Langer Atem ist gefragt

Matthäus 18, 15 – 20

15 Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.

             Das also gibt es in der Gemeinde: Menschen versündigen sich. Auch  aneinander. Da geht einer mit dem anderen so um, dass Gemeinschaft zerstört wird. Dass es kein Miteinander mehr gibt, sondern nur die Absonderung: Nicht mit mir! Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Die Gemeinde ist keine reine Idylle. Kein Ort, an dem man von bösen Worten und Fehlverhalten nichts weiß und nichts spürt.

Hier ist offensichtlich nicht von Sünde in der Weise die Rede, dass sich einer gegen Gott vergeht, lästert, die Gebote übertritt, vom Glauben abweicht. Sondern es geht um Zerstörung des Miteinanders in der Gemeinde. Das wissen alte Handschriften, die ergänzen: μαρτάναω ες σ. „Sich versündigen an dir.“ Es geht um persönliche Betroffenheit. Dass Worte und Taten das richtige, wohltuende Miteinander verfehlen. Verletzen. Es wird nicht genau inhaltlich gefüllt, wie das aussehen kann. Vielleicht ja auch deshalb, weil solches sich versündigen nicht exakt festzulegen ist. Es ist auch ein subjektives Empfinden. Der Spruch, den einer oder eine nur als locker empfindet, kann die anderen doch tief kränken. Tausendfache Erfahrung, die immer wieder in der Entschuldigung endet oder doch enden soll: So habe ich das nicht gemeint.

Auch das wird man an dieser Stelle bedenken müssen: Es gibt die Gefahr, den anderen zu verletzen, vor den Kopf zu stoßen einfach durch die Sprache, die ich spreche. Es gibt diesen ungeschriebenen Kodex: die Sprache der Gosse ist nicht die Sprache, die wir im Gottesdienst sprechen. Die bewusste Verwendung von Fäkalsprache um aufzurütteln kann zu tiefen Irritationen führen. Paulus schreibt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“ (Philipper 3,8) Jeder Theologe weiß, dass für Dreck im Griechischen σκβαλα steht und dass man das mit Kot, „Unrat, Kehrricht“(Gemoll, aaO. S. 680) übersetzen kann. Muss man es deshalb in einer Predigt mit „Scheiße“ wiedergeben? Die Absicht einer Predigt ist doch, Menschen zum Hören zu bringen und sie nicht vom Hören abzuhalten. Man kann durch seine Wortwahl Menschen verschließen, weil man ihre innere Hörbereitschaft verletzt.

Ob es nun um bewusste Provokation oder unbewusste Aktion geht, darum der vorsichtige Rat, der behutsame Weg: Stelle ihn zur Rede. Sprich mit ihm darüber. Weise ihn zurecht hat schon mehr Gefälle, als es das griechische Wort λέγχω meint. Es geht primär nicht um Maßregelung, sondern um einen neuen Weg zueinander. Behutsam. Um den anderen oder die andere zu gewinnen. Den Bruder, die Schwester. Auch, um ihm oder ihr Bloßstellung zu ersparen. Deshalb auch unter vier Augen.

Freilich. Das geht nicht um den Preis, dass alles weichgespült wird. Die Dinge müssen schon beim Namen genannt werden. Zu Recht finden heißt auch einsichtig werden. Sehen, wo es  Probleme im Miteinander gibt und wodurch sie verursacht werden. Es sind oft genug „die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“(Hohes Lied 2,15) „Hühnerkram“ könnte man denken. Aber er wächst sich so leicht aus zu großen Störungen.

Das Ziel ist klar: es geht darum, den Bruder, wieder zu gewinnen. Auch die Schwester, die hier ausnahmsweise in der neuen Übersetzung nicht ausdrücklich genannt wird. Einen neuen Zugang. Ein neues Miteinander. Wenn man so will: Versöhnung. Dazu ist kein Schritt zu viel. Das ist ein lohnendes Ziel. Und wenn es erreicht wird, ist große Freude. Hoffentlich und vermutlich auf allen Seiten.

Für mich ist dieser Satz wie eine Überschrift, wie eine Zielangabe auch für alles, was folgt: es geht in diesen Worten Jesu nicht um die Reinheit der Gemeinde, um ihre soziale Homogenität: Es geht schon gar nicht um ein geregeltes Ausschluss-Verfahren, nach dem Motto: Es muss alles seine Ordnung haben, auch der Ausschluss aus der Gemeinde. Sondern es geht um ein Regelwerk zur Rückgewinnung, um einen geregelten Weg zur Wiederherstellung von Gemeinschaft. Alles andere würde doch auch nicht dem Weg Jesu entsprechen, der auf der Suche nach denen ist, die er für den Vater im Himmel zurück gewinnen will.

 16 Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. 17 Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.

