Wenn Gott weit weg scheint

Hiob 12, 1 – 25

 1 Da antwortete Hiob und sprach: 2 Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

Manchmal bleibt nur noch Ironie. Hiob ist physisch und psychisch fast am Ende. Aber das macht ihn noch nicht wehrlos, noch nicht gefühllos. So antwortet er auf die Attacken der Freunde, auf ihre Verhaltung mit einem Gegenangriff. „Wofür haltet ihr euch eigentlich?“ lese ich zwischen den Zeilen. „Die Freunde sollen nur nicht glauben, die Leute zu sein, die die Weisheit gepachtet haben.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 197) Hiob treibt es auf die Spitze: ohne euch und eure Weisheit wäre die Welt ein dunkles Loch!

 3 Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

             Ohne Umschweife: ich bin nicht dümmer als ihr. Ich bin nicht weniger bewandert in den Schriften wie ihr. Ich kann auch denken. Es wirkt, als würde Hiob sich darauf berufen, dass die Leute ihn doch kennen, dass es doch dieses Bild von ihm gibt: „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“(1,1) Hiob kann sich durchaus sehen lassen, auch mit seinem Verstand, seinem Verstehen und Begreifen.  Es ist wohl richtig beobachtet: „Die Temperatur der Auseinandersetzung steigt merklich an und wird hitzig. Mit der Hellsichtigkeit eines Patienten, dem man nichts mehr vormachen kann, und mit der Rücksichtslosigkeit, die keinen Gesunden mehr schont, seziert er die empfohlene Weisheit.“(W. Reiser, aaO. S. 86)

 4 Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein. 5 Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt! 6 Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

             Aber – wie auch immer Hiob sich selbst sieht, andere sehen ihn anders. Er ist zum Gespött geworden. Er ist in den Augen der Freunde einer, der mit seiner Frömmigkeit und Gerechtigkeit gescheitert ist. „Hohlkopf“ hat ihn Zofar genannt und damit auf den Punkt gebracht, was sie wohl alle drei denken: Das, was sie jetzt vor Augen haben, Hiob auf seinem Aschehaufen, sagt, was ist: sein Leben ist nichts mehr wert. Seine Überzeugungen sind widerlegt. Alles, was er gesagt, getan, geglaubt hat, ist wie ein Kartenhaus in sich zusammen gebrochen. Ein einziges Trümmerfeld – sein Leben, sein Glauben. Und sie sind dabei, ihm den letzten Stoß zu versetzen. „Wenn Gott weit weg scheint“ weiterlesen

Was für ein Tempo

Tobias 7, 1 – 17

1 Und als sie nach Ekbatana hineingingen, sagte Tobias zu ihm: Bruder Asarja, führe mich geradewegs zu unserem Bruder Raguël. Da führte er ihn zum Hause Raguëls, und sie fanden ihn, wie er an der Tür des Hofes saß.

             Sie kommen nach Ekbatana, einem der Hauptorte in Medien und landen geradewegs bei  Raguël. Weil Asarja weiß, wo er wohnt und wie der Weg zu ihm zu finden ist. Es ist ein Bild, das Ruhe ausstrahlt: er saß an der Tür des Hofes. Es ist ein Bild aus alten Zeiten – am Feierabend sitzen die, die den Tag über tätig waren, vor dem Haus. So viel Muße muss sein.

Sie grüßten ihn als Erste, da sagte er zu ihnen: Seid vielmals gegrüßt, Brüder; wie gut, dass ihr wohlbehalten angekommen seid. Und er führte sie in sein Haus. 2 Zu seiner Frau Edna sagte er: Wie gleicht dieser junge Mann doch meinem Bruder Tobit! 3 Da fragte Edna sie: Woher seid ihr, Brüder? Sie antworteten: Aus dem Stamm Naftali sind wir, von den Gefangenen in Ninive. 4 Und sie sagte zu ihnen: Kennt ihr Tobit, unseren Bruder? Sie antworteten: Ja, wir kennen ihn. 5 Und sie fragte: Ist er wohlauf? Sie antworteten: Ja, er lebt und ist wohlauf. Und Tobias sagte: Er ist mein Vater.

