Steuerfragen, die Zweite

Matthäus 22, 15 – 22

15 Da gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in seinen Worten fangen könnten; 16 und sandten zu ihm ihre Jünger samt den Anhängern des Herodes.

             Ich denke: Nach den so deutlichen Gleichnissen Jesu wird es für seine Gegner Zeit zu handeln. Darum werden  sie auch aktiv. Hier werden die Pharisäer genannt, aber sie sind nicht die einzigen Gegner Jesu. Wie sich später deutlich zeigen wird. Aber jetzt die Wortführer.

Sie halten Rat – genauer: sie fassen einen Beschluss.  Schon einmal hat Matthäus die gleiche Wendung gebraucht συμβούλιον λαμβάνειν – mit dem Nachsatz: dass sie ihn umbrächten.(12,14) Jetzt also: Sie wollen ihn in seinen Worten fangen, wie in einer Schlinge, umgangssprachlich: sie suchen nach dem, woraus sie ihm einen Strick drehen können. Diese Absicht steht als Zielsetzung hinter allen nachfolgenden Diskussionen bis zum Ende Kapitel 23.

Die Gesandtschaft, die zu ihm kommt, einzelne Schüler pharisäischer Schriftgelehrter hat also einen klaren Auftrag: Fallen stellen. Verbündet sind sie mit Herodes-Leuten. Denen geht es weniger um die Theologie als mehr um die staatliche Ordnung, die Machtfrage, den Einfluss auf das Volk.

Die sprachen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen. 17 Darum sage uns, was meinst du: Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht?

             Captatio benevolentiae – eine tiefe Verbeugung zum Anfang. Um gute Stimmung zu machen? Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht. In diesen Worten steckt Anerkennung. Vielleicht auch, um Jesus leichtsinnig sagen zu lassen, was man besser nur im vertrauten Kreis sagt. Sie suggerieren: wir  sind unter uns. Du kannst uns vertrauen.

Die Schmeichelei ist dick aufgetragen. Obwohl die Leser des Evangeliums wissen: sie entspricht der Wahrheit. Es kann nsogar so sein, dass die Gesdandten darin ehrlich sind. Pharisäer sind nicht, wie wir das gerne denken und allzu oft sagen, immer und überall die Feinde Jesu. Sie sind auch nicht immer falsch. In den Worten steckt – vielleicht? – ehrliche Anerkennung: Jesus verhält sich nicht taktisch. Er redet niemand nach dem Mund. Er ist nicht auf Ansehen aus, auf Zustimmung, auf Beifall. Und doch: „Im Mund der Abgesandten der feindlichen Pharisäer klingt ihre Anrede hohl und verlogen.“(U. Luz, aaO.  S.257) Eine „Wahrheit“ kann zur „Lüge“ werden, wenn sie von den falschen Leuten ausgesprochen wird.

Vielleicht aber steckt dahinter auch das Wissen: In Nichts ist jemand so gefährdet wie in der eigenen Stärke. Bei den eigenen Schwächen ist man auf der Hut. Aber die eigenen Stärken können leichtsinnig machen. Der Appell an die scheinbar eigene Stärke der Person ist auch Instrument des Versuchers: „Bist du Gottes Sohn….“(4,3;4,6)

Endlich die Frage: Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? Was in unseren Ohren harmlos klingt, ist doch eine wirkliche Fangfrage. Verneint Jesus, so ist er ein Fall für die Römer und Herodes. Bejaht Jesu, so bringt er das Volk gegen sich auf, das unter der Steuerlast stöhnt. Und – als geistliche Glaubensfrage dahinter: „Darf ein Volk, das allein Gott als seinen König anerkennt, einem heidnischen Herrscher Tribut leisten?“(W. Klaiber, aaO.  S.124) So fragt man zur Zeit Jesu, unbeschadet aller Berichte in der eigenen hebräischen Bibel über Tributzahlungen an Assyrer, Babylonier, Ägypter, Perser….

18 Als nun Jesus ihre Bosheit merkte, sprach er: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich?

Die Antwort Jesu ist zunächst eine Entlarvung: Ihr seid nur daran interessiert, mich zu fangen, zu versuchen. Es geht euch gar nicht um die Sache. Es geht euch um mich, um meinen „Fall“. Matthäus nennt dieses Verhalten: Bosheit. πονηρα. Die Leser erinnern sich: Im Festsaal der königlichen Hochzeit fanden sich auch πονηρόι. Nicht nur Gute, sondern auch Böse. Jesus umgibt sich nicht nur mit Guten, sondern er gibt sich auch mit den Bösen ab. Den Heuchlern,  – ποκριταί – den Hypokritikern, die ihn fangen wollen.                                                                                                        

19 Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. 20 Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? 21 Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

             Dann aber spricht er zur Sache. Nicht ohne sie einzubeziehen. Er lässt sich eine Steuermünze zeigen. Erstaunlich: sie haben so etwas bei sich – ein heidnisches Geldstück. Durch den bloßen Besitz dieser Münze ist eines allerdings schon klar: die Fragenden zahlen selbstredend Steuern. Allein das ist entlarvend für ihre Schein-Fragerei.

