Unbegrenzt

Matthäus 18, 21 – 35

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?

Ich stelle mir vor – so will es ja der Erzählzusammenhang des Evangeliums – Petrus hat aufmerksam zugehört. Er hat die Regeln der Suche nach Lösungen auf sich wirken lassen. Und ist darüber erschrocken. Wie soll das gehen? Wie viel wird da von mir erwartet? Petrus ist einer, der von Jesus lernen will, einer, der weiß, dass er auf die Weisungen Jesu angewiesen ist. Und: mit seiner Frage vertritt er ja die anderen Jünger – und die mitlesende Gemeinde.

Er stellt mit seiner Frage nicht Vergebung als solche in Frage. Das hat er verstanden: Vergeben gehört zum Jünger-Sein unlöslich dazu. Auch das schwingt mit in seiner Frage: Siebenmal ist nicht nichts. Sondern sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, also ist siebenmal Vergeben ein völliges, vollkommenes Vergeben. Dazu also wäre Petrus bereit: zu solchem vollkommenem Vergeben, wenn es Jesus denn fordert.

Aber in seiner Frage steckt dennoch mit drin:„Gibt es für das Vergeben eine Obergrenze?“(U. Luz, aaO.  S.64) Vollkommen vergeben ist – mehr geht doch nicht? Ohne dass er es ausspricht, sagt er mit seiner Frage: Irgendwann ist es doch wohl auch genug mit dem Vergeben. So wie heute manchmal Leute sagen: Irgendwann muss doch auch einmal Schluss sein mit Schuld und Schuldbekenntnissen. Die Frage nach einer Obergrenze der Vergebung schließt unheimlicherweise das mit ein, dass es doch auch eine Obergrenze  für das Übernehmen von Schuld und das Eingestehen von Schuld geben müsse. Wir setzen allzu gerne auf Verjährung.

 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Jesus hätte einfach Ja sagen können. Siebenmal ist vollkommen. Genug ist genug. Aber er erweitert, geradezu maßlos. Das ist absurd. Denn so viel ist jedem, der zuhört, sofort klar: Hier geht es nicht um ein Abzählen, bis die 490 voll ist. Und bei der 491. Verfehlung ist endgültig „Schluss mit lustig“.  Sondern hier geht es um grenzenlose, unbegrenzte Vergebung. Immer. Ohne Ende. Bis zum Äußersten.

Das Wort Jesu ist das Gegenbild zur maßlosen Vergeltung des Lamech: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“(1. Mose 4,24) Das will Jesus offenkundig mit seinen Worten erreichen: „Für die Bereitschaft zu Vergeben gibt es keine zahlenmäßige Obergrenze.“(W. Klaiber, aaO.  S.50)

             Die Bereitschaft zu vergeben ist das eine. Sie aber auch praktisch zu leben ist das andere. Wie steht es um die Praxistauglichkeit dieser Worte Jesu? Was ist, wenn einer das ausnützt, dass Christ*innen vergeben? Wenn einer die Bereitschaft zu vergeben für trottelige Gutmütigkeit hält? Wenn ich wieder und wieder mit dem gleichen Fehl-Verhalten konfrontiert werde? Solche Fragen stellen sich wie von selbst ein. Erst recht, wenn sich eine*r vor allem in der Position dessen sieht, von dem Vergeben erwartet wird, vielleicht sogar eingefordert wird. Weil Christen doch vergeben müssen, barmherzig sein müssen.

 23 Darum gleicht das Himmelreich einem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Und als er anfing abzurechnen, wurde einer vor ihn gebracht, der war ihm zehntausend Zentner Silber schuldig. 25 Da er’s nun nicht bezahlen konnte, befahl der Herr, ihn und seine Frau und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und damit zu bezahlen. 26 Da fiel ihm der Knecht zu Füßen und flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s alles bezahlen. 27 Da hatte der Herr Erbarmen mit diesem Knecht und ließ ihn frei und die Schuld erließ er ihm auch.

             Jesus lässt der ersten Antwort an Petrus ein Gleichnis folgen. Eines, das vom  Himmelreich erzählt. Im Vergleich zu den anderen, früher im Evangelium angebotenen Gleichnissen zum Himmelreich ist es eine richtige, kleine Erzählung. Die Unterschiede sind allerdings noch gravierender.

So geht es im Himmelreich zu, dass die Schulden, die nie und nimmer bezahlt werden könnten, vom König erlassen werden. Statt Schuldknechtschaft für den Schuldner, seine Frau und seine Kinder Schuldenerlass in einer unfassbaren Höhe. Weil der Schuldner um Geduld bittet. Wörtlich: Μακροθμηω. Um Großmut, Großzügigkeit, Langmut. Und angesichts der Höhe der Schulden, immerhin zehntausend Zentner Silber, völlig illusorisch, die Begleichung seiner Schuld in Aussicht stellt.

Die Reaktion des Schuldherrn: Nicht nur ein Aufschub, sondern Erbarmen, und der völlige Verzicht auf das Eintreiben der Schuld. Der sich schon im Gefängnis verkommen sah, ist frei. Das Leben liegt neu vor ihm.

