Jesus und die Ehe

Matthäus 19, 1 – 12

 1 Und es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, machte er sich auf aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordans; 2 und eine große Menge folgte ihm nach und er heilte sie dort.

             Der Satz es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begegnet so ähnlich auch nach der Aussendungsrede (11,1), Überleitung zu dem, was folgt. Die „Gemeinderede“ in Kapitel 18 ist abgeschlossen. Es fängt Neues an, auch durch den Wechsel der Orte gekennzeichnet. Jesus verlässt Galiläa und bricht nach Judäa auf. Es wird ein Abschied für immer. Wenn auch nicht ganz: Der Auferstandene wird seinen Jüngern in Galiläa neu begegnen! (28, 16)

Es ist offen, wie genau zu lesen ist: Folgt ihm eine große Menge aus Galiläa nach Judäa? Eine regelrechte Völkerwanderung – viele Volksscharen. Oder ist es so, dass er auch in Judäa viele findet, die sich zu ihm halten, ihm folgen, ihn suchen? Selbst wenn das in der Schwebe bleiben muss, sichtbar wird: Er setzt seinen Weg als Helfer fort, der sich der Not von Menschen annimmt. Wenn man so will: seine Arbeit ist noch nicht getan. Er setzt sie aber – zunächst – nicht fort als Lehre, sondern als „Heiltätigkeit.“ Matthäus wird nicht müde, das Bild Jesu als das Bild des Heilers, des Heilandes zu zeichnen.

 3 Da traten Pharisäer zu ihm und versuchten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, dass sich ein Mann aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheidet?

             In diese Szene treten plötzlich Pharisäer hinein. Nicht als Leute, die Hilfe suchen, sondern die Klarheit wollen. Eine Klarheit, die Matthäus wertet: πειρζοντες. Versuchen, Prüfen, auf die Probe stellen. Sie sammeln Beweispunkte, könnte man lesen. Aber auch: Sie wollen wissen, woran sie mit ihm sind. So wie es auch schon bei den Zeichenforderungen war.

Wie hält Jesus es mit dem Gesetz? Das ist ihre Frage, die sie schon seit den ersten Begegnungen und Debatten über den Sabbat umtreibt. Diese Frage wird erneut gestellt, diesmal angeheftet an das Problem Ehescheidungen. Es gibt zur Zeit Jesu, grob gesagt, zwei Richtungen, die jüdische Lehrer vertreten: Für die einen reicht schon als irgendein Grund das angebrannte Essen, um eine Frau wegzuschicken. Die andere ist strenger. Für sie ist nur der Ehebruch der Frau ein zulässiger Scheidungsgrund. Zu welcher Seite neigt Jesus?

4 Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau 5 und sprach (1.Mose 2,24): »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden „ein“ Fleisch sein«? 6 So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern „ein“ Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden!

             Die Antwort Jesu greift zurück auf eine Art „Katechismus-Wissen“. Allgemeingut eines jeden Juden. Jesus sagt, was die Schrift sagt. Er sucht mit seiner Antwort die gemeinsame Basis mit den Pharisäern. Jesus hört auch, wo er auf die Probe gestellt werden soll, nicht auf, die Verständigung zu suchen, die gemeinsame Sicht. Zugleich ist aber auch klar: er fordert in seiner Antwort die Autorität der Schrift, mehr noch, die Autorität Gottes für seine Worte ein.

Das, was von Anfang an war, das will er in Kraft gesetzt bleiben sehen. Es ist der Wille Gottes, wie er sich in der Schöpfung zeigt, dass Mann und Frau zusammengehören und zusammen bleiben. „Frau und Mann gehören deshalb so eng zusammen, weil sie nur zusammen den Menschen im Vollsinn des Wortes bilden“(U. Luz, aaO. S.93) So gesehen, kann man von diesem Wort Jesu her vielleicht doch von der Ehe als einer guten Schöpfungsordnung Gottes sprechen.

 Ob das so angelegte Miteinander und Zueinander von Mann und Frau nur auf dem Hintergrund der Vorstellung, dass der Urmensch androgyn, also als Mann und Frau in einem, geschaffen sei, zu denken ist, steht für mich sehr in Frage. Auch wenn es diese Vorstellung im Umfeld gegeben haben mag, sie muss nicht hinter diesen Worten Jesu stehen.

