In der Mitte ein Kind

Matthäus 18, 1 – 14

 1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten:

 Immer noch ist Kapernaum der Ort des Geschehens. Es ist der Ort, an dem sie zu Hause sind. Der Ort, an dem man darauf hoffen kann, dass alles klar ist und sich klären lässt. Es ist eine „ideale“ Situation, eine günstige Gelegenheit: die Jünger haben ein Problem und erhoffen sich Klärung bei Jesus. Deshalb fragen sie bei ihm nach.

Wer ist nun der Größte im Himmelreich?

Man kann angesichts dieser Frage versonnen selbst ins Fragen kommen: Haben sie nach den langen Wegen mit Jesus immer noch nicht verstanden, dass das die falsche Frage ist? Aber es ist die Frage, die in der Welt allemal die richtige Frage ist. Die vielerorts die wichtigste Frage ist – ohne den Zusatz Himmelreich: Wer ist der Größte? Wer ist die Schönste? Wer ist die Beste? Wer ist der Frömmste? „Die `Großen´ in einem Königreich sind die Statthalter und Minister.“(U. Luz Das Evangelium nach Matthäus (18 – 25) EKK 1/3, Zürich 1997, S.12)Fragen nach dem Spitzenplatz sind die Fragen, die antreiben, die Kräfte konzentrieren lassen, die dem Ehrgeiz entsprechen. Nicht einfach nur groß sein, sondern der Größte – μεζων .Wer nichts mehr werden will, wird nichts.

             Warum sollen diese Fragen ausgerechnet für das Himmelreich unzulässig sein, wenn sie doch das Leben auf der Erde allgegenwärtig prägen? Hat doch Jesus selbst scheinbar auch in solchen Kategrorien gedacht, wenn er sagt: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.“(11,11) Demnach gäbe es doch auch im Himmelreich Rang-Unterschiede. Hinter der Frage mag die Überzeugung stehen: wenn wir die Kriterien kennen, nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, die entsprechenden Schritte tun.

2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

             Merkwürdig und auffallend: Jesus kritisiert die Frage nicht als völlig falsche Frage. Er antwortet allerdings auch nicht direkt auf ihre Frage. Sondern er tut etwas. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. So wie dieses Kind muss man sein, um überhaupt ins Himmelreich nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, dieenzu kommen. Dazu braucht es ein Umkehren. Kehrtmachen. „Eine grundsätzliche Änderung des üblichen Lebens.“ (U. Luz, aaO.  S.12)

      Weil Jesus nicht allgemein bleibt, sondern die Jünger anredet – ihr – wird die ganze Sache persönlich. Was bei den Jüngern als Bitte um eine Auskunft zur Sache anfängt, wird jetzt zur Zumutung an sie. Es geht um eine „Wende“  – so das Wort στρέφω im eigenen Leben. Um einen Ausstieg aus dem, was sie ein Leben lang gelernt haben. Damit auch um ein Aussteigen aus der Frage nach der Größe und der Rangordnung, die so ur-menschlich ist.

Noch einen Schritt weiter: Es wird nicht gehen, ohne sich klein zu machen, wie Kinder klein sind. Ταπεινός meint aber nicht einfach nur klein, noch nicht ausgewachsen oder kleinwüchsig. Sondern bei „klein“ schwingt immer mit: „niedrig, unbedeutend, machtlos, ärmlich, schwach.“(Gemoll, aaO. S.728) Es geht um ein Einwilligen in Lebensverhältnisse, die alles andere als toll sind. Bei Paulus klingt das so: Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Philipper 4, 12-13) Ein Leben, das dem Weg Jesu entspricht, der sich selbst erniedrigte – auch hier wieder das gleiche Wort!

