Sich Gott hinhalten

Tobias 3, 7 – 17

7 Es begab sich nun an demselben Tage, dass auch Sara, die Tochter Raguëls, in der Stadt Ekbatana in Medien von einer der Mägde ihres Vaters geschmäht wurde. 8 Man hatte sie nämlich sieben Männern nacheinander zur Frau gegeben, aber ein böser Geist, Aschmodai genannt, hatte sie alle getötet, sobald sie mit ihr das Lager teilen wollten, wie es Brauch ist.

             Szenenwechsel, weit weg, nach Ekbatana in Medien ans Ende der Welt. Auch dort gibt es Juden, Jüdinnen. Eine von ihnen ist Sara, die Tochter Raguëls. Mit ihr hat es eine seltsame Bewandtnis: alle Männer, immerhin sieben, die mit ihr Hochzeit machen wollten, das Lager mit ihr teilten, kamen dabei zu Tode. Im wahrsten Sinn des Wortes eine männermordende Frau. Nur, dass es nicht ihre Bosheit war, die die Männer das Leben kostete. sondern der Mörder war ein böser Geist, Aschmodai. Ein Dämon.

Es wirkt für den neuzeitlichen Leser ein bisschen arg konstruiert. Wir glauben nicht an Dämonen, die morden. Wir halten solch eine Todesserie für die Tat von Menschen, die dämonisch mörderisch unterwegs sein können. Und die Neigung ist groß, diese missglückten Hochzeitsnächte doch der jungen Frau anzulasten. So wie es eine  der Mägde ihres Vaters wohl getan hat, als sie Sara geschmäht hat.

             Nur ein Nebengedanke: Es könnte gut sein, dass diese Passage den Sadduzäern in ihrem Gespräch mit Jesus eine Vorlage geliefert hat: „Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste heiratete und starb; und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder; desgleichen der zweite und der dritte bis zum siebenten. Zuletzt nach allen starb die Frau. Nun in der Auferstehung: Wessen Frau wird sie sein von diesen sieben? Sie haben sie ja alle gehabt.“(Matthäus 22, 25-27) Es ist zumindest eine auffällige Parallelität.

Und die Magd sagte zu ihr: Du bist es, die deine Männer tötet! Siehe, schon sieben Männern wurdest du gegeben, doch nach keinem von ihnen bist du benannt! 9 Was weist du uns zurecht wegen deiner Männer, die doch alle gestorben sind? Geh doch mit ihnen! Wenn wir nur niemals einen Sohn oder eine Tochter von dir sehen müssen!

             Manchmal reicht es ja schon als Schmähung, einfach nur die Wahrheit zu sagen. Es hört sich sicherlich hart an: Keiner, der mit dir Hochzeit halten wollte, hat es überlebt. Sieben Leichen pflastern deinen Weg. Du bist es, die deine Männer tötet! Die Magd weiß nichts von einem Mörder-Damon. Sie sieht nur das Resultat: Tote en gros. Das ist irgendwie unheimlich, beängstigend. Der Hintergrund der Schmähung wird auch deutlich: sie will die zukünftige Herrin los sein. Sie will nicht, dass sie irgendwann Nachkommen von ihr sehen muss. Weil es Mörderinnen-Kinder sein werden? Damit das Unheil sich nicht endlos fortpflanzt?

 10 An jenem Tag wurde Sara betrübt in ihrer Seele, sie weinte und ging in eine Kammer oben im Hause ihres Vaters. Dort wollte sie sich erhängen.

       Es ist verständlich, dass Sara von diesen Worten getroffen ist. Dass sie ihr unter die Haut gehen. Treffen die Worte doch einen wunden Punkt in ihrem Leben. Man wird unterstellen dürfen: Sie weiß nicht, was das für ein unheimliches Geheimnis ist, dass keiner die Hochzeitsnacht mit ihr überlebt. Sie muss sich doch längst selbst wie ein Todesengel vorkommen. Wer sich so sieht, kann schon auf den Gedanken kommen: wenn ich nicht mehr bin, dann hört dieses Unheil auf.  Darum: Suizid als Lösung aller Probleme.

