Nach oben? Nach unten!

Matthäus 20, 17 – 28

17 Und Jesus zog hinauf nach Jerusalem und nahm die zwölf Jünger beiseite und sprach zu ihnen auf dem Wege: 18 Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überantwortet werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen 19 und werden ihn den Heiden überantworten, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tage wird er auferstehen.

             Jetzt beginnt endgültig der Weg nach Jerusalem. Jesus mit den Zwölfen. Wie um sie vorzubereiten, wie um ihnen die Möglichkeit zu nehmen, das, was er schon zweimal angekündigt hat, weiter zu verdrängen, zum dritten Mal: Eine fast minutiöse Ankündigung dessen, was geschehen wird. Auslieferung, Verurteilung, Verspottung, Kreuzigung. Und am dritten Tag wird er auferstehen.

             Übergenau wird der Ablauf der Ereignisse in Jerusalem vorweg genommen. War in den früheren Leidensansagen nur vom „töten“ die Reden, so wird es jetzt präzise benannt: sie werden ihn kreuzigen.

             Man hat gerne ableiten wollen: Das alles ist erst im Nachhinein Jesus in den Mund gelegt. Aus dem tatsächlichen Ablauf der Ereignisse seien Ankündigungen ex eventu, vom Ausgang her, formuliert geworden. Ich vermag mich nicht damit anzufreunden, sondern mir scheint es schlüssig: Jesus, der seine Gegner kennt, der weiß, dass er es mit erbitterten Feinden zu tun hat, auch, dass er die Ordnung, auch die staatliche Ordnung stört, wäre einigermaßen naiv gewesen, wenn er mit jubelnden Empfängen in Jerusalem gerechnet hätte. Er, der von Anfang an sich als den sieht, der das Volk Gottes sammeln soll, der den Kleinen, den Niedrigen, den Armen das Evangelium zuspricht, sollte nicht gewusst haben, dass das im schreienden Gegensatz zu allen Interessen von Macht und Politik und religiösem Einfluss steht? Er, der den Ungehorsam Israels gegen seinen Gott aus den Büchern der Hebräischen Bibel kennt, der die Lieder vom Gottesknecht wieder und wieder gelesen hat, wie sollte er dessen Geschick nicht auf sich und seinen Weg beziehen?

Das alles wird an dem Menschensohn geschehen. Das Passiv ist doppeldeutig: Er gerät in die Hände der Menschen, in das Räderwerk der Machtspiele. Und zugleich ist es so, dass „Gott selbst den, der ihn als Mensch unter Menschen vertritt, dem Hass und politischen Kalkül seiner menschlichen Gegner überlässt.“(W. Klaiber, aaO. S.80) Das also steckt im Wort überantwortet werden, einmal mehr ein Verbform des theologischen Leit-Wortes παραδίδωμι   – dieses seltsame Zusammenspiel von menschlichem und göttlichem Handeln, menschlicher Niedertracht und göttlichem Heilsplan. Zu erkennen wohl nur, wenn einer, eine glaubt.

In der Zusammenschau der drei Leidensansagen – 16, 21 – 23 und 17, 22 – 23 mit den Worten hier – fällt auf: Die Reaktion der Jünger verändert sich. Bei der ersten gibt es den scharfen Widerspruch des Petrus, bei der zweiten sind sie alle sehr betrübt“(17,23). Und hier: Nichts. Kein Wort zu dem, was Jesus sagt. Es ist, als hätten sie sich daran gewöhnt: `Jetzt kommt das schon wieder.´

Auf diesem Hintergrund wirkt die im Folgenden erzählte Bitte der Mutter der Zebedaiden fast wie eine Abwehr. Wir wollen das nicht hören. wir wollen eine andere, eine Siegesperspektive. Wir wollen unseren Traum von der zukünftigen Größe weiter träumen können.   

20 Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten.

             Auf diesem Weg, über dem schon der Schatten des Todes liegt, tritt die Mutter der Söhne des Zebedäus zu Jesus, um ihn etwas zu bitten. Τι. Etwas. Viel unbestimmter geht es nicht. Ihr Niederfallen ehrt Jesus und erinnert an das bittende Niederfallen anderer, des Aussätzigen (8,1), der Kanaanäerin (15,25,) des Vaters des Mondsüchtigen (17,14). Appelliert sie wie diese an sein Erbarmen?

  21 Und er sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm: Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner Linken.

             Jesus geht auf sie ein, indem er  fragt: Was willst du? Und erfährt jetzt, was das etwas ist, um das sie bitten will. Die Plätze zu seiner Rechten und Linken in seinem Reich. Ehrenplätze. Herausgehoben aus den zwölf Thronen, die den Jüngern verheißen sind.

