Komm o mein Heiland

Matthäus 21, 1 – 11

 1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.

     Der Weg von Jericho nach Jerusalem, durch das Wadi Kelt, ist geschafft. Vor den Jüngern und Jesus liegt Jerusalem, nahe am Ölberg das Dörfchen Betfage. Dorthin sendet Jesu zwei Jünger voraus. Nicht um Quartier zu machen, sondern ein Reittier zu organisieren. Eine Eselin samt ihrem Fohlen.

Es ist wieder einmal unerklärliches Vorauswissen Jesu, Hellsichtigkeit, die hier aufleuchtet. Er weiß, dass die Jünger die Tiere finden werden. Er weiß, dass die Erklärung  Der Herr bedarf ihrer, genügen wird, damit der Besitzer sie den Jüngern überlässt. „Jesus beansprucht hier also fremden Besitz, wie ein König denjenigen seiner Untertanen.“(U. Luz, aaO. S.180)

             Es ist gerne darüber spekuliert worden, ob der Besitzer nicht ein Verbindungsmann Jesu in Betfage sein könnte, ähnlich wie bei dem „jemand“(26,18), der später in Jerusalem den Abendmahlsraum zur Verfügung stellen wird. Mir leuchtet das nicht ein. Vielmehr spricht alles in der Art des Erzählens dafür: Jesus ist hier der, der souverän handelt und seinen Einzug regelrecht „inszeniert.“

  4 Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«

             Das Zitat, das Matthäus anführt, unterstützt diese Sicht. Jesus erfüllt die Schrift. Πληρόω ist ein Erfüllen, das mehr als nur „nachmachen“ meint. Durch dieses Tun wird die noch unvollendete Schrift erfüllt, an ihr Ziel gebracht. Jetzt ist sie „voll“. Zugleich gibt Jesus durch sein Tun einen Hinweis, wie er gesehen werden will: Als der König, der sanftmütig kommt, demütig, als Friedenskönig, hatte er doch von sich selbst gesagt: denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ (11,29)

Auch  das Sacharja-Zitat  geht ja entsprechend weiter:  „Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.“ (Sacharja 9, 10 -11) Von Jesus geht, auch wenn er als König kommt, keine Gewalt aus. Der hier seinen Einzug vorbereitet, kommt als Friedensherrscher, nicht als Gewaltmensch.

  6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

             Alles findet sich so, wie Jesus es angesagt hat. Seinen Aufträgen zu gehorchen, so soll wohl die Gemeinde lesen, ist nicht unsinnig. Er gibt Aufträge, die sich erfüllen lassen. Die Tiere werden vorbereitet, durch die Kleider der Jünger, (doch wohl nur einzelner), die als Decken auf sie gelegt werden. Dann setzt sich Jesus auf die Eselin.

Ich denke nicht, dass es eine sinnvolle Vorstellung ist, sich ihn auf beiden Tieren gleichzeitig reitend vorzustellen! Das verlangt auch die Erfüllung des Sacharja-Zitats nicht. – Er reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers ist eine gängige hebräische Stil-Form, ein Parallelismus membrorum, wo eine Doppelung nichts andere als eine Unterstreichung ist. Heutzutage verwendet man dafür Fettdruck.

Es geht in Jerusalem weiter, wie es zuvor in Galiläa und auch in Judäa war: eine sehr große Volksmenge – einmal mehr πλεστος χλος empfängt ihn und gibt ihm das Geleit in die Stadt. Es ist schon in dem, was sie tun, ein großer Empfang. Sie rollen, bildlich gesprochen „den roten Teppich aus“, symbolisiert durch ihre Kleider und die Zweige von den Bäumen.

Es ist die Absicht des Matthäus zu zeigen, bevor es in Jerusalem zu harten Auseinandersetzungen kommt: Das Volk hat ihn geehrt, seine Hoffnungen auf ihn gesetzt. Es ist wohl Absicht: „Die Schilderung erinnert an den Jubel beim Einzug von weltlichen Herrschern in eine Stadt.“(U. Luz, aaO.  S.183) Damit ist Jesus sicher missverstanden, aber gleichzeitig doch auch wieder richtig verstanden. Denn seine Gegner sehen ihn so kommen: als einen, der Macht beanspruchen wird.