             Es kommt nach den wechselseitigen Grüßen zu einen Gespräch, das den, der bis hierher dem Erzählfluß gefolgt ist, nicht mehr überraschen kann. Frage und Antwort fügt sich so ineinander, dass es am Ende klar ist: Hier stehen sich nicht Fremde gegenüber, obwohl sie sich bis vor wenige Augenblicke fremd waren. Sie gehören zusammen – aus einem Stamm. Seinen Bruder Tobit hat Raguël in Tobias wiedererkannt. Wobei Bruder hier nicht wörtlich zu nehmen ist als Abstammung aus gemeinsamen Eltern. Es ist wahrscheinlich eher der fromme Sprachgebrauch, wie er auch in Kirchen Usus ist. Bei Paulus, der Brüder und Schwestern in Fülle hat. Alle, die zu Jesus gehören. So auch hier: alle, die zu Israel, zum Stamm Naftali gehören sind, Brüder.

Darauf läuft es hinaus: Raguël hat sich nicht getäuscht. Er hat zwar nicht den vor Augen, den er kennt, aber seinen Sohn.

 6 Da sprang Raguël auf, küsste ihn und weinte 7 und sprach zu ihm: Gesegnet seist du, mein Kind, Sohn eines edlen und guten Vaters! Welch schlimmes Unglück, dass ein so gerechter und barmherziger Mann blind wurde! Und er fiel seinem Bruder Tobias um den Hals und weinte. 8 Und auch seine Frau Edna und ihre Tochter Sara fingen an zu weinen.

             Es ist erstaunlich, wie gut sie in Ekbatana über das Geschick derer in Ninive informiert sind. Man wird als Leser*in heute nicht fragen dürfen, wie das geht. In dieser Gemeinschaft der Exilierten weiß man über hunderte von Kilometern hinweg, was bei den anderen los ist. Auch ohne Smartphone. So wird ganz nebenbei das Bild einer sich gegenseitig tragenden Gemeinschaft gemalt. „Was für ein Tempo“ weiterlesen

Der Reisebegleiter als Reiseplaner

Tobias 6, 1 – 18

1 Und sie hörte auf zu weinen.

             Das ist der Abschluss der Abschiedsszene. von nun an richtet sich der Blick nach vorne, auf den Weg nach Medien.

 2 Und der junge Tobias zog dahin und der Engel mit ihm, und sein Hund lief hinterher und machte sich mit ihnen auf die Reise. So zogen die beiden hinaus, und als die Nacht über sie hereinbrach, nächtigten sie am Fluss Tigris.

Es ist ein Bild wie aus einem Film: zwei Männer und sein Hund. Wessen Hund? Es wird wohl so sein, weil Engel im Normalfall keine Hunde mit sich führen, es geht um den Hund des Tobias. Der läuft hinter seinem Herrn her. Die Nacht bricht herein. Sie machen Lager am Tigris. Das Gebirge ist noch weithin.

3 Und Tobias stieg zum Fluss Tigris hinab, um seine Füße zu waschen; und siehe, ein großer Fisch schoss aus dem Wasser heraus und wollte den Fuß des Jungen verschlingen. Da schrie er laut. 4 Und der Engel sagte zu ihm: Pack den Fisch und zieh ihn heraus! Und der Junge packte den Fisch und zog ihn aufs Land.

             Eine Schrecksekunde. Aus dem Fluss schießt ein Fisch hervor, offensichtlich ein Raubfisch, der nach dem Fuß des Tobias schnappt. Es ist nur zu verständlich, dass Tobias erschrocken aufschreit. Der Engel aber, sein Weggefährte, reagiert unerschrocken: Zupacken! Herausziehen. Tobias  auch, indem er rasch reagiert, trotz seines Schreckens und zupackt.

  5 Da sagte der Engel zu ihm: Nimm den Fisch aus und behalte das Herz, die Galle und die Leber; die Eingeweide aber wirf weg. Denn Galle, Herz und Leber sind sehr gut als Arznei. 6 Und Tobias nahm den Fisch aus und legte Galle, Herz und Leber beiseite. Den Fisch aber briet er und aß davon. Er ließ etwas übrig und legte es in Salz ein.