Erst wenn das Gespräch unter vier Augen nicht fruchtet, braucht es andere, Zeugen. μαρτροι. Leute, die eine Sache aus ihrer Sicht beleuchten können. Wieder wird es wichtig sein: Keine Scharfmacher. Keine Leute, die rasch mit Urteilen bei der Hand sind. Das Hinzuziehen „eines oder zweier Brüder soll den Sünder schützen; vielleicht ist der Mahner ja im Unrecht, vielleicht ist auch einem anderen das rechte Wort gegeben, das jener nicht findet.“(E. Schweizer, aaO. S.242)Gleichzeitig aber wird durch Zeugen auch ein Rechtsgrundsatz aus den biblischen Schriften gewahrt. Es ist sozusagen nicht nur ein versöhnungstaugliches Verfahren, sondern auch rechtssicher.

Es ist der letzte Schritt: Die Angelegenheit vor die Gemeinde – κκλησα – bringen. Das alles stützt die Annahme, dass es nicht um Sünde geht, die mit der Übertretung der Gebote zu tun hat oder der Absage an den Glauben. Bei beidem wäre ja die Gemeinde logischerweise das erste Forum und nicht die letzte Instanz!

Wenn also jemand trotz mehreren Gespräche die Gemeinschaft immer weiter belastet, sich absondert und andere zur Distanzierung zwingt, dann muss die Gemeinde, die Gemeindeversammlung entscheiden. Auch sie aber muss vor ihren Entscheidungen erst einmal hören – und zureden. Ich finde es wichtig und für uns heute überaus bedeutungsvoll: der versammelten Gemeinde wird zugetraut, dass sie urteilsfähig ist, versöhnungsfähig, dass sie gute Wege findet. Solche seelsorgerlichen Entscheidungen werden nicht einfach an „die da oben“, die Gemeindeleitung, die Hauptamtlichen delegiert. Es ist nicht die Sache der „Apostel“ oder des Zwölfer-Kreises“, hier die Führung zu übernehmen. Die ganze Gemeinde ist gefordert.

Bleibt das alles fruchtlos, erfolglos, dann folgt eine „Status-Änderung“. Er oder sie wird nicht mehr wie ein Bruder oder eine Schwester angesehen, sondern wie ein Heide oder Zöllner. θνικς – wie einer aus den Völkern.Das bestimmt dann den Umgang mit ihm.

     So sei er für dich – das ist in meinen Augen ein Hinweis auch darauf: es geht hier nicht um förmliche Beschlüsse einer Gemeindeversammlung. Abstimmungen, gar nach Konsultation der Gemeindeordnung oder Kirchenordnung. Das ist mir zu sehr von heute her gedacht. Sondern darum geht es, dass Gemeindeglieder mit einem, der sich so verhalten hat, anders umgehen als mit denen, die „keine Schwierigkeiten“ machen.

Ich lese hier nicht: abgeschrieben für immer. Sondern: Voraussetzungslos mit dem anderen umgehen, ihn nicht mehr wie einen behandeln, der schon auf dem rechten Weg ist, sondern um  ihn werben, ihm die Barmherzigkeit Gottes zuwenden. So wie Jesus, der mit den Zöllnern und Heiden zusammen ist, weil er weiß, dass die Kranken den Arzt nötig haben. (9,12) Also nicht Ausschluss und endgültige Abkehr, sondern ein neuer Umgang, der dem Verhalten Rechnung trägt, um wieder zu gewinnen. Um das verirrte Schaf (18,12-13) heim zu suchen.

18 Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein.

             Das ist „die Bevollmächtigung der Gemeinde“.(W. Klaiber, aaO.  S.46) Ganz nahe an der Vollmacht, die Petrus zuteil geworden ist: „Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“(16,19) Für evangelische Leser unglaublich wichtig, wird doch hier die Petrus-Ermächtigung auf die ganze Gemeine ausgeweitet. Im konfessionellen Streit ein Pluspunkt für die Bestreitung des Papstamtes als der exklusiven Schlüsselgewalt.„Für das Bewusstsein des Matthäus tut also die Gemeinde nichts anderes, als was Petrus exemplarisch für alle zuerst gegeben worden ist.“ (E. Schweizer, aaO. S. 242)Es gibt einen zeitlichen Vorsprung des Petrus vor allen anderen, aber keinen sachlichen, schon gar keinen grundsätzlichen oder gar „amtlichen“.

Ich werde dennoch den Verdacht nicht los: es ist falsch, unsere modernen konfessionellen Probleme in die biblischen Texte hinein zu lesen. Stattdessen wichtig ist mir vielmehr dies: Der Auftrag an die Gemeinde zielt auf das Lösen auf der Erde, auf die Vorwegnahme des Himmels. Nicht auf das Binden.

