Hiobs-Botschaften en gros

Hiob 1, 1- 22

1 Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

             Es fängt wie ein Märchen an: es war einmal… Es wird aber ganz und gar nicht märchenhaft weitergehen. Es ist auch völlig offen, ob hinter den kargen Sätzen eine geschichtliche Persönlichkeit steht oder ob in Hiob eher ein „Typus und Beispiel, in dem zugleich des Dichters eigene Erfahrungen zu Worte kommen“ (A. Weiser, Das Buch Hiob, ATD 13, Göttingen 1968, S.27), zu sehen ist.

Weil das Land Uz nicht geographisch zu greifen ist, weil es so vage anfängt, ist es gut, sich einfach auf die Worte zu konzentrieren. Der Namen des Landes wird darauf hindeuten: Hiob ist kein Israelit, keiner aus dem Samen Abrahams, keiner, auf dem die Verheißungen des Segens liegen. Er gehört zu den Gestalten in der hebräischen Bibel, die jenseits der Grenzen Israels,  doch ein Leben führen, das unter den Augen Gottes gelebt wird.

„Zwei Wortpaare kennzeichnen Hiobs fromme Lebenshaltung: er ist untadelig und gerade heraus, fürchtet Gott und widersteht dem Bösen.“ (H. Flender, Ein Mensch ringt mit Gott. Hiob, Arbeitsheft zur Bibelwoche, Gladbeck 1983, S. 11)  Vielleicht ist er ein Edomiter, aber trotzdem erscheint er wie das ideale Bild eines Gerechten Israels: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Dennoch kann es verwundern, dass er so hervorgehoben wird: „Wenn dann diese drei Männer im Lande wären, Noah, Daniel und Hiob, so würden sie durch ihre Gerechtigkeit allein ihr Leben retten, spricht Gott der HERR.“ (Hesekiel 14,14) Hier wird Hiob in einem Atemzug genannt mit dem Gerechten Noah und dem Propheten Daniel.

Hiob ist einer, so die knappe Charakterisierung, der gut mit Menschen umgeht und der darauf achtet, dass er auch Gott entspricht, sich an seine Ordnungen hält. Seine Gottesfurcht lässt ihn sich ethisch sorgfältig verhalten. Nicht furchtsam, sondern bedacht.

  2 Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, 3 und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

Das ist das Bild eines reichen Menschen. Eines glücklichen Menschen. „Ein intakter Mensch in einer intakten Welt….Das tönt so einfach, wie wenn es selbstverständlich wäre, dass ein Mensch so ist.“(W. Reiser, Hiob. Ein Rebell bekommt Recht, Stuttgart 1991, S. 8) Es hört sich nach heiler Welt an. Wer würde mit diesem Mann und seiner Lebens-Situation nicht tauschen wollen. Söhne, Töchter, Reichtum, Glück – kurz: Wohlstand. Um Hiob steht es gut.

 4 Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. 5 Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.

             Es sind Szenen, die einen besorgten, sorgsamen Vater zeigen. Einen, der seinen Söhnen und Töchtern Freiheit lässt, ihnen ihre Feste gönnt, sie nicht ängstlich einengt. Wohl aber sich selbst in der Pflicht sieht: für sie einzustehen. Seine Opfer sind Fürbitte für die Söhne, sind eine Art Stellvertretung. Wenn sie gottvergessen sein könnten, so will er das für sie nachholen. „Ijob weiß sich selbst für seine Kinder verantwortlich und stellt die bei den Gelagen möglicherweise gestörte Ordnung durch Opfer regelmäßig wieder her.“(P. Deselaers, in: Sehnsucht nach dem lebendigen Gott. Das Buch Hiob; Bibelauslegung für die Praxis 8, Stuttgart 1983, S. 18) Es ist das sympathische Bild eines Vaters, der seine Kinder nicht anpredigt, nicht fromm malträtiert, sondern betend und opfernd für sie eintritt.

