Wahre Größe

Matthäus 23, 1 – 12

1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach:

             Das Gespräch mit den Pharisäern ist zu Ende. Zurück bleiben Jesus, die Jünger und das Volk. Zu ihnen spricht Jesus nun – in einer langen Rede über die Pharisäer und die Schriftgelehrten. Ob auch die Pharisäer noch anwesend gedacht werden müssen, ergibt sich nicht aus diesen ersten Sätzen. Klar ist nur: Es ist das letzte Mal, dass sich Jesus auch an das Volk wendet.   

 Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür krümmen.

             Jesus beginnt mit einer Feststellung. Schriftgelehrte und Pharisäer beanspruchen die Lehrautorität, beanspruchen, dass sie es sind,  die Mose richtig auslegen. Es mag sein, dass sich das auch äußerlich auf herausgehobene Sitze in den Synagogen bezieht, aber im Kern geht es doch wohl um die Auslegung des Gesetzes, der Torah.

Es wirkt überraschend: die Hörer sollen alles halten, was die Pharisäer lehren, aber sich nicht an ihrem Tun orientieren. Halten – τηρεῖν – ist ein Wort aus der Militärsprache.  Dieses Halten und Tun ist anstrengend und anspruchsvoll, erfordert Wachsamkeit Es wird mit dem Text allerdings noch schwieriger, wenn ich weiterlese: das, was sie lehren, legt den Menschen schwere Lasten auf die Schultern. Und dennoch soll man ihren Lehren folgen?

Es ist gut, sich zu erinnern, was Jesus  von sich und seinem Lehren sagt:  „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ (11,29-30) Es kann also, so die logische Schlussfolgerung, doch nicht wirklich gelten: Alles, was sie euch sagen, das tut. 

Wo ist der Ausweg? Man kann exegetisch zu retten versuchen: Es sind keine Worte Jesu, sondern spätere Bildungen. Aber das ist nicht überzeugend, denn auch für Matthäus, wenn er denn diese Worte gebildet hat, gilt doch, dass er den inneren Widerspruch in diesen Worten bemerkt haben muss.

Eine mögliche Lösung: der erste Teil der Aufforderung Jesu ist nicht ganz ernst gemeint, der zweite aber umso ernster. Also: lasst sie reden, was sie wollen, aber folgt auf keinen Fall ihrem Handeln. Ahmt sie nicht nach. Denn sichtbar ist der Zwiespalt, in dem sie leben: Sie reden anders als sie leben. Sie kommen mit ihrem Leben nie ihren Reden nach. Salopp formuliert: sie predigen Wasser und saufen Wein.

Heinrich Heine hat es, als Kritik an allem heuchlerischen Verhalten, wohl auch und gerade im Blick auf Kirchenmänner poetisch formuliert:

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.“                                         H. H
eine, Deutschland. Ein Wintermärchen 1844

 Es ist wichtig, sich diese Kritik nicht vom Hals zu halten. Sich ihr als Kirchen zu stellen. Weil die Worte Jesu zwar historisch auf die Pharisäer zielen mögen. Aber sie sind gleichzeitig eine Warnung an alle, die in Sachen Glauben und Leben das Wort nehmen. Sich darum zu mühen, dass der Zwiespalt zwischen den Worten und dem eigenen Leben nie so groß wird, dass die Worte durch das Leben widerlegt werden. Meine Überzeugung: Um den Zwiespalt kommen wir nicht herum. Unser Leben bleibt immer zurück hinter dem, was wir sagen, was wir fordern. Von anderen, aber auch von uns selbst.

  5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan bei Tisch und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden.

Es folgt eine weitere Attacke auf die Pharisäer: sie sind ganz gewiss öffentlichkeitsbewusste Leute. Sie sind aus auf den schönen Schein. Sie ringen, ja buhlen um Ansehen, um Ehre, Anerkennung. Sie suchen nach Ehrentiteln. Deshalb lieben sie es, wenn sie Rabbi genannt werden.

Das sind harte Vorwürfe. So pauschal, wie sie hier erhoben werden, gegen die ganze Gruppe der Schriftgelehrten und Pharisäer, sind sie wohl auch unfair. „Es wird deutlich, dass Matthäus die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihrer überwiegenden Mehrheit sehr ungerecht behandelt.“(U. Luz, aaO.  S.304) Immerhin, möchte man fast sagen: dieser Vorwurf geht an den Verfasser des Evangeliums, aber nicht an Jesus selbst. Weil es nicht sein kann, dass Jesus so pauschal über Gegner spricht?

Ich überlege: wäre es verwunderlich, wenn er, der doch auch wahrer Mensch ist, irgendwann ermüdet durch die Auseinandersetzungen  Worte wählt und findet, die über das Ziel hinaus schießen? Die nicht ganz gerecht sind? Ist es so völlig jenseits unserer Vorstellungkraft, dass der, der den Tempel säubert und dabei nicht zimperlich ist, auch hier einmal die Fassung verliert? Die gebotene Differenzierung vermissen lässt. Es ist leicht, am Schreibtisch zu differenzieren. Im Getümmel der Auseinandersetzungen, unter dem Schatten des Kreuzes, ist das wohl nicht mehr so leicht. Mir jedenfalls hilft es, die Menschlichkeit Jesu in den Blick zu nehmen, wenn ich mir vorstelle, dass wirklich er so gesprochen haben könnte.