Es geht um die Lebensbewegung nach unten. Nicht hinauf. Eine Lebensbewegung, die allem widerspricht, was wir von Natur aus wollen und durch Sozialisation gelernt haben und gelehrt worden sind. „Hinab führt Christi Weg, nicht hinauf.“

Und, wie zur Bestätigung: Dort unten begegnet Christus. In den Kleinen, den Niedrigen, den Schwachen. Es ist der lang vergessene Weg geistlicher Erfahrungen, von Erfahrungen der Gegenwart Christi: sich den Armen zuzuwenden. Das ist nicht nur ein lobenswertes diakonisches Programm, geboten durch das Wort Jesu. Sondern es ist zugleich der zweite Weg zur Christus-Erkenntnis. In der Umkehr zu den Kleinen geschieht die Hinkehr zu Christus. Oder, anders gesagt: „Wer in Gott eintauchen will, wird bei den Ärmsten auftauchen.“ (P.M. Zulehner) So gehen geistliche Erfahrungen!

Es ist mir schon wichtig: hier wird nicht ein wenig romantisch davon gesprochen, dass Kinder noch die besseren Menschen sind, unschuldig, rein. Es geht nicht um ihr Wesen, das angeblich besser sei, ihre lautere Art. Der Vergleichspunkt ist deutlich die soziale Position. Ihre Machtlosigkeit und Abhängigkeit. Ihr Angewiesen-Sein. Und darum eben um die Solidarität mit ihnen.      

  6 Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. 7 Weh der Welt der Verführungen wegen! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt!

     Hier werden zum wiederholten Mal von Matthäus Worte verwendet, die für ihn durch das Evangelium hin eine große Rolle spielen: σκανδαλζειν und σκνδαλον. „Zur Falle werden, zum Absturz bringen, ein Ärgernis werden.“ Skandal. Alles ist besser als unser verführen, weil es hier zur Zeit Jesu nicht um Missbrauch geht, schon gar nicht um sexuellen Missbrauch. Sondern es geht darum, dass jemand –  in der Gemeinde! –  so mit anderen umgeht, dass den anderen der Weg zum Glauben versperrt wird, sie diesen guten Weg verlassen und verlieren, sie irre werden an der Botschaft vom Erbarmen Gottes.

Dazu braucht es keinen Missbrauch. Aber der ist hier sicher für die Lesenden heute mit im Spiel. Missbrauch durch Kirchenleute hat Menschen den Zugang zum Glauben versperrt. Das ist eine bittere Wirklichkeit. Daneben kann genauso gut gnadenlose Härte stehen der unbarmherzige Umgang mit Fehlern, das Malen eines Bildes von Gott, in dem nur der Richter zu sehen ist und nicht der barmherzige Vater und das mütterliche Erbarmen. Vielleicht sogar nur ein Männer-Gott, bei dem Frauen Menschen zweiter Klasse zu sein scheinen.

Kurzum: „Wer verursacht, dass andere in ihrem Glauben zu Fall kommen und an Jesu irre werden, lädt schwere Schuld auf sich.“(W. Klaiber, aaO. S.37) So schwer, dass die schrecklichsten Strafen angemessen erscheinen.

Nur, um es nicht zu übersehen: es ist die einzige Stelle in den drei Evangelien des Matthäus, Markus, Lukas, die so direkt formuliert: die an mich glauben. Das gibt diesen Worten aber auch zugleich ihr besonderes Gewicht. Es macht Menschen kostbar, auch und gerade die Kleinen, die μικρόι, – man könnte lautmalerisch sagen: die Mickrigen – dass sie an Jesus glauben.

Aber sie leben in einer Welt, die nicht ideal ist. Die ihre Fallen hat, ihre Tücken. In der man zu Fall kommen kann. Weil der Weg des Lebens in Sackgassen führt. Weil der Schmerz nicht zu tragen ist. Weil das freundliche Angesicht Gottes hinter den Ereignissen verschwindet, die auf der Seele lasten.  Weil Menschen Fallen stellen, ins Stolpern bringen, bewusst und auch unbewusst, ohne böse Absicht, manchmal aber auch bösartig.

             Wird hier auf einmal der Weg des Erbarmens verlassen – in diesen Strafandrohungen? Plötzlich ist ein unerbittliches Gericht im Blick? Es gibt in der ersten Christenheit eine Diskussion, ob es eine zweite Buße gibt. Einen Rückweg für Abgefallene. Oder ob der Abfall den Weg zu Gott endgültig versperrt. In dieser Diskussion gibt es auch die Stimmen, die den Weg offen halten, den Rückweg, wieder und wieder. Die widersprechen, wenn von der Unmöglichkeit der zweiten Buße gesprochen wird.