Mir ist die Konsequenz wichtiger, die Luther aus diesen Worten Jesu zieht: „So wenig, wie es in meiner Macht steht, das ich kein Mannsbild sei, ebenso wenig steht es auch bei mir, dass ich ohne Weib sei. Und umgekehrt: So wenig wie es in deiner Macht steht, dass du kein Weibsbild bist, ebenso wenig steht es bei dir, dass du ohne Mann seiest. Denn es ist nicht ein freies Ermessen oder Ratschluss, sondern ein notwendig natürlich Ding, dass alles, was ein Mann ist, ein Weib haben muss und was ein Weib ist, muss einen Mann haben.“( M. Luther, Vom ehelichen Leben, 1522, in: Luther Deutsch, Bd.7, Stuttgart 1967, S. 285) Das Single-Dasein unserer Zeit ist für den Reformator keine lebenswerte Vorstellung. Eine klare, wenn auch nach unserem heutigen Denken eingeschränkte Sicht.

Darauf aber laufen die Worte Jesu hinaus: Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden! Keine Scheidung. Was immer in einer Scheidung geschieht, entspricht nicht dem Willen Gottes. Ich füge hinzu: dem guten Willen Gottes. Dabei ist die Wortwahl Jesu eher nüchtern: συνζευξεν er hat zusammengefügt, genauer: zusammen unter das Joch gespannt. Die Ehe als gemeinsam zu tragendes Joch, eben manchmal auch als Last – das ist biblischer Realismus. Dieses Wort Jesu ist weit entfernt von aller idealistischen Verklärung der Ehe als ununterbrochen sprudelndem Glücksborn.

 7 Da fragten sie: Warum hat dann Mose geboten, ihr einen Scheidebrief zu geben und sich von ihr zu scheiden?

             Es kommt der Einwand der Praktiker, den sie auf die Schrift gründen. Aber Mose. Wie in der Erzählung von der Versuchung steht hier Schriftwort gegen Schriftwort. Die Autorität des Mose gegen das Wort des Anfangs.

Wobei es schon bemerkenswert ist. Aus der Regelung, wie ein ordentliches Verfahren  zu gehen hat, mit Scheidebrief, wird fast eine Regel: er hat geboten. Aber Mose hat nicht die Scheidung geboten, sondern nur geregelt, wie sie einigermaßen ordentlich zu handhaben ist.

  8 Er sprach zu ihnen: Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen.

             Jesus geht der Sache noch einmal tiefer auf den Grund. Er deutet die Erlaubnis, die in der Mose-Regelung steckt: eures Herzens Härte wegen. Es ist ein Zugeständnis, mehr nicht. Ein Zugeständnis an die harten Herzen, die Herzen aus Stein, die Herzen, die nicht von innen her gewandelt sind in eine Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.

„Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben,  damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun. Und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ (Hesekiel 11, 19-20) Weil diese Herzenswandlung noch immer aussteht, gibt es Scheidungen, scheitern Männer und Frauen an ihrem Treuversprechen, in ihrer Liebe.

Das ist die Wirklichkeit dieser Welt. Aber geplant war es nicht so. Zum zweiten Mal: Von Anfang an – π ρχς. Der Wille des Schöpfers hat Vorrang gegenüber dem Gebot oder der Erlaubnis des Mose. Nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich.

Diese Argumentation, die das Wort des Schöpfers vom Wort des Mose unterscheidet, markiert einen Scheideweg zwischen jüdischer und christlicher Leseweise der Hebräischen Bibel. „Für die Rabbinen ist die ganze Torah von Gott, auch wer einen einzigen Vers nur Mose zuschreibt, hat das Wort Gottes verachtet.“ (U. Luz, aaO. S.95) Wie anderes dagegen Paulus, der das Gesetz relativiert, weil es später ist als die Verheißungen Gottes: „Ich meine aber dies: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, das vierhundertdreißig Jahre danach gegeben worden ist, sodass die Verheißung zunichte würde.“(Galater 3,17)

Der differenzierte Umgang mit der Schrift, wie wir ihn heute einüben, hat hier in den Unterscheidungen Jesu seine Anfänge und aus ihnen auch seine Legitimation.

  9 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, und heiratet eine andere, der bricht die Ehe.

