Zu Tode erschöpft

Tobias 2, 11 – 3,6

 11 Zu jener Zeit ernährte mich meine Frau Hanna durch Arbeiten, wie Frauen sie tun; 12 und sie schickte ihre Arbeiten ihren Herren, und die gaben ihr den Lohn. Und am siebenten Tag des Monats Dystros schnitt sie das Webtuch ab und sandte es den Herren. Die gaben ihr den ganzen Lohn und dazu ein Ziegenböcklein für den Herd.

             Weil Tobit als Blinder nicht mehr arbeiten kann, muss seine Frau die Familie ernähren. Handarbeit. Webarbeiten. Sie ist eine Textilfachfrau und erhält dafür Lohn. Weil es gute Arbeit ist, die sie abliefert, bekommt sie eine zusätzliche Gratifikation – ein Ziegenböcklein. Nur: was macht das mit Tobit? Der Rollentausch ist krass: bis zu seiner Blindheit ist er der Herr im Haus, der erfolgreiche Geschäftsmann. Er hat die Rolle, die ihm in einer patriarchal orientierten Gesellschaft zukommt.

Und jetzt: angewiesen auf seine Frau. Abhängig von ihrem Können. Er selbst ist lahm gelegt. Blind. Auch blind dafür, dass seine Frau dieser ganzen veränderten Situation gewachsen sein könnte.

 13 Als sie dann zu mir kam, fing das Böcklein zu blöken an. Und ich rief sie und sprach: Woher ist das Böcklein? Wenn das nur nicht gestohlen ist! Gib es dem Besitzer zurück! Denn es ist uns nicht erlaubt, von gestohlenem Gut zu essen! 14 Sie aber sprach zu mir: Ich bekam es als Geschenk zu meinem Lohn hinzu. – Ich aber glaubte ihr nicht und befahl, es den Besitzern zurückzugeben. Und ich wurde ihretwegen schamrot. Da antwortete sie und sprach zu mir: Wo sind jetzt deine Almosen, wo deine gerechten Werke? Man sieht doch, was du davon hast.

          Es kommt, erschreckend, zum familiären Konflikt. So tief ist die Verunsicherung des Tobit, dass er seiner Frau nicht glaubt, dass das Ziegenböcklein ihr Lohn ist. Er hält sie für eine Diebin. Er kann sich nicht vorstellen, dass eine Frau nur mit ihrer Hände Arbeit die Familie ernähren kann. Sie muss zu unredlichen und unehrenhaften Mitteln gegriffen haben. Das Misstrauen nagt an ihm, macht ihn blind, blinder, als er es rein äußerlich schon ist. Er ist verbohrt in seiner Rechtlichkeit. Er will nichts essen von diesem Diebesgut.

Es ist wohl so, dass diese Unterstellungen seine Frau Hanna erbittern: wovon sollen wir denn leben, wenn nicht von meiner Hände Arbeit? Deine Almosen haben uns nichts eingebracht. Kein Echo von denen, die sie in früheren Zeiten empfangen haben. Es kommt nichts zurück, jetzt, wo wir in Not sind.

 3,1 Da wurde ich sehr betrübt in meiner Seele. Ich seufzte und weinte und begann zu beten und zu klagen.

                      Der fromme Tobit weiß nichts zu antworten auf Hannas Worte. Ihr Widerspruch trifft ihn hart, weil er ihm die Realität vor Augen stellt. Sie haben nichts außer dem, was Hanna erarbeitet. Seine ganze frühere Existenz bringt nichts mehr ein. Er ist irgendwie auf dem Abstellgleis gelandet. So  geht er in sich. Aber er bleibt nicht in sich. Er geht aus einer Verzweiflung heraus in ein Gebet.

 2 Herr, du bist gerecht, und all dein Tun ist recht und all deine Wege sind Barmherzigkeit und Wahrheit. Ja, du richtest die Welt! 3 Und nun, Herr, gedenke meiner; sieh doch und strafe mich nicht wegen meiner Sünden und meiner Versehen, noch um des Bösen willen, das meine Väter getan haben vor dir.

Eine Anerkennung der Gerechtigkeit Gottes. Hoffen auf seine Barmherzigkeit. Aus dem Mund dessen, der am Lauf der Welt doch auch verzagen könnte. Deportiert aus Israel baut er sich in Ninive eine Existenz auf. Verliert diese, weil er sich um die Bestattung Verfolgter kümmert. Kommt wieder auf die Beine und wird blind. Das sind viele Schicksalsschläge für einen Einzelnen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn er an der Weisheit der Wege Gottes zweifeln würde. Aber ganz im Gegenteil er preist Gottes Wege.

  4 Auch ich habe deine Gebote nicht gehalten. So hast du uns der Plünderung preisgegeben, der Gefangenschaft und dem Tod und hast uns zu Spott, Schmach und Hohn all der Völker gemacht, unter die du uns zerstreut hast. 5 Ach, zahlreich sind deine Strafen, die du meiner Sünden wegen über mich bringst, weil wir deine Gebote nicht gehalten haben und nicht recht gewandelt sind vor dir.

             Aus dem Lob-Gebet wird sein Bußgebet. Ein bisschen verblüffend ist dieses Schuldbekenntnis schon. Man hat ja nichts gelesen von Schuld, Gemeinheit, Eigennutz und Eigensinn. Bis dahin hat der Leser den Eindruck: Tobit ist das Muster von einem rechtschaffenen Israeliten. Es ist dann wohl die Anerkenntnis, dass auch der Fromme nicht weiß, wo er sich verfehlt hat an Gott.