             Es ist seltsam: der Engel, doch eigentlich nur als Begleiter gedacht, übernimmt das Kommando. Er lässt Tobias den Fisch ausnehmen, Herz, Galle und Leber aufheben und die Eingeweide verwerfen. Seine Erklärung: Es geht um gute Arznei. Warum, wofür bleibt unerörtert. Der restliche Fisch wird am Feuer zubereitet und gegessen, bis auf einen kleinen Rest, den sie, durch Salz konserviert, mitnehmen werden.    „Der Reisebegleiter als Reiseplaner“ weiterlesen

Zofars These: Alles nur Blabla

Hiob 11, 1 – 20

 1 Da hob Zofar von Naama an und sprach:

          Endlich kommt auch der dritte der Freunde, Zofar von Naama, zum Zug. Er hat lang genug warten müssen. Aber diese lange und heftige Klage des Hiob darf nicht ohne Antwort, ohne Entgegnung bleiben. Diese Entgegnung übernimmt Zofar

 2 Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer Recht haben? 3 Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?

Seine ersten Worte schon zeigen es: hier führt der Ärger das Wort, bestimmt Tonfall und Wortwahl. Was er gehört hat, ist ihm leeres Gerede. So wenig Gespür hat Zofar für einen Mann in Trauer, im Schmerz? Es erschreckt mich, dass jemand über einen Klagenden, zu einem Klagenden sagen kann: alles nur leeres Stroh, was du drischst. Es lässt mich, selbstkritisch, danach fragen, wie es denn mit meinem Zuhören steht, wenn jemand wieder und wieder in die gleichen Klagen verfällt, nicht herausfindet aus dem, was ich innerlich vielleicht für unfruchtbar halte.

 4 Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.« 5 Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf 6 und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis -, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

Das ist die Antwort Zofars auf die Unschuldsbeteuerung Hiobs: Wenn Gott redete, würde er es dir zeigen, dass noch viel mehr gegen dich spricht. Die Unschuldsbeteuerungen Hiobs treffen bei Zofar auf taube Ohren. Er hört und hört doch nicht. Weil seine Anthropologie ihn etwas anderes lehrt? Davon ist Zofar überzeugt: Gott sieht in den Tiefen seiner Weisheit auf die dem Hiob selbst verborgenen Fehle, auch die ihm nicht bewusste Schuld. Vor Gott liegt alles offen zu Tage. Es ist sicher nicht falsch zu sagen: Das ist eine Sicht, die die Psalmen teilen.

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                   du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                               Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                  und siehst alle meine Wege.                                                                                                        Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                 das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                    Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,                                                                                   und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“            Psalm 139, 1 – 4.7

           Die tröstliche Gottesgegenwart hat gleichwohl auch  das Potential, etwas Bedrängendes zu sein. Sie kann auch zur unausweichlichen Gegenwart werden, vor der keine Flucht hilft, vor der es kein Verbergen gibt. Ob sie tröstet oder bedrängt hat vor allem mit der inneren Verfassung des Menschen zu tun, der diese Gegenwart erfährt. „Zofars These: Alles nur Blabla“ weiterlesen

Loslassen

Tobias 5, 17b – 23

Da ging Tobias hinaus, um seines Weges zu ziehen, und er küsste seinen Vater und seine Mutter; und Tobit sprach zu ihm: Reise wohlbehalten.

             Es folgt eine Abschiedsszene, wie sie ihm Buch steht. Kuss für Vater und Mutter und dann das nüchterne Wort des Vaters: Mach´ es gut.

 18 Und seine Mutter weinte und sagte zu Tobit: Warum hast du mein Kind weggeschickt? Ist er nicht unsere Stütze, wenn er bei uns aus und ein geht? 19 Es muss doch nicht das Silber zum Silber kommen; ach könnte es doch das Lösegeld für das Leben unseres Sohnes werden! 20 Was uns vom Herrn zum Leben gegeben wurde, ist doch genug für uns!