 Dann aber dachte sie bei sich und sagte: Niemals sollen sie meinen Vater schmähen und zu ihm sagen: Du hattest nur eine einzige, geliebte Tochter, und die hat sich aus Kummer erhängt! Nein, ich werde meinen greisen Vater nicht mit Leid zu den Toten hinabfahren lassen! Statt mich zu erhängen, will ich lieber den Herrn bitten, dass er mich sterben lässt und ich niemals mehr in meinem Leben solche Schmähungen hören muss.

             Den Tod so vor Augen, kommen ihr noch einmal andere Gedanken. Was für eine Schmach für den Vater – die einzige Tochter hat sich erhängt. Selbsttötung ist im jüdischen Denken kein Freitod, keine letzte Möglichkeit. Sie ist schlicht untersagt. Wer sich selbst den Tod gibt, greift in das Hoheitsrecht Gottes ein. Er ist es doch, der Leben gibt und Leben nimmt. So ist es auch äußerst selten, dass eine Selbst-Tötung erzählt wird. Simson reißt eine ungezählte Schar von Philistern mit in seinen Tod – der erste Selbstmord-Attentäter der Geschichte (Richter 16,30), Und Saul gibt sich selbst den Tod, um nicht in die Hände der Philister zu fallen.(1. Samuel 31,4)  Dieser Weg ist Sara versperrt.

 11 Da hob sie ihre Hände zum Fenster und betete und sprach: Gelobt seist du, barmherziger Gott, gelobt sei dein Name in Ewigkeit. Alle deine Werke sollen dich loben in Ewigkeit. 12 Zu dir habe ich mein Angesicht und meine Augen erhoben.

             Sie wählt einen anderen, einen frommen Weg. Sie bittet Gott darum, sie sterben zu lassen. Den Gott, dessen Lob sie an den Anfang ihres Gebetes stellt. Es ist im Gang der Erzählung gewiss kein Zufall, wie sich das Gebet Tobits und das Gebet Saras gleichen. Erst die Ehre Gottes, dann das Anliegen.

 13 Befiehl, dass ich von der Erde erlöst werde und nicht länger solche Schmähungen hören muss. 14 Du weißt, Herr, dass ich niemals durch einen Mann unrein geworden bin 15 und dass ich weder meinen Namen noch den Namen meines Vaters im Lande meiner Gefangenschaft befleckt habe. Ich bin das einzige Kind meines Vaters, und er hat kein anderes Kind, das ihn beerben könnte. Auch hat er weder einen Bruder noch Verwandten, dass ich mich am Leben erhalten müsste, um seine Frau zu werden. Schon sieben Männer sind mir gestorben! Was soll denn noch mein Leben? Wenn es dir noch nicht gefällt, mich sterben zu lassen, Herr, so achte doch auf meine Schmach!

Wobei es schon bemerkenswert ist: Sara schildert nicht nur die eigene Not. Ich will nicht länger so unter Verdacht sein. Ich halte das nicht mehr aus. Sondern sie rückt erst einmal in den Blick: Ich bin keine Mörderin. Mehr noch, was die Lesenden heute befremden mag: Ich bin immer noch Jungfrau. Unbefleckt. Rein. Es ist nie zum Vollzug der Hochzeit gekommen.

Aber dann richtet sie den Blick auf das Umfeld: Mein Vater hat niemand außer mir. mit mir geht die Familie zu Ende. Mit mir stirbt das Geschlecht. Es gibt keinen Grund, mit dem Sterben zu warten. Da ist keiner, der die Verpflichtung hätte, mich zu heiraten, mein Löser – goʼēl – zu sein. In diesem Blick auf den Vater zeigt sich, dass Sara nicht die selbstverliebte Frau ist, die nur sich kennt. Sie ahnt etwas von dem Schmerz, den ihr Tod dem Vater bereiten würde.

Sie weiß, wie es um ihre Bitte steht, wie unerhört sie ist. Sie ahnt vielleicht auch, dass sie unerhört bleiben wird. So klingt ihr letzter Satz von weitem mit dem anderen Satz zusammen: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“(Matthäus 26,39)

 16 In derselben Stunde wurden beider Gebete von Gott in seiner Herrlichkeit erhört.

             Szenenwechsel: Beide Gebete finden den Weg in den Himmel. In die Herrlichkeit. Sie werden erhört.  Die fromme Erzählung hat, ähnlich wie die Hiob-Dichtung, kein Problem mit diesem Szenenwechsel aus dem irdischen Vordergrund in den himmlischen Hintergrund.

