Voller Lohn für alle

Matthäus 20, 1 – 16

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

                  Nach den Diskussionen und kurzen, aber scharfen Worten jetzt ein Gleichnis. Nur das unscheinbare „denn“ – γρ –  ist ein Hinweis, das die Worte Jesu nicht im luftleeren Raum gesprochen sind, sondern eine Belehrung – an die Jünger gerichtet. Es antwortet ja auf die Frage des Petrus: wie steht es um unseren Lohn?  Lohn für uns, die alles auf sich genommen haben an Wegen, Mühen, Entbehrungen, an schiefen Blicken und Flüstereien hinter unserem Rücken.

Ein Himmelreich-Gleichnis. Einmal mehr zeigt sich: „Alles Irdische ist gleichnisfähig.“ Das macht die Würde des Alltags aus. Er ist durchsichtig auf die Wirklichkeit Gottes hin. Wenn ihn einer wie Jesus durchsichtig macht. Hier also: Einstellung von Tagelöhnern.Durch einen Hausherrn νθρπος οκοδεσπτης -im griechischen Wortlaut ist es deutlich: Der Hausherr hat das uneingeschränkte Sagen. Er ist, wenn man so will, der Hausdespot.

Man muss sich hüten, erst recht bei einer so langen Gleichnis-Erzählung, Zug um Zug auszulegen. Jede kleine Einzelheit gleich gewichtig zu betrachten. Hier werden Arbeiter für einen Weinberg angeworben. Jeder jüdische Zuhörer hört also mit: Der Weinberg ist Bild für Israel, für das Gottesvolk. Und der Hausherr ist zweifelsfrei der Herr. Gott.

 2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. 3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen 4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. 5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. 6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? 7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

             Jesus lässt seine Zuhörer Zeugen von Einstellungsgesprächen, Lohnverhandlungen werden. Es sind keine Spezialisten, die gesucht werden – Tagelöhner. Keine Alleskönner, auch nicht unbedingt Spitzenkräfte, Ausnahmebegabungen, sondern normale Menschen. So wie sie im Weinberg gebraucht werden. Der ausgehandelte Lohn ist fair: Er sichert „die Summe, die man brauchte, um eine Familie für einen Tag zu ernähren.“(W. Klaiber, aaO. S.75)

             Der Vorgang wiederholt sich, bis auf den letzten Drücker, möchte man fast sagen. Auffällig genug: Der Hausvater klagt keinen an: Warum warst du nicht schon am frühen Morgen da? Er stellt keinen zur Rede: Wo hast du dich herum getrieben, als ich zum ersten Mal nach Leuten gesucht habe? Er sucht, ruft und stellt ein. Er gibt Leuten, die nichts mit sich anfangen können, eine Chance, eine Perspektive: Ich kann dich brauchen! Nur mit dem Versprechen: ich will euch geben, was recht ist. Morgens in der Frühe, drei Stunden später, sechs Stunden später, neun Stunden später. Sogar noch kurz bis vor Feierabend. Aber dann ganz ohne Lohnabsprachen.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. 9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

             Der Tag ist vorüber. Es ist Zeit, den Lohn auszuzahlen. Allen, die gearbeitet haben. Der Hausherr weist seinen Verwalter an: bei den Letzten anzufangen. So, wie es Jesus unmittelbar vor der Gleichnis-Erzählung schon gesagt hatte:  die Letzten werden die Ersten sein. Und siehe! Die Letzten bekommen den vollen Tageslohn. Das, was für ihre Familie reicht. Genug für einen Tag. Großzügig. So könnte man sagen. Sie werden übertariflich entlohnt.

 10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. 11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn 12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

             Weckt der großzügige Lohn für die Letzten Erwartungen? Bei den Ersten? Es scheint so. Denn die, die den ganzen Tag am Werk waren, erhoffen sich jetzt mehr für sich. Das wäre doch nur fair. Aber auch sie erhalten „nur“ den Tageslohn. Das, was vereinbart war.