Was für ein Bild von Gott wird hinter solchem Verhalten des Hiob  sichtbar? Nur – darin ist er uns, allen Eltern doch auch wieder ganz nah: Es ist das „Recht der Eltern“, sich um die Kinder zu sorgen. Nicht nur um die kleinen, auch um die Erwachsenen. Dass es gut gehen wird mit dem, was sie hoffen, planen, tun. Das es gut werden wird mit ihnen, auch wenn sie durch Krisen gehen. So lese ich dieses Opfern des Hiob – und fühle mich ihm verbunden: Möge es doch mit meinen Kindern gut gehen. 

 6 Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen.

Szenenwechsel – aus Uz  in den Himmel. Oder vorsichtiger: vor den HERRN. Dort sind die Göttersöhne in einer Art Ratsversammlung zusammen und unter ihnen der Satan. Es ist wichtig, sich klar zu machen. Hier redet ein alter Text, in dem es noch keine ausgeprägte und ausgefeilte Vorstellung vom Satan gibt. Wohl aber das Wissen, dass er eine Rolle wahrnimmt, die Rolle des Anklägers. Man könnte auch sagen: die Rolle des Anwaltes der Heiligkeit Gottes. Man darf bei dem Stichwort Satan nicht gleich an den  Widersacher Gottes denken, der ihm die Welt abluchsen will. Es genügt, dass er, wie sich im Gespräch zeigen wird, sein Widerpart ist, der ihm widerspricht.

  7 Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen. 8 Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

             Es entspannt sich ein Dialog, in dem Gott sich stolz zeigt – nicht auf sich selbst und sein  gelungenes Werk, sondern auf Hiob. Was für eine Vorstellung – und wie fremd für christliche Ohren: Gott ist stolz auf seinen Menschen, voller Wohlgefallen an einem von ihnen. Er sieht einen und sagt: unvergleichlich. Einer, wie ich ihn mir gedacht habe. Und Gott greift zur Beschreibung Hiobs zurück auf die Worte des Erzählers: fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Was die Leute über Hiob sagen, stimmt – sagt der HERR.

Mein Knecht Hiob sagt Gott und ist „stolz“ darauf. Darauf setzt Gott: „Die Freiheit, in der Hiob Gottes Knecht ist, bewährt sich in seinem Verhalten: Darin nämlich, dass er – das ist es, was der Satan bezweifelt und worauf Jahve jene Wette eingeht – umsonst uninteressiert, weder durch jenes Maximum göttlichen Segen bedingt noch durch jenes Minimum verhindert, weder als Lohnverdiener noch als  Lohnempfänger, sondern gratis gottesfürchtig ist: ohne einen weiteren Grund außer dem, dass Jahve Gott, sein Gott ist.“(K. Barth, Kirchliche Dogmatik IV/3, Zürich 1959, S. 447)  Umsonst– chinnam.    

9 Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?  10 Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande. 11 Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt’s, er wird dir ins Angesicht absagen!

             Der Satan, Widerpart Gottes, Realist, hält dagegen. Ein Skeptiker, wenn es um die selbstlose Frömmigkeit von Menschen geht. Es lohnt sich doch auch für ihn. Er ist doch einer, von dem gilt: Du hast das Werk seiner Hände gesegnet. Es geht ihm gut – und weil es ihm gut geht, ist er fromm. „Seine Frömmigkeit ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.“(Hj. Bräumer, Das Buch Hiob, 1.Teil, 1 – 19, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1992,S.46)

Das ist die Gegenthese zu dem, was fromme Leute heute gerne sagen: `Den Leuten geht es zu gut, deshalb sind sie nicht mehr fromm. Ginge es ihnen schlecht, würden sie wieder nach Gott fragen. Not lehrt beten. Wohlstand macht die Kirchen leer.´ Mich macht nachdenklich, dass der Satan so auf die Not setzt, um Hiob von Gott abzubringen, auf den Schmerz, auf das Leid.

Es ist eine Anfrage an Konzeptionen, die bis heute in Schwang sind: Glaube ist dadurch gerechtfertigt, dass er nützt. Er muss sich nicht in Heller und Pfennig rechnen, nicht in Karrieregewinnen und Lebenssteigerung, Aber er muss sich lohnen. Wie oft habe ich das selbst gesagt: Ich habe durch den Glauben eine Zuflucht, eine Adresse für meine Fragen und Klagen. Einen Ort, an dem ich geborgen bin. Glaube lohnt sich.

