Wo bleibt das Mitgefühl?

Hiob 4, 1 – 21

1 Da hob Elifas von Teman an und sprach: 2 Du hast’s vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann’s?

             Jetzt erst bricht auch einer der Freunde das Schweigen. Weil es ihn innerlich zerrissen hat. Weil er nicht mehr zuhören kann, wie Hiob klagt. Was Hiob klagt. Weil er diese Anklage gegen das Leben nicht mehr aushält. Elifas aus Teman ergreift das Wort.  Es ist ein zögerliches Anfangen. Tastend, fragend: Du hast’s vielleicht nicht gern. Vielleicht aus Rücksicht auf den Zustand Hiobs, der ja doch angeschlagen ist, körperlich und auch seelisch. Vielleicht aber auch bestimmt durch einen Verdacht. Hiob wird resistent sein. Gegen Worte, gegen Trostversuche. Erst Recht gegen Widerspruch.

 3 Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt; 4 deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt.

             Es ist eine durchaus sinnvolle und auch ehrenvolle Erinnerung: Hiob selbst hat doch anderen auch gut zugeredet. Erfolgreich gut zugeredet. Sie unterwiesen. Sodass sie aufgerichtet worden sind. Sollte das also so sein, dass der, der andere getröstet und zurechtgebracht hat, selbst untröstlich bleiben muss?

Unwillkürlich lese ich mit: „Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“ (Jesaja 35,3) Wie es der Prophet fordert, so hat Hiob gehandelt. Sollte es nicht jetzt so sein, dass auch an ihm so gehandelt wird, dass er herausgeführt wird aus seinem Schmerz?

  5 Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du! 6 Ist nicht deine Gottesfurcht dein Trost, und die Unsträflichkeit deiner Wege deine Hoffnung?

 Jetzt wird es hart und Hiob wird weich. Das klingt wie: weinerlich. Alles, was Hiob früher gesagt hat, soll jetzt nicht mehr gelten? Weil es ihn selbst trifft? Sind denn alle früheren Worte Hiobs nur Makulatur? Jetzt hat, so Elifas, Hiob doch die Chance, die Wahrheit und Tragfähigkeit seiner guten Worte an andere zu bewähren. So sieht es Elifas und hat mit dieser Sicht eine gespenstige Nachbarschaft: „Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes.“(Lukas 23,35)Der Hohn in diesen Worten hat einen grausigen Vorlauf in den Worten des Elifas.

Wie oft haben es seitdem fromme Leute zu hören bekommen: Jetzt, wo es dich selbst trifft, wirst du ja Gelegenheit haben, deinen Glauben zu bewähren. Jetzt wird es sich zeigen, was an deinem Gott dran ist. Mich fröstelt, wenn ich mir dieses Denken und diese Sprüche vor Augen halte.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Elifas hält Hiob vor, dass seine frühere Frömmigkeit nur äußerlich war, sein Glauben nur Lippenbekenntnis. Was ist denn mit der Gottesfurcht als tragendem Fundament? Mit der eigenen Unsträflichkeit? Es ist, als würde Elifas die These des Satans aufgreifen und weiterführen. Die Frömmigkeit des Hiob geht nur so weit, wie es ihm gut geht.

Elifas sieht scharf – und übersieht doch: „Er nimmt den Wandel nicht ernst, der sich mit Hiob vollzogen hat, als dieser vom Zuschauerraum selbst in die Arena des Leides hinabsteigen musste.“(A. Weiser, aaO. S. 47) Es ist so wichtig, sich das immer wieder neu zu sagen: Was dich selbst betrifft, macht dich anders betroffen als das, was einen anderen betrifft. Darum gilt es, vorsichtig zu sein mit den eigenen Worten.

Elifas sieht nicht, dass bei Hiob genau die Fundamente, auf denen er selbst bis dahin zu stehen glaubte, bedroht sind: Gottesfurcht und die eigene Unsträflichkeit als Voraussetzung für das äußere Wohlergehen. Das ganze Leben des Hiob ist ins Wanken geraten, nicht nur ein paar theologische Überzeugungen.

7 Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?

Das ist, um es mit unseren Worten zu sagen, die Lehre der Weisheit vom Tun-Ergehen-Zusammenhang. Das eigene Tun wirkt sich aus auf das eigene Ergehen. Weil ich Gutes tue, geht es gut mit mir, weil ich übel handle, stellen sich Übel ein. Das ist das Lebensgesetz, das Gott in die Welt eingepflanzt hat. Das ist der Ausgangspunkt eines Denkens, das uns wieder und wieder begegnet, in der Weisheit Israels, in den Reden der Freunde Hiobs, aber auch in unserer Zeit. „Etwas von solchen Zusammenhängen konstruieren wir ja auch auf etwas differenziertere Art und Weise, wenn wir von Gesetzmäßigkeiten, Naturgesetzen, vom biologischen Gleichgewicht und gar vom Weltganzen sprechen. Damit die Welt stimmt, muss vieles ineinander greifen und  gut geordnet sein. Darüber gibt es mit Elifas nichts zu streiten.“(W. Reiser aaO. S. 44) Manchmal steckt dieses Denken verborgen in der Frage: Womit habe ich das verdient, das es mir so geht? Ich bin doch gut.

8 Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein. 9 Durch den Odem Gottes sind sie umgekommen und vom Schnauben seines Zorns vertilgt. 10 Das Brüllen der Löwen und die Stimme des Leuen und die Zähne der jungen Löwen sind dahin. 11 Der Löwe kommt um, wenn er keine Beute hat, und die Jungen der Löwin werden zerstreut.