Wie von selbst stellen sich Fragen ein: Hat die Mutter nicht zugehört, als Jesus seinen Leidensweg angekündigt hat? Wird sie nur vorgeschickt, von den Söhnen? Um deren Ehrgeiz zu verschleiern? So viel jedenfalls ist deutlich: Die Botschaft Jesu: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder scheint irgendwie immer noch nicht angekommen. Nicht bei dieser Mutter und nicht bei denen, die sie vorgeschickt haben mögen. Es ist wie es oft ist: Worte werden gehört, aber sie entwickeln noch keine korrigierende Kraft gegenüber allzu menschlichen Wunsch-Vorstellungen.

22 Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie antworteten ihm: Ja, das können wir. 23 Er sprach zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und Linken zu geben steht mir nicht zu. Das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist von meinem Vater.

             Es fällt auf: Kein Wort der Kritik an der Mutter der beiden Söhne. Kein: Falsche Frage. Aber auch keine Antwort an die Mutter. Jesus redet vvielmehr direkt die Söhne an. Identifiziert sie damit als die, die hinter ihrem Bitten stehen. Und lenkt ihre Bitte um, sagt ihnen, was sie in Wahrheit erbitten. Den Kelch. Das ist die Frage, die Jesus an sie richtet: „Könnt ihr mit mir einen Weg gehen, der auch ins Leiden und in den Tod führen wird?“(W. Klaiber, aaO.  S.82)

            Die Antwort ist atemberaubend: Ja, das können wir. Es ist die gleiche Antwort, die Petrus geben wird, wenn er sagt:  „Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.“(26,35) Es ist die gleiche Antwort, die Thomas gibt, wenn er sagt: „Da sprach Thomas, der Zwilling genannt wird, zu den Jüngern: Lasst uns mit ihm gehen, dass wir mit ihm sterben!“(Johannes 11, 16) Das Wissen, dass der Weg mit Jesus das Martyrium mit einschließen kann, ist da. Die Bereitschaft, es auf sich zu nehmen, auch.

Und doch: Damit ist nichts gesagt über die Platzverteilung im Himmel. Bis zum Überdruss wird es wiederholt: Die Plätze im Himmel werden nicht nach irdischem Leistungs-Prinzip vergeben. Oder, allgemeiner gesagt: „Gegenüber Gott gibt es keine Ansprüche.“(U. Luz, aaO.  S.162) Man könnte denken, dass Jesus froh ist: Das Plätze-Vergeben ist nicht meine Entscheidung. Das bestimmt mein Vater. Mit diesem Zirkus habe ich nichts zu tun.

 24 Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder.

             Wieder so ein Satz, der alle möglichen Gedanken erlaubt. Woher der Ärger? Vielleicht, weil die zwei Brüder sich trauen zu bitten, was sich alle erhoffen. Vielleicht, weil sie Sonderrechte beanspruchen wollen. Das Streben nach den besten Plätzen, auch im Himmel, ist offensichtlich nicht nur diesen beiden zu eigen. Es scheint tief im Charakter aller zu liegen. Bis heute.

  25 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. 26 So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; 27 und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, 28 so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.

  Darum ruft Jesus erneut alle zu sich und gibt eine „Grundsatz-Erklärung“ ab, darüber, wie es unter ihnenν μν– zugehen soll. Es klingt mit: in euch, in eurem Inneren.  Unter euch meint aber gewiss nicht nur den Jüngerkreis auf dem Weg nach Jerusalem. Unter euch meint auch die Gemeinde, die das Evangelium liest, die sich im Glauben an Jesus gebunden hat, die seinen Weg gehen will, aus seiner Befreiung leben will.

Es ist das Gegenbild zur Welt. Da wird Größe mit Macht verbunden, mit Herrschaft, auch mit Gewalt. Oft genug auch mit Kleinhalten und Erniedrigen. So nicht. Sondern: Größe zeigt sich im Dienen. Ganz vorne sein zeigt sich darin, das Letzte zu tun. Sich zum Knecht aller zu machen. Gelegenheit dazu gibt es genug.

     „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“( M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, In: Luther Deutsch. Bd. 2, Göttingen 1981, S. 251) Der Weg, den Jesus zeigt, ist nicht ein Umweg zur Größe, sondern er hebt das Groß-Sein-Wollen als Ziel überhaupt auf. Den Wettlauf nach Größe. Freilich: das sagt sich leichter als es sich lebt.