             Der Sohn geht, die Angst fällt über die Mutter her. Ist es das Silber wert, dass wir ihn so weggehen lassen? Wir haben doch alles, was wir brauchen. Wir sind doch von Gott reichlich versorgt. Und: wenn er geht, wer kümmert sich um uns? Geld macht doch nicht glücklich. Klagen und Fragen, die nur zu verständlich sind.  „Loslassen“ weiterlesen

Gott fordern?

Hiob 9, 1 – 35

1 Hiob antwortete und sprach: 2 Ja, ich weiß sehr gut, dass es so ist und dass ein Mensch nicht Recht behalten kann gegen Gott. 3 Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht „eins“ antworten.

Hiob reagiert. Auf den ersten Blick mit einem Zugeständnis. Man könnte ins Fragen kommen: Hat ihm die Rede Bildads doch die Augen geöffnet?

Wer genauer hinsieht, spürt: Es ist das Zugeständnis, dass Gott groß ist, anders, unfassbar, unbegreiflich. Es ist aber nicht das Eingeständnis: Gott ist im Recht. Sondern: Gott ist so groß, dass es kein Recht gegen ihn gibt. Wer mit Gott rechtet, debattiert, streitet, muss damit rechnen, dass er auf tausend nicht „eins“ antworten kann. „Ein Rechtsstreit zwischen einem Menschen und  Gott ist in keinen Fall en Vorgang zwischen Streitpartnern, die auf gleicher Stufe stehen, das heißt, er ist kein symmetrischer Konflikt.“ (Hj. Bräumer aaO., S.168) . Das weiß Hiob und ist doch darauf aus, diesen Rechtsstreit zu führen. Es deutet sich hier schon an, selbst wenn es ein hoffnungsloses Unterfangen ist.

4 Gott ist weise und mächtig; wem ist’s je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat? 5 Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er kehrt sie um in seinem Zorn. 6 Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern. 7 Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne. 8 Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. 9 Er macht den Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.

             Hiob macht sich nichts vor. Es ist die Macht des Schöpfers, der gestaltet, wie er will, der sich Hiob gegenüber sieht. Der auch umgestaltet, wie er will. Hiob kennt keinen Zweifel an dem Allmachts-Wort. An dem Wort, das wirkt, was es sagt. Es ist mitten im Zorn, in der Angst wie ein beschreibendes Lob Gottes. Daran kommt dieser geschlagene Mann nicht vorbei: Gott ist groß. Das würde er auch nie und nimmer bestreiten und ist darin zumindest mit seinen Freunden einig. Stehen sie doch auf einem gemeinsamen Boden, den die Hymnen der Anbetung Gottes bildet.

 10 Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. 11 Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich’s gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich’s merke. 12 Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?

             Weil Gott groß ist, der Schöpfer ist, der Mächtige, ist es vergeblich, ihn zur Rede stellen zu wollen. Er ist doch für Hiob gar nicht zu fassen. Selbst wenn er da ist, Hiob wird seiner nicht gewahr, kann ihn nicht greifen. Begreifen und Ergreifen.

Wie nahe sind diese Worte an der Gotteserfahrung des Elia, wie sie vom Berg Horeb erzählt wird: Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“(1. Könige 19, 11 – 13)

Weil Gott so ist, unfassbar, unbegreiflich, deshalb kann ihn auch keiner zur Rede stellen, zur Rechenschaft ziehen. Die Folge daraus: „Niemand kann ihn zur Rede stellen aufgrund gültigen Rechts. Die höchste Gerechtigkeit ist wie die höchste Willkür. Die höchste Macht ist nicht kontrollierbar.“ (W. Reiser, aaO. S.71) „Gott fordern?“ weiterlesen

Manchmal sendet Gott seinen Engel

Tobias 5, 1 – 17a

 1 Da antwortete Tobias und sprach zu Tobit, seinem Vater: Alles, was du mir gesagt hast, mein Vater, das will ich tun. 2 Wie aber kann ich das Geld bei ihm holen? Dieser Gabaël kennt mich nicht, und ich kenne ihn auch nicht. Was für ein Zeichen soll ich ihm geben, damit er mir Glauben schenkt und mir das Silber gibt? Auch kenne ich den Weg nach Medien nicht und weiß nicht, wie ich dorthin komme.

