Allein – unter Freunden

Hiob 6, 1– 30

1 Hiob antwortete und sprach:

Hiob reagiert. Er antwortet – aber seine Antwort ist nicht an Elifas gerichtet. Es ist ein Reden wie in einen luftleeren Raum hinein.

2 Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte! 3 Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht.

             Hiob hat gehört. Aber was er gehört hat, ist an ihm vorbei geredet. Sein Kummer und sein Leiden sind  nicht wirklich zur Sprache gekommen. Wenn da eine Waage war, in die Schale die den Kummer Hiobs aufwiegen soll, ist nicht hinein gelegt worden, allen gewichtigen Worten zum Trotz. Das macht alles noch schwerer. Und, es ist kein Wunder: Seine Worte sind noch unbedacht. 

 4 Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet.

             Aber: so unbedacht ist das alles nicht! Hiob weiß und spürt, dass die Schläge, die sein Leben treffen, nicht von einem blinden Schicksal kommen. Es sind die Pfeile des Allmächtigen. Die Schrecknisse Gottes.  Damit greift Hiob genau die Gottesbezeichnungen des Elifas auf,  der ihn aufgefordert hatte, sich von Gott (=Eloah) zurechtweisen zu lassen, sich der Zucht des Allmächtigen (=Schaddai) nicht zu widersetzen. (5,17) So genau hat Hiob zugehört. Und identifiziert damit Gott als den Ursprung seines Leidens.

Hiob ist weit von einer Sicht entfernt, die Gott nur für das Gute verantwortlich sieht, weil es für alles Böse ja den Satan gibt. „Hiob kommt sich wie vergiftet vor.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 138) Sein Erleben vergiftet ihm das Leben.

  5 Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat? 6 Isst man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack? 7 Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

             Das Leben ist ihm verleidet. Er würde nicht klagen, wenn es ihm gut ginge, so wie  Wildesel und Stier doch auch nicht schreien und brüllen, wenn Futter da ist. Ihm aber wird vorenthalten, was zum Leben dient. Und was er zu schmecken bekommt, ist zum Ausspeien. „Ich möchte kotzen“ heißt das umgangssprachlich. Aller Geschmack am Leben ist ihm verloren gegangen.

Das sind ja Bilder, die wir kennen: wenn einer in seiner Trauer keinen Bissen mehr herunterkriegt. Wenn eine keine Lust und keine Kraft mehr hat, sich den Tisch zu decken, für sich alleine zu kochen. Was Hiob hier beschreibt, findet sich in jedem Buch über Trauer-Phasen als eine Beschreibung wieder.

  8 Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe! 9 Dass mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte! 10 So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen – ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen -, dass ich nicht verleugnet habe die Worte des Heiligen.

             Alles läuft auf den einen Wunsch zu: Wenn ich doch tot wäre. Das ist die letzte Hoffnung, die Hiob bleibt, dass Gott dem Elend ein Ende macht. Gott, nicht Hiob selbst. Dass diese Ende nicht so lange auf sich warten lässt, bis Hiob an Gott irre wird, bis er die Worte des Heiligen verleugnet.  Das ist offensichtlich eine echte Angst bei Hiob, dass er sich in Worten an Gott vergehen könnte, dass er ihn leugnen könnte.

11 Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, dass ich geduldig sein sollte? 12 Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz. 13 Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

Die Kräfte Hiobs sind aufgebraucht. Er ist nicht aus Stein und Stahl. Kein Mann, den nichts aus der Bahn werfen kann. Keiner, der schmerz-unempfindlich ist. Seine Lebensenergien sind erloschen. In ihm brennt kein Feuer mehr. „Da ist nur noch das hohle Echo der eigenen Angst. Und wo ist Gott? Die Leere ist leer an Gott.“(W. Reiser, aaO., S. 56)

             Es sind Klagen und Fragen, wie wir sie heute hören, wenn Menschen sich davor fürchten, dass sie am Ende ihres Lebens nur noch an Apparaten hängen, dass alle Palliativ-Medizin nicht mehr lindern kann, nicht mehr die Angst nehmen kann. Zur eigenen Kraftlosigkeit kommt hinzu, dass da auch kein Rat mehr ist. Keine Hilfe mehr. Alle stehen nur herum.