Damit aber gehe ich dem Satan auf den Leim. Das ist ja seine Unterstellung: Hiob glaubt nur, weil und solange es ihm etwas bringt. Gott allein um Gottes willen, Gaube, der nichts nützt, nichts bringt – das gibt es nicht.  Es ist eine offene Frage, die wohl jede und jeder für sich beantworten muss: Ist mein Glauben an Gott nur ein Glauben für gute Tage? Oder ist es ein Glaube, der mich standhalten lehrt?

Satan fordert Gott heraus: wenn du so auf Hiob baust – stelle ihn doch auf die Probe. Lass sehen, ob er dabei bleibt: Gott ist gut, wenn du ihn antastest, seinen Besitz, seine Habe, sein Ein und Alles.

Keine Wette, aber eine Probe. Wie standfest ist Hiob mit seinem Glauben? „Ob Gott wirklich allein der Herr, Motiv und Ziel der Frömmigkeit ist, kann und muss sich erst erweisen, wenn die schützende Mauer fällt; wenn der Mensch, aller Güter beraubt, noch an Gott als seinem einzigen Gut festhält, dann ist Gott gerechtfertigt.“(A. Weiser, aaO., S.31) So steht also nicht nur Hiob vor einer Probe, sondern Gott selbst wird auf die Probe gestellt: Macht Gott sich etwas vor über die Qualität seines Menschen? Über diesen Vorzeigemenschen Hiob? Es gehört zur tiefen Sicht des Buches Hiob: Mit dem Menschen  und seiner Bewährung steht immer auch Gott und seine Klarheit mit auf dem Spiel.

12 Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht.                                                     

Gott aber lässt sich darauf ein, dass Hiob „geprüft“ wird. Alles, was er hat. Sein Hab und Gut. Seine Kinder, Söhne und Töchter. Wie nebenbei wird deutlich: sie sind Habe des Vaters. So vermögen wir heute nicht mehr zu denken Und doch sagen auch wir „mein Sohn, meine Tochter“, als wären sie unser Besitz.

Das ist Gottes Gegenposition zu der These des Satans: Gott setzt auf Hiob. Er wird festhalten, auch wenn es nichts nützt, nichts bringt. Er glaubt an mich, hängt an mir, aus dem einen Grund: um meinetwillen.

Es ist unheimlich: was wir lesen, ist Hintergrund, von dem Hiob nichts weiß. Nie etwas erfährt. Dass er Gegenstand eines Dialogs im Himmel ist, dass das Vertrauen Gottes auf ihm ruht, das weiß Hiob nicht. Es ist verrückt, aber vielleicht genau das, was wir hier lesen können: Gottes Zutrauen zu uns ist größer, als wir es je wissen und vermuten können.

Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.

             Jetzt kann der Satan handeln. Er hat freie Hand. Es ist mehr als nur ein „Zulassen“, dieses Wort Gottes an den Satan. Es hat etwas von einer Ermächtigung. „Satan macht sich unverzüglich ans Werk; und das Unheil schreitet schnell.“ (A. Weiser, aaO., S.31)

13 An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,  14 kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide, 15 da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

 Es ist wie in einem Film, einem Horror-Film. Eben noch wird der Blick auf ein Fest gerichtet, friedlich, unbeschwert, sorglos. Die Söhne und Töchter Hiobs sind zusammen bei dem Erstgeborenen und feiern. Sie machen Party.

Der Vater ist zu Hause. Ein Bote nach dem anderen trifft bei ihm ein. Der erste: Räuber fallen über die Leute her, die bei der Feldarbeit sind. Sie erschlagen die Knechte und rauben die Tiere, fünfhundert Rinder und fünfhundert Eselinnen. Nur einer entkommt. Um die Botschaft zu überbringen. Hiob hört. Keine Reaktion.

 16 Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Liegt  es daran, dass der erste Bote sogleich von einem zweiten regelrecht „überstimmt“ wird? Und der wieder von einem Dritten und dieser von einem Vierten? „Wie eine Besatzungsmacht, die fremden Befehlen folgt, wirkt diese Serie.“(P. Deselaers, aaO., S.23) Der zweite Akt der Serie: Diesmal nicht menschliche Bösartigkeit, sondern Feuer Gottes. Blitzschlag. Siebentausend Schafe und ihre Hirten – verloren.