             Tobias ist ein guter Junge. Er wird sich die so grundsätzlichen Mahnungen des Vaters zu Herzen nehmen. Aber dann wird er gleich konkret: Wie soll das gehen mit dem Geld? Wie kann ich mich Gabaël  gegenüber ausweisen? Es wird Vertrauen brauchen, damit Gabaël  ihm das Silber anvertraut. Darüber hinaus: Wie kann ich den Weg nach Medien finden? Es ist eine Reise in unbekanntes Land, die vor ihm liegt.

 3 Da antwortete Tobit seinem Sohn Tobias: Seine Unterschrift hat er mir gegeben, und auch ich habe ihm meine Unterschrift gegeben. Dann habe ich das Schriftstück geteilt, und jeder von uns nahm eine Hälfte, und ich legte sie zu dem Silber. Siehe, nun ist es zwanzig Jahre her, seit ich das Silber hinterlegt habe.

             Es gibt ein Dokument, das Tobias legitimieren wird. Eines, das damals, vor zwanzig Jahren erstellt worden ist und dessen eine Hälfte Tobias mitgegeben werden wird. Die andere ist beim Silber hinterlegt. Wenn die beiden Schriftstücke zusammengefügt werden, wird es passen. Damit kann er sich ausweisen.

Und nun, mein Kind, suche dir einen zuverlässigen Begleiter. Dem wollen wir seinen Lohn geben, wenn du wiederkommst. Auf, hole bei Gabaël das Silber! 4 Da ging Tobias hinaus, um jemanden zu suchen, der den Weg kannte und mit ihm nach Medien reisen würde. Und er ging hinaus und fand den Engel Rafaël, der bereits zur Reise gerüstet dastand. Und Tobias erkannte nicht, dass er ein Engel Gottes war.

Schließlich: Tobias soll sich nicht allein auf den Weg machen. Er braucht einen zuverlässigen Begleiter, einen Weggefährten für die lange Reise. Den gilt es zu finden. Jetzt ans Werk! Es ist fast, als würde der Vater ihn aus der Tür schubsen.

Tobias geht und findet. Rafaël, einen Engel Gottes. Er  weiß nicht, wen er da gefunden hat. Er sieht wohl auch nicht, dass der schon reisefertig dasteht. Wie bestellt. Müsste er, wenn er das wahrnimmt, nicht misstrauisch werden? Er sieht es aber nicht. „Manchmal sendet Gott seinen Engel“ weiterlesen

Von Ursache und Wirkung

Hiob 8, 1 – 22

 1 Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

             Jetzt hält es den Zweiten der Freunde nicht mehr. Bildad von Schuach hat zugehört und lange geschwiegen. Aber nun ist genug geschwiegen.

 2 Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren? 3 Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?

             Ich übertrage ein wenig grob: Was soll das Geschwätz? So kommen ihm die Worte Hiob vor: unangemessen, ungestüm, ungezügelt. Wie kann man nur so von Gott, vor Gott sprechen? Es ist nicht so selten, dass in einer hitzigen Debatte jemand sagt: Aber bitte nicht so! Nicht in diesem Ton! So redet man nicht von Gott.

Denn das ist für Bildad unumstößliche Gewissheit: Gott richtet recht und der Allmächtige verkehrt das Recht nicht. Ohne diese Gewissheit wäre die Welt ihm ein schrecklicher Ort. Indem Bildad Gott so verteidigt als den Gerechten, den Allmächtigen, verteidigt er die Ordnung der Welt. Seiner Welt. Bildad „ist der konsequente Vertreter der Weisheitslehre; das Schema der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes ist die Voraussetzung und das Gesetz, das seine Gedanken ganz bestimmt.“(A. Weiser, aaO. S. 66)

             Es ist leicht nachvollziehbar: Gerechtigkeit ist auch in unseren Augen fast immer das, was dem Tun eines Menschen entspricht. Was allen in gleicher Weise zuteilwird. Wenn der eine viel Glück hat und der andere viel Pech – das ist nicht gerecht. Gleiches Recht für alle – das ist Gerechtigkeit. Und jedem, was er verdient. Bildad ist wohl doch ein naher, wenn auch nicht unbedingt sympathischer Verwandter. Über die Zeiten hinweg.