Diese Stimmen möchte ich auch hier nicht überhören, sondern sie ihre Botschaft weitersagen lassen, weil Jesus selbst sie ja weiter gesagt hat: Es gibt die Chance eines Neuanfanges für jede und jeden. Auch für die, die zum Abfall verführt haben, die anderen zum Stolperstein geworden sind.

Aber, daran liegt Matthäus: das darf nicht zur Verharmlosung führen. Nicht zu einem „Stell dich nicht so an“. Nicht zu einem: „Man muss auch einmal fünf gerade sein lassen.“ Wer anderen zum Skandal wird, zum Grund, den Glauben wegzuwerfen, der hat schwere Schuld. Und wird schwer an ihr zu tragen und zu leiden haben.

8 Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass du lahm oder verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das ewige Feuer geworfen. 9 Und wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass du einäugig zum Leben eingehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Hätte man die vorangehenden Worte noch lesen können unter der Überschrift: `So übel gehen andere mit mir um´ und sich als Opfer sehen, willenlos und hilflos ausgeliefert, so wechselt jetzt die Sicht. Diese Worte führen aus der Opfer-Rolle heraus. Selbst wenn das Leben und die Welt sind,  wie sie sind. Du bist nicht nur Opfer.

Es gibt, so lese ich, auch Fallen, die in mir selbst liegen. Hand und Fuß sind ja Gliedmaßen am eigenen Leib. Die Vorherschaft des Ego kann zur Falle werden. Darum gilt es, auch sich selbst vor den Wegen zu bewahren, die vom Glauben wegführen. Der Logik zu widerstehen, die Hand und Fuß zu haben scheint, aber in Wahrheit nur der Welt verhaftet ist. Der Frage nach der eigenen Größe, dem eigenen Erfolg, dem eigenen Ansehen.

Ich denke nicht, dass es um falsche Freunde geht: Um vor denen zu warnen, um zu raten, sich von ihnen zu trennen, gibt es zwar in der griechischen Umwelt das Bild von der Amputation. Aber hier ist nicht von fragwürdigen Freunden als Verführern die Rede. Das ist ein Thema im Jakobusbrief, aber nicht bei Matthäus. Eher schon mag es um falsche Freuden gehen. Um ein Nachlaufen hinter dem Geld her, hinter dem Ansehen. Vor allem auch um ein Nahlaufen hinter den eigenen vermeintlichen Lebensbedürfnissen. Das war auch schon in der Bergpredigt verhandelt worden. Ob es hier also nur aufgefrischt wird?

Diese Tatsache freilich, dass diese Worte fast wortgleich schon einmal in der Bergpredigt verwendet werden, gibt ihnen ein großes Gewicht. Sie sind mehr als eine Gelegenheitsäußerung, diesmal halt im Rahmen der Gemeinde-Rede. Sie weisen hin auf eine grundsätzliche Sicht und eine Gefährdung im Grundsätzlichen

Ich halte diese Worte für eine sehr ernsthafte Mahnung: die eigene Unversehrtheit, das unverletzte eigene Ich, das gelungene Leben ist kein Ziel christlichen Lebens. Der Glaube ist nicht dafür da, dass ich eine abgerundete Persönlichkeit werde. Glaube als das ultimative Programm zur Ich-Werdung, zur Selbstentfaltung – das scheint mir hier deutlich in Frage gestellt. Damit auch eine Spiritualität, die nur der Entwicklung des Ich dienen soll. „Das Ideal des spirituellen Menschen gleicht dann einem Solitär.“(M. Nüchtern, in: M. Herbst, Spirituelle Aufbrüche, Göttingen 2003, S. 15) Er ist sich selbst in seiner Vollkommenheit Ziel und auch selbst genug.

Demgegenüber gibt es für Jesus nur ein Ziel: Zum Leben eingehen. In den Himmel zu kommen. In die Gegenwart Gottes. Auch um den Preis, dass das eigene Leben hier nur wie ein Fragment aussieht. Für immer ein Fragment bleibt, mit Brüchen und Wunden, mit ungelebten Anteilen. In der Ewigkeit aber wird, was hier arm, klein, gebrochen, mickrig, Bruchstück war verwandelt – in die bleibende Herrlichkeit der Kinder Gottes.

