Nähe fühlt anders

Hiob 5, 1 – 16

1 Rufe doch, ob einer dir antwortet! Und an welchen von den Heiligen willst du dich wenden?

Es wirkt zynisch. Schrei doch. Es wird sowieso keiner antworten. Es ist ein Rufen in die  Leere hinein, aus der keine Antwort kommen wird. Ob Elifas nicht spürt, dass hinter seinen Worten ein Bild von Gott steht, das ihn für taub und stumm erklärt, für unwillig, den Schrei der Not zu hören? Ob er so völlig vergessen hat, dass Israel Gott als den bekennt, der den Schrei der Klagenden hört, der sich erbarmt über die Geschlagenen?

„Rufe mich an in der Not,                                                                                                          so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“    Psalm 50,15 

            „Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“ (2. Mose 2, 23-25)  Es scheint, als habe Elifas über allem aufgeregten Zuhören bei der Klage Hiobs vergessen, was Israel als seine Erfahrung erzählt und betet.

Wenn aber Gott nicht hört, dann hören auch die Heiligen nicht. Gemeint sind wohl: die Engel im Thronsaal Gottes, die seine Heiligkeit sehen und widerspiegeln. „Sie haben vor Gott keinen eigenen Bereich und können nichts in Angriff nehmen, ohne dass Gott sie dazu befähigt.“ (Hj. Bräumer, aaO. S. 124)  Das ist ein wichtiger Hinweis, gerade auch in unsere Zeit hinein, die den Engeln mehr zu trauen scheint als Gott selbst, die sie für näher dran an den Menschen hält als Gott selbst. Engel tun nur, was Gott sie tun lässt.

 2 Denn einen Toren tötet der Unmut, und den Unverständigen bringt der Eifer um. 3 Ich sah einen Toren Wurzel schlagen, doch plötzlich schwand er von seiner Stätte dahin. 4 Seinen Kindern bleibt Hilfe fern, und sie werden zerschlagen im Tor; denn kein Erretter ist da. 5 Seine Ernte verzehrt der Hungrige, und auch aus den Hecken holt er sie, und nach seinem Gut lechzen die Durstigen. 6 Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker; 7 sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil, wie Funken hoch emporfliegen.

             Was wie ein allgemeine Weisheit und Erfahrung kling, ist doch in dieser Situation ein Frontalangriff. Ein Tor, ein Einfältiger ist Hiob in den Augen des Elifas. So beschimpft er ihn regelrecht, den, der vom Schicksal so geschlagen ist. Man kann schon ins Zweifeln kommen, ob das noch ein ordentlicher Umgang mit einem Trauernden ist. Diesen Worten fehlt es an jeglicher  Empathie.

   Selbst, wenn es stimmt: Unheil wächst nicht ohne das Zutun der Menschen. Frevel ist keine Frucht der Erde. Hier wird es zum Vorwurf, zur Beschimpfung. Und zur Behauptung: Du sagst Dinge über dich, die nicht stimmen. Alles, was dir widerfahren ist, fällt auf dich zurück, weil es Folge deines Tuns ist.

 8 Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen, 9 der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind,

             Was für ein Rat: wende dich doch an Gott. Was für eine Erkenntnis. Als ob Elifas sich an die Stelle Hiobs denken könnte, als ob er sich in seine Lange versetzen könnte. Ich an deiner Stelle… „Demütig und vertrauensvoll würde er sich an Gott wenden, ihm seine Sache vortragen und anheimstellen.“(A. Weiser, aaO. S. 51) Für den Leser, der noch Hiobs Sätze im Sinn hat:Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“(1,21) ein ganz und gar überflüssiger Ratschlag.

  10 der den Regen aufs Land gibt und Wasser kommen lässt auf die Gefilde, 11 der die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft. 12 Er macht zunichte die Pläne der Klugen, sodass ihre Hand sie nicht ausführen kann. 13 Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit und stürzt den Rat der Verkehrten, 14 dass sie am Tage in Finsternis laufen und tappen am Mittag wie in der Nacht. 15 Er hilft dem Armen vom Schwert und den Elenden von der Hand des Mächtigen. 16 Dem Armen wird Hoffnung zuteil, und die Bosheit muss ihren Mund zuhalten.

Das sind Worte über Gottes Wesen, die alle richtig sind. Sie stimmen von A bis Z. So ist Gott. Er ist der, der die Niedrigen erhöht, die Weisen in ihrer Klugheit fängt, Er ist der Beistand der Armen. „Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein.“(M. Claudius 1783, EG508) Alles richtig. Aber was soll das hier? Wenn alles seine Zeit hat (Prediger 3,1), dann haben auch Belehrungen über Wesen und Art Gottes ihre Zeit. Und manchmal eben auch nicht.

 17 Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht.

             So hat es Elifas gelernt: Sich beugen unter Gott. Ist doch Gott der, der die Wege des Menschen kennt und dessen Weg zu gehen am Ende immer gut ist.

