Raum für die Güte

Matthäus 21, 12 – 17

12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

             Merkwürdig: Matthäus hält sich nicht bei dem Stadtgespräch auf. Die „Fans von Jesus“(W. Klaiber, aaO.  S.95) bleiben unter sich, allein gelassen, zurück in der Stadt. Es wirkt beiläufig, wie er weiter erzählt. Jesus geht in den Tempel. Betritt er ihn allein? Jedenfalls steht er allein im Geschehen, das folgt, im Mittelpunkt. Alles konzentriert sich auf ihn.

Was sich da im Folgenden abspielt, findet kaum im eigentlichen Tempel statt, sondern auf dem Tempelgelände, vielleicht im Vorhof der Völker. Das ist ein riesiges Areal, fast 10 Hektar groß, um ein Mehrfaches also größer als der gewiss nicht kleine Platz vor dem Petersdom in Rom. Dort haben Geldwechsler und Taubenhändler ihre Stände aufgeschlagen. Sie werden benötigt, um den Opfer-Betrieb am Tempel sachgerecht durchführen zu können. Sie haben eine wichtige Rolle für den kultisch korrekten Ablauf der Tempel-Aktivitäten. Sie sind unersetzliche Mitwirkende.

Unter ihnen richtet Jesus Chaos an. Vertreibt sie. Stößt ihre Tische um. Bringt ihr Geschäft zum Erliegen. Das Ganze nicht als stumme Aktion, sondern deutlich kommentiert: Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.

 Der Auftritt ist kein politischer Akt, keine Machtdemonstration als Anfang eines Umsturzes der Verhältnisse, sondern ein Handeln, wie es dem „Propheten aus Nazareth in Galiläa“(21.11) durchaus entspricht. Den „der Eifer um das Haus Seines Vaters treibt.“(Psalm 69, 10 – vgl. Johannes 2,17) Der Eifer um den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes, als Ort der Versöhnung und Verschonung. Darum geht es, Geschäftemachern, die im Tempel ihr Ding durchziehen, unter dem Vorwand, dem Kult zu dienen, das Handwerk zu legen. Darauf könnte die Verwendung κολλυβισταί,Provisionsnehmer“, in meiner Sprache: „Gewinnoptimierer“ statt des neutralen Geldwechsler hinweisen. Hier bleibt die Übersetzung emotionale Zwischentöne schuldig!

 14 Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.

 Als die Händler und Geldwechsler den Platz geräumt haben, sind Blinde und Lahme da. Sie kommen zu ihm. Und er heilt sie. Macht aus dem Tempel wieder den Ort, an dem das Erbarmen Gottes sinnfällig wird, sichtbar. Greifbar. Dass er hier heilt, widerlegt alle Thesen, die in Jesus den reinen Tempelkritiker sehen wollen. Was er will, ist, dass der Tempel wirklich das ist, was er sein soll: Ort der Gottes-Begegnung. Bet-Haus. Ort, an dem die heilsame Zuwendung Gottes erfahren, erlebt werden kann.          

15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? 

Es bleibt tumultartig. Sehr zum Ärger der Hohenpriester und Schriftgelehrten. Ihre heilige Ruhe ist gestört. Der Ruf der Menge in der Stadt, der Jesus als den Sohn Davids bezeichnete, mochte ja noch angehen. Als Massengeschrei einer Menge, die nicht weiß, was sie schreit. Aber dass jetzt Kinder im Tempel diesen Ruf aufnehmen, dass sie Jesus im Tempel so huldigen  Hosianna dem Sohn Davids!, geht ihnen entschieden zu weit. Ihre Frage an Jesus ist in Wahrheit eine Aufforderung, dieses Geschrei zu unterbinden. Ihnen den Mund zu verbieten Sich davon zu distanzieren.  Diese Akklamation zurück zu weisen.

  Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?

             Jesus aber tut genau das nicht. Ja, er hat dieses Schreien auch gehört. Aber er wertet es anders. Nicht als das unmotivierte Geschrei einer aufgeputschten Menge, nicht als puren Unsinn, auch nicht als verfehlte Verehrung. Er hört anders. Diese Kinder, die da schreien, „dürften für die Leser/innen des Evangeliums identisch gewesen sein mit den νήπιοι (den Geringen, Kleinen, Unmündigen) denen nach 11, 25 – 27 das Geheimnis des Vaters und des Sohnes offenbart ist.“ (U. Luz, aaO.  S.188) Mit diesen Schreienden und ihrem Schreien können sich die Leser*innen des Evangeliums identifizieren, rufen sie doch das Bekenntnis der Gemeinde aus.

