Noch mehr Wehe

Matthäus 23, 29 – 39

29 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Propheten Grabmäler baut und die Gräber der Gerechten schmückt 30 und sprecht: Hätten wir zu Zeiten unserer Väter gelebt, so wären wir nicht mit ihnen schuldig geworden am Blut der Propheten! 31 Damit bezeugt ihr von euch selbst, dass ihr Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben. 32 Wohlan, macht auch ihr das Maß eurer Väter voll!

             Es hat Tradition, Untaten hinter Prachtbauten zu verbergen. Sich aus der Kontinuität der Geschichte heraus zu schleichen, indem man sie einfach leugnet. Überspielt. Es ist relativ einfach, sich für die Eroberung Amerikas vor 500 Jahren zu entschuldigen, den Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren zu geißeln. Es wird schwierig, und ist anspruchsvoll zugleich,  aus den Verhaltensmustern auszusteigen, die zu solchen Gräueln führen. Aus dem Streben nach Gewinn, nach Erweiterung der Einfluss-Sphären, nach Sicherung der eigenen Marktmacht.

Ich glaube, dass hier nicht die individuelle Haltung des einzelnen Pharisäers zur Diskussion steht, sondern die Haltung des Kollektivs. Deshalb auch meine Beispiele, die auf staatliches und kollektives Verhalten hinzielen, auf Bündnisse und solche Mächte wie die „Märkte“. Im Verhalten zeigt sich, wes Geistes Kind man ist – und ob man wirklich aus der Gesinnung ausgestiegen ist, die allein der eigenen Größe und dem eigenen Wohlergehen verpflichtet ist.

Es ist leicht zu sagen: wenn wir damals gelebt hätten,  wir hätten auf der Seite der Guten gestanden. Der Propheten. Der Widerstandskämpfer. Der Mahner. Der Tapferen, die es mit dem „Pack“ aufnehmen. Der Wahrheitsbeweis solcher Beteuerungen wird immer im eigenen Leben angetreten.

Der Wahrheitsbeweis der Pharisäer für ihren Widerspruch gegen die Prophetenmorde wird anzutreten sein, in dem, was sie rufen werden: „Hosianna!“(21,9) oder „Lass ihn kreuzigen!“(27,22)  Für den Sprecher der Wehe-Rufe ist es längst entschieden: sie werden das Maß der Väter vollmachen.

  33 Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?

             Aus den Wehe-Rufen wird jetzt noch direkter Anrede. „Nachdem alle Streitgespräche nichts gebracht haben, zieht Jesus, der als der kommende Menschensohn die Welt richten wird, die Bilanz über seine Gegner. Sie ist vernichtend. Die Farben werden immer dunkler. Jeder Lichtblick fehlt.“(U. Luz, aaO.  S.351) Erschreckend schon die Anrede: Ihr Schlangen, ihr Otternbrut! Worte wie zuvor schon aus dem Mund des Täufers, der den kommenden Richter ankündigt (3,7) Da bleibt keine Hoffnung mehr.

34 Darum: siehe, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte; und von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern, 35 damit über euch komme all das gerechte Blut, das vergossen ist auf Erden, von dem Blut des gerechten Abel an bis auf das Blut des Secharja, des Sohnes Berechjas, den ihr getötet habt zwischen Tempel und Altar. 36 Wahrlich, ich sage euch: Das alles wird über dieses Geschlecht kommen.

             Und doch: ich sende. Es ist Jesus, der das von sich sagt. Jesus, der ja seine Jünger bereits einmal gesandt hat: Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.“(10,7-8) Eine andere Sendung mit einem anderen Inhalt kann ich mir für die Boten Jesu auch jetzt nicht vorstellen. Sie sollen Evangelium verkündigen, nicht Gericht ankündigen.

Ich vermag in dem „darum“ δι τοτο, nicht die Zielangabe der Sendung zu sehen, sondern „nur“, was sie bewirkt. Deshalb widerspreche ich auch der folgenden Auslegung: „Der matthäische Jesus weiß also, dass die Aussendung erfolglos sein und zu nichts anderem dienen wird, als dazu, das Maß der Untaten seiner Gegenspieler voll und das Gericht über sie unausweichlich zu machen.“ (U. Luz, aaO. S.373) 

Es wird die Reaktion der Hörer sein, auf die es ankommt, ob die Botschaft der Propheten und Weise und Schriftgelehrte ihr Ziel erreicht oder ob sie die Ablehnung völlig macht.