Ich entsinne mich, dass ich mit manch anderen gerne und oft gesungen habe:

Sag ja zu Gottes Wegen,
Gottes Wege sind immer gut,
er führt dich allerwegen stets in seiner Hut.       Eckart zur Nieden 1970

Aber es ist eine Sache, so ein Lied zu singen und sich selbst auf den Weg Gottes einzustimmen, ein fröhliches Ja zu suchen zu einem hoffnungsvollen Weg, den man vor sich sieht. Es ist aber etwas völlig anderes, diese Sätze zu einem zu sagen, dem gerade Söhne und Töchter genommen worden sind, dem das Leben in die Brüche gegangen ist.

Und noch einmal etwas anderes ist es, von ihm zu verlangen, dass er sich der Zucht des Herrn nicht widersetzt, sondern unterwirft. Sie akzeptiert. Auch die Wege Gottes, die ihm unbegreiflich sind. Denn: Gott ist doch Gott. Eloah bezeichnet Gott  als den, der die höchste Macht in Händen hält.“(Hj. Bräumer, aaO, S. 130) Und Schaddai wird sachlich richtig mit „der Allmächtige“ wieder gegeben. Gott ist durchaus kein Schoßhündchen und kein Papiertiger. Er ist auch keine Theologenerfindung, die ein wenig blutleer geraten ist. Immer lieb. Sondern er ist mächtig, stark – und auch unheimlich. Elifas hat schon Recht, wenn er die Größe Gottes benennt. Und doch wirken seine Worte seltsam schief.

 18 Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt und seine Hand heilt. 19 In sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in sieben wird dich kein Übel anrühren. 20 In der Hungersnot wird er dich vom Tod erlösen und im Kriege von des Schwertes Gewalt. 21 Er wird dich verbergen vor der Geißel der Zunge, dass du dich nicht fürchten musst, wenn Verderben kommt. 22 Über Verderben und Hunger wirst du lachen und dich vor den wilden Tieren im Lande nicht fürchten.

             Das sind Worte, die mich hin und herreißen. Es ist ja der Versuch, dem Freund in seiner Ausweglosigkeit zu sagen: Dieses Elend wird ein Ende haben. Es sind Worte, die daran erinnern wollen, was Hiob auch über Gott gelernt hat: dass er aus dem Staub erhebt, dass er zur Seite steht, dass er rettet. Dass Gott schützt und bei ihm Geborgenheit ist. Dass Verderben und Hunger ihm nichts anhaben können.

Es sind Worte, die damit rechnen und Hiob darauf hoffen lehren wollen, dass Gott die große Wende herbeiführen kann und herbeiführen wird. Worte des Glaubens! Bevor man Elifas anklagt, dass er nur schöne Worte macht, ist es wichtig sich zu erinnern: Genau mit dem, was Elifas da ansagt, rechnet der Glaube. Darauf hofft er.

Allgemeingut des Glaubens, auch wenn manche Leute sagen: das sind doch Banalitäten. „Banal“ hieß einmal das Gemeinsame, allen Gehörige. In mittelalterlichen Dörfern waren Mühle und Backofen gemeinschaftlich, das wurde mit banal bezeichnet.“(W. Reiser, aaO. S. 49) Dann mag es so sein, dass die Worte des Elifas wirken wie die banale Allerweltsweisheit: „Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ „Aber die biblische Lebensweisheit geht noch einen Schritt weiter. Sie setzt die vielfältigen (ergänze: widersprüchlichen, widerstreitenden) Lebenserfahrungen mit Gott in Beziehung.“ (W. Reiser, ebda.) Damit mutet sie Hiob und uns Lesenden zu darüber Klarheit zu gewinnen: Was Hiob erfährt hat mit Gott zu tun, selbst da, wo es ihn unbegreiflich macht.

Diese Worte erinnern mich an Lieder, wie sie in meinen Gesangbuch stehen:  

Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Lass den Satan wittern, lass den Feind erbittern, mir steht Jesus bei!
Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken;
Jesus will mich decken.

 Trotz dem alten Drachen, trotz es Todes Rachen, trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh!
Gottes Macht hält mich in acht; Erd und Macht muss verstummen,
ob sie noch so brummen.                   J. Franck 1653, EG 396

Es ist gut, solche Lieder zu singen, sich selbst Mut zu zu singen für schwierige Zeiten, für Konflikte, für Ängste. Aber sie stehen nicht umsonst in der Ich-Form – und eben nicht in der Du-Form. Nicht in der Anrede: das solltest du beherzigen.

Der Fehler des Elifas, wenn es denn einen gibt, besteht nicht darin, dass er Gott ins Spiel bringt, seine Möglichkeiten, das Geschick Hiobs zu wenden, sondern darin, dass er so tut, als sei die Welt in Ordnung. So, wie sie Hiob seines Lebensglückes beraubt hat. Sie ist aber nicht in Ordnung. Vielleicht – oder wahrscheinlich sogar, ist das die große Lernaufgabe für fromme Leute, gleichzeitig zu sagen: Ich halte an Gott fest. Ich traue auf ihn. Aber die Welt ist nicht in Ordnung. Gegen alle meine Welterfahrung halte ich doch an Gott fest. Warum? Was ist denn die Alternative: „Sage Gott ab und stirb.“(2,9)Ist das wirklich eine Alternative? 