 17 Und Rafaël wurde gesandt, beide zu heilen: Tobit, indem er die weißen Flecken von seinen Augen löse, damit er mit seinen Augen das Licht Gottes sehe, und Sara, die Tochter Raguëls, indem er sie Tobias, dem Sohn des Tobit, zur Frau gebe und den bösen Geist Aschmodai von ihr löse. Denn mehr als allen anderen, die sie heiraten wollten, stand es Tobias zu, sie zur Frau zu nehmen.

             Es ist das Passiv, in dem das Handeln Gottes ausgedrückt wird: Und Rafaël wurde gesandt. Gott ist der Auftraggeber für den, den er sendet. Der Auftrag wird klar umrissen: Tobit soll heil werden. Sara soll gelöst werden, erlöst aus der Gefangenschaft durch den Dämon. Eine zweifache Heilung.

Es ist kein erzählerischer Missgriff, dass dieses Ziel hier so benannt wird. sondern es entspricht der Erzählabsicht des Buches: Es will zeigen, dass Gott eine Wege zum Ziel ringt. Es will zeigen, dass es gut ist, sich der Führung Gottes anzuvertrauen.  Das Buch Tobit will kein spannender Roman sein – es will eine Lehrerzählung sein.

Seine Botschaft: Es gibt Entscheidungen, die fallen im Himmel und wir auf der Erde kommen diesen Entscheidungen nur nach. Das ist nicht spezifisch jüdisch, auch nicht spezifisch fromm. So sieht ein großer Teil der Völker der Antike die irdische Wirklichkeit: Sie bildet sich nach dem Muster, das ihr im Himmel vorgegeben ist.

In jener Stunde ging Tobit vom Hof in sein Haus zurück, und auch Sara, die Tochter Raguëls, stieg aus ihrer Kammer herab.

Jetzt blendet die Erzählung wieder zurück. In die Gegenwart. Tobit und Sara gehen ihre Wege, beide am jeweiligen Ort.

Was mich beschäftigt:

„Dir war sie bestimmt.“(Dr. Kurt Koch) Ein Buch, das auf den Grundgedanken des Tobit-Buches zurückgeführt ist. Jugendlich verliebt habe ich es damals (1968) gelesen. Was für eine Botschaft: Die Entscheidungen fallen im Himmel – auch die über die Zusammengehörigkeit von Mann und Frau. Seelsorgerlich gemeint. Aber auch eine Quelle von Überforderungen. Ehen werden im Himmel geschlossen – aber auf der Erde geschieden. Auch Ehen, die im Himmel geschlossen worden sind, können scheitern. Es ist eine Zusatzlast, sich so mit dem Scheitern seiner Ehe auch noch als jemand sehen zu müssen, der dem Willen Gottes zuwider handelt, wenn er/sie sich trennt. Sich zu sehen als jemand, der/die nicht den Mut und die Geduld hat, durchzuhalten.

Es sind gut gemeinte Gedanken, die doch oft genug Unheil anrichten. Angesagt ist, so denke ich, anders zu ermutigen: Ja, ich will diesen Menschen – diesen Mann, diese Frau. Und sich dann auch einzugestehen, wenn es so sein sollte: Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Mein Wille scheitert. Das tut weh. Aber ich bin darin nicht der Bestimmung Gottes untreu geworden. Diese Last müssen wir niemand auf die Schultern legen

 

Ich danke Dir, Gott, für alle Freundschaften, für alle Liebe, für alle Ehe, die das Leben reich machen. Ich danke Dir für das Glück, mit Menschen zu leben, die sich auf uns einlassen, uns tragen und ertragen, die uns treu sind.

Ich klage Dir, dass Freundschaften zerbrechen können, dass Ehen scheitern, dass der Weg zueinander manchmal wie versperrt ist.

Gib Du Freude am miteinander, Geduld in schweren Zeiten, Kraft zu neuen Anfängen. Deinen Segen für gemeinsame Wege. Amen