Es mag sein, dass sich in diesen so konkreten Ankündigungen von ihnen werdet ihr einige töten und kreuzigen, und einige werdet ihr geißeln in euren Synagogen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern auch Erfahrungen der Urgemeinde spiegeln. Die Erfahrungen, dass es zu Verfolgungen gekommen ist, in Jerusalem, in den Städten des Landes, auch in den Städten des Mittelmeerraumes, wo sich jüdische Gruppen gegen Boten des Glaubens an Jesus gestellt haben.

In der Sendung dieser Boten wird sichtbar, wie erbittert die Feindschaft ist. Eine Feindschaft, die hier scheinbar den Pharisäern und Schriftgelehrten angelastet wird. Ich denke allerdings: sie stehen für ganz Israel. Es geht nicht mehr um sie als Gruppe, sondern um sie als Repräsentanten des Volkes, das Jesus und seine Leute verwirft.

Was bleibt, wenn die Sendung scheitert, ist das Gericht. Es liegt nahe, hier den Untergang Jerusalems im Jahr 70 angekündigt zu hören – und gleichzeitig gedeutet: nicht einfach nur als Sieg der Römer über jüdische Kämpfer, sondern eben als Gericht Gottes.

37 Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt! 38 Siehe, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden« (Jeremia 22,5; Psalm 69,26). 39 Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Der Abschluss ist ein Wort voller Schmerz. Ein neuer, anderer Ton nach den so harten Wehe-Rufen. Mir kommt die Assoziation: fast schon eine Totenklage. Noch einmal die Anklagepunkte: die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind. Aber dem gegenüber der Blick auf das eigene, vergebliche Bemühen. Und die resignativ klingende Feststellung: ihr habt nicht gewollt! Der Heilswille Jesu findet seine Grenze im Willen und Wollen derer, die er ruft, die er sammeln will. Darf ich so weit gehen: der Heilswille Gottes kann an unserem Eigenwillen scheitern? Die Weigerung zu hören, sich rufen zu lassen, lässt ihn abprallen wie an einer hohen Wand ein Ball abprallt. Zurück geworfen wird.

Darum wandert Gott aus. Dass es Gott ist, um den es hier geht, ist wieder verborgen in die Passivformulierung: »euer Haus soll euch wüst gelassen werden«. Das wüste Haus meint den zurück gelassenen Tempel, nicht die verwüstete Stadt. Ein Tempel ohne Gottes Gegengenwart ist nur ein wüster Steinhaufen. Vielleicht noch architektonisch wertvoll. Kulturerbe der Menschheit. Aber in Wahrheit tohuwabohu. „Wüst und leer.“(1. Mose 1,2)

Und doch: auch diese Gerichtsansage bleibt nicht das letzte Wort. Es wird noch genauer gefasst: die Abwesenheit Gottes wird zusammen gesehen damit, „dass auch der „Immanuel“ nicht mehr zu sehen ist.“ (U. Luz, aaO.  S,383) Ein ganz verhaltener Hinweis darauf, wie das Matthäus-Evangelium Jesus sieht: als den, in dem Gott mit uns ist. Bei uns ist.

Gleichwohl: diese Worte enthalten auch eine Verheißung: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Es wird eine Zeit neuer Worte geben, nicht nur neuer Worte von der Seite Gottes her. Sondern neuer Worte von Jerusalems, von Israels Seite her. Worte, in denen ganz Israel ihn grüßt – und segnet: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Der Ruf der Volksmenge beim Einzug des sanftmütigen Königs auf dem Esel soll zum Ruf aller werden, die zum Samen Abrahams gehören.

Herauforderungen an uner Denken und Glauben:

 Ich höre in diesen Worten am Schluss dieses so düsteren Stakkatos von Wehe-Rufen und Gerichtsworten die gleiche verhaltene Hoffnung, wie sie Paulus formuliert hat: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« (Römer 11, 25 – 27)

Es mag spitzfindig sein, Wortklauberei. Aber mir fällt es auf: sieben Wehe-Rufe, aber nur sechsmal ποκριτα – Hypokritiker. Als ob festgehalten würde: das Maß ist noch nicht übervoll. Noch nicht am Überlaufen. Auch für die, die Jesus so hart attaktiert, Pharisäer und Schriftgelehrte, ist noch der Raum zur Umkehr offen. Weil sie ja nicht anders sind als die Menschen sonst auch. Es ist schon wichtig zu sehen, wie auch diese Worte anknüpfen an die Früheren Worte in der Bergpredigt: „Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? 4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen! – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“(7, 3-5) Die Worte Jesus zielen nicht nur auf eine soziologisch fixierbare Gruppe – sie gelten allen. Darum ist Selbstprüfung angesagt und unerlässlich. Wenn man so will: Selbstkritik.