4 Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen. 5 Wenn du aber dich beizeiten zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen flehst, 6 wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht. 7 Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.

             Es ist hart, was Bildad sagt: Das Unheil, das die Söhne Hiobs getroffen hat, hat sie selbst zu Urhebern. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben. Es Gott anzulasten ist unfair. Mehr noch: Sünde. Es ist die Sünde, ihre Sünde, die sie hingerafft hat. Bildad verwendet den „härtesten Begriff für Sünde(hebräisch pӕša), der so viel heißt wie Auflehnung, Rebellion, Verbrechen.“  (Hj. Bräumer, aaO. S. 161) Nichts davon wird aber im Text des Hiob-Buches angedeutet. Es ist nur in der Vorstellung des Bildad unumstößlich notwendig.

Hält Hiob also an seinen Worten fest, so macht er sich der gleichen Sünde schuldig. Stattdessen ist, so Bildad, eine ganz andere Haltung angesagt: Unterwerfung, Umkehr, Demut. Zu Gott flehen – doch wohl um „Gnade“. Hebräisch: „hӕsӕd“. Auch dieses Wort kann, merkwürdigerweise, mit Gerechtigkeit übersetzt werden. Es ist die Art von Gerechtigkeit Gottes, die Bildad nicht zu kennen scheint. Er kennt nur die Gerechtigkeit, die zuteilt in Entsprechung zum eigenen Tun. „Von Ursache und Wirkung“ weiterlesen

Lebensregeln

Tobias 4, 1 – 21

1 An jenem Tag erinnerte sich Tobit an das Silber, das er bei Gabaël in Rages im Lande Medien hinterlegt hatte, 2 und er sprach in seinem Herzen: Siehe, ich habe darum gebetet, sterben zu dürfen. Warum rufe ich nicht Tobias, meinen Sohn, und berichte ihm von diesem Silber, ehe ich sterbe?

             Es ist mit dem Silber in Rages wie mit  einem Aktien-Paket, das einer vor Zeiten erworben hat. Man hat den „Notgroschen“ nicht immer im Sinn. Jetzt fällt es Tobit wieder ein. Jetzt, wo er sich mit dem Sterben auseinander gesetzt hat und mit der Frage, was bleibt. Das immerhin könnte er doch an seinen Sohn weitergeben: da sind noch Gelder, die dir zustehen.

  3 Da rief er Tobias, seinen Sohn; und als er zu ihm kam, da sprach er zu ihm: Begrabe mich, wie es sich gehört. Und ehre deine Mutter und verlasse sie nicht alle Tage ihres Lebens. Und tue, was ihr gefällt, und bereite ihrer Seele nur ja keinen Kummer! 4 Denke daran, mein Kind, dass sie um deinetwillen viele Gefahren ausgestanden hat, als sie dich unter ihrem Herzen trug. Und wenn sie stirbt, so lege sie zu mir in mein Grab.

             Nur – als dann sein Sohn vor ihm steht, kommt anderes zur Sprache. die Bitte um ein ordentliches Begräbnis. Die Mahnung, die Mutter zu ehren. Unterfüttert durch die Erinnerung: Du hast dein Leben von ihr empfangen. Es ist nicht ungewöhnlich: Tobit will, dass seine Frau zu ihm ins Grab gelegt wird. Immerhin wird doch auch von Abraham und Sara die gemeinsame Grabstätte überliefert.

Ob diese Worte eine frühe Vorlage für einen viel späteren Brief sind? „Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht. Stehe deiner Mutter bei und ehre sie so lange sie lebt und begrabe sie neben mir.“(M. Claudius, Brief an seinen Sohn Johannes 1799) Die Aufforderung zur Achtung der Mutter ist in beiden Texten anrührend. Eine Mahnung über alle Zeiten hinweg.