10-11 Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.

             Jesus bleibt immer noch bei seinem Thema. μικρόι – Den Kleinen, Unbedeutenden, Schwachen. Den Mickrigen. Die nie und nirgends Schlagzeilen machen. Die keine Lobby haben. Von denen gibt es so viele, dass sie nicht zählen, außer in der Statistik. So die Logik der Welt. Und es ist die Gefahr der Welt, dass man sie verachtet, auf sie herab sieht.

Aber bei Jesus geht es nicht nach der Logik der Welt. Er sieht, was den Augen der Welt verborgen ist: Jeder von diesen unzähligen, zahllosen Kleinen hat seinen Engel im Himmel. Vor dem Angesicht meines Vaters im Himmel. Die auf Erden nicht zählen, haben im Himmel ihre ständige Vertretung. An höchster Stelle. An der Stelle, von der das Erbarmen ausgeht.

Die heutzutage so sehr geliebten Schutzengel haben hier ihre biblische „Begründung.“ Aber in einer sehr eigenen Art. Diese Schutzengel schützen nicht vor allem möglichen irdischen Unbill. Aber sie schützen sehr wohl, indem sie vor dem Sternenthron einstehen für die, die sie vertreten. Sie schützen, indem sie wert achten und wert halten, vor dem Angesicht meines Vater im Himmel. Ihr Eintreten reicht weit über den Tag hinaus – in die Ewigkeit hinein.

Einmal mehr: statt des blassen Art- und Sammel-Begriffes „Gott“ das so persönlich gefärbte mein Vater im Himmel. Es ist, als würde Jesus sich neben sie stellen, auf sie zeigen vor den Vater und sagen: meine Schwestern, meine Brüder!

Die Kleinen sind Menschen mit Ewigkeits-Wert. Das ist ihre Würde, die ihnen niemand nehmen kann und an der herum zu tasten sich jeder hüten muss. Wer sie anrührt, vergreift sich an denen, die zu Gottes Augäpfeln zählen „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.“ (Sacharja 2,12) Antasten fängt mit verachten, καταφρονσω – gering schätzen an.

12 Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben.

Jetzt erzählt Jesus die Geschichte, die den Wert eines dieser Kleinen herausstellt. Jedes Einzelnen dieser Kleinen. Was ist das schon, ein Schaf? Für jemanden, der hundert Schafe hat? So denken die, die im Überfluss leben. Aber nicht die Glieder einer Mangelgesellschaft, in der Armut nicht weit weg ist, sondern Tür an Tür wohnt.

Jesus rechnet offensichtlich mit Zustimmung seiner Zuhörer zu seiner Frage: Ja, so wird ein Hirte handeln, dem an seinen Schafen liegt. Ihm liegt eben nicht nur an der ganzen Herde, sondern an jedem einzelnen Schaf. Und deshalb wird er auch weite Wege auf sich nehmen, wenn sich ein Schaf verlaufen hat.

Gleich dreimal in wenigen Zeilen: verirrt. Das griechische Wort πλανάομαι redet von einem gefährliche Irrweg, von wirklichem Verlaufen. Von großer Gefahr. Aber eben noch nicht von einer Verlorenheit, aus der es keine Rettung mehr gibt. Ohne Bild: es geht wohl um Fehlverhalten vor Gott, aus dem die völlige Abwendung von Gott werden könnte. Was für eine Freude, wenn jemand, der auf solchen Abwegen ist, wieder gewonnen werden kann.

14 So ist’s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.

            Das ist das Resümee: eine Aufforderung, die darauf beruht, dass an den Willen Gottes erinnert wird. Euer Vater im Himmel will nicht, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren geht. Jetzt steht da das Wort, das von der ewigen Verlorenheit spricht, πόλλυσθαι. Das ist das Ende, das es abzuwehren gilt. Ewiges Verlorensein.

