Unbeirrt

Tobias 2, 1 – 10

 1 Danach, als Asarhaddon König war, kehrte ich in mein Haus zurück. Und meine Frau Hanna und Tobias, mein Sohn, wurden mir wiedergeschenkt. Und an unserem heiligen Wochenfest bereitete man mir ein herrliches Mahl, und ich setzte mich nieder, um zu essen.

             Es gibt, auch im Exil, auch im falschen Land eine Rückkehr in das eigene Haus. So etwas wie „heile Welt“. Am Wochenfest – schawuot -, fünfzig Tage nach Pessach ist die Familie wieder zusammen. Der gesetzestreue Tobit feiert die neuerliche Übergabe der Zehn Gebote im Kreis der Familie.

 2 Als mir der Tisch mit den vielen Speisen vorgesetzt wurde, sagte ich zu Tobias, meinem Sohn: Kind, geh hin, und wenn du unter unseren Brüdern, die nach Ninive verbannt wurden, einen Armen findest, der mit ganzem Herzen des Herrn gedenkt, so lade ihn ein, mit mir zu essen. Und siehe, mein Kind, ich will auf dich warten, bis du wiederkommst. 3 Da machte sich Tobias auf, um einen Armen unter unseren Brüdern zu suchen.

             Es ist ein Charakterzug, der Tobit kennzeichnet – er hat ein Herz für die Armen. Darum schickt er seinen Sohn Tobias, um nach einem Armen unter unseren Brüdern, aus dem Volk Ausschau zu halten. Es wirkt wie eine Einschränkung: der mit ganzem Herzen des Herrn gedenkt. Also nicht wahllos, sondern unter den Frommen soll Tobias suchen. Tobit ist nicht dem Gastgeber gleich, den Jesus schildert: „Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“(Lukas 14, 21-23) Tobias folgt der väterlichen Anweisung.

 Und als er zurückkam, sagte er: Vater! Und ich sagte zu ihm: Hier bin ich, mein Kind! Und er antwortete und sprach: Vater, siehe, einer aus unserem Volk wurde ermordet und ist auf den Marktplatz geworfen worden – dort liegt er nun erwürgt. 4 Da sprang ich auf und ließ das Essen stehen, ehe ich davon gekostet hatte. Und ich trug ihn weg vom Marktplatz und legte ihn in eine Hütte, bis die Sonne untergegangen war und ich ihn heimlich begraben konnte.

             Tobias findet keinen frommen Armen, wohl aber einen aus dem Volk ermordet und auf den Marktplatz geworfen. Das bringt den Vater Tobit in Erregung und in Bewegung. Einmal mehr kümmert er sich um den Toten, trägt ihn weg und sichert seine ordentliche Beerdigung. Das alles nicht als öffentliche Aktion, sondern heimlich. Es geht Tobit nicht darum, seine Pietät zur Schau zu stellen. Es geht um die Achtung vor dem Toten.

5 Dann ging ich zurück, wusch mich und aß mein Brot in großer Trauer. 6 Und ich dachte an das Wort des Propheten, das Amos über Bethel gesagt hatte: Eure Feiertage sollen in Trauer verwandelt werden, und alle eure Lieder in Wehklagen. 7 Und ich weinte.

             Über alledem wird Tobit in tiefe Trauer geführt. Das Wochenfest ist ihm kein Freudenfest mehr. Es scheint, dass – von seinem Wissen um Amos-Worte bestimmt – eher eine düstere Sicht auf die Zukunft seinen Blick trübt. Sind doch die Worte des Amos Gerichtsworte Gottes: „Ich will eure Feiertage in Trauer und alle eure Lieder in Wehklagen verwandeln. Ich will über alle Lenden den Sack bringen und alle Köpfe kahl machen und will ein Trauern schaffen, wie man trauert über den einzigen Sohn, und es soll ein bitteres Ende nehmen.“(Amos 8,10)Wer mit solchen Worten lebt und sie ernst nimmt, der ist nicht so leichthin unterwegs.

 Als aber die Sonne unterging, machte ich mich auf, hob ein Grab aus und begrub ihn. 8 Aber meine Nachbarn verspotteten mich und sagten: Fürchtet er sich nicht mehr? Erst neulich wurde er doch gesucht, um für solch eine Tat getötet zu werden. Da ist er davongelaufen – und siehe, schon begräbt er wieder die Toten!