 17 Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

Es geht weiter, Schlag auf Schlag. Wieder ein feindlicher Überfall. Die Chaldäer haben angegriffen,„räuberische Beduinenstämme aus der syrischen Wüste“ (Hj. Bräumer, aaO., S.60) Dreitausend Kamele und die Knechte, geraubt und erschlagen. Wieder entgeht nur einer dem Gemetzel, dem Überfall, ein Unglücksbote.

18 Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen, 19 und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte.

             Als wäre es noch nicht genug, kommt ein vierter Bote. Und berichtet von einem großen Wind aus der Wüste, einem Schirokko, der das Haus eingerissen und alle Kinder Hiobs unter den Trümmern begraben hat. Wie von selbst stellen sich Bilder ein, von Erdbeben, Orkanböen, Windhosen. Von der unfassbaren Gewalt der Natur, die alles niederreißen kann.

Und wieder: einer ist entronnen, dass ich dir´s ansage. „Viermal – und das will im Anklang an die vier Himmelsrichtungen sagen: von allen Seiten – treffen ihn Hiobsbotschaften.“(P. Deselaers, aaO. S. 23)

Von allen Seiten hagelt es Unheils-Botschaften. Hiobsbotschaften. Hiob ist vom Unglück umstellt und unwillkürlich fragt man sich: und wo ist Gott jetzt? Der Satz der  Boten, der sich ja unheimlich gleichförmig wiederholt: ich allein bin entronnen, dass ich dir’s ansagte. erweckt und verstärkt den Eindruck: Das alles geschieht um Hiobs willen. Man möchte schreien: Nein, um Gottes willen, nein.

So rasch prasseln die Botschaften auf ihn nieder, dass Hiob gar nicht zur Besinnung, zu Worten kommt, auch gar nicht dazu kommt, sich zu erheben, sich zu stellen. Der ganze Reichtum Hiobs – an einem Tag dahin.

20 Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief 21 und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! –

             Endlich steht Hiob doch auf. Stellt sich seinem Unglück. Es ist ein Trauer-Ritus, der hier sichtbar wird. Tief verborgen in dem Ritus die Emotionen. Geschützt und gestützt. Und dann, zu Boden geworfen, endlich Worte. Worte voller Schicksalsergebenheit? Aller seiner Habe und seiner Kinder beraubt sieht Hiob sich nackt – wie am Anfang. So wird auch das Ende sein.

Dem Mutterleib entspricht der Erdboden, der die Toten aufnimmt. Es ist das Wesen des Lebens, aufs Äußerste reduziert: „Wie einer nackt von seiner Mutter Leibe gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und trotz seiner Mühe nimmt er nichts mit sich in seiner Hand, wenn er dahinfährt.“(Prediger 5,14)Man kann fragen: Ist das Resignation, Schmerz, der sich das Klagen verbietet oder ist das eine, zumal in Hiobs Situation, geradezu erschütternde Nüchternheit?

Und dann das andere Wort: Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! – allzu oft als rasches Trostwort missbraucht. „Ich kann den Spruch Hiobs nicht anders als in der Ich-Form hören und nachstottern. Es ist ein persönliches Bekenntnis, nicht ein Dogma. Es ist nicht einmal ein Glaubenssatz, der übertragbar wäre. Es gibt keine generelle Antwort. Gott ist keine Erklärung für alles, was geschieht.“ (W. Reiser, aaO., S.20) Wohl wahr: dieser Satz Hiobs gehört zu den Sätzen, die man nur für sich selbst sagen kann, die man nicht anderen sagen darf, die sich eben nicht als Trostsatz für andere eignen.

Getroffen und geschlagen: Vom Leben gebeutelt. Zu Boden geworfen. Und dennoch: der Name des Herrn sei gelobt. Hiob „tut das direkte Gegenteil von dem, was der Satan erwartet.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 68) Er segnet Gott, wo der Satan Fluch erwartet hätte. Oder Absage an Gott. Abwendung.