 14 Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf.

            So allgemein und lehrhaft wie Elifas gesprochen, genau so spricht jetzt Hiob – und klagt doch mit dem allgemeinen Satz an. Das erfährt er jetzt gerade: verweigerte Barmherzigkeit. Dass die, die ihm Nächste sein sollten, ihm doch fern sind, aller räumlichen Nähe zum Trotz. Sich nicht wirklich auf ihn einlassen.

Es ist ein harter Angriff: Weil sie ihm nicht barmherzig begegnen, diagnostiziert Hiob den Verlust von Gottesfurcht. Und hat Salomo auf seiner Seite: „Der Gerechte weiß um die Sache der Armen; der Gottlose aber weiß gar nichts.“(Sprüche 29,7) Mehr noch: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“(Sprüche 31,8) Statt der Fürsprache aber hat Elifas ihn beschuldigt. Statt der Fürbitte gab es nur Anklagen. Und genau darin zeigt sich der Verlust der Gottesfurcht. Elifas spielt sich als der auf, der das gerechte Urteil Gottes verkündigt.

 15 Meine Brüder trügen wie ein Bach, wie das Bett der Bäche, die versickern, 16 die erst trübe sind vom Eis, darin der Schnee sich birgt, 17 doch zur Zeit, wenn die Hitze kommt, versiegen sie; wenn es heiß wird, vergehen sie von ihrer Stätte: 18 Ihr Weg windet sich dahin und verläuft, sie gehen hin ins Nichts und verschwinden. 19 Die Karawanen von Tema blickten aus auf sie, die Karawanen von Saba hofften auf sie; 20 aber sie wurden zuschanden über ihrer Hoffnung und waren betrogen, als sie dahin kamen.

Im Klartext: Hiobs Freunde sind trügerische Freunde. Sie stehen nicht als Freunde in der Not zu ihm. Sie gehen auf Abstand, verschwinden im Nichts. Die Naturbilder sagen nur, wie Hiob sie jetzt erlebt. Alle Nähe löst sich auf, war nur schöner Schein.  Am Ende ist Hiob allein, verlassen und seine Hoffnungen  auf die Freunde haben ihn getrogen.

Nun, ein Teil meines Lebens liegt hinter mir im Licht,
Von Liebe überflutet, gesäumt von Zuversicht.
In Höhen und in Tiefen, auf manchem verschlung‘nen Pfad
Fand ich gute Gefährten und fand ich guten Rat.
Doch je teurer der Gefährte, desto bitterer der Schluß,
Dass ich den letzten Schritt des Wegs allein gehen muß.
Wie sehr wir uns auch aneinander klammern, uns bleibt nur
Die gleiche leere Bank auf einem kalten, leeren Flur.

Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.
Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.       R. Mey, CD Leuchtfeuer 1996

21 So seid ihr jetzt für mich geworden; weil ihr Schrecknisse seht, fürchtet ihr euch. 22 Hab ich denn gesagt: Schenkt mir etwas und bezahlt für mich von eurem Vermögen 23 und errettet mich aus der Hand des Feindes und kauft mich los von der Hand der Gewalttätigen?

Es ist bitter: In der Hoch-Zeit hat jeder Freunde. Aber jetzt, im Schmerz, im Elend – da sind die Freunde wie ein Wadi: ausgetrocknet. Eine einzige Enttäuschung für den, der auf Hilfe hofft. Dabei hat Hiob doch keine Hilfe eingefordert, keinen Kredit erbeten, kein Einstehen gegen den Feind und seine Macht.

