Die Mitte des Gebotes: Liebe

Matthäus 22, 34 – 46

34 Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich.

             Man könnte auf die Idee kommen, Schadenfreude bei den Pharisäern zu vermuten. Es würde zur „bekannten Rivalität zwischen Pharisäern und Sadduzäern“(W. Klaiber, aaO.  S. 130) passen. Wie auch immer Die Pharisäer konstatieren, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hat. Punktsieg oder gar K.O.-Sieg im Rededuell. Auf diese Nachricht hin versammeln sie sich. Mit welcher Absicht wird nicht ausgeführt. Aber die nachfolgende Szene scheint durch diese Zusammenkunft initiiert zu sein.

 35 Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte: 36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?

             Einer aus ihrer Mitte wird ihr Sprecher, ein Schriftgelehrter. Er stellte Jesus eine Frage, die vom Evangelisten bewertet wird: er versuchte ihn. πειρζων . Man könnte auch vorsichtiger übbersetzen: er stellte ihn auf die Probe. Er prüfte ihn. (Gemoll, aaO. S. 587) So zu fragen ist nicht das offene Gespräch, in dem man nur wissen will, wie der andere denkt und glaubt. Sondern es ist die Glaubensprüfung: Stehst Du überhaupt auf dem Boden dessen, was wir als Juden glauben?

Es ist nicht die gleiche Situation wie bei dem Versucher am Anfang des Weges Jesu. Versuchen ist hier nicht der Versuch, Jesus zu einer Grenzüberschreitung zu bringen, sondern der Frager seine Rechtgläubigkeit klären. Dahinter mag auch der Verdacht stehen, der schon lange bei den Pharisäern schwelt: Jesus ist ein Ketzer, ein Irrlehrer, ein Gotteslästerer.

Jetzt also die Frage, mit der einigermaßen ehrenvollen Anrede Meister – Διδσκαλε -Lehrer verbunden, aber nicht mit der Anrede der Glaubenden, „Herr“: Welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Die Luther-Übersetzung übertreibt ein wenig. Im griechischen Text ist nicht vom höchsten Gebot die Rede, sondern – so ντολ μεγλη – von dem großen, herausragenden, wichtigen Gebot im Gesetz.   

 Man könnte zurückfragen: Gibt es überhaupt eine Rangliste – dieses Gebot ist wichtiger als andere? Wo liegt der Maßstab – für das größere oder gar das größte Gebot? Aber es ist gängige Praxis, im Judentum damals wie bei uns heute. „Auch die Rabbinen haben nach verschiedenen Gesichtspunkten „geringe“ und „schwere“ Gebote unterschieden.“(U. Luz, aaO.  S.278) Es wäre auch heute ein wenig lebensfremd, würde man alle Gebote für gleichwertig und gleichwesentlich halten. Das gilt ja nicht nur „für die 248 Gebote und 365 Verbote“(U. Luz, ebda.)der Tora.

Das gilt  sogar für unser heutiges Gesetz. Wir unterscheiden auch da, mit gutem Grund: Es gibt Gesetze, die grundlegend sind – wie eben das Grundgesetz und es gibt Gesetze, die dem nachgeordnet sind. Abgeleitet. Wer gegen § 1 des GG verstößt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ macht sich in anderer Weise schuldig als der, der mit 58km/h unterwegs ist, wo er nur 50 km/h fahren dürfte. Obwohl man aktuell den Eindruck haben kann: der Angriff auf die Menschenwürde in Dresden, Chemnitz und anderswo, auch in den alten Bundesländern wird weniger konsequent verfolgt und geahndet als das Übertreten irgendwelcher Geschwindigkeits-Beschränkungen.

37 Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt«. 38 Dies ist das höchste und größte Gebot. 39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). 40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

             Jesus aber fragt nicht zurück. Er antwortet. Er akzeptiert also die Frage – und zeigt sich auch darin als Jude, der in seiner jüdischen Lehrtradition zu Hause ist. Antwortet so, wie er es gelernt hat. In der Spur der Glaubenden vor ihm. Da ist keine Suche nach Originalität, nach eigenen Worten. Er traut den Worten der Schrift, aus der er lebt.