Jesus aber hat dies, was er sagt, auch gelebt. Darauf verweist sein Schluss-Wort in dieser Angelegenheit. Er selbst geht diesen Weg, zu dienen, sich ganz nach unten zu beugen, „sich zu erniedrigen, sich zu entäußern bis ans Kreuz.“(Philipper 2, 8) Nicht für sich selbst, sondern zur Erlösung für viele.

             Als Lösegeld. Als Loskauf. Als Freikauf wie auf einem Sklavenmarkt. Aus der Schuldknechtschaft. Das Bild lässt uns ein wenig ratlos, weil wir in Mitteleuropa keine Sklavenmärkte mehr vor Augen haben. Aber die Sache im Bild verstehen wir vielleicht doch: da tritt einer an unsere Stelle. Löst uns, befreit  aus einer Situation, aus der wir uns nicht selbst lösen können.  Die für uns ausweglos ist.

Eine Zeit, die an der Existenz Gottes zweifelt, die manchmal so von Gott redet, als müsste er froh sein, bei uns überhaupt noch erwähnt zu werden, Gnade zu finden, seine Existenz nicht bestritten zu sehen, tut sich schwer damit, dass es nötig sein könnte, erlöst zu werden. Vor Gott einen zu haben, der für uns eintritt. Für uns zum Lösegeld wird. Uns freikauft. Doch: hier steht mehr als eine Nebensache christlichen Glaubens auf dem Spiel. Hier geht es um den Kern: dass wir vor Gott recht sind, weil Jesus für uns eintritt. Bis zum Äußersten. Sich für uns zum Gottesknecht machen lässt, der sein Leben hingibt.

Zum Weiterdenken

Bevor das große Kopfschütteln über die unverständige, ehrgeiz-besessene Mutter anfängt: Es ist nur realistisch, damit zu rechnen, dass es auch in der Jüngerschaft Jesu das Streben nach den besten Plätzen gibt. Dass es auch in der Gemeinde unten und oben gibt, Ehrenplätze. Dass es nicht die klassenlose Gesellschaft ist, die sich da sammelt. In der Kirchensynode, in der ich fast sechzehn Jahre mitwirken durfte, war kein Arbeitsloser, keine Arbeitslose, kein Schichtarbeiter, keine Verkäuferin von ALDI, kein Hartz-IV-Empfänger. Dieses oberste Leitungsgremium meiner Kirche bestand ausschließlich aus wohlsituierten Menschen, Mittelklasse aufwärts.

Es ist keine neumodische Kritik an solcher sozialen Zusammensetzung: „Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken? Hört zu, meine lieben Brüder! Hat nicht Gott erwählt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verheißen hat denen, die ihn lieb haben?“(Jakobus 2,1-5) So etwas schreibt man doch nicht aus heiterem Himmel. Offensichtlich hat der Briefschreiber reales Geschehen vor Augen. Und weiß, wie leicht die Gemeinde verführbar ist, eben doch auf Ansehen zu achten und die Angesehenen mehr zu achten.

Und ich? Wahrscheinlich bin ich doch auch viel tiefer als ich es mir gemeinhin eingestehe, dem Erfolgsmodell verhaftet. Es muss bergauf gehen, besser werden. Mit dem eigenen Leben, mit der Kirche, mit der Welt. „Wachsen gegen den Trend“. Es kann und darf einfach nicht sein, dass es weniger wird, dass die Verluste überhand nehmen, dass es ins Leiden geht. „Hinab geht Christi Weg, nicht hinauf.“ Das wollen wir bis heute nicht wirklich wahrhaben. Wir lieben den Sieger Jesu Christ, aber nicht den Verlierer, der den Weg ans Kreuz auf sich nimmt. Es gibt eine überaus natürliche Abwehr gegen diesen Weg nach Jerusalem, den der Herr Jesus auf sich nimmt. Von dem wir ahnen, dass er uns nicht völlig erspart bleiben wird, wenn wir bei ihm bleiben wollen.

 

Jesus, Du bist mir manchmal unzugänglich, unverständlich, verborgen. Meistens liegt es an mir, dass ich Dich nur suche im Glück und der Freude, im Gelingen und in der Stärke, oben eben.

Aber manchmal scheitere ich auch daran, dass Du Dich verbirgst, dass ich Dich nicht da finde, wo Du Dich verbirgst, in der Armut und dem Schmerz, der Niedrigkeit und Bedeutungslosigkeit, im Zwielicht, ganz unten.

Lass mich Dich auch dort suchen und finde Du mich, wo immer ich Dich suche oder alles Suchen längst aufgegeben habe. Amen