             Was der Mensch sät, erntet er auch. Wer Gewalt sät, erntet Gewalt, wer Unheil aussät, erntet Unheil. Diese Sicht unterstreicht Elifas durch sein Beispiel: selbst Löwen kommen um, wenn ihnen die Beute ausgeht. Ihr Brüllen verliert an Kraft und an Angst-Potential. Unterstellt er damit diesem Häufchen Elend auf dem Aschehaufen: Früher warst Du, Hiob, wie ein gewalttätiger Löwe? Das wäre nur eine weitere Wiederholung seines Vorwurfes: Du machst dir über dich selbst etwas vor.

 12 Zu mir ist heimlich ein Wort gekommen, und von ihm hat mein Ohr ein Flüstern empfangen 13 beim Nachsinnen über Gesichte in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt; 14 da kam mich Furcht und Zittern an, und alle meine Gebeine erschraken. 15 Und ein Hauch fuhr an mir vorüber; es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe. 16 Da stand ein Gebilde vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht; es war eine Stille und ich hörte eine Stimme:

             Jetzt erhöht Elifas die Tonlage. Das, was er im Folgenden sagen wird, so seine Andeutungen, ist ihm zugewachsen. Als ein Wort, als ein Gesicht in der Nacht, aus einer Stille, die von einer Stimme gefüllt wird. So wird das Empfangen prophetischer Botschaften beschrieben. Der Schluss wirkt wie eine Anspielung auf die Erfahrung des Propheten Elia am Horeb: „Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?“(1. Könige 19,12-13) Was jetzt folgt, ist also, so der Anspruch des Elifas, nicht mehr „auf seinem Mist gewachsen“. Es ist Offenbarungswort!

Man kann schon fragen, ob Elifas der tröstenden und helfenden Kraft der eigenen Worte so wenig traut, dass er sie mit der Aura umgeben muss: prophetische Botschaften. Gotteswort.

 17 Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat? 18 Siehe, seinen Dienern traut er nicht, und seinen Boten wirft er Torheit vor: 19 wie viel mehr denen, die in Lehmhäusern wohnen und auf Staub gegründet sind und wie Motten zerdrückt werden!

             Vor Gott ist keiner gerecht, keiner rein, keiner tadellos. „Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht „einer.“ (Psalm 1,3) Aber was im Gebet als Klage vor Gott noch seinen Platz hat, wird hier zum Angriff auf Hiob: Wie kann Hiob nur dazu kommen, zu klagen? Hält er sich etwa für gerecht und rein? Sein Ergehen widerspricht doch dieser Selbsteinschätzung und widerlegt sie!

Aber nebenbei: Was für ein Bild von Gott zeigt sich hier? Gott ist misstrauisch, wie ein Despot! Selbst den Engeln, seinen Dienern traut er nicht uneingeschränkt. Wie viel weniger also den Menschen. Himmelweit ist das entfernt von dem Anfang des Hiob-Buches, in dem der Erzähler Gott als den zeigt, der auf Hiob traut, auf ihn setzt!

Kein Zweifel: Elifas gibt Gott ganz Recht und sieht im Schicksal des Hiob das von ihm vermutete Misstrauen Gottes bestätigt. Und sieht seine Sicht der Dinge als  die Wahrheit über Gott, unter die Hiob sich zu beugen hat.

 20 Es währt vom Morgen bis zum Abend, so werden sie zerschlagen, und ehe man’s gewahr wird, sind sie ganz dahin. 21 Ihr Zelt wird abgebrochen, und sie sterben unversehens.

Am Ende aber zeigt es sich: sie müssen dahin. Die Gewalttäter, die Großen, die sich selbst für gut erklären. Alle. Vergänglichkeit ist die Strafe für alle. Wieder greift Elifas auf die Gedankenwelt der Psalmen zurück, die auch in prophetische Worte hineinspielt.

Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind;                                                                       er gedenkt daran, dass wir Staub sind.                                                                                 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,                                                                           er blüht wie eine Blume auf dem Felde;                                                                           wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da,                                                       und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.           Psalm 103, 14 – 16   

Wieder wird aus einem Gebetswort, das dort zu Recht seinen Platz hat, ein Angriff auf einen geschlagenen Menschen. Es tut mir weh, wie aus guten Worten spitze Angriffswaffen werden. Und mahnt mich, vorsichtig zu sein mit meinen eigenen Worten.

Zum Weiterdenken

Es ist eine Mahnung, die sich nicht direkt aus dem Text ergibt. Sei vorsichtig damit, Worte aus ihrem ursprünglichen Zusammen heraus zu nehmen. Sie zu allgemeinen Wahrheiten zu machen. Gebetsworte sind Gebetsworte – und als solche kaum geeignet, zu Lehrsätzen zu werden. Es ist eine große Frage, auch weit über das Hiob-Buch hinaus: wie weit sind die biblischen Bücher, allesamt situationsbezogene Schriften, denn wirklich geeignet, die Grundlage für Dogmen, für Lehrsätze zu werden. Es ist ja nötig, solche Lehrsätze auch für den Glauben zu suchen. Es ist auch richtig, sie an den biblischen Texten zu messen. Aber dennoch ist Vorsicht geboten, wenn aus den biblischen Texten gewissermaßen Textmaterial für die Lehre gemacht wird.

 

Mein Gott, bewahre mich davor, Leidende so anzugreifen, dass ich sie auch noch beschuldige. Selbst Schuld. Du hast es dir zuzuschreiben, was dir geschieht.  Bewahre mich davor, das Leid anderer  so kühl, nur aus der Zuschauerperspektive zu sehen, zu beurteilen.

Gib Du mir, dass ich es nie vergesse. Du stehst neben den Leidenden als der, der an die tiefste Stelle allen Leidens gegangen ist, an den untersten Platz, ans Kreuz. Amen