Es ist die Aufgabe, die dieses Gleichnis in der Matthäus-Fassung zeigt: die Gemeinde soll vor den irdischen Sackgassen, vor dem Verlaufen bewahren. Und wo das nicht gelingt, soll sie die suchen, die sich verlaufen haben. Es ist ihre Verantwortung, ihnen nachzugehen. Sie darf sich nicht damit zufrieden geben: Da sind ja immer noch neunundneunzig da.

Die Gemeinde des Christus, der die Verlorenen und Verirrten sucht, kann nicht anders, als gleichfalls zur Suchbewegung zu werden: nach allen, die sich verrannt haben, die den Weg nicht mehr finden.  Es ist eine Gemeinde, die keinen allein lässt, keinen preisgibt, keinen fallen lässt, wie tief er sich auch verrannt und verlaufen haben mag. Keinen von diesen Kleinen, Mickrigen, die in den Augen der Welt nun doch gar nichts mehr zählen.

Die Mahnung dieser Worte und des Gleichnisses  ist an die Jünger gerichtet, also an die Gemeinde. Eine Mahnung nach innen. Offensichtlich gibt es die Gefahr, dass Gruppen in der Gemeinde gering geschätzt, wenig geachtet werden. Weil sie nicht so toll sind, ihre Gaben und Begabungen nichts hermachen, sie auch keine besondere Ausstrahlung haben. Keine Glaubensstärke, an der andere sich ein Beispiel nehmen können.

Übersehene Gruppen in der Gemeinde –  das ist kein Problem erst heute. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.“(Apostelgeschichte 6,1) Die Frage stellt sich schon: wen übersehen wir? Die Jungen, die Alten,  die nicht so gut reden können, die sich nicht lautstark zu Wort melden? Lange Zeit hat die Kirche das Proletariat, die Arbeiter übersehen, allenfalls als Leute angesehen, um die man sich kümmern muss. So ist es zur Abwendung weiter Kreise der Arbeiter von der Kirche gekommen: Da zählen wir nicht.

Bei uns doch nicht! Höre ich. Aber ich kenne den geradezu beschwörenden Satz: „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.“ Und ich kenne die Schlussfolgerung: Dass da lauter Alte im Gottesdienst sitzen, zeugt nicht von der Attraktivität der Veranstaltung. Natürlich: niemand wird sagen: ich achte die Alten nicht. Aber das beständigen Schielen nach den Jungen, das unentwegte sich Ausrichten an dem, was sie wohl locken könnte, die Beschwörung, dass wir für die Zukunft der Kirche doch andere Wege und Modelle brauchen, sprechen eine deutliche Sprache.

Es gibt eine kirchliche Missachtung derer, die da sind, sich einladen lassen, immer wieder kommen, die treu sind, und sei es nur aus Tradition, möglicherweise auch aus Trostbedürftigkeit, also der sogenannten „Kirchentreuen“, indem man sich dauernd auf die hin orientiert, die sich schon lange abgewendet haben oder ein wenig desinteressiert sagen: Mal sehen, was als nächstes Lock-Angebt kommt.

Den „Kirchentreuen“ im kirchlichen Jargon entsprechen die „Gutmenschen“ im journalistischen Alltag. Beides hat einen abwertenden Klang. Und übersieht, wie arm wir da stünden ohne diese Menschen. Die Kirche ohne die Kirchentreuen und die Zivilgesellschaft ohne die Gutmenschen.

 Eine Herausforderung zum Weiterdenken:    

            Es ist gespenstisch, diese Worte Jesu zu lesen, während die Bischofskonferenz in Fulda über den Umgang mit Missbrauch sprechen muss. Da geht es um Priester, die die Kleinen verachtet haben, misshandelt, missbraucht. die ihrer sexuellen Lust und ihrer Macht-Lust gefolgt sind, ohne sich begrenzen zu lassen. Es geht um eine Haltung, die das eigene Ich vor allem anderen sieht. So, so sagt Jesus, geht der Weg ins Himmelreich nicht. Wer so seinen Weg geht, verliert die Spur Gottes.