Ich mache mir das sprachlich an einem simplen Beispiel klar: Jemand erklärt ein Spiel und sagt zum Abschluss:  Du kannst also gewinnen oder verlieren. Worauf liegt das Gewicht? Auf dem erst genannten „gewinnen“ oder auf der Gefahr zu „verlieren“? Wenn er aber umgekehrt sagt: Du kannst verlieren oder gewinnen. Worauf liegt dann das Gewicht? Meine These: Immer das zuletzt Genannte ist der eigentliche Zielpunkt.

Deshalb ist in meinen Augen die Bevollmächtigung der Gemeinde nicht einfach eine, wo sie entweder binden oder lösen kann, wo also neutral zwei Möglichkeiten gleichwertig im Raum sind. Sondern der Zielpunkt ist eindeutig Lösen.

Diese Worte Jesu sind von der „Asymmetrie der Gnade“ geleitet. Es gibt diesen Überschuss der Gnade, der dem Lösen ein anderes Gewicht gibt als dem Binden. Es ist das, was schon das Wort des Propheten ankündigt: „So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen.“(Hesekiel 33,11) Diesem grundsätzlichen Willen des Vaters bleibt Jesus auch in seiner Beauftragung an die Gemeinde treu.

 19 Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

             Jetzt führen die Sätze über den Rahmen der Regelung von Konflikten oder vom Umgang mit Sünden hinaus. Aber wohl nicht zufällig. Ist vorher davon die Rede, dass eine Gemeindeversammlung Verhalten beurteilt, so jetzt davon, dass es im Beten ein Einswerden gibt, ein Finden von Übereinstimmung, das bis in den Himmel hinein reicht. Es geht um einvernehmliches, einmütiges Handeln – im Umgang mit schwierigen Geschwistern so gut wie im Beten.

Was immer der Gemeinde auf dem Herzen liegt, was sie zu klären hat, wo sie Wege finden muss – immer ist die Einheit als Einigkeit vor Gott der Weg, auf dem Verheißung liegt. Was ihr einmütig vor Gott bringt, das wird Gott nicht unerhört verhallen lassen. Ein Versprechen, das bis heute gültig ist. Damit aber auch eine Einladung, dieses Einswerden im Beten wirklich zu suchen, zu praktizieren.

Diese praktizierte Einmütigkeit des Betens ist nicht einfach nur einer Frömmigkeits-Richtung zuzuordnen. Sondern es gilt, sie zu sehen und leben als das, was die Christenheit über alle Grenzen hinweg glaubwürdig macht. „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.“(Johannes 17,21-23)Wie einig sich die Evangelisten in diesem Zeugnis sind!

Das ist  – auch – eine Hürde gegen die Durchsetzung von Partikular-Interessen in der Gemeinde. Es geht nicht an, dass eine Gruppe, eine Gruppierung beschließt und alle anderen müssen nachkommen. Es gibt, von diesem Wort her, so etwas wie eine innere Notwendigkeit der Verständigung. Nicht als Suche nach dem Kompromiss, womöglich gar dem faulen Kompromiss. Nach der Formel: Wenn alle ein wenig unzufrieden sind, kann es nicht falsch sein. Sondern es geht wirklich um eine inneres Einswerden, verbunden oder ermöglicht durch die Erwartung: Der Geist Gottes setzt sich durch. Da, wo sich alle seinem Wirken öffnen.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Am Ende wird der Horizont ganz weit: Die versammelte Gemeinde ist nicht einfach unter sich. Sondern indem sie zusammen kommt, als Gemeinschaft derer, die sich an den Herrn Jesus gebunden haben, die er gelöst hat von alten Bindungen, die er erlöst hat, sind sie in seiner Gegenwart.

Sie stellen die Gegenwart Jesu nicht her, auch nicht durch die Formel, das Votum: „Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Aber sie haben seine Verheißung: Ich bin da, unter euch, wo ihr zusammen kommt. Es ist, als sei dieses Wort hier eine Vorwegnahme des Wortes Jesu am Ende des Evangeliums: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“(28,20)

Weil das so ist, dass er, Jesus, da ist, unsichtbar in der Mitte, deshalb wird die Gemeinde in allen ihren Entscheidungen auch immer von seinem Geist geleitet sein, deshalb kommt es zu dem Überschuss der Gnade. Deshalb ist Lösen allemal das letzte Wort und Binden immer nur ein vorletztes.

 

Jesus, wie viel Geduld bringst Du mit uns auf. Was für einen langen Atem hast Du mit mir.

Es ist Deine Erwartung an uns, dass wir uns mühen um die, die es uns schwer machen, die uns in die Quere kommen mit ihrem Verhalten, ihren Worten, uns unbequem sind und ärgerlich, uns manchmal auch kränken, so dass wir uns von ihnen zurück ziehen möchten.

Du willst nicht, dass wir auch nur einen oder eine preisgeben, laufen lassen, abschreiben.

Du willst unser Gebet, unser geduldiges miteinander Klären, unsere Suche nach Wegen der Versöhnung mit Deinem langen Atem. Gib Du uns die Kraft dazu. Amen