Gott wettet auf uns

Hiob 2, 1 – 10

 1 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan unter ihnen kam und vor den HERRN trat. 2 Da sprach der HERR zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 3 Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du Acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben.

 Wiederholt sich Geschichte nicht nur auf der Erde, sondern auch im Thronsaal Gottes? Jedenfalls ist es erstaunlich: es ist die gleiche Situation, wie sie bereits einmal geschildert ist. Die Gottessöhne vor dem Herrn und der Satan unter ihnen. Als wäre nichts geschehen – der gleiche Dialog. Immer noch rühmt der Herr seinen Knecht Hiob. Nur der Schluss-Satz weist darauf hin: Hiob ist Unheil widerfahren. Grundlos. Es hört sich an, als würde der Herr zu Satan sagen: Du hast mich verführt, Unrecht an Hiob zu handeln.

„Lässt Jahwe sich verleiten wie ein Mensch?“(P. Deselaers aaO. S. 29) Schon die Frage zu stellen, lässt aufmerken. Das Bild von dem unbewegten, ewig gleichen Gott, auf den kein Schatten fällt, ist massiv in Frage gestellt. „Jahwe darf doch kein Gott sein, der als willkürlicher Despot mit dem Menschen spielt, der den Menschen zum Objekt seines Tuns und zum Einsatz in einer Wette degradiert.“(P. Deselaers, ebda.) Damit wird deutlich: Es geht hier nicht nur um Hiob, um seine Bewährung, sondern es geht in gleicher Weise um Gott! Darum, wie er Gott ist, wie er sich verhält. Das Hiob-Buch wird nicht nur nach der Tragfähigkeit von Frömmigkeit fragen, sondern auch nach dem Wesen und Bild Gottes.

Man kann es überlesen – Gott hat schon registriert, wie sich Hiob verhält, dass er sich in seinem Unglück als ein Frommer bewährt hat: Er hält noch fest an seiner Frömmigkeit. Allem Unheil zum Trotz bleibt Hiob der, der er schon immer ist – ein gottesfürchtiger, frommer Mensch. Einer nach dem Herzen Gottes. „Das Festhalten an seiner Frömmigkeit ist auch im weiteren Verlauf seiner Leidensgeschichte ein Kennzeichen Hiobs.“(Hj. Bräumer aaO. S. 73)

Wobei ich gerne anders formuliert hätte: Er hält nicht an seiner Frömmigkeit fest, sondern an Gott. Nur – der Text steht in seinem Wortlaut gegen mein Empfinden.   Mir wäre es anders lieber, weil, wenn es hart auf hart geht, es ja nicht die Frömmigkeit ist, die einen hält, sondern Gott. Das klingt nach Haarspalterei, ist aber ein fundamental wichtiger Unterschied.

 4 Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben. 5 Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!

             Der Satan aber gibt nicht klein bei, überhört gewissermaßen den Vorwurf Gottes. Er geht seinerseits „zum Angriff“ über. Was bisher war, ging noch nicht wirklich unter die Haut. Wenn es aber Hiob selbst ans Leben geht, dann wird sich zeigen, wie es um seine Frömmigkeit steht.

Erst beim genauen Hinsehen fällt es auf. Strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an. Es ist der Versuch, Gott zu verleiten, selbst Hiob anzugreifen. Selbst Hiob Schmerz zuzufügen. Selbst als der Feind Hiobs zu agieren. Ihn selbst zur Absage zu verführen. Er will den, der seinem Wesen nach der Freund und Heiland, Hilfe und Retter des Menschen ist, dazu bringen, ihm feindlich, als Unglücksgott oder gar als Totengott entgegen zu treten.

Dann, wenn du, Gott, so mit ihm umgehst  – welche Provokation: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen! Es ist eine „grausame realistische Beurteilung des menschlichen Selbsterhaltungstriebes“(A. Weiser, aaO., S. 34) die der Satan hier anführt als sein Argument. Mit der er Gott noch einmal weiter herausfordert: so kenne ich Dein Geschöpf!

 6 Der HERR sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!

Der Herr aber lässt sich erneut auf die Provokation des Satans ein. Grundlos. Abgründig. So groß ist sein Vertrauen in Hiob! Es ist, als würde er zeigen wollen: ich kenne mein Geschöpf besser als du. Bin ich doch der Schöpfer. Aber: er verweigert, selbst der Handlanger des Satan zu werden. Er sei in deiner Hand. Zugleich setzt der Herr aber auch eine Grenze. Schone sein Leben. nǣfæš, Leben, ist mehr als nur, dass wir atmen, essen, schlafen, arbeiten, ruhen. Es ist unsere Lebendigkeit. Es ist unser Menschsein nach Leib und Seele. Daran darf der Satan nicht rühren. Er darf „weder das Leben noch die Seele Hiobs zerstören.“(Hj. Bräumer aaO. S. 76)Er darf sein Leben und damit Hiob selbst nicht ver-nichten.

 7 Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel. 8 Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche.

 Satan hat freie Hand und nützt sie. Böse Geschwüre. Der ganze Mann wird krank, von unten bis oben. Er wird ein Bild des Jammers, des Elends. Was seine Krankheit genau ist, ob „knolliger Aussatz“(A. Weiser, aaO.  S. 35)oder sonst eine üble, quälende Krankheit – was liegt daran. Der Erzählung liegt nicht wirklich an einer medizinischen Diagnose. Daran liegt ihr viel mehr, zu zeigen: Hiob ist ein geschlagener Mann. Am Ende.

 9 Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!