 23 Denn dein Bund wird sein mit den Steinen auf dem Felde, und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten, 24 und du wirst erfahren, dass deine Hütte Frieden hat, und wirst deine Stätte überschauen und nichts vermissen, 25 und du wirst erfahren, dass deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind, 26 und du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

Die Zukunftsschau des Elifas geht weiter. Wenn Hiob sich diesem fremden Willen Gottes unterwirft, seine Zucht annimmt, dann wartet auf ihn ein Reich des Friedens. Es sind Worte, wie wir sie so ähnlich bei den Propheten Israels finden, als Ansage des Gottesreiches. Heilsworte von betörender Schönheit.  „So spricht der HERR: Ich kehre wieder auf den Zion zurück und will zu Jerusalem wohnen, dass Jerusalem eine Stadt der Treue heißen soll und der Berg des HERRN Zebaoth ein heiliger Berg. So spricht der HERR Zebaoth: Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.“(Sacharja 8, 3-5)

Es ist kühn, was Elifas hier macht: er übersetzt das Wort an ganz Israel in ein individuelles Leben hinein. Es ist eine  Anwendung der prophetischen Rede in die konkrete Not eines Einzelnen. „Seelsorge als Verkündigung an den Einzelnen.“ (Thurneysen) Ein honoriges Konzept, das lange in der Kirche gelebt worden ist. Das Verfahren ist auch vergleichbar mit dem, was wir bei Taufen machen. Da wird der Zuspruch an Israel: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“(Jesaja 43,1) umgemünzt zur individuellen, wenn auch „nur“ liturgischen“ Verheißung an den Täufling. Das machen wir mit einen ausgesprochen guten Gewissen – und keiner merkt es. Darf Elifas das also nicht auch?

27 Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir’s.

             Darum höre ich in dem wir dieses Schluss-Satzes auch nicht ein feiges sich Verbergen hinter anderen. Ich teile das Urteil nicht: „Elifas versteckt sich mit seinem wir hinter dem Stand der Weisen.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 134) Elifas zeigt vielmehr, dass er auf dem Boden der israelitischen Tradition steht. Dass er versucht, aus dieser Tradition heraus die richtigen Worte für Hiob zu finden. Es stimmt ja wirklich: Die Rede des Elifas „ist reich an tiefen Erkenntnissen und ernsten, gültigen Wahrheiten, die immer ihre Bedeutung haben werden. (A. Weiser, aaO. S. 54 )

Zum Weiterdenken

Elifas ersetzt menschliche Nähe durch einen Lehrvortrag. Ob das eine spezifische Theologengefahr ist, frage ich mich, erschreckt. Es ist ja alles richtig, was er über Gott sagt. Es ist auch manchmal richtig und angebracht, einen anderen zum Beten zu ermutigen. Aber hier und jetzt? „All die großen Worte des Elifas gehen an Hiob vorbei. Sie lassen die Situation Hiobs und damit den Einsatzpunkt des Betens unberücksichtigt.“(Hj. Bräumer aaO. S. 128)

 Mir jedenfalls geht es so beim Lesen. Das sind in diese Situation hinein keine Worte, von denen gilt: Dem Armen wird Hoffnung zuteil. Sondern so gesprochen machen sie allenfalls wütend. Aber nicht hoffnungsstark, weil sie von oben herab kommen und nicht aus dem inneren Teilen der Not.

Es wird gut sein, nicht einfach nur darauf zu beharren: Elifas redet über die Situation des Hiob hinweg. Er trifft seinen Schmerz nicht. Er redet sich die Welt schön. Sondern es gilt, dies zu sehen und gleichzeitig danach zu fragen: Wo sagt Elifas Sätze über Gott  und über die Welt, über die große Wende, die doch meine Sehnsucht berühren? Die mich, der ich nicht Hiob bin, gleichwohl ermutigen können, mein Vertrauen auf Gott zu setzen.

Mit anderen Worten: Vorsicht bei allen raschen Urteilen über Elifas. Vorsicht und Demut im Blick auf eigene Trostversuche.

 

Lass mich, Gott, reden, was dem Leben dient, was in die Tiefen der Not eines Menschen Licht bringen kann. Gib  Du, dass ich nicht über Köpfe hinwegrede, nicht mit Wahrheiten um mich werfe, nicht meine Ratlosigkeit wortreich zudröhne. Gib Du Deinen Geist, der die Tiefen der Menschenherzen kennt, der Worte so verwandeln kann, dass sie zu guten Worten werden, die wohltun, aufrichten, weiter helfen.

Gib du Deinen Geist in unsere Worte, unser Tun, unser Leben. Du Tröster der Betrübten. Du Liebhaber allen Lebens. Amen