Aber dann geht es weiter: Das Bild auf der Münze – ein Kaiserbild. Damit ist auch klar: diese Münze ist kaiserlich und steht ihm zu. Sie ist Teil der Verehrung des Kaisers. So schreibt Sueton über Tiberius, den Kaiser zur Zeit Jesu: „Es wurde als todeswürdiges Verbrechen angesehen, wenn jemand in der Nähe eines Augustusbildes seinen Sklaven auspeitschte oder seine Kleider wechselte, wenn jemand ein Geldstück oder einen Ring mit dem Bild des Augustus auf den Abtritt oder ins Bordell mitnahm.“(Sueton, Cäsarenleben, hrsg. M. Heinemann, Stuttgart 1957, S. 210)So sagt Jesus mit seiner Antwort erst einmal nichts, was nicht schon durch die Münze gegeben ist: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.

Das ist nicht mehr als eine Anerkennung der Fakten. Es gibt Ansprüche, die der Kaiser – er steht für den Staat – an seine Untertanen hat. Die haben sie zu erfüllen. Es liegt Jesus nichts daran, zu Steuerverweigerung aufzurufen, auch nichts daran, den Kaiser als göttliche Obrigkeit zu verehren. Das ganze Problem ist ihm eigentlich nicht wichtig. Er beantwortet es eher im Vorübergehen.

Woran ihm aber sehr wohl liegt, ist, was er ungefragt sagt: Gebt Gott, was Gottes ist! Gerade weil dieser Satz so knapp ist, ist er so stark. Verlangt er doch von den Hörern – und Lesenden – dass sie ihn selbst ausfüllen. Was steht Gott zu?

Israel hat es gelernt – und Jesus hat selbst manchmal diese Antwort gegeben: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“(5. Mose 6,4-5)Braucht es Ausführungsbestimmungen? „Gott stellt einen grenzenlosen Anspruch an den Menschen, der alle Bereiche des Lebens umfasst.“ (U. Luz, aaO.  S.260) Schließlich ist der Mensch doch Bild Gottes (1. Mose 1,27), geschaffen, um ihm zu entsprechen. Darum schulden wir Gott nicht weniger als unser ganzes Leben.

Nur so nebenhin gesagt: Mit diesen Worten stellt Jesus die Autonomie des Menschen, die heutzutage gerne behauptet wird, grundlegend in Frage. Wir gehören nicht uns selbst. Wo man das erzählt, lügt man sich in die Tasche. Wahr ist: wir gehören nicht dem Staat, nicht der Gesellschaft, nicht dem Betrieb, nicht irgendwelchen Interessengruppen. Aber wir gehören auch nicht uns selbst, sondern Gott. Sagt Jesus. Ich wünsche mir eine Kirche,  die den Mut hat oder neu gewinnt, das auszusprechen, auch in Diskussionen, in denen diese Einsicht sehr störend wirken dürfte.

 22 Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

             Die Zuhörer wundern sich. Es sind wohl in diesem sie die Jünger der Pharisäer gemeint, die jetzt, mit den Worten Jesu „geschlagen“, den Rückzug antreten. Wenigstens vorläufig. Nicht immer führt Verwundern zum Glauben. Manchmal auch einfach zum Ausweichen. Das aber ist klar:  Jesus hat jetzt ein erstes Rededuell eindeutig für sich entschieden, weil die Gegner den Platz räumen.

 

Mein Gott, wie wichtig ist mir das Geld, der korrekte Umgang mit meinen Steuerschulden, peinliche Genauigkeit mit anvertrautem Geld, aber auch das Wissen: Es wird auch für den nächsten Monat reichen

Und wie wenig zählt es bei Dir. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Und im Himmel gibt es keine Zahlungsmittel, keinen Zahlungsaufschub, aber auch keine Zahlungsziele.

Ich danke Dir, dass Du nicht unsere Reichtümer suchst, um sie für Dich zu gewinnen, sondern uns Deinen Reichtum schenken willst, Deine Freiheit, Gemeinschaft mit Dir, Leben aus Deiner Ewigkeit, unbezahlbar. Umsonst. Amen