 Zum Schmerz, vielleicht auch zum Ekel vor sich selbst, kommt hinzu, was Hiob aus dem Mund seiner Frau hört. Es ist bestürzend: Genau die gleichen Worte hatte Gott als ein Lob über Hiob gesagt: Hiob hält noch fest an seiner Frömmigkeit. Aus diesem Lob Hiobs im Wort Gottes wird im Mund seiner Frau die Anfrage an Hiob. Die ihn in Frage stellt. Sie wird in ihrem Anfragen und erst recht in ihrer Aufforderung das Sprachrohr Satans: Sage Gott ab und stirb! Es ist vorbei mit dem Leben. Und überdeutlich: Mit ihren Worten stellt sie die Frömmigkeit Hiobs und damit sein Leben in Frage. Sie hat doch nichts gebracht. Sie hat nicht bewirkt, dass sie das Unheil aufhält.

Hiobs Frau rechnet nicht mehr mit einer Wende zum Guten. Sie erwartet kein Heil mehr,  Sie sieht allenfalls noch „die Befreiung vom sinnlosen und vom hilflos mit angesehenen Leiden selbst auf Kosten des Glaubens. Sie hat Gott abgeschrieben, wo es um die äußerste Grenze des Ertragbaren geht (W. Reiser, aaO.  S. 24) Was Hiob vielleicht noch bleibt, ist selbstbestimmtes Sterben.

Es ist, als ahnte Hiobs Frau: was meinen Mann noch am Leben erhält, ist keine Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern allein sein Glauben. Wenn er den loslässt, Gott loslässt, sich von ihm abwendet, dann wird wenigstens der Weg ins Sterben frei. Solange dieser Weg noch selbstbestimmt zu gehen ist. Das sinnlose Leiden hat dann ein Ende. Es ist wohl kein Zufall, dass sich das „modern“ anhört.

 10 Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

 Es ist nicht gerade geschlechtergerechte Sprache: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Immerhin: Hiob hört nur seine Frau. Er hört nur die Torheit, nicht, dass sie in Wahrheit  Sprachrohr des Satan ist. Das allerdings ist festzuhalten: „Hiobs Frau ist keine Adjutantin Satans, auch kein Organ Satans… Hiobs Frau ist nichts anderes als ein an Gott verzweifelnder Mensch.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 80) Kann man so weit gehen: Sie sagt, was sie sagt, weil sie diesen Mann auf dem Aschehaufen, in seinem Elend liebt?

Die Antwort Hiobs: Er hält fest an Gott. Er hat „verstanden“: wenn alles aus Gott kommt, das Gute und das Böse, dann gilt es eben auch, alles aus seinen Händen zu nehmen. Er hält daran fest, dass er über dem Bösen in der Gegenwart das gute, die Gaben der Vergangenheit nicht vergessen will. Hiob will nicht blind werden für seine guten Zeiten.

Zum Weiterdenken

Wir neigen dazu, die Worte Hiobs und sein Verhalten für eine resignierte Haltung zu halten. Schicksalsergebenheit darin zu sehen. Hiob erscheint hier unserem Denken wie ein fügsamer Dulder, der sich Gott gewissermaßen unter Preisgabe seines eigenen Willens und Fühlens unterwirft. Es ist ein sehr eigenwilliges Bild unserer Zeit: Dulder sind schwache Menschen.

Vielleicht ist gut für unser Verstehen, wir hören Worte des Dichters Eduard Mörikes gewissermaßen, obwohl unausgesprochen, in den Worten Hiobs mit:

 „Herr, schicke, was du willst, ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, dass beides aus deinen Händen quillt.“
E. Mörike 1848

Man wird schon zu fragen haben: Steckt hinter solche Worten nicht geradezu unglaubliche Kraft? Es könnte doch auch sein, dass die Worte des Hiob nicht einfach nur schicksalsergeben sind, sondern aus einer seelischen Stärke erwachsen, die wir nur nicht wahrnehmen. Auch aus einer Einstellung zu Gott, die alles andere als schwankend ist, die sich vielmehr in allem, wirklich in allem in Gottes Händen glaubt. Auf der Linie dieser Worte des Hiob liegt, was später Paulus schreiben wird: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“(Römer 8.28)

Es ist hart,  aber wohl richtig: Das einzige, was Hiob geblieben ist, ist seine Beziehung zu Gott. Alles andere hat er verloren. Würde er diese Beziehung aufgeben, so würde er sich selbst aufgeben. Das aber ist nicht der Weg des Hiob. Er hält an Gott fest. Und versündigt sich nicht mit seinen Lippen. Für mich bleibt offen, ob dieser Satz in die Vergangenheit gerichtet ist, auf die bisherigen Reaktionen des Hiob oder ob er nicht so etwas ist wie eine Vorschau: Was immer Hiob sagen wird – er löst sich damit nicht von Gott, sondert sich nicht von ihm ab.

Ich merke, wie mich das Nachdenken über diese Worte weiter treibt. Herausfordert, mir klar zu werden, ob mein Glaube so gestrickt ist: Gott um Gottes willen. Nicht: Gott, weil er „es“ bringt. Weil mein Leben dadurch reicher, tiefer, erfüllter wird. Es geht um den ganz und gar „nutzlosen“, zweckfreien Glauben. Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen –  aus dem einen Grund: Weil er Gott ist.    

 

Mein Gott, das kann ich nicht denken, dass Du mich zum Einsatz machst in Deinem Spiel, dass Du Dich verführen lässt, mich auf die Probe zu stellen, auf mich zu wetten. Das kann ich nicht denken, dass Du interessiert zuschaust, was wohl werden wird aus der Probe. Ob ich es schaffe treu zu bleiben, fromm und gottesfürchtig.

Gib Du mir, dass mich nichts von Dir wegtreiben darf, was ich im Leben erfahre, erleide. Kein Unglück, sei es noch so groß, und auch kein übergroßes Glück. Amen