Eine Frage bleibt: wie bringe ich dieses Kapitel in seiner Unerbittlichkeit, mit seinen auch unfairen und ungerechten Anklagen zusammen mit dem, was Matthäus sonst von Jesus zu sagen weiß, mit der Botschaft seiner grenzenlose Liebe? Eine erste Antwort: Überhaupt nicht. Es scheint so, als lernte ich hier die andere Seite Jesu kennen, die sonst verborgen bleibt. Ähnlich wie es bei Gott ist, der auch eine dunkle Seite hat, der nicht nur der liebevoll offenbare Gott ist, sondern auch der verborgene Gott gewalt-tätig, zornig, erschreckend? Jesus also – voller Aggression und Zorn? Allerdings denke ich nicht, dass uns diese Texte nur dies vorrangig lehren wollen: Jesus hat zwei Seiten – und ihr Christen betont immer nur die eine Seite. Das ahne ich schon lange. Aber es ist mir zu wenig als Ertrag dieser Wehe-Rufe.

Dennoch: Ich sehe keine Brücke. Ich sehe kein `so passt es zusammen´ mit dem anderen, was das Evangelium erzählt. Allerdings denke ich auch nicht, dass Matthäus nur aus historischer Treue überliefert hat, was er an „Rede-Material“ vorgefunden hat. Umso schärfer fällt die Spannung auf. Ich sehe nur den Widerspruch.

Aber wie ist der Widerspruch erklärbar? Als enttäuschte Liebe? Aus der Situation der Gemeinde, die sich in einen unendlich schmerzhaften Prozess aus der Synagoge erst vertrieben erfährt und dann diese Vertreibung auch akzeptiert. Aber eben akzeptiert mit einer Wut, die sich hier Luft macht.  Ist es vorstellbar, dass Jesus, der so sehr liebende Jesus so gesprochen haben könnte? Fragen über Fragen. Ich bin um Antworten verlegen.

Mir leuchtet ein: An den Angriffen auf die Pharisäer wird deutlich, wie belastend der Widerspruch und Widerstand jüdischer Gruppierungen auch für Jesus gewesen sein muss, auch für die Gemeinde, die ihn als Christus, Gottessohn glaubt. Und es wird etwas sichtbar davon, wie tief sich Menschen in ihrem Widerstand in innere Widersprüche verstricken können. Das Gute wollen, aber es aus den Augen verlieren. Opfer ihrer eigenen heiligen Sätze werden können. Blind werden für das Erbarmen und unempfänglich, weil ihnen der Glaube zum Regelwerk verkommt.

            Die Wehe-Rufe sind falsch gehört und falsch verstanden, wenn wir sie nur an andere adressiert hören. Wenn wir sie als historische Erinnerung abheften – so war das im Jahr 33. Nein, sie wollen uns erschüttern, indem sie uns in unseren Sicherheiten in Frage stellen. Und erschüttern, damit wir Zuflucht bei ihm suchen, der uns auch in diesen so strengen Worten immer noch sucht. Unsere Umkehr.

 

Jesus, ich kenne Dich nicht wieder. Bist Du nun der Ankläger, der im Zorn wütet, frustriert seinen Gefühlen freien Lauf lässt, auch wenn es ungerecht und unfair ist? Oder bist Du doch der, den ich zu kennen meine, liebevoll und geduldig, voller Erbarmen und Langmut?

Ich habe keine Wahl, keinen anderen Zufluchtsort. Ich halte mich an Dich, auch wenn ich Dich nie ganz kennen werde, bis ich Dich schauen darf – von Angesicht zu Angesicht.

Aber bis dahin will ich glauben, dass Deine Liebe größer ist als Dein Zorn, dass Dein Erbarmen die Oberhand gewinnt über alle Wut, dass Du Dir selbst in den Arm fällst, dass Du Deiner Liebe treu bleibst, die Du uns zugesagt hast, für die Du bis in den Tod gegangen bist. Amen