er seinen Sohn wirklich einem Engel anvertraut hat. Er sieht nur die Gestalt des  Menschen, nicht die himmlische Wirklichkeit.

 

Manchmal, mein Gott, sendest Du Deine Engel, aber wir sehen nur Menschen. Manchmal wünschen wir uns und anderen einen Engel an der Seite und wissen nicht: Du bist unserem Wünschen längst schon voraus.

Still und unerkannt, unaufdringlich sind sie an unserer Seite. Wir leben mit ihnen, aber sie machen kein Geschrei darum. So wie wir in Deiner Gegenwart leben, aber Du schenkst sie einfach so hinein in eine Wirklichkeit, die unseren Blick gefangen hält.

Ich danke Dir für Deine verborgene Nähe, für Deine Engel auf dem Weg meines Lebens. Amen