Lebensregeln

Tobias 4, 1 – 21

1 An jenem Tag erinnerte sich Tobit an das Silber, das er bei Gabaël in Rages im Lande Medien hinterlegt hatte, 2 und er sprach in seinem Herzen: Siehe, ich habe darum gebetet, sterben zu dürfen. Warum rufe ich nicht Tobias, meinen Sohn, und berichte ihm von diesem Silber, ehe ich sterbe?

             Es ist mit dem Silber in Rages wie mit  einem Aktien-Paket, das einer vor Zeiten erworben hat. Man hat den „Notgroschen“ nicht immer im Sinn. Jetzt fällt es Tobit wieder ein. Jetzt, wo er sich mit dem Sterben auseinander gesetzt hat und mit der Frage, was bleibt. Das immerhin könnte er doch an seinen Sohn weitergeben: da sind noch Gelder, die dir zustehen.

  3 Da rief er Tobias, seinen Sohn; und als er zu ihm kam, da sprach er zu ihm: Begrabe mich, wie es sich gehört. Und ehre deine Mutter und verlasse sie nicht alle Tage ihres Lebens. Und tue, was ihr gefällt, und bereite ihrer Seele nur ja keinen Kummer! 4 Denke daran, mein Kind, dass sie um deinetwillen viele Gefahren ausgestanden hat, als sie dich unter ihrem Herzen trug. Und wenn sie stirbt, so lege sie zu mir in mein Grab.

             Nur – als dann sein Sohn vor ihm steht, kommt anderes zur Sprache. die Bitte um ein ordentliches Begräbnis. Die Mahnung, die Mutter zu ehren. Unterfüttert durch die Erinnerung: Du hast dein Leben von ihr empfangen. Es ist nicht ungewöhnlich: Tobit will, dass seine Frau zu ihm ins Grab gelegt wird. Immerhin wird doch auch von Abraham und Sara die gemeinsame Grabstätte überliefert.

Ob diese Worte eine frühe Vorlage für einen viel späteren Brief sind? „Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht. Stehe deiner Mutter bei und ehre sie so lange sie lebt und begrabe sie neben mir.“(M. Claudius, Brief an seinen Sohn Johannes 1799) Die Aufforderung zur Achtung der Mutter ist in beiden Texten anrührend. Eine Mahnung über alle Zeiten hinweg.

5 Gedenke des Herrn, mein Kind, dein Leben lang und hüte dich, jemals in eine Sünde einzuwilligen und seine Gebote zu übertreten. Alle Tage deines Lebens übe Gerechtigkeit und wandle nicht auf den Wegen der Ungerechtigkeit. 6 Denen, die Wahrheit tun, werden ihre Werke gelingen. Und allen, die Gerechtigkeit tun, 7 gib Almosen von deinem Hab und Gut. Dein Auge soll niemals neidisch sein, wenn du Almosen gibst. Und wende dein Angesicht auch nicht von einem einzigen Armen ab, dann wird sich das Angesicht Gottes auch nicht von dir abwenden. 8 Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. 9 So wirst du dir einen guten Schatz für den Tag der Not sammeln. 10 Denn Almosen retten vom Tode und bewahren vor der Finsternis. 11 Almosen sind ja eine gute Gabe für alle, die sie vor dem Höchsten geben.

            Man darf es nicht aus den Augen lassen – gefühlt sind es von Tobit letzte Worte, die er an seinen Sohn richtet. Das gibt ihnen besonderes Gewicht. Es geht weiter mit den Ratschlägen für ein gottwohlgefälliges Leben. Ratschläge für das Üben in den Werken der Barmherzigkeit. Keinen sich selbst überlassen. Nicht wegschauen, wenn das Elend nur zu gut sichtbar vor der eigenen Haustür ist.

Auch das wird man überlegen dürfen: Tobit malt hier das Gegenbild zu dem reichen Mann, er sich nicht um den Armen vor der Haustür kümmert: „Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Ein Armer aber mit Namen Lazarus lag vor seiner Tür, der war voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen von dem, was von des Reichen Tisch fiel, doch kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.“(Lukas 16, 19-21)

Es ist ein geistlicher Zusammenhang, den Tobit hier in seinen Worten herstellt: so wie sich einer Menschen zu- oder abwendet, so wendet sich Gott ihm zu oder ab. Unser Verhalten gegenüber dem Notleidenden wird zur Folie für das Verhalten Gottes uns gegenüber in der Not. Das ist moderne Theologie! Wer so mit Menschen umgeht, sich zuwendet, sich erbarmt, der sammelt sich einen guten Schatz für den Tag der Not.