Jesus sagt: das ist genau das, was Gott will. In den Ohren Gottes ist das wunderbarer Lärm, dieses Geschrei der Kinder. Es ist sozusagen von Gott gewirktes Lob. Also nicht: Distanzierung, sondern im Gegenteil: Sie sagen, was Gott gefällt, was ihm entspricht, was er in ihnen bereitet. Sie reden Gottes Worte!

Darf man so weit gehen, zu sagen, dass es Jesus offensichtlich nicht so mit der „heiligen Stille“ hat, dem heiligen Raum, in dem nichts laut werden darf, schon gar nicht Überschwang und Freude. Er hat seine Freude am Geschrei der Kinder! Was das für unseren Umgang mit Kinderlärm im Gottesdienst heißen könnte, vermag ich mir kaum vorzustellen. Wohl aber, dass der eine oder andere sich hier mit seinen Vorbehalten unversehens eher auf der Seite der Kritiker Jesus wiederfindet – und eben nicht auf Jesu Seite.  

 17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

 Spricht`s und lässt sie stehen. Hohepriester, Schriftgelehrte, die ganze Tempeltruppe. Verlässt die Stadt und geht schlafen. Die Welt wird sich weiter drehen. Trotz all der Aufregungen im Tempel. Er geht nach Betanien. So endet der erste Tag in Jerusalem.

Zum Weiterdenken

Es ist die Szene, die manche lieben: Jesus als radikaler Kritiker des Kult-Betriebes. Wunderbar anwendbar auch auf heutige Kirchen- und Kultkritik. Jesus in der Rolle des Revolutionärs. Es hat den Versuch gegeben, erstmals im 18. Jahrhundert, diese Szene als eine im Kern politische Aktion Jesu zu beschreiben. Er versucht die Macht-Übernahme als messianischer Heilskönig. Das aber ist politisches Handeln, weltlicher Machtanspruch. Und erst, als dieser Versuch am Kreuz scheitert, wird sein ganzes Handeln nachträglich umgewertet. So gelesen, sind die Evangelien das Produkt einer grandiosen Geschichtsfälschung, die aus dem Scheitern durch Umschreiben doch noch etwas zu machen versucht. Der „historische Jesus“ aber wollte nicht den Glauben, sondern den Umsturz.

Nur: diese Deutung hat keinen Anhalt in der Erzählweise des Evangeliums insgesamt und der Erzählung von der Tempelreinigung im Besonderen. Die Aktion Jesu im Tempel ist kein politischer Akt. Es geht um den Tempel als den Ort der Gottesgegenwart, den Ort der Verschonung, der Versöhung.

Was allerdings auch nicht geht: die Tempel-Reinigung zu lesen als eine Aktion, mit der Jesus die Rechtgläubigkeit einer sterilen Kirchlichkeit schützen will. Mit der er sich gegen alle Modernisierungstendenzen wendet. Er wirft ja nicht Schauspieler, Tänzer, Musikanten, Theaterleute aus dem Tempel und dem Tempelgebiet. Es ist nicht die „good old time religion“, die hier geschützt wird. Jesus ist mit der Tempelreinigung eben nicht der Anwalt der Bewahrer des Gestern.

 

Jesus ist der Anwalt Gottes. Seiner Majestät. Die aber kann vielfältig gelobt werden. Mit Pauken und Trompeten, Zimbeln und Harfen, Schlagzeug und Synthesizer, E-Gitarre und Orgel, mit Theater und Tanz, sogar mit Clownerie und frechen Texten.

 

Jedenfalls. Für die wechselseitigen Platzverweise, wahlweise an die Modernen oder die Gestrigen, die Konservativen oder die Progressiven, ist die Tempelreinigung gänzlich ungeeignet. Jesus will diese Art der Rechthaberei gewiss nicht. Sondern er will, dass wir beherzigen, was wir manchmal sogar singen

 

Er weiß viel tausend Weisen, / zu retten aus dem Tod,
ernährt und gibet Speisen / zur Zeit der Hungersnot,
macht schöne rote Wangen / oft bei geringem Mahl;
und die da sind gefangen, / die reißt Er aus der Qual.

  1. Gerhardt, 1653, EG 302

 

Mein Herr Jesus, ich hätte mich vermutlich im Tempel weggeduckt, verdrückt, auf unauffällig gemacht, weil ich Dich so nicht kenne, so nicht mit Dir rechne.

Ich habe es lieber ruhig, unaufgeregt, ohne mich mit allen Leuten anzulegen, schon gar nicht mit den Frommen, die mir doch so nahe sind.

Du aber willst nur das Eine, dass im Haus Deines Vaters Raum ist für Erbarmen, für Hilfe in der Not, für gequälte und klein gemachte Menschen. Hilf Du uns doch, dass wir in unseren Kirchen Raum schaffen für das Erbarmen, in dem die Güte des Vaters im Himmel aufleuchtet. Amen