Gott treu bleiben

Tobias 1, 1 – 12

1 Dies ist das Buch der Geschichte Tobits, des Sohnes Tobiëls, des Sohnes Hananiëls, des Sohnes Aduels, des Sohnes Gabaëls, des Sohnes Rafaëls, des Sohnes Raguëls, aus dem Geschlecht Asiëls aus dem Stamme Naftali.

             Kein Mensch fällt vom Himmel. Alle sind sie Glieder in einer Kette der Generationen. Es ist ein Anfang, wie ihn die Autoren der hebräischen Bibel lieben. Die Herkunft eines der Protagonisten wird geklärt. Tobit ist einer aus dem Stamm Naftali. Immerhin sieben Generationen werden aufgezählt. 

 2 Der wurde aus Tischbe mit in die Gefangenschaft geführt zur Zeit Salmanassars, des Königs von Assyrien. Tischbe aber liegt südlich von Kedesch Naftali in Galiläa oberhalb von Hazor und nordwestlich von Fogor.

            Tobit lebte in Tischbe. Er ist also ein Galiläer. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Galiläa ja nicht den besten Ruf hat – gilt es doch, vermutlich nicht nur für  Jesaja, als das „Galiläa der Heiden.“(Jesaja 8,23) Diese Einschätzung, Geringschätzung erhält sich durch die Zeiten hindurch. Tischbe ist nicht unbedingt ein bedeutender Ort, aber aus ihm kommt immerhin einer der großen Propheten Israels: „Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab.“(1. Könige 17,1) Zusammen mit dieser Ortsangebe wird auch – vorerst – die Zeit geklärt, in die die Erzählung führt. Sie spielt  zur Zeit Salmanassars, des Königs von Assyrien. Gemeint ist wohl Salmanassar V. (726 – 722) In dessen Regierungszeit fällt der Fall des Nordreiches und die erste Deportation von Juden in Richtung Osten.

Es ist für Leser*innen des Buches wichtig, sich vor Augen zu halten: die erzählte Zeit, in der die Erzählung „spielt“, muss nicht zwangsläufig auch die Zeit sein, in der sie entstanden ist. Es liegen manchmal Jahrhunderte zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Das kennen wir von vielen Theaterstücken und Romanen. „Ben Hur“ spielt zur Zeit Jesu, in den Anfangsjahren des 1. Jahrhunderts, aber geschrieben ist der Roman im  Jahr 1880.

 3 Ich, Tobit, wandelte mein Leben lang auf den Wegen der Wahrheit, übte gerechte Werke und erwies meinen Brüdern viel Barmherzigkeit und meinem Volk, das mit mir in die Gefangenschaft in das Land Assyrien nach Ninive gezogen war.

             Es ist eine Art Vorstellungsrede“, mit der Tobit hier auftritt. Für diese Passage ist er der Ich-Erzähler. Ein frommer Mann – auf den Wegen der Wahrheit ein Wohltäter, einer, der Barmherzigkeit übt. Diese formelhaft wirkenden Selbstbezeichnungen klingen, als würde durch sie die Zugehörigkeit zu einer besonderen Frömmigkeitsrichtung geklärt. Der Mann aus dem verachteten Galiläa hat diese Frömmigkeit auch auf dem Weg ins Exil bewährt. Jetzt, so muss der Leser schließen, zur Zeit seines Erzählens, lebt er in Ninive. Weit ab vom heiligen, gelobten Land.

 4 Als ich noch ein junger Mann in meiner Heimat im Land Israel war, fiel der ganze Stamm meines Vaters vom Haus meines Vaters David und von der Stadt Jerusalem ab. Sie aber ist aus allen Stämmen Israels erwählt, damit man dort opfere, und der Tempel der Wohnung Gottes ist dort geheiligt und erbaut für alle Geschlechter auf ewig. 5 Alle meine Brüder und das Haus meines Vaters Naftali opferten dem Kalb, das Jerobeam, der König von Israel, in Dan auf den Bergen Galiläas gemacht hatte.

Man kann noch den Schmerz spüren: Seine ganze Verwandtschaft ist von Juda und Jerusalem abgefallen. Sie haben sich zum Nordreich geschlagen, den Stierbildern geopfert, die Jerobeam errichtet hatte. In den wenigen Sätzen wird der religiöse Konflikt gezeichnet. Hier das heidnische Nordreich – dort die Frommen, die am Tempel in Jerusalem ihren Ort haben. An dem Ort, den Gott als seine Wohnung erwählt hat, an dem Tempel, den Salomo errichtet hat.