Aber – Vereinbarung hin oder her – sie regen sich auf. Murren. Für sie ist das nicht in Ordnung. Großzügig gegen die einen, nach Vereinbarung gegen die Anderen – das geht nicht. Sie finden sich für ihre Mühe schlecht entlohnt. Ihr Murren erinnert an das Murren der Israeliten in der Wüste – über Wachteln und Manna. Nie ist es genug. (2. Mose 16 – 17)

Die Logik dieser Welt heißt: wer mehr leistet, dem steht auch mehr zu. Wer länger arbeitet, soll auch mehr bekommen.  Ich kenne nur ein Beispiel, wo gegen diese Regel verstoßen wird – das ist in der Fußball-Bundesliga. Da bekommen alle Spieler einer Mannschaft die gleiche Siegprämie, ob sie nun neunzig Minuten oder nur 10 Minuten auf dem Platz waren. Manche sogar, obwohl sie den Ball nach ihrer Einwechselung vor dem Schlusspfiff nicht einmal berührt haben. Hat also die Bundesliga den Hausherrn richtig verstanden, wenn sie das so handhabt?

 13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. 15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?

             Der Hausherr lässt sich, erstaunlich genug, auf eine Diskussion  mit einem von ihnen über sein Verhalten ein. Sogar einigermaßen freundlich. Mein Freund! Ἑ ταῖρε man könnte auch übersetzen: „Kamerad, Genosse.“(Gemoll, aaO. S. 333) Aber in der Sache ist er hart: es ist mein Eigentum, mit dem ich umgehe. Und es ist doch eine Vereinbarung zwischen uns getroffen, an die ich mich gehalten habe. Also: Sei zufrieden. Lass es gut sein.

Und dann noch einmal: Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Es ist eine Bekräftigung dessen, was er tut: Genug für alle.

 Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? 16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

 Im Himmel gibt es nur noch eine Frage: Lässt du Dir die Güte Gottes gefallen? Und lässt du dir es auch gefallen, dass Gott gütig ist gegen den, der neben dir steht, der nach dir kommt der nicht so viel gemacht hat wie du, nicht so tüchtig war? Bist du damit einverstanden, dass Gott seine Güte verschenkt?

Die Sorge, die Jesus hat, die ihn diese Geschichte erzählen lässt, ist die: Es gibt Menschen, die mit dieser Güte Gottes nicht einverstanden sind. Sie bestehen auf gerechtem Lohn. Sie wollen den Himmel nicht geschenkt, sondern nur verdient. Aber es gibt keinen Rechtsanspruch auf den Himmel, den man sich erarbeiten könnte. Wer sich den Himmel nicht schenken lässt, der bleibt draußen vor der Tür. Wer ihn sich aber hat schenken lassen, wer sich die Güte Gottes gefallen lassen will, der wird gar nicht anders können, als diese Güte weitergeben. Morgens, Mittags. Abends. Bis zum großen Feierabend.

Das Gleichnis schließt mit dem Wort, mit dem schon das Gespräch mit Petrus geendet hatte.  So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Noch einmal eine Erinnerung daran, dass es keine Rangfolgen gibt, keine Vorzugsplätze für besondere Leistungen, keinen Katzentisch für die Kleinen, Unbedeutenden, Langsamen, notorisch zu spät Kommenden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben ist eine irdische Parole. Keine Himmlische.  Da heißt es: auch wer spät kommt, bekommt genug. Seinen Platz. Aus der Güte des himmlischen Hausvaters.

Zum Weiterdenken

Es ist schon so: Manche fangen ihre Geschichte des Glaubens schon als Kind an. Bei anderen ist es die Jugendarbeit. Bei wieder anderen fällt bei einer tiefen Erfahrung mitten im Leben der Groschen. In einer Lebenskrise oder auch in einem überwältigenden Glücksmoment. Von meinem Großvater weiß ich, dass er ein paar Monate vor seinem Tod in einer Evangelisation seinen Anfang mit dem persönlichen Glauben gefunden hat. Der Hausvater sucht und ruft – solange er ruft, können wir anfangen, neu anfangen. Ohne jede Zeitbeschränkung. Und die, die hören, schickt er an die Arbeit. „Will vollen Lohn mir zahlen.“(J. Klepper, 1938, EG 452)

Es geht Jesus nicht um gerechten Lohn für alle – das müssen wir unter uns regeln. Es interessiert ihn  nicht wirklich, wie wir solche Dinge einigermaßen gerecht regeln. Da hält er sich raus, so wie er sich raushält, als ihn einer zum Schlichter in einem Erbstreit machen will. Diese irdischen Fragen sollen und müssen wir regeln – wir Menschen und dürfen uns dabei von dem leiten lassen, was gerecht sein könnte.