Mir kommt die Frage, ob es stimmt, dass diese Worte Hiob als einen demütigen Dulder zeigen. Der sich widerspruchslos unter das Schicksal beugt. Sich ergibt. Vielleicht aber haben seine Worte nichts mit seinem Gemütszustand zu tun, taugen nicht für eine Analyse seiner Emotionen.  Sie könnten ja auch einfach sagen, wie Hiob – und der Hiob-Erzähler- das Leben und sein Geschick sieht.

Leben ist Gottes Gabe. Die Güter des Lebens sind Gottes Leihgabe. Er kann sie auch wieder nehmen. Auch das Nehmen des Lebens ist Gottes Recht und Gottes Tat. Ganz nahe ist dieses Sicht an den Worten des Predigers: „Alles unter dem Himmel hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit. Sterben hat seine Zeit.“(Prediger 3,1.2)Es mag sein, das klingt nach Fatalismus. Auch nach Resignation.

Zuhause, in der kargen Landschaft des Westerwaldes, bin ich gelehrt worden: Man muss sich schicken in das, was ist. Das ist nicht gerade die Parole, aus der Rebellen schöpfen. Aber es ist ein Satz, der hilft, weiterzumachen. Tapfer den nächsten Schritt zu gehen.

22 In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.                               

Es ist die Tugend der „Aphatia“, die hier sichtbar wird. Distanz  von dem, was gerade ist, mich zu Boden wirft. Eine Tugend, die die Wüstenväter hoch preisen, während uns die Apathie mehr wie ein Krankheitszustand vorkommen will. Apathia meint: „Ich schaue meine Gedanken und Gefühle an, aber ich identifiziere mich nicht damit.“(A. Grün, Der Himmel beginnt in dir. Das Wissen der Wüstenväter für heute. Freiburg 1994, S.105) Hiob bleibt, so lese ich diesen Satz, seltsam frei, obwohl er doch so tief getroffen ist.

Zum Weiterdenken

Mich beschäftigt ein Gedanke: Manchmal erzählt die Bibel ja wie im Zeitraffer-Stil. Was sich über lange Zeit hin abspielt, wird in wenige Sätze zusammengepresst. Schlag auf Schlag treffen die Hiobs-Botschaften ein. Auf einen Tag. Und dies suggeriert: Am gleichen Tag noch sagt Hiob sein: Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! – So rasch. Zu rasch?

Wäre es denn einfacher für uns Lesende heute, wenn Hiob sein Wort erst nach Jahren sagen würde? Nach einem langen und schmerzhaften Trauer-Prozess? Nach einem inneren Ringen, nach langen Gesprächen mit Freunden, deren Zeugen wir werden? Wäre es wirklich einfacher, wenn diese Worte erst am Ende des Hiob-Buches stünden, in Kapitel 42, nach den Aufschreien, Klagerufen, Zornesausbrüchen?  Auch da könnten sie stehen und hätten ihren sinnvollen Platz – als Ergebnis eines Trauerweges, den wir nachvollziehen können, auch wenn wir ihn nicht teilen.

Frei – und vor Gott. Das Ziel dieser Prüfungen, das Ziel der Schicksalsschläge ist aus der Sicht Satans verfehlt, aus der Sicht Gottes aber erreicht. „Obwohl sich für Ijob alles drastisch verändert hat, obwohl die Grundlage seines Glücks zerstört ist, bleibt er Jahwe treu. Darin ist er der vollkommene Weise.“(P. Deselaers aaO., S.25) Es scheint, als würde das Menschenvertrauen Gottes belohnt.

 

Mein Gott, wenn mich das Leben als Schmerz trifft, Leiden, sind alle meine Sinne wie betäubt, habe ich keine Worte mehr, weiß ich nicht mehr aus noch ein.

Was mir bleibt: stillhalten, manchmal auch nur sich selbst verschließen, nicht wahr haben wollen, weil die Wahrheit zu schrecklich ist. Um Fassung ringen, um Haltung, damit ich vielleicht doch irgendwann wieder erfahre: Du hältst mich, tausend Klafter über dem Abgrund. Aber Du hältst fest. Amen