Ehrlich fragen – ehrlich antworten

Matthäus 21, 23 – 27

23 Und als er in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: Aus welcher Vollmacht tust du das und wer hat dir diese Vollmacht gegeben?

 

            Jesu Weg führt ihn von dem verdorrten Feigenbaum hinweg weiter, wieder in den Tempel, direkt in die Fragen der Hohenpriester und Ältesten des Volkes hinein. Als hätten sie auf ihn gewartet. Als hätten sie gewusst: er wird wieder hierher kommen. Und so stellen sie ihm die Fragen, stellen ihn mit ihrer Frage: Nach seiner Vollmacht. ξουσα. Ihrem Wesen, ihrer Herkunft.

 

Es ist die Frage, die bis heute nicht zur Ruhe kommt. Was steckt hinter Jesus? Ist er nur ein guter Mensch, ein bisschen merkwürdig zwar, aber im Kern doch gut? Ein Weltverbesserer. Ein Religions-Stifter. Oder steckt noch mehr dahinter? Steht er für eine  – uns unfassbare – Transzendenz? Vorsichtig formuliert, um nicht gleich von Gott oder der Gottheit oder dem Göttlichen zu sprechen.

 

Mir ist wichtig, das Recht dieser Frage und dieser Fragenden festzuhalten, weil ich mit dem frag-losen Glauben nichts anfangen kann. Mir ist der Glaube lieb, der die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit hinter Jesus für frag-würdig hält, des Fragens würdig. Weil Fragen die Voraussetzung für Antworten ist. Wer nicht fragt, bleibt dumm. „Vogel, friss oder stirbt“. – „Da darfst du nicht mehr fragen. Das musst du einfach glauben.“ – das ist unter dem Niveau der biblischen Schriften. Sie erlauben das Fragen und fordern es geradezu ein.

 

Deshalb bin ich auch vorsichtig, hinter Fragen gleich Anmaßung zu vermuten. Vorsichtig auch mit der These: „In der Frage liegt der Vorwurf: „Du maßt dir eine Autorität an, die dir nicht zusteht.“(W. Klaiber, aaO.  S.105) Diese Fragen müssen die Autoritäten rund um den Tempel stellen, aus ihrer Verantwortung heraus. Immerhin steckt in ihrer Frage ja auch die Möglichkeit: die Vollmacht Jesu könnte eine gegebene Vollmacht sein – und im Passiv steckt oftmals ja das tief verborgene Handeln Gottes! Ganz ausschließen möchten sie das also nicht von vornherein.

 

24 Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; wenn ihr mir die sagt, will ich euch auch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue. 25 Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen?

 

Es ist ein Gespräch unter geschulten Gesprächspartnern. Jesus ist nicht der ein wenig einfältige reine Tor aus Galiläa. Darum antwortet er, schulmäßig, mit einer Gegenfrage: Er fragt nach ihrer Einschätzung des Täufers. Nach der Vollmacht hinter seinem Taufen. Das steckt in der Alternative:vom Himmel oder von den Menschen? Die Leser*innen des Evangeliums kennen die Sicht Jesu auf den Täufer: „Er ist der Elia, der kommen soll.“(11,14)Der Vorläufer, durch den Jesus seinerseits als „der Kommende“ (11,3) deutlich wird.

 

Wie aber werden die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes ihn sehen? Was sagen sie von ihm?

 

Da bedachten sie’s bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 26 Sagen wir aber, sie war von Menschen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten, denn sie halten alle Johannes für einen Propheten.

 

Einmal mehr gewährt der Evangelist Einblick in die Gedanken von Menschen. Sie äußern sie nicht, aber sie bewegen sie, in ihren Köpfen und ihren Herzen. Es ist, als würden die Leser*innen so Anteil an der Fähigkeit Jesu erhalten, Gedanken zu lesen, die Herzen zu kennen.

 

Es sind taktische Überlegungen, die verschiedene Möglichkeiten durchspielen. Und alle Möglichkeiten sind übel. Es ist, als hätten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes mit ihrer Antwort nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder sie werden bloß gestellt als Leute, die wider besseres Wissen Johannes nicht geglaubt haben, sich seinen Worten nicht anvertraut haben. Die keine Lebenskonsequenzen aus seinem Auftreten gezogen haben, sich auch nicht selbst haben taufen lassen. Oder sie stehen dumm da vor dem Volk, das Johannes hoch verehrt. Ihn gar für einen Propheten hält, den ersten nach der langen, prophetenlosen Zeit.

 

Wie auch immer sie antworten, es ist blöd. Dumm gelaufen. „Jesu Gegenfrage lässt sich nicht einfach theoretisch beantworten, sondern hat ihre Pointe darin, dass sie das Leben seiner Gegner zur Debatte stellt.“(U. Luz aaO.  S.210) Dieser Galiläer hat sie ganz schön in seiner Frage gefangen.

 

In diesen Überlegungen wird sichtbar: die führenden Priester, die Ältesten des Volkes sind nicht das, wofür sie gehalten werden und sich auch selbst halten: Führer des Volkes. Sondern sie sind In ihrem Verhalten geführt vom Volk, dessen Stimme sie so gerne sein möchten. Abhängig und geführt von ihrer Furcht vor Einfluß-Verlust.

 

27 Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen’s nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.

 

Darum wählen die führenden Priester den Ausweg, der allein noch offen scheint: Wir wissen es nicht. Aber damit verspielen sie auch die Chance, eine Antwort von Jesus zu erhalten. Weit über die Situation hinaus gilt: „Wer die Frage nach der Autorität stellt, die hinter seinem Wirken steht, ohne bereit zu sein, aus der Antwort auch die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, darf von ihm keine Antwort erwarten.“(W. Klaiber, aaO.   S.106)

 

Das gilt bis heute: Die Frage nach dem Glauben, nach der Autorität Jesus läuft ins Leere, wenn hinter ihr nicht die Bereitschaft steht, sich auf Jesus einzulassen, sich von seinem Wort über das bisherige Leben und Denken hinaus führen zu lassen. Ohne die Bereitschaft zur Nachfolge.

 

Zum Weiterdenken:

 

Es ist im Agieren der führenden Religionsbeamten damals die gleiche Abhängigkeit, die sich heute im Schielen auf die Umfragewerte zeigt. Die Entscheidungen davon abhängig macht, ob sie mehrheitlich zustimmungsfähig sind und nicht danach zuerst fragt, ob sie richtig sind. Wie oft wird danach gefragt, ob es der Kirche Zulauf bringen wird, wenn sie Frauen das Priesteramt öffnet, die Ehe für alle segnet, nicht so streng ist mit dem Glauben – allein an Christus. Die Wahrheit aber verweigert sich dem taktischen Kalkül. Es ist immer misslich, wenn Fragen im Bllick auf mögliche Zustimmungen oder Ablehnungen entschieden werden und nicht im Blick darauf: Sind sie zu verantworten vor Gott und dem eigenen Gewissen?

 

Manchmal, mein Jesus, bin ich die theologischen Debatten leid, die nichts verändern, die nur Recht behalten wollen, wo einer den anderen in Worte fangen will.  

Hilf Du mir, dass ich unterscheiden lerne, wo einer ehrlich fragt, weil er nach dem Glauben sucht, von dem, wo einer sich nur die Anfrage an das eigene Leben vom Hals halten will.

Hilf Du mir, dass ich es lerne, ehrlich zu fragen, dass ich auch bereit werde, immer neu den Weg auf mich zu nehmen, der sich durch das Fragen hindurch zeigt – Deinen Weg. Amen