 Jesus steht auf dem Boden dessen, was Israel glaubt. Darum sagt er, was er gelernt hat als ein Kernwort aus dem 5. Buch Mose. Alles hängt an der Liebe zu Gott.  Ihm verdankst du dein Leben. Ihm verdankst du deine Zeit. Ihm verdankst du die Welt, in der du lebst. Ihm bist du zugesellt. Aber es ist wichtig: es geht hier trotz der Rede vom Herzen nicht in erster Linie um Affekte, um Gefühle. Die sind mit inbegriffen, aber nicht allein. „In der jüdischen Auslegung von 5. Mose 6,5 äußert sich die Liebe zu Gott in erster Linie in Taten des Gehorsams, der Frömmigkeit, der Torahtreue.“(U. Luz, ebda S.279)

             Gott lieben ist Tun. Tun, was er will, gebietet, fordert. Ganz auf dieser Linie liegen die Worte, die das Johannes-Evangelium von Jesus weitergibt: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.“(Johannes 15,10)

Wer so über die Gottesliebe denkt, kommt geradezu zwangsläufig auch zu dem nächsten Satz, dem anderen großen Gebot: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Auch hier geht es wieder nicht um freundliche Gefühle, sondern um hilfreiche Taten. Um ein Tun, das Leben ermöglicht, schützt, fördert. Gerade auch das Leben der Schwachen, Kleinen, Geringen. Derer, die nicht zählen.

In der Spur Jesu ist der Nächste nicht auschließlich nur das Familienglied, das Sippenglied, das Volksmitglied. Auf die gilt es gewiss auch zu achten, vielleicht sogar zuerst, nach dem schönen Wort von Mutter Theresa: „Nächstenliebe fängt zu Hause an.“ Und ist da vielleicht manchmal gleichzeitig am Schwierigsten.

Aber diese richtige Einsicht kann keinesfalls zur Grenzziehung werden: wir sind nur unseren Leuten gegenüber in der „Pflicht der Nächstenliebe“(I. Kant). Sondern in der Spur Jesu ist auch der Fremde ein Nächster, wenn er in Not ist. Darum erzählt Jesus in der Beantwortung der Frage: „wer denn mein Nächster?“ vom barmherzigen Samariter.(Lukas 10, 25-37) der durch sein Tun zum Nächsten wird. Liebe ist im Kontext der Bibel kein reines Emotions-Wort – das ist das Erbe der Romantik – sondern Liebe ist ein Tu-Wort.

Es ist kein Wunder: der selbst in seiner Liebe „bis zum Äußersten“(Johannes 13,1) geht, der kennt auch für die Nächstenliebe keine Grenze. Und hat auch keine Angst vor der Liebe, die sich selbst liebt. Ob sie deshalb gleich die Voraussetzung sein muss, damit einer überhaupt zur Nächstenliebe fähig wird, weiß ich nicht. Es hat – früher jedenfalls – durchaus Menschen gegeben, die mit sich selbst nicht sonderlich liebevoll umgegangen sind, aber ihre Nächsten geradezu aufopfernd geliebt und umsorgt haben. Elisabeth von Thüringen sei nur als ein prominentes Beispiel für viele genannt, deren Namen keine Schlagzeilen gemacht haben.

Es ist sicher richtig: diese Antwort Jesu ist ein Herzwort des ganzen Evangeliums. Da wird die Botschaft Jesu auf den Punkt gebracht. Er spricht die Liebe Gottes zu, lebt die Liebe Gottes, eignet sie denen zu, die mit ihm auf dem Weg sind und ruft zur Antwort auf diese Liebe, indem  er zur Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst ruft.

Mehr gibt es im Grunde nicht zu sagen. Augustinus hat diese Worte später unglaublich kühn zusammengefasst: „Liebe und tu, was du willst. Denn aus dieser Wurzel kann nur Gutes hervorgehen.«“ – „dilige et quod vis fac.“  (Augustinus, Epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8)

Das Gespräch könnte hier gut zu Ende sein. so ist es auch in der Überlieferung nach Lukas. Da sind zwischen diesem Gespräch und dem nachfolgenden Abschnitt gleich zehn Kapitel. Hier nicht. Hier geht es weiter, wenn auch mit einen ungeschickten Anschluss.

In dieser Zusammenstellung wirkt es, als würde Jesus sagen: jetzt habe ich euch geantwortet. Jetzt möchte ich, dass ihr mir auch – einmal wenigstens – antwortet. Der auf seinen Glauben hin getestete Jesus antwortet seinerseits mit einem Test des dogmatischen Urteilsvermögens der Pharisäer.

41 Als nun die Pharisäer beieinander waren, fragte sie Jesus: 42 Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids.

            Sie sind immer noch beieinander. Συνηγμνων. Es ist, als stünden sie irgendwie herum. Jesus fragt. Seine Frage zielt auf jüdische Glaubenslehre hin. Nach dem Christus fragt er. Woher er kommt. Wessen Sohn er ist. Deutlich erkennbar: Es geht um die Messiashoffnung, Um ihre Erwartung, die sie mit so vielen teilen, dass doch – irgendwann – Christus kommen möge, der Messias. Wie kann man ihn erkennen? Woran?