           Jetzt hören wir wieder den, der wie in der Bergpredigt in der Vollmacht des Himmels, Mose überbietend, spricht: ich aber sage euch. Und bekräftigt die Unauflöslichkeit der Ehe. Und, zu unserem Erschrecken, fügt er auch ein Wiederverheiratungsverbot hinzu. Es gibt nach einer Scheidung keine zweite Ehe. Das ist härter als es das Judentum zur Zeit Jesu praktiziert. Härter auch, als wir es zu sehen vermögen.

10 Da sprachen seine Jünger zu ihm: Steht die Sache eines Mannes mit seiner Frau so, dann ist’s nicht gut zu heiraten.

             Es scheint, dass die Jünger Jesu über die Worte ihres Meisters erschrecken. Als hätten sie ihn lieber ein wenig liberaler gehört. Und deutlich wird: sie denken hier nur als Männer, die in ihrem Handlungsspielraum doch erheblich eingegrenzt werden. Wenn man aber so eingeengt wird, dann lieber gar nicht heiraten. Mit dieser Sicht sind die Jünger „moderner“ als alles, was sonst in diesem Abschnitt steht.

  11 Er sprach aber zu ihnen: Dies Wort fassen nicht alle, sondern die, denen es gegeben ist. 12  Denn es gibt Verschnittene, die von Geburt an so sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es!

             Man kann schon fragen, ob diese Worte Jesu wirklich eine Antwort auf den Stoßseufzer der Jünger sind. Machen sie doch keine Aussage mehr über die Ehe oder die Scheidung, sondern wenden sich einem anderen Thema zu: Der Unfähigkeit zur Ehe. Vielleicht aber hat Luther ja Jesus richtig verstanden, der von diesen Worten her fast so etwas wie eine Ehepflicht (s.o.) formuliert hat.

Darum: Die Jünger haben keine Wahl. Es ist auch in der jüdischen Gesellschaft der Zeit die absolute Ausnahme, dass jemand unverheiratet bleibt.  Jesus fällt mit seiner Ehelosigkeit völlig aus dem Rahmen.

Drei Ausnahmen nimmt Jesus in den Blick: Von Geburt an eheuntauglich, von Menschen dazu gemacht und als drittes um des Himmelreiches willen. Es geht in allen drei Fällen um ein Leben, das auf die Ehe verzichten muss oder verzichtet und damit auf die Möglichkeit, Kinder zu zeugen. Eine Lebensweise, die auf viel Unverständnis und wenig Empathie stößt. „Eunuchen sind überall verachtet und verspottet, im Judentum besonders, weil sie Gottes Gebot, Kinder zu zeugen, nicht erfüllen können.“(U. Luz, aaO. S.109) Bis heute hat sich wenig daran geändert: Menschen, die ihre Geschlechtlichkeit nicht „irgendwie“ ausleben, sind verdächtig. Suspekt.

Es gibt – andere Kultur – die, die von den Menschen verschnitten worden sind. ενουχσθησαν π τν νθρπων. So ist es aus dem Griechischen wörtlich und korrekt übersetzt. Die Luther-Übersetzung von 1964 hatte einen anderen Klang: „weil sie von Menschen zur Ehe untauglich gemacht worden sind.“ Das ist mehr als nur die körperliche Komponente. Das kann auch das seelische Gefängnis sein, in das eine*r geraten kann in der Herkunftsfamilie. Verweigerte und entzogene Liebe machen eheuntauglich. Fehlendes Urvertrauen macht eheuntauglich. Der Katalog perfektionistischer Forderungen ohne Nachsicht, ohne die geringste Hoffnung auf Verzeihen macht eheuntauglich. Es gibt gewachsene Persönlichkeitsstrukturen, die der noch so liebevoll Ehepartner nicht mehr zurecht bringen kann. Manche Menschen sind in ein  Gefängnis ihrer eigenen Seele eingesperrt.

Dem gegenüber zeigt das Wort Jesu zunächst einmal schlichte Aufmerksamkeit für diese Wirklichkeit. Es gibt so etwas wie Eheverzicht, erzwungen oder auch selbst gewählt. Schicksalhaft oder aus freien Stücken selbst übernommen. Es mag sein, dass die eigene Erfahrung eine Rolle für diese Aufmerksamkeit und Sensibilität spielt: „Dass die Männer der Jesusgemeinschaft auf ihr Eheleben verzichtet hatten, wurde als auffällig empfunden.“(U. Luz, ebda, S.110) Eigenes Erleben macht möglicherweise sensibel für von der Norm abweichende Lebenswege.