9 Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

             Es ist keine schweigende Demonstration. Es kommen Jubelrufe auf. Zurufe, Gesänge Akklamationen – das ganze Programm eines großen Einzugs. Das, was die Menge ruft, ist sicher geeignet die Befürchtungen derer, die jetzt noch gar nicht erwähnt werden, der Ältesten, der Hohenpriester, der Ratsmitglieder zu nähren. Hosianna dem Sohn Davids! „Hilf doch. Du Davids Sohn.“Wie viel Erwartung schwingt in diesem Ruf mit. Sehnsucht. Hoffnung.

Und natürlich wird so sichtbar, wie die Menge Jesus sieht: Er ist der Davidssohn, der Messias. Der die Not wenden wird. Für die Stadt und das Land, womöglich für die ganze Welt: urbi et orbi.  

             Es ist nur ein auf den ersten Blick „unschuldiges“ Psalm-Zitat: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN!“(Psalm 118,26) Aber solch ein Zitat kann in der entsprechenden Situation zu einem Machtwort werden, zu einer starken Botschaft. Auch zu einer politischen Botschaft.

Eine Illustration: Im mittelfränkischen Maihingen steht am Ortseingang, in der Richtung des Nachbardorfes, mit dem es eine lange Streitgeschichte gibt, genau dieser Satz als Empfangsgruß – an alle, die kommen, gültig auch für die Gegner früherer Zeiten: Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Besser kann man dieses Wort kaum in die Gegenwart übersetzen. Vielleicht wäre es auch ein schöner Willkommensgruß von Kirchengemeinden an die Fremden, die sie aufsuchen.

10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: Wer ist der? 11 Die Menge aber sprach: Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.

             Die ganze Stadt gerät in Aufruhr. Und fragt, wie sie schon seit den Anfängen Jesu in Galiläa fragt: wer ist der? Es ist die richtige Frage. Entscheidend wird sein, welche Antwort sie in Jerusalem darauf finden.

             Es mutet wie ein Tasten in die richtige Richtung an: Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa. Nicht, dass damit schon alles über Jesus gesagt wäre. Ist das wirklich weniger als das, was die Menge zuvor gerufen hat? Oder liegt nicht schon eine Ahnung über diesen Worten: „Es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem.“(Lukas 13,33) wird Jesus im Lukas-Evangelium zitiert. Jerusalem wird sich entscheiden müssen, wie es diesen merkwürdigen Eselsreiter sieht.    

 Zum Weiterdenken

Nicht nur in der Einzugsgeschichte spielt das hellsichtige Vorauswissen Jesu eine Rolle. Es zeigt sich an zalhreichen Stellen des Evangeliums. Als Kennen unausgesprochener Gedanken, als ein Kennen der Wege vor ihm. In diesem Zusammenhang gehören auch die Leidensansagen. Dahinter steht wohl die Vorstellung, dass der Weg Jesu sich nicht zufällig entwickelt, sondern dass er einem „Plan“ folgt, dass er vorgezeichnet ist – durch die Schriften, durch den Heilswillen Gottes. Und Jesus ist der, der beides kennt, die Schriften und den Heilsplan Gottes. Und darum Schritt fürSchritt so geht, wie es diesem Weg entspricht.

 

Jesus, zieh Du ein bei uns, in unsere Herzen, unsere Häuser, unser Land, unser Leben – und alles muss gut werden.

Wenn Du kommst, ist kein Platz mehr für Trauern, für Hass und Neid, für Selbstsucht und Gerangel um die besten Plätze. Wenn Du kommst, ist die Freude auf dem Weg, das Lachen und der Jubel. Komm o mein Heiland Jesus Christ, meines Herzens Tür Dir offen ist. Amen