Es ist sicher kein Zufall. Das Erbarmen des Herren wird mit dem griechischen Wort σπλαγχνισθε bezeichnet, mit dem Matthäus mehrfach das Erbarmen Jesu beschreibt: es geht ihm an die Nieren, unter die Haut. Es jammert ihn. Und das Wort φίημι für erlassen kann auch mit vergeben übersetzt werden. Die Wortwahl macht die ganze Erzählung schon durchsichtig auf die Deutung: So handelt Gott mit seinen Schuldnern. So, wie es Jesus ja auch die Jünger und die Gemeinde bitten gelehrt hat: „Und vergib uns unsere Schuld.“(6,12) Es ist wohl so: „Wer hören kann, der hört: Was hier erzählt wird, bringt Gottes vergebende Liebe zur Sprache.“(W. Klaiber, aaO. S.52)

    28 Da ging dieser Knecht hinaus und traf einen seiner Mitknechte, der war ihm hundert Silbergroschen schuldig; und er packte und würgte ihn und sprach: Bezahle, was du mir schuldig bist! 29 Da fiel sein Mitknecht nieder und bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. 30 Er wollte aber nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er bezahlt hätte, was er schuldig war.

             Man kann es gar nicht anders sagen: dieser Fortgang der Geschichte ist absurd. Der eben noch selbst Begnadigte kennt keine Gnade. Der eben eine für ihn unerschwingliche Schuld erlassen bekommen hat, fordert jetzt ohne jede Regung sein Recht ein. Es geht im Vergleich zu den eigenen, erlassenen Schulden um eine geradezu läppische Summe. Er hört nicht, wie sein Mitknechtσνδουλος – seine eigenen Worte an ihn richtet, er hört in dessen Worten nicht sein eigenes Flehen: Hab Geduld mit mir; ich will dir’s bezahlen. Es ist, als hätte er die Szene seiner Angst und seiner Befreiung aus seinem Gedächtnis gestrichen, als hätte sein Schuldenerlass für ihn nie stattgefunden. Von Solidarität mit dem Mitknecht keine noch so kleine Spur.

Man könnte auch fragen: Hat er vergessen, dass die Bitte des Vaterunseres weiter geht: „Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“(6,12) Hat er vergessen, dass die Vergebung, die man selbst erfährt, Konsequenzen haben will? Folgen für das eigene Handeln? „Jesus erzählt von einem Menschen, der sich von der Barmherzigkeit Gottes nicht anrühren lässt. Beschenken lässt er sich, aber nicht anrühren und verändern.“(H.Birschel, in: Wort für die Woche 52, Neukirchen 2015) 

 31 Als aber seine Mitknechte das sahen, wurden sie sehr betrübt und kamen und brachten bei ihrem Herrn alles vor, was sich begeben hatte. 32 Da forderte ihn sein Herr vor sich und sprach zu ihm: Du böser Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich gebeten hast; 33 hättest du dich da nicht auch erbarmen sollen über deinen Mitknecht, wie ich mich über dich erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überantwortete ihn den Peinigern, bis er alles bezahlt hätte, was er ihm schuldig war.

  Was für ein erschreckendes Ende. Wird damit nicht die ganze Erzählung vom unendlich großen Erbarmen Gottes unterlaufen? Vergebung – ja, aber nur, wenn ihr auch selbst vergebt. Kann es sein, dass Jesus ernsthaft erzählt, dass Gott seine Gnade zurück nimmt, wenn sie kein Echo findet, dass er sein Vergeben widerruft? „Mit dem Maß, mit dem ihr messt, werdet ihr gemessen werden.“(Lukas 6,38) überliefert der Evangelist Lukas als ein Wort Jesu und mahnt damit zu großzügigem Geben.

Ich lese die ganze Erzählung so, dass Jesus sagt: So absurd, so widersinnig kann sich doch gar niemand verhalten, dass er die Vergebung, die er erfährt, so gering achtet. Dass er sie wie billige Gnade abtut und deshalb selbst seinerseits gnadenlos mit anderen verfährt. Ohne es zu formulieren, nötigt er seine Jünger, die Gemeinde des Matthäus, sich selbst Antwort zu geben: Wenn ich so unendlich begnadigt bin – was ist denn dann die richtige Konsequenz meines Lebens?

Vielleicht ist es ja „nur“ eine eindringliche Warnung, die auch wir hören müssen: „Wo die empfangene Vergebung nicht wirklich gelebt wird, da geht sie an Nichtverwendung ein und wird erstickt.“(E. Schweizer , aaO.  S.247) Ich vermag es, trotz dem nun folgenden Schlusswort nach der Gleichnis-Erzählung, nicht zu denken: Dass Jesus mit diesen Worten ein Bild des Jüngsten Gerichtes malt, in dem Gott alle früheren Gnadenerweise revidieren könnte. Ich höre aber sehr deutlich die Mahnung, dass wir nicht zu Endverbrauchern der Vergebung Gottes werden dürfen, sondern dass wir sie weiter geben sollen. Umsonst haben wir sie empfangen, aber hoffentlich doch nicht vergeblich.