            Wie auch immer: Es gibt diesen Verzicht. Und er kann auch durch das Himmelreich motiviert sein. Darin seinen Antrieb haben. Aber auch dann muss er freiwillig erfolgen und nicht zwangsweise gefordert sein. Auch nicht aus Angst vor der Ehe und ihren Forderungen.

Herausforderungen aunser Denken und Glauben

            Nur wegen Ehebruch, Unzucht, πορνεα ist die Scheidung erlaubt. Merkwürdig: Es scheint so, als sei nur vom Ehebruch der Frau die Rede. Was aber ist mit den ehebrechenden Männern, die in fremde Ehen eindringen, die sich alle möglichen und unmöglichen Freiheiten nehmen? Meine Lebenserfahrung lehrt mich, dass es Ehebruch nicht nur auf der einen Seite, der weiblichen gibt, dass er, ganz im Gegenteil, auf der männlichen Seite wie ein Naturereignis verharmlost wird. `Wir können nicht anders. Wir sind so angelegt, vom Beginn der Menschheitsgeschichte an: Weiterverbreitung des eigenen Samens als Bestandsgarantie für die eigene Sippe.´ Damit wird alle eheliche Untreue entschuldigt. So denkt man, wenn man Patriarchat und Männer-Freiheit verteidigt.

Und heute? Wer sich umschaut, sieht viele gescheiterte Ehen. Auch im eigenen Lebensumfeld. Mag sein, manche scheitern leichtfertig. Es ist so einfach, sich eine neue, einen Neuen zu suchen. Die Suche nach dem Märchenprinz, der Prinzessin  erscheint so logisch, auch wenn sie immer vergeblich ist. Andere scheitern aus Schuld. Und wieder andere scheitern schicksalhaft. Es hat nicht gestimmt, die große Liebe war von Anfang an durch die Unverträglichkeit der Charaktere zum Scheitern verurteilt.  diese Unverträglichkeit nennt der Evangelist „Herzenshärtigkeit“. Ich glaube, dass der barmherzige Gott solches Scheitern voll Schmerz und voll Erbarmen sieht. Ich glaube weiter, die Worte Jesu sind missverstanden, wenn sie zu Gefängnismauern werden für ein Gefängnis, in dem Menschen vor die Hunde gehen.  Aus solchem Gefängnis einen Fluchtweg zu suchen schließt nicht vom Himmelreich aus.

Die wenigen Gedanken mögen ein Signal sein: wir müssen für unser heutiges Denken in der Spur Jesu bleiben und doch gleichzeitig in unsere Zeit und ihre Verhältnisse hinein weiter denken. Nicht sein Wort anpassen, wohl aber es so wahrnehmen, das wir daraus Kriterien für ein verantwortliches Handeln heute gewinnen.      

Das bezieht sich auch auf die Worte Jesu zum Thema Eheverzicht. Mir scheint, dass diese Worte nicht geeignet sind, Ehelosigkeit als Dauerlebensweise oder als Regellebensweise zu begründen, auch nicht für Berufsgruppen, um des Himmelreiches willen. Den Zölibat als feste Einrichtung, als vorgegebene, verpflichtende Lebensform für priesterliche Menschen finde ich hier nicht legitimiert. Nur eine freiwillige Lebensform. Für Einzelne, die sich dazu wirklich gerufen wissen. Denen es gegeben ist.

 

Jesus, wir lernen es gerade, dass es viele Möglichkeiten gibt, als Eheleute zusammen zu leben. Wir erfahren, dass die klaren Wege von früher heute eher verschwimmen, nichts mehr klar ist, nichts mehr festgelegt in sicheren Bahnen. Ich fühle mich oft überfordert, hier eine schlüssige Sicht zu gewinnen.

Darum bitte ich Dich: Hilf mir zu einem Denken, dass von der Liebe geleitet ist, barmherzig und warmherzig auch denen gegenüber, deren Wege und Weise ich nicht verstehe, die mir fremd sind.

Hilf Du, dass wir die gute Ordnung der Ehe hoch schätzen, sie auch stützen und schützen, nicht nur mit Worten und Festen, sondern mit unserer Lebenspraxis. Amen