5 Gedenke des Herrn, mein Kind, dein Leben lang und hüte dich, jemals in eine Sünde einzuwilligen und seine Gebote zu übertreten. Alle Tage deines Lebens übe Gerechtigkeit und wandle nicht auf den Wegen der Ungerechtigkeit. 6 Denen, die Wahrheit tun, werden ihre Werke gelingen. Und allen, die Gerechtigkeit tun, 7 gib Almosen von deinem Hab und Gut. Dein Auge soll niemals neidisch sein, wenn du Almosen gibst. Und wende dein Angesicht auch nicht von einem einzigen Armen ab, dann wird sich das Angesicht Gottes auch nicht von dir abwenden. 8 Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. 9 So wirst du dir einen guten Schatz für den Tag der Not sammeln. 10 Denn Almosen retten vom Tode und bewahren vor der Finsternis. 11 Almosen sind ja eine gute Gabe für alle, die sie vor dem Höchsten geben.

            Man darf es nicht aus den Augen lassen – gefühlt sind es von Tobit letzte Worte, die er an seinen Sohn richtet. Das gibt ihnen besonderes Gewicht. Es geht weiter mit den Ratschlägen für ein gottwohlgefälliges Leben. Ratschläge für das Üben in den Werken der Barmherzigkeit. Keinen sich selbst überlassen. Nicht wegschauen, wenn das Elend nur zu gut sichtbar vor der eigenen Haustür ist. „Lebensregeln“ weiterlesen

Allein – unter Freunden

Hiob 6, 1– 30

1 Hiob antwortete und sprach:

Hiob reagiert. Er antwortet – aber seine Antwort ist nicht an Elifas gerichtet. Es ist ein Reden wie in einen luftleeren Raum hinein.

2 Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte! 3 Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht.

             Hiob hat gehört. Aber was er gehört hat, ist an ihm vorbei geredet. Sein Kummer und sein Leiden sind  nicht wirklich zur Sprache gekommen. Wenn da eine Waage war, in die Schale die den Kummer Hiobs aufwiegen soll, ist nicht hinein gelegt worden, allen gewichtigen Worten zum Trotz. Das macht alles noch schwerer. Und, es ist kein Wunder: Seine Worte sind noch unbedacht. 

 4 Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet.

             Aber: so unbedacht ist das alles nicht! Hiob weiß und spürt, dass die Schläge, die sein Leben treffen, nicht von einem blinden Schicksal kommen. Es sind die Pfeile des Allmächtigen. Die Schrecknisse Gottes.  Damit greift Hiob genau die Gottesbezeichnungen des Elifas auf,  der ihn aufgefordert hatte, sich von Gott (=Eloah) zurechtweisen zu lassen, sich der Zucht des Allmächtigen (=Schaddai) nicht zu widersetzen. (5,17) So genau hat Hiob zugehört. Und identifiziert damit Gott als den Ursprung seines Leidens.

Hiob ist weit von einer Sicht entfernt, die Gott nur für das Gute verantwortlich sieht, weil es für alles Böse ja den Satan gibt. „Hiob kommt sich wie vergiftet vor.“(Hj. Bräumer, aaO. S. 138) Sein Erleben vergiftet ihm das Leben.

  5 Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat? 6 Isst man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack? 7 Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

             Das Leben ist ihm verleidet. Er würde nicht klagen, wenn es ihm gut ginge, so wie  Wildesel und Stier doch auch nicht schreien und brüllen, wenn Futter da ist. Ihm aber wird vorenthalten, was zum Leben dient. Und was er zu schmecken bekommt, ist zum Ausspeien. „Ich möchte kotzen“ heißt das umgangssprachlich. Aller Geschmack am Leben ist ihm verloren gegangen.

Das sind ja Bilder, die wir kennen: wenn einer in seiner Trauer keinen Bissen mehr herunterkriegt. Wenn eine keine Lust und keine Kraft mehr hat, sich den Tisch zu decken, für sich alleine zu kochen. Was Hiob hier beschreibt, findet sich in jedem Buch über Trauer-Phasen als eine Beschreibung wieder. „Allein – unter Freunden“ weiterlesen