Wer kann merken, wie oft er fehlet?                                                                                Verzeihe mir die verborgenen Sünden!“      Psalm 19,13

             Damit ist allemal zu rechnen und so sieht auch Tobit sein Geschick. Er ist weit davon entfernt, sich für unschuldig zu halten, für untadelig in seinem Gehorsam gegen das Gebot. Das unterscheidet ihn von Hiob.

Nur: ein wenig formelhaft wirkt dieses ganze Schuldbekenntnis auch. Als würde er nur sagen, was das Volk als Ganzes in Klagegottesdiensten sagt. Es ist keine individuelle Sprache, sondern übernommene Sprache – irgendwie auf sich selbst gemünzt. Dadurch wirkt sie hölzern und unpersönlich.

 6 Und nun, tue an mir nach deinem Wohlgefallen, und nimm meinen Geist von mir, dass ich erlöst werde vom Angesicht der Erde und wieder zu Erde werde. Weil ich falsche Schmähungen hören muss und große Betrübnis in mir ist, will ich lieber tot sein als leben! Herr, erlöse mich von dieser Not, erlöse mich zu deiner ewigen Stätte und wende dein Angesicht, Herr, nicht von mir. Lieber als große Not zu sehen, möchte ich sterben und keine Schmähungen mehr hören!

             Von diesen Worten her fällt ein fahles Licht auf die vorhergehenden Schuldbekenntnisse. Sind sie womöglich doch mehr aus dem Selbstmitleid geboren als aus eigener Einsicht? Sind sie nur das Zeugnis der Erschütterung, die der Rollentausch – er der Angewiesene, Hanna die Handelnde – mit sich gebracht hat?

Lieber tot als lebendig. Lieber tot als geschmäht. Er sieht sich zu Unrecht angegriffen, zu Unrecht mit falschen Schmähungen überzogen. Ist das seine Reaktion auf die wehrhaften Worte seiner Frau Hanna? Seine Frau Hanna aber hatte ihn mit keinem Wort geschmäht. Sie hat sich nur gegen seine Unterstellungen gewehrt. Von daher wäre dieser Ausbruch nicht nur ein wenig wehleidig. Oder ist doch das Maß jetzt voll – Schmähungen, der Spott der Nachbarn, die Erinnerung an die frühere Verfolgung? Lieber als große Not zu sehen, möchte ich sterben und keine Schmähungen mehr hören! Irgendwann ist das Maß voll, kann einer nicht mehr, wenn sich alles gegen ihn verschworen zu haben scheint. Dann ist der Tod, das alles vorbei ist, eine wirkliche Verlockung.

Die Herausforderung an unser Denken und Gauben:

Nur eine depressive Anwandlung? Oder ist das in diesem Gebet doch mehr? Es rückt diesen Tobit in die Nähe des Hiob, der ja auch an seinem Leben verzagt. Der Unterschied zu Hiob allerdings ist unübersehbar. Hiob stellt Gott für sein Unglück zur Rede. Er nimmt den Streit auf, weil er sich selbst gerecht weiß. Tobit dagegen sieht sich im Unrecht. Er versteht nicht, was ihm geschieht, aber er ist sich irgendwie sicher: es liegt an mir. Es fühlt sich resignativ an, unterwürfig, schicksalsergeben. Ist das eine Haltung, die die Lesenden an Tobit gewonnen sollen?

Mich beschäftigt ein anderer Gedanke noch: Manchmal öffnet die eigene Lebens-Situation den Blick für das, was in einem biblischen Text verhandelt wird. So geht es mir mit dieser Episode. Tobit muss sich durch seine Blindheit darin einfinden, dass er nicht mehr das Heft des Handelns in der Hand hat. Er ist angewiesen – auf seine Frau, auf ihre Arbeit, ihren Lohn. Das alles erschüttert ihn bis auf den tiefsten Grund seiner Existenz. Niemand aus der Familie hat ihn geschmäht. Nur er selbst hat kein gutes Haar an sich gelassen. Darum: Ich will lieber tot sein als leben!

Genau so etwas erleben wir im Augenblick hautnah. Es ist unendlich schwer sich damit abzufinden, nicht mehr selbst bestimmen zu können, so wie man es ein Leben lang geübt hat. Es ist unendlich schwer, hilfsbedürftig zu werden. Das bisherige Leben zerbricht und das neue Leben scheint in keiner Weise lebenswert. Es ist ein hartes Wort Jesu: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst.“(Johannes 21, 18) Es ist der harte Weg Gottes mit uns, dass Leben uns zerbricht – und der Weg zum neuen Leben geht nur durch dieses Zerbrechen des alten Lebens hindurch. Dies zu lernen und zu akzeptieren ist die Lebensaufgabe des Alters. Man kann und darf sich auch davor ein wenig fürchten. Aber „Altwerden ist ja auch nichts für Feiglinge.“(Fuchsberger)  

 

Heiliger Gott, Du ersparst uns nicht den Schmerz, nicht die Dunkelheit der Anfechtung. Du lässt es geschehen, dass wir irr werden an Menschen, irr auch an Dir.Manchmal sind wir bis zum Tode erschöpft, bis ins Aufgeben hinein verzagt, verwirrt ohne Ausweg. Manchmal scheint uns der Tod besser als das Leben.

Bewahre du uns vor einer Todessehnsucht, die das Leben gering achtet, vor einer Todessehnsucht, die sich den Kampf ersparen will, dem Schmerz ausweichen will. Gib, dass wir daran festhalten, immer,auch gegen die Einwände des eigenen Herzens. Das Leben ist Deine kostbare Gabe, die Du gibst und auch nur Du nehmen kannst. Amen