 6 Ich allein begab mich oft an den Festtagen nach Jerusalem, wie es ganz Israel geboten ist als ewige Satzung. Mit den Erstlingsgaben und den Erstlingsfrüchten und den Zehnten vom Vieh und der ersten Wolle der Schafe zog ich eilends nach Jerusalem 7 und gab es den Priestern, den Söhnen Aarons, für den Altar; und den Zehnten von Getreide und Wein und Öl und Granatäpfeln und Feigen und den übrigen Früchten gab ich den Söhnen Levis, die Dienst tun in Jerusalem. Und den zweiten Zehnten von sechs Jahren verkaufte ich und gab das Silber in jedem Jahr bei der Wallfahrt in Jerusalem.  

Tobit ist einer, der sich in seiner Frömmigkeit auch nicht dadurch beschränken lässt, dass sie ihn einsam macht: ich allein begab mich nach Jerusalem. Man wird aus diesem ich allein schließen dürfen, dass er der Verwandtschaft gegenüber als Sonderling gilt, vielleicht als verbohrt konservativ. Als einer, der den Anschluss an die neue Zeit verpasst hat. Sorgfältig wird geschildert, dass er sich in seinem Opfern an die althergebrachten Regeln gehalten hat. Er ist einer, der Priester und Leviten in gleicher Weise durch seine Opfer ehrt und achtet. Auch das liest man zwischen den Zeilen schon hier: Tobit ist kein armer Mann. 

 8 Und ich gab es den Waisen und Witwen und denen, die sich Israel angeschlossen hatten; ich brachte den Zehnten herbei und gab ihn im dritten Jahr, und wir verzehrten ihn nach der Anordnung im Gesetz des Mose und nach dem, was mir Debora, die Mutter unseres Vaters Hananiël, geboten hatte. Denn mein Vater war gestorben und hatte mich als Waise zurückgelassen.

             Er  hat seinen Reichtum nicht nur für sich selbst. Andere, Witwen und Waisen haben an ihm einen großzügigen Helfer. Genauso auch Leute, die sich Israel angeschlossen haben. In allem erweist er sich als ein gesetzestreuer Jude. Dem das Gesetz Richtschnur des Handelns ist, auch in der Fremde. Er hat es gelernt von seiner Großmutter Debora. Sie hat ihn so erzogen und ihn, ganz so wie es das Gesetz will, in den Geboten unterwiesen. Ohne dass es ausdrücklich gesagt würde – sein eigenes Geschick als Waise und das seiner Mutter als Witwe hat ihn womöglich empfindsam gemacht für das Schicksal von Waisen.

 9 Da ich nun erwachsen war, nahm ich eine Frau aus dem Geschlecht unserer Väter und zeugte mit ihr einen Sohn, den nannte ich Tobias.

Auch darin erweist sich Tobias als gesetzestreuer Jude: er sucht sich seine Frau aus dem Geschlecht unserer Väter. In Zeiten und unter den Umständen im Exil, in denen Fremdehen so selten nicht waren, durchaus bemerkenswert. Und sicherlich in der Erzählung auch sehr bewusst so registriert. Es gibt einen Sohn – Tobias. Von ihm wird viel zu erzählen sein.

Was mich beschäftigt:

Die ersten Sätze des Buches malen das Selbstportrait eines frommen Menschen. Tobit lässt sich in seiner Frömmigkeit auch dadurch nicht beirren, dass sie ihn zum Außenseiter macht. Er steht für das ein, was er als richtig erkannt hat. Er lebt seine Frömmigkeit, wohl weniger, indem er wortreich von Gott redet sondern indem er sein Leben durch die erlernten Regeln und Gebote prägen lässt. Es sind also weniger Lehrsätze, die er deklamiert, als die Lebenspraxis, die ihn als einen frommen Israeliten kennzeichnen. Als einen, der im Gehorsam gegen das Gesetz seine Lebensgestalt gefunden hat. Es liegt nahe, diese Gestalt in ihrer Darstellung als ein Vorbild zu sehen. Auch dann ist angesagt, am Glauben festzuhalten, aus dem Glauben zu handeln, wenn man nur der eine ist, der das lebt.

 

Heiliger Gott,zu Dir stehen ist Glaube. Sich an Deine Weisungen halten, sich von Deinem Wort leiten lassen ist Glaube. Sich nicht beirren lassen, wenn man darin allein ist, einsam wird, vielleicht sogar ein wenig belächelt, ist Glaube.

Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass wir viele sind, dass unser Glaube gesellschaftlich respektiert wird, dass es uns schwer fällt zu denken: auch wenn ich allein bei Gott bleibe, ist es richtig. Ich will den Weg meines Vertrauens nicht verlassen, wenn er schwierig wird.

Ich will Dir, mein Gott und Herr, treu bleiben. Amen

 

Ein Gedanke zu „Gott treu bleiben“

  1. Danke, dass du den apokryphen Text Tobias auslegen wirst und nicht auf Hiob ausgewichen bist. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Wochen.

Kommentare sind geschlossen.