Zum Erschrecken

Matthäus 23, 13 – 28

13-14 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen.15 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Judengenossen gewinnt; und wenn er’s geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, doppelt so schlimm wie ihr.

Es folgen Weh-Rufe. Sieben insgesamt. Damit verbunden ist die Botschaft: Das Maß ist voll. Diesmal direkt adressiert an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Dass sie direkt an sie gerichtet sind, setzt dann wohl ihre Anwesenheit voraus.

Ausgelassen ist im neuen Luther Text der Satz Vers 14: »Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Häuser der Witwen fresst und zum Schein lange Gebete verrichtet! Darum werdet ihr ein umso härteres Urteil empfangen« Er findet sich nur in einzelnen Handschriften und ist – vielleicht – aus Markus 12,40 übernommen. Ein Angriff auf ein geistliches Schmarotzertum, das sich durch Frömmigkeit ausgerechnet an den Armen und seelisch Abhängigen bereichert.

Es sind harte Vorwürfe: sie versperren anderen den Zugang zum Himmelreich. Weil sie es exklusiv für sich beanspruchen? Nein, sondern weil sie durch ihre Gesetzesauslegung Hindernisse aufbauen. Mehr wohl noch: selbst mit ihrer Haltung Hindernis sind. Sie werben für den Glauben, wollen Judengenossen gewinnen. Aber in Wahrheit stürzen sie die, die sie so gewinnen, in die Hölle. Nicht, weil sie schlimmere Heuchler wären, sondern weil sie sie binden unter ihre Auslegung, unter ihr Gesetz, das unerträgliche Bürde(23,4) ist.

 16 Weh euch, ihr verblendeten Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Gold des Tempels, der ist gebunden. 17 Ihr Narren und Blinden! Was ist mehr: das Gold oder der Tempel, der das Gold heilig macht? 18 Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht; wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Blinden! Was ist mehr: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heilig macht? 20 Darum, wer schwört bei dem Altar, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer schwört bei dem Tempel, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

  Der nächste Weh-Ruf  ist ein Angriff auf Haarspaltereien. Auf ein Umgehen mit dem Schwören, das sich in Kleinigkeiten verliert und nur geeignet ist, Skrupel zu erzeugen. Es geht um Differenzierungen, die in Wahrheit aber völlig hirnrissig sind.Es geht um eine „Inflation von Beschwörungs- und Bekräftigungsformeln.“(U. Luz, aaO.  S. 327)

 „Beim Leben meiner Mutter!“-„ Beim Bart des Propheten!“-„ Bei allem, was mir heilig ist.“ Macht das Worte glaubwürdiger? Es ist eine Polemik gegen eine Praxis, die in sich hohl ist. Auch nicht der Heiligkeit Gottes entspricht.

Die radikale Konsequenz hatte Jesus schon in der Bergpredigt gezogen: Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“(5,34-37)

Auch hier wieder: Es sind Wehe-Rufe in eine bestimmte historische Situation hinein. Geprägt auch von Polemik gegenüber den Gegnern und Konkurrenten um die Herzen von Menschen. Umso mehr ist es an uns, sorgfältig zu prüfen: wie steht es mit unserem Verhalten? Wo treffen diese Wehe-Rufe uns als Kirche, mich als Christenmensch. Prüfen, damit es „anders und besser werden kann.“(U. Luz, aaO. ,S. 310) Bei uns, bei mir.

23 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr den Zehnten gebt von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz beiseite, nämlich das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben! Doch dies sollte man tun und jenes nicht lassen. 24 Ihr verblendeten Führer, die ihr Mücken aussiebt, aber Kamele verschluckt!

 Es ist ein Zeichen von Verblendung, wenn man sich in tausend Kleinigkeiten verliert. Schon bei der Frage nach den Schwurformeln war es so, dass vor lauter Achten auf mögliche Verfehlungen der Sinn des Ganzen verfehlt wird. Genau so auch hier: Peinlichste Genauigkeit führt zu einer abstrusen Lebenshaltung. Man achtet höchst sorgfältig auf die ordnungsgemäße Besteuerung von allen Gartenkräutern, Darauf, auch nicht das kleinste Insekt zu verschlucken, weil Insekten ja unreine Tiere sind. Aber übersieht dabei die „dicken Hunde“. Dass das Recht, die Barmherzigkeit und der Glauben unter die Räder kommen, nebensächlich werden!