   35 So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder.          

Es scheint mir, dass diese Worte die vorangegangenen Abschnitte zusammenfassen.  Die Mahnung zum achtsamen Umgang mit den Kleinen. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Die Regelungen zur Versöhnung mit dem schwierigen Bruder, der problematischen Schwester. Ich möchte sie nicht nur als Schluss zu der Gleichnis-Erzählung vom Schalksknecht lesen.

Sie sind mir ein deutlicher Hinweis: „Geschwisterliche Sündenvergebung ist keine Nebensache und zwischenmenschliche Lieblosigkeit ist keine Sünde von minderer Bedeutung, sondern sie betreffen das Zentrum des Verhältnisses zu Gott.“(U. Luz aaO.  S.75) Daran allerdings liegt Matthäus in der Aufnahme der Worte Jesu unendlich viel: Es gibt kein Gottesverhältnis, das absehen kann von dem Verhalten zu den Mitmenschen. Es gibt folgerichtig „keinerlei Möglichkeit eines Abwertens von menschlichen Beziehungen gegenüber der Beziehung zu Gott.“ (U. Luz, ebda. S.80)Dabei richtet sich die besondere Aufmerksamkeit auf den Umgang mit den Kleinen, die Niedrigen, den Schwachen, auch denen, die mancherlei schuldig bleiben und sich verirren können.

Herausforderungen an unser Denken,. Glauben und Tun

Nur ein Gleichnis? Bei uns geht es so doch nicht zu. Oder etwa doch?

            „Der Taxifahrer behält die Ruhe. Erstaunlicherweise. Das Auto, das aus der Parklücke rückwärts auf die Straße stößt und kreischend zum Stehen kommt, hätte uns fast gerammt. Erschreckt schaut der Unglücksfahrer herüber, legt den Vorwärtsgang ein und rammt fast den nächsten Wagen. „Jetzt hat er völlig die Übersicht verloren“, sagt mein Taxifahrer und winkt dem hilflosen Autofahrer freundlich heraus: „Geben wir ihm diese Minute“. Meint er geduldig, „der Mann ist ja völlig überfordert.“ Nach hektischen Hin und Her gelingt es dem endlich, sich vor uns in den fließenden Verkehr einzufädeln.

Fünfhundert Meter weiter, auf dem Zebrastreifen, ein Vater mit seiner kleinen Tochter. Verspielt trödelt sie mit ihrem Dreirad vor sich hin. Heftig schlägt der Autofahrer auf seine Hupe, er schimpft und gestikuliert, als hätte man ihm gerade einen Totalschaden zugefügt.

Der Vater winkt ihm entschuldigend zu, er aber lässt sich nicht beruhigen. Mein Taxifahrer schüttelt den Kopf: „Schade ich habe doch auch auf ihn Rücksicht genommen.“                         (C.Collin in: Der Andere Advent, Hamburg 2004)   

 Steht es so um unser Menschsein, dass wir allzu leicht vergessen, die Wohltat, die uns erwiesen worden ist, weiterzugeben? Die Nachsicht, die wir erfahren haben, anderen auch zuteil werden zu lassen? Ich habe mich oft dabei ertappt, dass ich, zumal im Straßenverkehr, mich schrecklich aufregen kann über vermeintliche Fahrfehler anderer und fast ohne Verzögerung die gleichen Fehler selbst produziere.

Auch das kenne ich von mir, dass mich ein Verhalten schockiert, ärgert, wütend macht – beispielsweise: Gerede über andere, Urteilen über nicht Anwesende. Vordrängeln in einer Warte-Schlange. Wenn ich dann ruhig nachdenke, sehe ich: das alles praktiziere ich auch. Oft genug. Nein: zu oft.

Es geht immer „um die Umsetzung erfahrener Gnade ins Leben.“(U. Luz, ebda. S.75) Um eine Umsetzung freilich, die nicht aus der Angst kommt, sondern aus dem Herzen. Von innen heraus. Nicht als Christenpflicht. Sondern aus dem Herzen, das die Liebe Gottes selbst erfahren und empfangen hat und das von dieser Liebe verwandelt worden ist. Auf einen Weg der Verwandlung geleitet wird. Diese Herzensverwandlung kann nicht für immer innerlich bleiben. Sie drängt nach außen. Ins Tun. Ins Reden. Nie ist unser Handeln nebensächlich. Denn es ist ein Spiegel dessen, was unser Herz bewegt.

 

Jesus, davon lebe ich, dass Du gnädig bist, Schuld nicht anrechnest, nicht einklagst, was ich versäumt und unterlassen habe. Davon lebe ich, dass Du geduldig bist, großherzig, langmütig, dass Du vergibst.

Gib Du doch, dass andere das auch bei mir erfahren, dass ich nicht anklage ohne Erbarmen, nicht Wiedergutmachung um jeden Preis fordere, nicht Leben zerbreche, weil ich mein Recht durchsetzen will, dass ich vergebe wo einer mir gegenüber schuldig ist und schuldig bleibt.

Lehre mich Deine Barmherzigkeit. Lass mein Dein Vergeben üben. Amen