Es könnte gut sein, Jesus hat sich an diesen Worten „bedient“ in seinem Reden: Verkauft, was ihr habt, und gebt Almosen. Macht euch Geldbeutel, die nicht altern, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo sich kein Dieb naht, und den keine Motten fressen.“(Lukas 12,33) Es geht immer wieder, auch bei Jesus, um eine Frömmigkeit, von der andere etwas haben.

12 Hüte dich, mein Sohn, vor jeder Unzucht und nimm dir vor allem eine Frau aus dem Geschlecht deiner Väter. Nimm dir nur ja keine fremde Frau, die nicht aus dem Stamm deines Vaters ist! Denn wir sind Söhne von Propheten. Bedenke, Kind, dass alle, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, unsere Väter, von Ewigkeit an Frauen von ihren eigenen Brüdern genommen haben. Und sie wurden gesegnet in ihren Kindern, und ihr Geschlecht wird das Land erben.

             Es geht um mehr als um Treue zur eigenen Frau. Es ist ein Thema, das vielfach anklingt: Nur Ehen mit Frauen aus dem eigenen Volk. Keine fremden Frauen. Was auf den ersten Blick irgendwie rassistisch klingt, ist im Denken Israels eine Reaktion auf die Katastrophe des Exils. Diese Katastrophe ist auch durch die Fremdehen herbeigeführt worden, durch den Kult mit fremden Götter, die die Frauen aus anderen Völkern eingeschleppt haben.

Sogar ein Salomo ist so verführt worden: „Aber der König Salomo liebte viele ausländische Frauen: die Tochter des Pharao und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hetitische – aus solchen Völkern, von denen der HERR den Israeliten gesagt hatte: Geht nicht zu ihnen und lasst sie nicht zu euch kommen; sie werden gewiss eure Herzen ihren Göttern zuneigen. An diesen hing Salomo mit Liebe. Und er hatte siebenhundert Hauptfrauen und dreihundert Nebenfrauen; und seine Frauen verleiteten sein Herz. Und als er nun alt war, neigten seine Frauen sein Herz fremden Göttern zu, sodass sein Herz nicht ungeteilt bei dem HERRN, seinem Gott, war wie das Herz seines Vaters David.“(1. Könige 11, 1 – 4) Das ist der Hintergrund dieser Worte des Tobit – im Exil. Nicht rassische Reinheit, sondern geistliche Eindeutigkeit ist ihr Ziel.

13 Und nun, mein Kind, liebe deine Brüder, und erhebe dich nicht in deinem Herzen über sie und über die Söhne und Töchter deines Volkes, indem du dir eine Frau aus einem fremden Stamme nimmst.

Es ist, für uns Heutige schwer verständlich, ein Zeichen von Hochmut, sich eine Frau aus einem fremden Stamm zu nehmen. So als wären die Frauen aus der eigenen Sippe nicht gut genug. Als müsste man anderswo Besseres suchen und finden. Diese Worte bekommen einen anderen Klang, wenn man sie mit der Möglichkeit verknüpft, dass eine Hochzeit mit einer Frau aus dem Volk der Sieger, einer Assyrerin den Aufstieg in eine andere Schicht begünstigen könnte. Sich nach oben heiraten – das hat doch Attraktivität. Die aber soll Tobias nicht suchen.

Denn im Hochmut liegen Verderben und viel Streit, und der Schlechtigkeit folgen Armut und großer Mangel. Denn Schlechtigkeit ist die Mutter des Hungers. 14 Wenn jemand für dich gearbeitet hat, lass seinen Lohn nicht über Nacht bei dir liegen, sondern zahle ihn gleich aus! Und wenn du Gott dienst, wird auch dir Lohn zuteilwerden.

           Der Tadel des Hochmuts verbindet sich mit der Warnung: Schlechtigkeit hat keine wirkliche Lebensperspektive. Sie ist kurzfristig in ihren Erfolgen – langfristig ist nur die Not als ihre Folge. Schlechtigkeit – das ist auch vorenthaltener Lohn. Verzögerte Lohnzahlung. Der Arbeiter ist davon abhängig, dass er seinen Lohn nicht irgendwann erhält, sondern gleich. Das ist ein Satz, der tief hineinreicht in die Arbeitswelt auch unserer Tage. Wo die verzögerte Lohnzahlung dem Unternehmen Zinsen, dem Arbeitnehmer aber quälende Wartezeiten einbringt.

 Hüte dich, Kind, in allen deinen Werken, und durch deinen ganzen Wandel zeige deine gute Erziehung. 15 Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! Wein trinke nicht bis zur Trunkenheit, und Trunkenheit begleite dich nicht auf deinem Wege.

