Kein Idyll

Matthäus 21, 33 – 46

33 Hört ein anderes Gleichnis:

             Jesus ist ein unermüdlicher Geschichten-Erzähler. Gleichnisse sind seine Art zu lehren. Weil sie nicht platt sagen: so ist es, sondern zu eigenem Nachdenken heraus fordern.

 Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.

             Die Zuhörer ahnen es schon bei den ersten Worten: es wird um Israel gehen. Um das Volk Gottes. Spätestens seit dem Weinberglied des Jesaja hat das Tradition: Israel ist der Weinberg Gottes. Auch das können sie vielleicht schon ahnen: es wird eine kritische Geschichte werden. Es ist nur noch nicht heraus, wem die Kritik gelten wird.

Der Besitzer des Weinbergs, Hausherr, auf Griechisch: οκοδεσπτης  – unser Wort Despot steckt da mit drin! – hat alles getan, damit der Weinberg Ertrag bringt. So vertraut er ihn jetzt Pächtern an. Er hat noch anderes zu tun. In einem anderen Land. Hinter den Sätzen steht die Alltags-Situation im Israel zur Zeit Jesu. Reiche Leute haben Latifundien, deren Verwaltung sie in die Hände von Pächtern geben. Von Interesse ist nur der Ertrag. Die Rendite.

 34 Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holten. 35 Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie. 36 Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; und sie taten mit ihnen dasselbe.

Es ist Erntezeit, Zeit den Ertrag zu sichten und zu sichern. Aber die Knechte, die der Hausherr sendet, stoßen auf Widerstand. Auf verweigerte Herausgabe des Ernteertrages.  Wenn man es genau nimmt: auf Rebellion. „Es gibt Zeugnisse aus Palästina, die zeigen, wie schwierig es in manchen Zeiten für auswärtige Gutsbesitzer sein konnte, die ihnen zustehende Pacht einzutreiben.“ (W. Klaiber, aaO.  S.111) Von daher: was Jesus hier erzählt, kann seinen Zuhörern bekannt vorkommen. So rebellisch sind die Leute manchmal. Wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht.

Es ist festzuhalten: wie die Pächter mit den Knechten umgehen, ist erschreckend, von einer schier unglaublichen Brutalität. Auch nicht nur im Ansatz dadurch zu rechtfertigen, dass der Großgrundbesitzer womöglich in der Tat ein Ausbeuter, ein Despot ist. Auffällig und gegen die These, dass hier das Bild eines Despoten gemalt wird, spricht: er antwortet nicht mit Härte auf diesen Aufstand. Sondern mit Geduld. Obwohl seine ersten Boten misshandelt, geschunden und getötet werden, sendet er weitere Boten. Man kann  durchaus die Frage stellen, ob er sich etwas vormacht über die Mentalität seiner Pächter. Ob er nicht wahrhaben will, dass sie sind, wie sie sind.

Wenn für die Zuhörer Jesu diese Geschichte von Anfang an transparent ist auf Israel hin, dann hören sie mehr als nur den sozialen Konflikt: Dann lassen die Worte „Erinnerungen an die Prophetenmordtradition entstehen: So hat Israel seine Propheten immer behandelt.“(U. Luz, aaO. S.223) So die Geduld seines Gottes strapaziert bis zum Äußersten.

37 Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.

             Nachdem auch diese Sendung gescheitert ist, wieder an der Gewalt und wieder Menschenleben gefordert hat, sendet er seinen Sohn. Die ultima ratio ist ihm nicht die eigene Gewalt, sondern sein letztes Mittel ist der Sohn. In ihm werden sie doch den Vater sehen und sich scheuen. Keine Gewalt anwenden. „Der Besitzer gibt also in seiner unbeschreiblichen Langmut den Pächtern nochmals die Chance, anständig zu sein und umzukehren.“(U. Luz, ebda) Es ist ein Appell an ihre Rechtlichkeit, an ihr Moralempfinden. Auch an ihre Vertragstreue. Er begegnet ihnen immer noch nicht nur juristisch auf der Rechtsebene, sondern menschlich.

  38 Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen! 39 Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. 

Was für eine Täuschung. Die Pächter sehen ihre Chance gekommen: Wenn wir den Sohn töten, sind wir den Erben los. So denken sie. Und: Wenn der Vater sich so schwach und schutzlos zeigt, wie soll er dann noch gegen uns durchgreifen? Es fehlt ihm an Kraft und Mut, an Entschlossenheit. „Geh nach Haus, Alter. Du änderst doch nichts.“( W. Borchert, Draußen vor der Tür, 1947) So schätzen die Pächter den Hausherren wohl ein.

Die Folge: Sie nehmen den Sohn, stoßen ihn aus dem Weinberg und bringen ihn um. Für die Leser in der Gemeinde des Matthäus ist dieser Satz durchsichtig auf das Ende Jesu hin. Jesus ist draußen vor der Stadt auf Golgatha gestorben. Das heißt aber damit auch: Jesus erzählt in diesem Gleichnis sein Geschick. Nimmt es vorweg und deutet zugleich. Die Schuldigen am Tod Jesu sind die Pächter, die, denen der Hausherr den Weinberg anvertraut hatte

  40 Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun?

       Jesus beendet seine Erzählung mit einer Frage. An die Zuhörer. Erwartet er von ihnen Antwort? Es ist wie im Weinberglied: auch da wird die Frage an die Zuhörer gestellt:  „Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?“ (Jesaja 5,4) Aber während im Weinberglied dann der Herr des Weinbergs antwortet, geht es hier anders weiter.