„Menschen, die sich einer Sache mit Übereifer widmen und sie nach allen Seiten absichern wollen, erliegen leicht der Gefahr, genau dadurch das eigentliche Anliegen zu verfehlen.“(W. Klaiber, aaO. S.150) Modernes Beispiel: Wer sich nur noch an den Buchstaben seiner Paragraphen hält, verliert nur zu leicht aus den Augen, dass sie dem Leben dienen sollten. Das Ersticken von sozialen Hilfen im Paragraphendschungel – für Hartz-IV-Bezieher, für Flüchtlinge, für Obdachlose, Alleinerziehende – liefert Anschauungsmaterial für die verschluckten Kamele in Hülle und Fülle.

Dabei gilt doch auch für uns: Gesetze sollen dem Leben dienen, dem Recht. Und sie sollen die schützen, die sich selbst nicht schützen können. Arme, Schwache, Leute ohne Lobby und ohne Machtmittel. Die Barmherzigkeit in der biblischen Sprache findet ihre sachlich-fachliche Fortsetzung in der Solidarität und der Fürsorge. Der Überschuss über das Recht hinaus, der in der Barmherzigkeit liegt, ist aber freilich mit Gesetzen nicht zu bewahren. Er braucht Menschen, die sie üben.

 25 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr die Becher und Schüsseln außen reinigt, innen aber sind sie voller Raub und Gier! 26 Du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das Äußere rein wird! 27 Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! 28 So auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.

             Weiter geht es mit den Wehe-Rufen. Diesmal über die Tendenz zur Außendarstellung. Festgemacht an den Reinheitsvorschriften. Becher müssen gereinigt werden, innen und außen, damit sich der Trinkende nicht verunreinigt.

Es könnte sein, dass es auch um den Becherinhalt geht: „Es ist daran gedacht, dass die Becher und Schüsseln unrein sind, weil sie das den Armen geraubte Gut enthalten, ebenso wie ihre Besitzer, die Reichen, weil sie sich nicht beherrschen können und in ihrer Maßlosigkeit alles in ihre Bäuche (und Taschen) stopfen.“(U. Luz aaO. S.337) Was für eine Konsequenz: Unsoziales Verhalten den Armen gegenüber macht unrein!

Reinheit, wie sie die Pharisäer üben, wird demgegenüber zur bloßen Fassaden-Verschönerung. Hauptsache, das Image stimmt. „Wie es da drinnen aussieht, geht niemand etwas an.“(Land des Lächelns) Für Jesus aber ist es umgekehrt: Ihm geht es nie um Äußerlichkeiten, sondern immer um das Innere, um das Herz. Weil aus dem Herzen das kommt, was den Menschen bestimmt und ausmacht: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.“(12,34-35)

Es sind  harte Worte für eine Zeit wie die unsere, die so sehr auf Außenwirkung bedacht ist, auf Selbstinszenierung, auf Image. Worte, die zu einer Selbstprüfung auffordern: wie ist das bei mir mit innen und außen, mit dem, was ich zeige und mit dem, was ich verberge? Mir will es scheinen, dass es viele Menschen gibt, die darunter leiden, dass sie immer gut drauf sein müssen und nie das Chaos im eigenen Inneren auch nur anschauen dürfen. Weil sie sonst keine Selbstachtung mehr haben können. Oder: Weil sie nicht wissen, wer denn noch zu ihnen stehen wird, wenn sie sich so „bloßstellen“, zu erkennen geben, wie es in ihnen aussieht. Was für eine Herausforderung an die Seelsorge der Kirchen.

 

Jesus, es ist zum Erschrecken, wie Du hier Wehe rufst, weil ich mich selbst entdecke  in denen, die Du da anklagst, deren Frömmigkeit Du geißelst, deren verlogenes Leben Du entlarvst.

Herr, wie oft achte ich auf das Erscheinungsbild meines Lebens, dass es gut aussieht und weiß doch nur zu genau, dass es im Inneren drunter und drüber geht, das Chaos herrscht.

Jesus, schaffe Du in mir ein neues Herz. Gib mir einen neuen gewissen Geist, der sich Dir ganz anvertraut, die Freude am Gehorsam gegen Dein Wort, Wahrhaftigkeit, die auch zu der eigenen Unvollkommenheit steht, weil Du doch Dein Leben schenkst, wo wir uns in unserer Schwäche Dir öffnen. Amen