Ihre Antwort ist eindeutig, erwachsen aus der Hoffnung und der Tradition. Ein Sohn Davids. Und die Leser des Evangeliums hören wohl sofort mit: so ist Jesus immer wieder angesprochen worden. Gerufen von denen in Not – und er hat geholfen. Die Antwort der Pharisäer ist also korrekt. Richtig.

 43 Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): 44 »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? 45 Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn?

Und doch bricht Jesus diese Antwort. Weil sie ihm zu eindeutig ist? Er bricht sie, indem er ein Schriftwort heranzieht, das für die erste Christengemeinde ein Leitwort ist. Eines, das auf die Erhöhung zur Rechten Gottes hinzielt. Eines, das vom Herrn redet, und dieser Herr ist der Messias. So auch die durchaus mögliche jüdische Auslegung des Psalmes!

Es ist mehr als ein Spiel mit Worten. Es ist ein Aufbrechen des Glaubens, dass es mit den richtigen Formeln getan ist, wenn es darum geht zu erfassen, wer der Christus ist. „Jesus bloß Davidssohn zu nennen, hieße „ihn für einen bloßen Menschen auszugeben“….Absicht des Textes war es nach der altkirchlichen Auslegung, die Juden zur Gottheit Jesu zu führen.“ (U. Luz, , ebda,S.289)

             Also: wahrer Mensch und wahrer Gott — beides zugleich. Ganz, unteilbar. Wer es fassen kann, der fasse es. Wir heute lernen es mühsam:  „Davids Sohn“ und „Herr“ sind beides Hoheitsteil mit unterschiedlicher Herkunft, aber nicht mit unterschiedlicher Wirklichkeit. Es ist der eine Christus, der beides ist.

 46 Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen.

Die Gesprächspartner Jesu verstummen. Weil sie nicht verstanden haben? Oder weil sie verstanden haben, vor welchem Anspruch sie stehen? „Ihnen bleibt ihre eigene Bibel verschlossen.“(U. Luz, ebda. S.288) Vielleicht, weil sie sich nur dem erschließt und öffnet, der bereit ist, sich im Gehorsam von ihr leiten zu lassen, im Glauben und Vertrauen auf Jesus, den Menschensohn, Davidssohn, Gottessohn.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Im Studium habe ich noch gelernt, dass die Frage: Was ist jesuanisch? beanwortet wird: Alles was nicht als Gemeindebildung erkennbar und alles, was nicht typisch jüdisch ist. Im Umkehrschluss: Was Typisch jüdisch ist, ist nicht O-Ton Jesus. Diese simple Erklärung zerbricht spätestens hier, an dieser Antwort Jesu. Es könnte sein, wir haben neu zu lernen: Gerade das ist typisch Jesus, dass er die Antworten des jüdischen Glaubens ganz ernst nimmt, dass er aus ihnen lebt, dass er in ihnen seine Wegweisung empfängt. Der Jude Jesus gründet keine neue, bwusst nicht-jüdische Religion. Er ist die Erfüllung der Wege Gottes mit Israel, in denen Gott sein Volk und die Welt heimsucht. Um zu retten.

Es ist gut jüdisch gedacht: Die Liebe ist die Voraussetzung für Erkennen. Die Liebe zu Gott ist der Schlüssel der Gottes-Erkenntnis. Ohne die Liebe zu Gott gibt es kein Erkennen Gottes, bleibt „Gott“ nur ein Wort unter tausend anderen. Das ist das Problem vieler Debatten heute mit Atheisten. Sie wollen keine Liebe zu Gott, sondern fordern eine Erkennbarkeit Gottes aus dem objektiven Abstand. Das aber ist eine Sackgasse.  Nur die Liebe öffnet den Weg zum Erkennen – das gilt für Menschen und erst recht für Gott.

 

Jesus, ich will Dich lieben so gut ich es vermag, manchmal mit ganzen Herzen, manchmal wohl auch nur halbherzig, von ganzem Gemüt, auch wenn es damit oft kümmerlich her ist, mit aller Kraft, die doch so schnell an ihre Grenzen stößt.

Ich danke Dir, dass Du es Dir gefallen lässt, dass  wir Dich lieben so gut wir es vermögen, dass Du für die Liebe keinen Maßstab einführst, an dem Du sie misst. Du nimmst unsere arme Liebe an und lässt sie Dir genügen. Amen