Wechselhaft

Tobias 1, 10 – 22

 10 Als ich aber zu den Assyrern in Gefangenschaft gebracht worden war und gefangen nach Ninive kam, da aßen alle meine Brüder und die aus meinem Volk von den Speisen der Heiden. 11 Ich aber hütete mich, von den Speisen der Heiden zu essen.

           In der Fremde ist alles anders, schwieriger. Das Umfeld erfordert für andauernd Entscheidungen – wie verhalte ich mich? Es liegt so nahe, sich unter den schwierigen Umständen anzupassen, zu essen, was es gibt, auch von den Speisen der Heiden. Dennoch, Tobit schwimmt nicht mit bei den Anpassungsprozessen. Er bleibt der gesetzestreue Jude, der sich auch in der Fremde an die Regeln Gottes hält, hier an die Speisevorschriften, an die Unterscheidung von rein und unrein. Tobit isst koscher. Er hat keine Scheu, im Verhalten auffällig zu werden, unangepasst zu leben.

12 Und da ich mit ganzer Seele meines Gottes gedachte, 13 ließ mich der Höchste Gnade und Gunst bei Salmanassar finden, und ich kaufte für ihn alles, was er brauchte. 14 Und ich reiste nach Medien und kaufte für ihn dort ein, solange er lebte. Damals ließ ich bei Gabaël, dem Bruder des Gabri, im Lande Medien zehn Talente Silber zurück.

             Es ist wie im Märchen. Oder möglicherweise darf man sagen: es ist wie bei Joseph in Ägypten, wie später bei Daniel in Babylon: Gott lässt die Treue zu ihm nicht unbelohnt. Ein frommes Leben findet seinen Lohn sogar in der Ankerkennung durch die Umwelt, auch durch die Mächtigen. Tobit macht Karriere als Einkäufer für Salmanassar. Eine Karriere, die ihn zu einem wohlhabenden Mann werden lässt.

 15 Als aber Salmanassar starb und sein Sohn Sanherib König wurde an seiner statt, da wurden die Wege in Medien unsicher, und ich konnte nicht mehr dorthin reisen. 16 Auch in den Tagen Salmanassars erwies ich den Brüdern aus meinem Geschlecht viel Barmherzigkeit: 17 Die Hungrigen speiste ich, die Nackten kleidete ich, und wenn ich einen Toten aus meinem Volk sah, der hinter Ninives Mauer geworfen war, so begrub ich ihn.

             Könige gehen und andere kommen. Sanherib ist der König, unter dem die Belagerung und Eroberung Jerusalems droht – soweit die große Weltgeschichte. Tobit aber bleibt sich in seinem Handeln treu. Er übt die Werke der Barmherzigkeit. Nicht aus Eigennutz, nicht um sich durch seine Wohltaten andere zu verpflichten. Bestattung von Toten bringt nichts ein als Gegenleistung.

 18 Sanherib aber war in den Tagen des Gerichts, das der König des Himmels an ihm um seiner Lästerungen willen vollzog, aus Judäa geflohen.

             Es ist eine Anspielung auf das plötzliche Ende der Belagerung Jerusalems im Jahr 701. „Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des HERRN und schlug im Lager der Assyrer hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe, da lag alles voller Leichen. So brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog ab, kehrte zurück und blieb zu Ninive.“(2. Könige 19, 35-36) Schon vor Jerusalem hat sich Sanherib als hart, erbarmungslos, gefühlskalt erwiesen.

 Wenn er jemanden tötete, so begrub ich ihn. Denn in seinem Zorn tötete er viele der Israeliten. Da stahl ich ihre Leichname und begrub sie. Sanherib aber suchte sie und fand sie nicht. 19 Doch einer aus Ninive ging hin und zeigte mich beim König an, dass ich sie begrub. Da verbarg ich mich. Als ich aber erfuhr, dass der König über mich Bescheid wusste und ich gesucht wurde, um getötet zu werden, fürchtete ich mich und flüchtete. 20 All mein Hab und Gut wurde mir geraubt. Mir blieb nichts, was nicht zum königlichen Schatz zugeschlagen wurde, außer meiner Frau Hanna und meinem Sohn Tobias.

     Es mag sein, diese schmähliche Flucht vor Jerusalem hängt dem neuen König nach, macht ihn besonders hart seinen jüdischen Exulanten gegenüber. Er ist rasch bei der Hand mit der Todesstrafe. Die trifft auch zahlreiche Israeliten. Tobit erweist so hingerichteten Leuten die letzte Ehre. Er bewahrt sie vor dem Preisgegeben-Sein an Aas-Geier und Hunde, vor dem Verscharrt-Werden. Er übt Leichendiebstahl und begräbt sie – heimlich. Mit seiner Bestattungspraxis gerät Tobit – auch, weil er angeschwärzt wird – ins Visier des Königs.