Jesus erzählt ein Gleichnis. Vom Himmelreich. Nicht mit dem Anspruch: So geht es auf der Erde zu, wenn es gerecht zugeht. Wohl aber mit dem Anspruch: So geht es im Himmel zu, nach der Gerechtigkeit Gottes. Der Lohn, den der Hausvater austeilt, an alle: Genug für alle. Gültiges Leben. Ewiges Leben. Nicht abgestuft in den Himmel 1. Ordnung, 2. Ordnung. Alle in dem gleichen Himmel. Alle in der gleichen Nähe zu Gott. Alle beschenkt mit der gleichen Güte. Also auch nicht der tolle Himmel für Märtyrer, die sich mit anderen in die Luft sprengen und dann von 72 Jungfrauen umhegt werden. Kein 1. und kein 7. Himmel, keiner für Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Freikirchler. Kein Sonderhimmel für Evangelikale oder Nicht-Evangelikale, tapfere Volkskirchler. Nein – alle bekommen ihren Anteil an der Güte Gottes.

Wir erinnern uns: Unmittelbar zuvor hieß es, dass die Zwölf auf Thronen sitzen und die Stämme Israels richten.(19,28) Meine Frage: Kann es sein, dass dieses Gleichnis wie eine Warnung zu verstehen ist, an Christen, sich davor zu hüten, für die Hingabe ihres Lebens, für ihren Weg als Christen mehr zu erwarten, weil sie mehr leisten, frömmer sind, opferbereiter?

Dann wird in diesem Gleichnis nicht irgendein „jüdisches Lohndenken“ ad absurdum geführt. Auch damit ist es nicht getan, dass „dieses merkwürdige Gleichnis den Lohnbegriff tötet, indem es ihn anwendet.“(U. Luz, aaO.  S.142)  Sondern Jesus besteht auf der Freiheit Gottes, zu geben, wie er gibt.  Großzügig zu sein, wie er es ist. Verschenkt er doch mit seiner Güte nicht fremdes Gut, sondern nur sein eigenes Recht.

Manchmal ist es gut zu fragen: Wo finde ich meinen Platz in so einer Geschichte? Ich bin ja keiner von den zuerst Gerufenen. Ich gehöre nicht zu denen, die des Tages Last und Hitze getragen haben. Ich lebe mein Christ-Sein eher unbedrängt, ungefährdet. Ich muss keine Angst haben vor Verfolgung, vor Ausgrenzung, vor gesellschaftlicher Ächtung. Also gleiche ich doch eher denen, die erst am Schluss in den Weinberg gehen, als schon die größte Arbeit getan ist, nur noch ein paar Aufräum-Aktionen am Ende des Tages zu erledigen sind. Und bekomme doch vollen Lohn. Wie also sollte ich, spät berufen, nicht staunen über die Güte des Hausherrn?  Und mich hüten, über seine Güte anderen gegenüber zu räsonieren.

 

Jesus, gib mir, dass ich mich freue an der Güte, die Anderen zuteil wird, am Glück, das Andere erleben, an dem Glauben, der Andere erfüllt.

Bewahre mich davor, neidisch auf die zu sein, denen es besser geht, deren Leben leichter ist als meines, die von Dir reich beschenkt werden. Bewahre mich davor, dass der Neid mich blind macht für das Geschenk Deiner Güte, das Du mir so überreich gemacht hast. Amen

Ein Gedanke zu „Voller Lohn für alle“

  1. Lieber Bruder seit einiger Zeit lese ich Deine Kommentare. Ich wurde durch eine Schwester im Herrn darauf aufmerksam gemacht. Sie sind mir jeden Morgen geistliche Nahrung in einer schweren Wüstenzeit gegeben durch Krankheit der Seele als Folge von Schandtaten in meiner Kindheit und Jugend. Ich lese und trinke und bin jeden Tag so dankbar für Deine Begleitung. Dein Kommentar heute hat mein Herz besonders glücklich gemacht, weil Du mir zusprichst, dass es auch für mich kein “ zu spät“ gibt, sondern dass unser Herr mich auch jetzt noch -mit fast 64 Jahren -in seinen Weinberg….in seine „Arbeit“ rufen kann!!!!! das macht mir Mut und mein Herz froh!!!!!U

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