8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus      

 Auffällig, wie jetzt neue Adressaten in den Blick genommen werden. Aus den harschen Worten über die Pharisäer wird eine Mahnrede an die Jünger – und doch wohl auch an die lesende Gemeinde. Vor allem an die in der Gemeinde, die schriftkundig sind, bewandert in den Schriften, begabt im Lehren. Die Vermutung liegt nahe: es gibt auch in der Gemeinde, die das Matthäus-Evangelium liest, schriftgelehrte Leute.

Und die Lebenserfahrung lehrt: Es wird „auch in der Gemeinde die Neigung zur Hierarchisierung und Titelsucht  gegeben haben.“(U. Luz, aaO.  S.307) Man ist nicht durch die Zugehörigkeit zur Christenheit wie durch Zauberhand von den Versuchungen frei, sich Anerkennung zu verschaffen, außenorientiert zu leben, darauf aus zu sein, Spitzenplätze zu gewinnen.

Dem wehren diese Worte mit dem Verbot, sich „Ehrentitel“ zuzulegen oder zulegen zu lassen: Rabbi, Vater und Lehrer. Beide Male verbunden mit dem Hinweis: diese Titel sind schon exklusiv vergeben – an den Vater im Himmel und an Christus. An den einen, der euer Meister ist – hier steht griechisch: διδσκαλος.  Das Wort, das die Pharisäer bevorzugen, wenn sie Jesus anreden. „Jede Benennung, die in irgendeiner Weise „Leiter“ und Untergeordnete unterscheidet, soll in der Gemeinde ausgeschlossen sein.“(U. Luz, aaO. ,S. 308)

11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

             Das kennt der Bibelleser schon – als Wort an die Jünger, ausgelöst durch den Vorstoß der Zebedäus-Söhne, sich die besten Plätze reservieren zu lassen.(20, 26)  Geschwisterlichkeit zeigt sich im Dienen. Wahre Größe auch. Es ist wie eine weitere Erinnerung: Was ihr aus euch selbst macht, ist alles Vorletztes. Auch die eigene Größe. Das eigene Ansehen. Es ist Gottes Sache, zu erhöhen und zu erniedrigen. Und er tut es ganz gewiss – aber nicht nach unseren Maßstäben. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“(Lukas 1,52)

„Trag die Last, die den andern beugt, weil allein Liebe überzeugt.                             Wahre Größe zeigt, wer auch dienen kann. Im Namen Jesu, fang damit an!

 Weine mit, dort wo jemand weint. Freu dich mit, wo das Glück hell scheint. Wahre Größe zeigt, wer ganz nah sein kann. Im Namen Jesu, fang damit an!

 Teile gern, fordre nichts zurück. Bist beschenkt, Gott will ja dein Glück.          Wahre Größe zeigt, wer gern geben kann. Im Namen Jesu, fang damit an!

 Brich das Brot,  das uns Leben gibt. Trink den Wein, weil uns Jesus liebt.        Wahre Größe zeigt, wer empfangen kann.  Im Namen Jesu, fang damit an!“                             P. Simojoki dt. G. Vorländer, CD Geh den Weg nicht allein

Zum Weiterdenken

Herausforderungen an unser Denken und Glauben:

Es ist der antihierarchische Zug der ersten Christenheit, der sich hier zeigt:  Ihr aber seid alle Brüder. Aber es ist zu wenig, hier nur  antihierarchisches Denken zu konstatieren. Ich glaube, dass sich hier ein Modell von Gemeinde zeigt, dass auf Leitung deshalb verzichten will, weil es sich allein der Leitung  Gottes anvertraut. Lukas würde wohl sagen; Weil es dem Geist Gottes zutraut, dass er die Gemeinde leitet. Es geht um die geschwisterliche Gemeinde – so wie sie auch bei Paulus sichtbar ist: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28)

Diesen Abschnitt lesen und den gewaltigen Abstand zur Praxis aller Kirchen durch die Zeiten hindurch zu spüren ist eins. Wir reden von „geistlichen Vätern und Müttern“, wir kennen die „Wüstenväter“, ja den „Heiligen Vater“. Wir reden völlig unbefangen von „geistlichen Lehrern“. Das fängt im Übrigen schon im Neuen Testament selbst an: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.“(Hebräer 13,9) Da steht verräterischer Weise das Wort γουμνοι, – die den Zug anführen, die Leiter sind, Führer.

Wir sind „himmelweit“ entfernt von dem, was Matthäus fordert. Ich höre die Versuche zu beschwichtigen: aber es geht doch nie um Herrschaft, nie um Höherstellung, nie um den Anspruch auf Macht. Doch, sage ich: die real existierende Kirche ist auch ein System von Herrschaft und Macht, unten und oben, Selbsterhöhung – und, Gott sei es geklagt, oft genug auch Selbsterniedrigung. Vor den Autoritäten und ihren Ansprüchen.

Und der Ausweg? Ich weiß ihn nicht. Aber er wird sich nicht öffnen, wenn wir diese unbequemen Worte nicht wenigstens zu hören anfangen.

 

Herr Jesus, Du willst uns wahrhaftig. Du willst uns davor behüten, dass wir uns zur Schau stellen, aus dem Glauben eine Demonstration machen, dass wir unser Image pflegen: Schau nur, wie fromm!

Lehre uns, dass sich unser Glaube darin zeigt, was wir tun – dass wir Anderen auf die Beine helfen, ihnen den Rücken stärken, ihrer Seele wohltun, ihre Zuversicht stützen, dass wir ihnen helfen, Vertrauen zu Dir zu fassen. Amen