   Vom Himmel

             In einer Nacht im Juli, in einer ganz normalen Nacht, in der die Grillen zirpen und die Gräser rauschen, sterben ein Mann, eine Frau und ein Kind. Dunkelheit umfängt sie und keiner von ihnen weiß, was werden wird. Sie sind schließlich noch nie gestorben. Nach einer Weile gewöh­nen sich ihre Augen an die Schwärze und am Ende, ganz am Ende ihres Blickfeldes meinen sie, ein Licht zu erken­nen. 

            »Sicher eine Sinnestäuschung«, denkt der Mann. »Ganz schön weit weg«, denkt die Frau. Das Kind denkt gar nichts, es geht einfach los.Wenn man in der Dunkelheit einem einzigen Licht folgt, kann man sich nur schwer verirren. Es ist ja sonst nichts da. Deshalb, und weil ihnen nichts anderes übrig bleibt, gehen auch der Mann und die Frau los.Sie kommen an ein Haus. Es ist aus Träumen erbaut. Seine Fenster strahlen golden. Die Tür steht offen. Über der Tür hängt ein Schild. »Himmel« steht darauf.

             »Wie albern«, denkt der Mann. Er war sein Leben lang pragmatisch veranlagt und dachte nicht daran, das jetzt aufzugeben. »Als ob der Himmel ein Haus sein könnte. Wie sollen denn da alle hineinpassen?« Und er fühlt sich in dem bestätigt, was er schon immer gewusst hatte: dass es keinen Himmel geben kann, weil ein Himmel unlogisch ist. Also geht er weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

             Auch die Frau bleibt zögernd vor dem Haus stehen. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Die offene Tür verwirrt sie. Kann denn hier einfach jeder rein? Und wieso muss man selbst eintreten, gibt es niemanden, der einen hinein­bittet? Wo ist Gott? Die Frau hat gelernt, dass er sie emp­fangen würde. Dass es ein Himmelstor gäbe und Engel. Und nun ist alles ganz anders. Die Frau ist sehr enttäuscht, so enttäuscht, dass sie sich weigert hineinzugehen: »So nicht«, sagt sie, geht weiter und verliert sich im Dunkel der Nacht.

             Das Kind hat viel Zeit gehabt, sich den Himmel auszu­malen. Es war lange sehr krank gewesen. Wenn es im Bett lag, stellte es sich Einhörner vor, die unter Bananenpal­men grasten. Manchmal ritt es auf einem Adler. Engel begegneten ihm, die ebenfalls fliegen konnten und auch singen. Großmutter war dort und Stups, sein allererster Hund. Im Himmel gab es genug zu essen, auch die Sachen, die es jetzt nicht mehr essen konnte, weil sein Hals beim Schlucken wehtat und rot und entzündet war. Manchmal träumte das Kind davon, wie es eine riesige Brezel aß. Dann wieder schwamm es im Meer, ohne müde zu werden. Jeden Tag träumte das Kind einen anderen Traum und alle waren schön. Deshalb ist es nicht erstaunt, vor einem Haus zu stehen. Wer auf Adlers Flügeln reitet, betritt auch ein Haus, des­sen Fenster leuchten. Neugierig geht es hinein, du siehst ihm hinterher, bis es verschwindet, aufgenommen vom Licht.                                                                         S. Niemeyer, Wie lang ist ewig? Herder 2015. S. 70-72

 

Jesus Du wendest Dich denen zu, die gering sind, übersehen werden, nicht zählen im Geschäft und Konzept der Großen.

Du willst uns davor bewahren, dass wir an die eigene Stärke glauben, die eigene Größe suchen, uns wichtiger nehmen als alles andere und glauben, , dass wir so den Himmel gewinnen würden – aus eigener Kraft.

Du willst es uns lehren: Der Weg in den Himmel wird nur so frei, dass wir uns den Zutritt schenken lassen, dass wir uns an Dich anschließen und hinter Dir her freien Zugang haben. Ganz gleich, ob wir es zu eigener Größe gebracht haben, bedeutende Leute geworden sind oder ob unsere Namen nie Geschichte geschrieben haben.

Dass Du uns vor Dich stellst in die Mitte Deiner Gemeinde, Dich vor uns stellst, genügt. Amen