             Ein Lehrsatz. Zum Sprichwort geworden, weit über alle kirchlichen Grenzen hinaus: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu! Eine Regel, die so einfach ist, dass sie keine weitere Erklärung braucht. Nur das Tun. Flankiert von der Generalmahnung, die eigene Erziehung nicht zu verleugnen und von der so nüchternen Warnung vor zu viel Wein. Betrink dich nicht. Mache uns nicht durch deinen Lebenswandel nachträglich Schande. Wer würde als Vater und Mutter nicht denken: So ähnlich habe ich auch versucht, auf unsere Kinder einzuwirken.

 16 Teile dein Brot mit dem Hungrigen und von deinen Kleidern gib den Nackten. Alles, was du im Überfluss hast, gib als Almosen. Und dein Auge blicke nicht neidisch, wenn du Almosen gibst. 17 Verteil dein Brot beim Grab der Gerechten und gib es nicht den Sündern.

Als könnte er es gar nicht oft genug sagen: Die Werke der Barmherzigkeit sind die Aufgabe dessen, der genug hat. Tobit, so scheint es,  hat bei dem Propheten gelernt: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.“(Jesaja 58, 7-8) In der Sprache des Rechtes unserer Zeit: es geht Tobit um die Sozialbindung des Eigentums. Um die Verpflichtung zur Solidarität, nicht unter seinesgleichen, sondern hin zu denen in Not.

„Brich mit den Hungrigen dein Brot,
sprich mit den Sprachlosen ein Wort,
sing mit den Traurigen ein Lied,
teil mit den Einsamen dein Haus.“   F.K. Barth 1977, EG 420

 18 Suche Rat bei den Weisen und verachte keinen nützlichen Rat. 19 Der Herr wird ihnen guten Rat geben. Er erniedrigt, wen er will, bis hinab in das Totenreich. Und nun, mein Kind, gedenke dieser Gebote; sie sollen nicht getilgt werden aus deinem Herzen.

             Die lange Rede neigt sich ihrem Ende zu. Noch einmal: lass dir raten. Halte dich nicht selbst und allein für klug und weise. Es ist, als würde Tobit aus dem Buch der Sprüche Salomos zitieren. Seine Gedanken sind von der Weisheit und dem Vertrauen auf guten Rat nur so durchtränkt. Es liegt nahe, aus dieser Gedankennähe auch auf eine zeitliche Nähe in der Entstehung der Bücher zu schließen.

20 Und nun sollst du wissen, mein Kind, dass ich zehn Talente Silber bei Gabaël, dem Sohn des Gabri, in Rages im Lande Medien hinterlegt habe. 21 Hab keine Angst, Kind, dass wir verarmt sind. Du besitzt viele Güter, wenn du Gott fürchtest, vor jeder Sünde fliehst und Gutes tust vor dem Herrn, deinem Gott.

             Erst nach diesem langen Anlauf der so grundsätzlichen Worte, die wie ein geistliches Testament wirken können, kommt Tobit zu dem, was er sich vorgenommen hatte. Zur Information an Tobias: Da sind noch Gelder, die an sicherem Ort hinterlegt sind. Wir sind nicht verarmt. Du musst also keine Angst haben zu verarmen. Erst recht nicht, wenn du dich an die Wege Gottes hältst. Das ist ein Gut, das nie verloren geht.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

Überblickt man diese lange Rede, so stellt sich schon als Eindruck her: Es ist wichtiger, die Regeln des guten, frommen Lebens weiter zu geben als den Besitz. Es ist wichtiger, das Erbe eines frommen Lebens weiter zu geben als die materiellen Güter, die sich eingefunden haben. Wer seinen Kindern nur Geld hinterlässt, hinterlässt ihnen zu wenig. Es braucht den Mut, zu sagen, weiterzugeben, was das eigene Leben getragen hat. Diese Rede des Tobit wäre für seinen Sohn Tobias völlig unglaubwürdig, wenn er nicht wüsste: Alles, was der Vater mir rät, hat er selbst in seinem Leben zu leben gesucht.

Ob unsereiner einen Brief wie Matthias Claudius noch schreiben kann, weiß ich nicht. Ich wünschte es mir. Was wir aber vielleicht doch in aller Demut können: Ein paar von den Regeln, die uns selbst geleitet haben, auch weitergeben. Das ist wichtiger als das materielle Erbe. Und es wird sich tiefer einprägen.

 

Heiliger Gott, Du hast mich durch den Weg meines Lebens geführt, bewahrt vor manchem Übel, durchgebracht durch innere Nöte. Du hast mir geholfen klar zu bleiben in Entscheidungen, beständig in der Treue, demütig in meinem Glauben. Du hast mich durch all die Jahre erhalten, meinen Glauben vor dem Zerbrechen geschützt, mich vor dem Aufgeben. Darüber bin ich Dir tief dankbar

Ich möchte so gern, dass meine Kinder das sehen können an meinem Leben: Es war der Versuch, Gott Antwort zu geben auf seine Liebe, sein Erbarmen.  Amen