             Sein Tun bleibt, obwohl in der Nacht, nicht verborgen. Es löst nicht nur Neugier, sondern auch Spott aus. Unter dem Motto: Er kann es einfach nicht lassen. Tobit steht als unverbesserlicher Gutmensch da – kümmert sich um Tote, die ihn nichts angehen und die doch nichts mehr von seinem Kümmern haben. Es ist seltsam: Seine selbstlose Tat findet kein positives Echo, sie wird ihm auch nicht als Zeichen der Furchtlosigkeit angerechnet. Nur als unverbesserliche Sturheit. Als abgehobene Frömmigkeit?

 9 Es geschah aber in derselben Nacht, da wusch ich mich und ging in meinen Hof und schlief im Schutz einer Mauer. Wegen der Hitze war mein Gesicht unbedeckt. 10 Ich wusste aber nicht, dass Schwalben über mir in der Mauer nisteten. Und ihr Dreck fiel heiß auf meine Augen und machte dort weiße Flecken.

             Nach getaner Arbeit legt Tobit sich im Hof schlafen. Schwalbenkot fällt auf die Augen des Schläfers und lässt ihn erblinden. Völlig, so dass er über Jahre hin nichts mehr sieht.

Da ging ich hin zu vielen Ärzten, um mich heilen zu lassen, aber je mehr Salben sie mir aufstrichen, umso mehr erblindeten meine Augen durch die Flecken, bis sie endlich ganz blind waren. Vier Jahre lang konnte ich damals meine Augen nicht gebrauchen. Und alle meine Brüder waren betrübt um meinetwillen. Achikar aber versorgte mich zwei Jahre lang, bis er nach Elam ging.

             Ein Arzt nach dem Anderen und keiner kann helfen. Im Gegenteil: alle Behandlungen führen nur zur Verschlechterung. Es ist, als würde sich der zynische Spruch bewahrheiten: „Sie sind noch gesund? – Sie sind nur noch nicht lang genug untersucht worden.“  

Es steht nichts davon da – aber es liegt auf der Hand: dieses Geschehen ist geeignet die Frage zu stellen: Lohnt sich denn Frömmigkeit? Was ist das für ein Gott, der seinen treuen Diener Tobit so ins Dunkel stürzen lässt. Es ist eine Hiobsgestalt, die da vor den Lesenden steht. Immerhin – er wird nicht ausgestoßen. Er findet Mitleid. Mehr noch: er findet in dem Neffen Achikar einen, der ihn über Jahre hin unterstützt. Erst als der den Ort wechselt – nach Elam geht, hört diese Unterstützung auf.

Die Herausforderung an unser Denken und Glauben:

             Es ist eine merkwürdige Spannung: Wir in unserer postchristlichen, säkularen Gesellschaft erwarten immer noch, dass Tun aus christliche Motiven heraus Respekt findet, anerkannt wird. Wir sind nicht darauf gefasst, als Exoten angesehen zu werden. Es ist gerade einmal 70 Jahre her, dass einer, der Juden versteckt hat, zum Staatsfeind geworden ist. Tobit, der in seinem Tun streng an die Tora gebunden ist, wird unter seinen Landsleuten in der Verbannung gleichwohl zum Außenseiter, Sonderling. Es ist nicht ausgemacht, dass das fromme Leben auch gesellschaftliche Achtung einbringt. Damals nicht. Heute nicht.

 

Heiliger Gott, sich zu Dir stellen, sich von Dir leiten lassen, an Deinem Erbarmen Maß nehmen – das ist der Weg des Glaubens. Wir sind nicht darauf gefasst, dass uns die Treue zu Dir einsam machen kann, zu Sonderlingen und Außenseitern, dass sie sogar in Konflikte bringen kann, nicht nur mit der Gesellschaft. Sogar mit dem Staat: Wer Menschen vor dem Ertrinken rettet, riskiert Gefängnis – in einem Land mit langer christlicher Tradition.

Gib Du uns, gib Du mir, dass ich mich nicht beirren lassen, wenn es um Schritte des Glaubens geht, die anderen zum Leben helfen. Amen