Es ist eine weit entfernte Parallele in der griechischen Erzählwelt. Da wird Antigone zum Objekt des Zornes des Kreon, weil sie den toten Bruder beklagt und bestattet. (Sophokles, Antigone) Es ist zu allen Zeiten gefährlich, denen die letzte Ehre zu erweisen, die der Staatsmacht zum Opfer gefallen sind. Dass sich Tobit so renitent verhält, erregt den Zorn Sanheribs und so wird Tobit gesucht, gejagt, um getötet zu werden. Er muss fliehen und verliert alles, außer meiner Frau Hanna und meinem Sohn Tobias. Enteignung zugunsten der Staatskasse – ein uraltes Rezept. Besonders gerne geübt im Staaten, die diktatorischen Machthabern unterstehen.

21 Doch es waren noch keine vierzig Tage vergangen, da wurde der König von zwei seiner Söhne erschlagen, und sie flohen in das Gebirge Ararat. Da wurde sein Sohn Asarhaddon König an seiner statt.

Wieder liegt die Parallele zu dem Königebuch auf der Hand: „Und als er anbetete im Haus seines Gottes Nisroch, erschlugen ihn mit dem Schwert seine Söhne Adrammelech und Sarezer, und sie entkamen ins Land Ararat. Und sein Sohn Asarhaddon wurde König an seiner statt.“(2. Könige 19, 37) So viel zum historischen Kontext der Erzählung.

 Der setzte Achikar, den Sohn meines Bruders Hanaël, über den gesamten Schatz seines Reiches, und er erhielt Macht über die ganze Verwaltung. 22 Damals legte Achikar Fürsprache für mich ein, und ich kam zurück nach Ninive. Achikar war nämlich der oberste Mundschenk, Siegelbewahrer, Verwalter und Schatzmeister unter Sanherib, dem König der Assyrer. Und Asarhaddon setzte ihn wieder in sein Amt ein. Achikar war mein Neffe und aus meiner Verwandtschaft.

Für Tobit ist dieser Tod und Regierungswechsel ein Glücksfall. Er wird rehabilitiert – durch seinen Neffen Achikar, der das Vertrauen des neuen Königs genießt. Obwohl Achikar schon unter Sanherib gedient hatte. Auch hier wieder steht im Hintergrund die Überzeugung: Gott hält seine Hand über seine Leute.

Zum Weiterdenken

Was da so unbefangen erzählt wird, hat aus heutiger Sicht ein Geschmäckle. Es sind seine verwandtschaftlichen Beziehungen, die Tobit zustattenkommen. Heute würde man vielleicht sagen: Seilschaften. Es riecht fast ein bisschen nach Korruption. Wer aber ehrlich ist, wird auch sagen müssen: Wer niemand kennt, wer keine Beziehungen hast – damals wie heute- der bleibt draußen vor. Es braucht den Mann, die Frau, die ein gutes Wort für einen anderen einlegt. Fürsprache.

Ohne Fürsprache ist man arm dran. Das weiß auch der biblische Text, weit über das Buch Tobit hinaus. „Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur rechten Gottes ist und für uns eintritt.“(Römer 8. 34)   

Wechselfälle im großen Geschehen der „Weltpolitik“ haben ihre Auswirkungen bis in das einzelne Leben hinein. „Ich glaube nicht an Zufälle“ sagt Kriminalkommissarin Ann Kathrin Klaasen wiederholt. (K. P. Wolff – Ostfriesen-Krimis) Wer nicht an Zufälle glaubt, muss mit Zusammenhangen rechnen. Auch wenn sie nicht offen zu Tage liegen. Manchmal profitieren wir, manchmal werden wir in Mitleidenschaft gezogen. Die Schilderung verrät etwas von der inneren Unabhängigkeit, die solche Wechselfälle zu bestehen hilft.

Zum Glück aber: Die frommen Erzählung verzichtet zum Glück auf eine theoretisches, theologische Konzept. Kein Wort von der providentia dei, der Vorsehung Gottes. Kein Wort davon, dass Gott hier leise feine Fäden spinnt. Es geschieht und die Leser sind gefragt, was sie hinter dem vordergründigen Geschehen als göttlichen Hintergrund glauben.

 

 

Gott, Du Herr Himmels und der Erde. Du hast die Weltgeschichte in der Hand und Du hältst Deine Hand über uns, unser kleines Leben. Das große und das kleine Geschick – alles hat seinen Grund in Dir. Manchmal werfen große Ereignisse tiefe Schatten, manchmal gibt es auch eine glückliche Wende, weil die Machtverhältnisse wechseln.

Wir fühlen uns leicht einmal ausgeliefert, wie ein Spielball der Mächtigen. Du aber vergisst uns nicht. Darüber lobe und preise ich Dich. Amen