Der Blinden Augen werden aufgetan

Matthäus 20, 29 – 34

29 Und als sie von Jericho fortgingen, folgte ihm eine große Menge.

             Man kann fragen: Hat die Szene mit den Zebedäus-Söhnen sich in Jericho abgespielt? Und das, was jetzt folgt, geschieht am Ortsrand von Jericho? Bevor sich der Weg über die Berge nach Jerusalem wendet. Es bleibt unklar. Eben noch waren nur die Jünger Jesu im Blick. Jetzt aber eine große Menge, ein Haufen Volks. Die ihm folgen. κολοθησεν. Einmal mehr das so hoch besetzte Wort für das äußerliche hinter Jesus her laufen. Auch jetzt noch, auf dem Weg nach Jerusalem ist es so: das Volk geht Jesus nach.    

 30 Und siehe, zwei Blinde saßen am Wege; und als sie hörten, dass Jesus vorüberging, schrien sie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

             Am Weg zwei Blinde. Warum sie dort sitzen, erfahren wir nicht. Ob sie immer dort sind, blinde Bettler, angewiesen auf Almosen, auch das wird nicht gesagt. Sie sind einfach da und hören, wer vorüber geht. Und fangen an zu schreien:  Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

  31 Aber das Volk fuhr sie an, dass sie schweigen sollten. Doch sie schrien noch viel mehr: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich unser!

             Das Volk – die, die Jesus nachlaufen, will sie zum Schweigen bringen. Warum eigentlich? Warum stören sie sich denn an diesem Rufen? Jesus wird doch durch ihr Schreien als Herr – κριε – und als Sohn Davids –  υἱὸς Δαυδ – hoch geehrt.

Man könnte auf die Idee kommen: Genau darum geht es. Dieses Rufen nach Jesus, dieses ihn um Hilfe Bitten, diese Anerkennung in den Anreden, geht denen zu weit, die nur ein wenig neugierig auf Jesus sind. Es stellt womöglich das Volk in seiner Unentschiedenheit in Frage, dass hier zwei so genau „wissen“, wen sie da vor sich haben.

Es kann auch sein, in diesem Anfahren meldet sich die Erfahrung der Gemeinde, die in ihrem Umfeld oft genug angefahren wird, kritisch betrachtet wird, dies manchmal zu hören bekommt: `Macht doch nicht so ein Geschrei um diesen Jesus. Der ist auch nur ein Mensch.´

Damals vielleicht: Der ist doch auch nur so einer, der beansprucht, der Messias zu sein. Von der Sorte wimmelt es doch in Israel – und sie nehmen alle ein böses Ende. πιτμάω„eifern gegen, tadeln, Vorwürfe machen.“(Gemoll, aaO. S.319)Es geht um ein Herunterholen von Ehre. Es ist der Widerspruch gegen die allzu sehr ehrenden Ausrufe der beiden Blinden.

 32 Jesus aber blieb stehen, rief sie und sprach: Was wollt ihr, dass ich für euch tun soll?

             Es ist irgendwie typisch: Jesus hört die, die zum Schweigen gebracht werden sollen. Die Stimmen der Einzelnen, die nach ihm rufen. Er wendet sich ihnen zu, ruft sie zu sich und fragt: Was wollt ihr, dass ich für euch tun soll? Ganz ähnlich hatte er die Mutter der Zebedäus-Söhne gefragt: Was willst du?(20, 21) Es ist eine durchgehende Haltung Jesu: er fragt, was Menschen von ihm erwarten, erhoffen. Es ist sicherlich eine Absicht im Erzählen des Matthäus: So soll die Gemeinde Jesus sehen lernen als den, der sie fragt, ihre Hoffnungen erfragt, ihre Sehnsüchte, dem ihr Bitten nicht gleichgültig ist.

  33 Sie sprachen zu ihm: Herr, dass unsere Augen aufgetan werden.

             So gefragt, können sie sagen, was sie möchten. Dass unsere Augen aufgetan werden. Zum dritten Mal: Herr. Diesmal verbunden mit der konkreten Erwartung. Es braucht einiges an Mut und viel an Zutrauen, seine Hoffnungen so konkret zu benennen. Vielleicht wird man erst so konkret, wenn man nichts mehr zu verlieren hat.

  34 Und es jammerte Jesus und er berührte ihre Augen; und sogleich wurden sie wieder sehend, und sie folgten ihm nach.

             Jesus rührt ihre Augen an, weil sie ihn anrühren. Ihm ihr Rufen und Bitten und Hoffen unter die Haut geht. Ihn anpackt. Es ist dieses Anrühren, das der Geschichte ihren Realitätsgehalt gibt. Matthäus erzählt eine wirkliche Heilung. Nicht nur eine metaphorische Heilungsgeschichte. Nicht zuletzt, weil es die wirkliche Erfahrung ist, die die Gemeinde dann auch im Hören auf die Geschichte selbst zu solchen Rufenden werden lässt.

             Es ist die letzte Heilungsgeschichte, die Matthäus erzählt. Die letzte auch vor dem Einzug in Jerusalem. Sie endet damit, dass zwei, denen die Augen aufgetan worden sind, die sehend geworden sind, Jesus nachfolgen.

Einmal mehr erzählt Matthäus, dass durch Jesus geschieht, was als Heilszeit in den Worten des Propheten angekündigt ist: „Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! …Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken.“(Jesaja 35, 4-6)

Zum Weiterdenken

Es ist eine erzählende Predigt an die Gemeinde: Es lohnt sich, nach dem vorübergehenden Jesus zu schreien. Er hört das Rufen derer, die ihn anerkennen als den Herrn. Er hört ihr Bitten und wendet sich ihnen zu. Er öffnet ihnen die Augen. Auch die Augen für den Glauben, so dass der Weg der Nachfolge sichtbar wird.

Es bleibt noch der Nachtrag: Es gibt in der Auslegungsgeschichte „eine jahrhundertelange Diskussion darüber, ob Jesus nun bei Jericho  ein-, zwei- oder dreimal einen Blinden geheilt habe. Die von den meisten Kirchenvätern vertretene Normalthese war nach Augustin, die, dass es zwei Heilungen gegeben hat, eine beim Hineingehen nach und eine beim Herausgehen aus Jericho; die Schwierigkeit, dass nach Matthäus zwei Blinde geheilt werden, nach Markus aber nur einer, Bartimäus, wurde so gelöst, dass Markus nur von dem bekannteren der beiden spreche.“(U. Luz, aaO. S.168,Anm. 4) Das kommt dabei heraus, wenn man versucht, unterschiedliche Erzählungen auf einen Nenner zu bringen. Anstatt sie in ihrer Unterschiedlichkeit stehen zu lassen. Aus Respekt vor denen, die sie überliefert haben.

 

Jesus, öffne mir den Mund, nach Dir zu rufen, Dich in meine Nöte hineinzurufen und in die Not der Welt.

Öffne mir die Augen, Dich zu sehen, Deinen Weg und die Welt in ihren Nöten.

Schenke mir den Mut, Dir zu folgen, Deinen Weg nachzugehen, festzuhalten  am Glauben, dass Du der Herr bist in einer Welt, in der sich so viele als die Herren aufspielen. Amen