 41 Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.

Es sind die Zuhörer, die ihr Urteil sprechen. Sie lassen sich bei ihrem Urteil von dem „gesunden Menschenverstand“, wohl auch vom Rechtsempfinden leiten. Ein böses Ende für die Gewalttäter und andere Pächter, auf die mehr Verlass ist. Die, in Anlehnung an Psalm 1, ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.

             Es liegt so auf der Hand. Eine andere Antwort kann doch keiner ernsthaft versuchen. Zum dritten Mal – nach der Frage zur Vollmacht des Johannes, nach der Frage, welcher der beiden Söhne dem Willen Gottes gefolgt ist, eine Frage, deren Antwort geradezu unausweichlich ist. Es ist, als würde Jesus seine Zuhörer regelrecht zwingen wollen: seht doch, worum es geht. Seid doch einsichtig! Es liegt doch auf der Hand, was richtig ist, was geschehen wird. Indem sie sagen, was man sagen muss, sprechen sie zugleich ihr eigenes Urteil.

Es ist wie beim Propheten Nathan, der David eine Geschichte vorlegt und ihn das Handeln beurteilen lässt. Und als David seinen Spruch gefunden hat, reagiert Nathan: Du bist der Mann! (2. Samuel 12,7) Es ist die eigene Verurteilung, zu der Nathan David geführt hat. Vielleicht darf man also sagen: Jesus handelt hier in der Spur der überführenden prophetischen Redeweisen.                                             

42 Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. 44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen.

             Das Gleichnis ist zu Ende erzählt – und richtig beantwortet. Jesus aber ist noch nicht am Ende. Er erklärt nichts, aber er knüpft an dieses Gleichnis an. Der von den Pächtern getötete Sohn – das ist doch der Stein, den die Bauleute verworfen haben. Der auf sie zurück fällt. Der zum Eckstein wird – für einen neuen Bau. Oder für einen Bau, den andere Bauleute weiterführen.

Dann wird Jesus erschreckend direkt. Seinen Zuhörern gegenüber. Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Daran liegt alles: dass das neue, andere Volk Frucht bringt. Ohne Frucht ist es nicht besser, auch nicht besser dran als das Volk, dem das Reich genommen wird.

45 Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. 46 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.

            Seltsam: die Hohenpriester und Pharisäer verstehen das Gleichnis, wie sie auch andere Gleichnisse verstehen. Sie sind nicht taub und blind für die Worte. Sie nehmen sehr deutlich wahr: Das ist alles auf uns gemünzt.  Sie verstehen. Verstehen wohl auch, dass sie sich ihr eigenes Urteil gesprochen haben in der Antwort auf die Frage Jesu. Zum dritten Mal hintereinander.

Aber sie kehren nicht um. Sie wollen ihn aus dem Weg räumen. Was sie allein noch aufhält ist das Volk. Weil es große Stücke auf Jesus hält. Ihn für einen Propheten hält. Wenn die Leute aus dem Volk  zugehört haben, wie Jesus seine Widersacher fängt in ihren Worten, haben sie darin, durchaus schriftkundige und traditionsbewusste Leute die Art der Propheten wiedererkannt.

Zum Weiterdenken und anders Glauben

Alles Hören dieses Gleichnisses, das sich dabei beruhigt: es geht ja nur um die Enterbung Israels, hört zu wenig. Hört vielmehr richtig falsch. Man kann so ein Gleichnis nicht gewissermaßen für andere hören, als Urteil über andere. Dann gleicht man denen, von denen Jesus sagt: „Mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht.“(13, 13) Es geht vielmehr darum, es einzuschärfen: „Nicht die Zugehörigkeit zu einer Institution, und auch nicht das rechte Bekenntnis, sondern allein die Werke der Liebe werden im Gericht des Weltrichters“(U. Luz, aaO. S. 227)Bestand haben. Es gibt keinen Grund zu christlicher Überheblichkeit oder Heilssicherheit.

Es liegt nahe, sich hier zu erinnern: „Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen – aber hin ist hin: Sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland. Hin ist auch hin: Sie haben nun den Türken. Rom und das lateinische Land hat ihn auch gehabt – hin ist hin: Sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen braucht nicht zu denken, dass ihr ihn ewig haben werdet denn der Undank und die Verachtung wird ihn nicht bleiben lassen.“( M. Luther, An die Ratsherren, 1524) Selbst wenn ich die Radikalität Luthers nicht teile, schon gar nicht sein Urteil über Juden und Rom  – die Mahnung in seinen Worten höre ich sehr wohl. Keine falsche Sicherheit.

Stattdessen die deutliche Aufforderung; zugreifen. Sich festmachen. Dankbar sein in Worten und in Werken. „An die Stelle von Israel tritt also nicht die Kirche, sondern ein Appell an diejenigen, die bisher nicht zu Israel gehörten, Früchte zu bringen.“ (U. Luz, ebda)

 

Jesus, manchmal habe ich Angst, dass ich Dir alles schuldig bleibe, das Tun des Gerechten, das Vertrauen auf Dich, den Glauben, der sich von Dir leiten lässt.

Ich bitte Dich, dass ich Dir nicht die Früchte meines Lebens verweigere, auch wenn sie noch so kümmerlich sein mögen. Hilf Du mir, dass ich mich rufen lasse zum rechten Tun und zu einem  einfältigen Glauben, der Dir vertraut, auch mit leeren Händen. Amen