Sie fürchten sich, weil sie sehen, was zum Fürchten ist. Es ist menschlich nur allzu verständlich. Man tut als Leser gut daran, nicht zu eilig zu sein mit der Verurteilung der Freunde. Denn ihr Verhalten wiederholt sich tausendfach: Das Ausweichen vor dem Pechvogel. Das: „jetzt passt es gerade nicht“, weil die Worte fehlen, weil die eigene Kehle wie zugeschnürt ist vom  Erschrecken. Dieses fassungslose: „Wie siehst du denn aus?“ das oft genug die eigene Flucht vorbereitet.

 24 Belehrt mich, so will ich schweigen, und worin ich geirrt habe, darin unterweist mich! 25 Wie kräftig sind doch redliche Worte! Aber euer Tadeln, was beweist das? 26 Gedenkt ihr, Worte zu rügen? Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind. 27 Ihr freilich könntet wohl über eine arme Waise das Los werfen und euren Nächsten verschachern.

             Doch: es ist vielleicht ja noch nicht alles gesagt! Da bleibt bei Hiob noch eine Hoffnung auf andere Worte. Ruhig auch Hoffnung auf Belehrungen – aber auf solche, die auch zutreffen, solche Belehrungen, die Wege öffnen. Hiob hofft auf redliche Worte. Sie sollen „ihm einsichtig machen, worin er geirrt hat.“(Hj. Bräumer, aaO., S. 146) Nicht ihn beschimpfen, nicht seine Worte tadeln. Wie kann man denn die Worte eines Verzweifelten auf die Goldwaage legen?

Obwohl bislang nur Elifas gesprochen hat, Hiob sieht seine Worte an, als hätten die anderen sie mit getragen. Und spürt in ihnen eine Kälte, die an die Skrupellosigkeit von Kinder-Händlern erinnert, von Leuten, die ihre Nächsten als Sklaven verschachern. Die Brüder Josefs mit ihren harten Herzen lassen grüßen. Es ist der „kalte Hauch der Gefühllosigkeit und Hartherzigkeit“(A. Weiser, aaO. S. 60), der ihn erschauern, ja, erfrieren lässt in der orientalischen Sonnenglut.

 28 Nun aber hebt doch an und seht auf mich, ob ich euch ins Angesicht lüge. 29 Kehrt doch um, damit nicht Unrecht geschehe! Kehrt um! Noch habe ich Recht darin! 30 Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen Böses nicht merken?

       Kehrt doch um! Wendet euch doch zu mir. Wendet euch mir doch wirklich zu. Es sind die Worte eines Menschen, der an seiner Einsamkeit zu ersticken droht, an der Kälte der Freunde zu erfrieren. Es wirkt auf mich, als würde Hiob zutiefst verunsichert noch einmal sich selbst befragen. Bin ich denn blind über mich selbst? Spüre ich nicht mehr, wo ich mich selbst verrenne?

Es ist eine Mischung aus eigener Unschuldsbeteuerung und aus der Suche nach der Bestätigung durch die Freunde. Ich höre hier nicht einen Hiob das Wort führen, der sich sicher ist, dass er „seine Lage richtig beurteilen kann.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 148) Sondern ich höre einen Hiob, der auf gute Worte von außen angewiesen ist und bleibt.

 

Mein Gott, manchmal überfällt mich die Einsamkeit wie ein wildes Tier, wie ein Geschwür. Ich weiß nicht mehr weiter. Weiß nicht warum ich noch da bin. Das Leben ist nur noch düster. Es grenzt an Überdruss und Todesmüdigkeit.

Menschen um mich herum verstehen das nicht. Sie sehen ja nur mich, dass doch alles so weit in Ordnung ist. Das innere Dunkel, den verborgenen Schmerz sehen sie nicht. Alle Trostversuche prallen ab wie ein Ball von einer Wand abprallt, ohne Eindruck, ohne Abdruck.

Mein Gott. So abgrundtief allein bin ich noch immer vor Dir. Amen