Steuer-Gerechtigkeit?

Matthäus 17, 22 – 27

22 Als sie aber beieinander waren in Galiläa, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen 23 und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen. Und sie wurden sehr betrübt.

             Sie sind wieder in Galiläa. Wo spielt keine Rolle. Sie haben sich dort versammelt. „Sie hatten ihr Wesen in Galiläa.“So schön und zutreffend für das griechische Συστρεφομνων die Luther-Übersetzung von 1912. Sie sind einfach beieinander. Warum? Mit welchem Plan? Galiläa ist gewissermaßen „Heimspiel“. Hier hat die Sammlung Jesu angefangen. Aus den Dörfern in Galiläa, vom Ufer des Sees hat er sich seine Jünger gerufen. Warten sie jetzt auf das Signal zum Aufbruch?    

Statt eines Aufbruchssignals kommt eine Leidensankündigung. Die Zweite aus dem Mund Jesu. Eine, die ins Passiv, in die Passion einweist: überantwortet werden, getötet werden. Aber immerhin: am dritten Tag auferstehen. Der Weg Jesu führt in die Hände der Menschen. Aber im Wort  παραδδωμι überantwortet werden schwingt mit, dass Gott seine Hände mit ihm Spiel hat.

Es ist eine „kleine Passionstheologie“(W. Klaiber, aaO.  S.28), die hier anklingt. Ausgelöst durch die griechische Übersetzung  von Jesaja 53,12 in der Hebräischen Bibel: Da wird vom Gottesknecht gesagt, „dass seine Seele in den Tod dahingegeben und er unter die Gesetzlosen gerechnet wurde; und er selbst nahm die Sünden von vielen auf sich, und um ihrer Sünden willen wurde er dahingegeben.“(Übersetzung: W. Klaiber, ebda. S.28) Im Passiv wird das Handeln Gottes verborgen. Es ist Gottes Weg mit Jesus. So wie es auch Paulus, wieder unter der Verwendung des Wortes παραδίδωμι, deutet: „Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt.“(Römer 4,25)

Wir verstehen: Jesus ist auf dem Weg Gottes. Und wird auf diesem Weg doch sofort wieder mit zutiefst weltlichen Angelegenheiten befasst. Hier der Steuer-Frage. Es mutet seltsam an: dieses gewichtige Wort der Leidensansage wirkt wie ins Leere gesprochen, trotz der Anmerkung: Und sie wurden sehr betrübt. Weil es für den Fortgang der Erzählung so gar keine Rolle spielt. Die alltägliche Aufgeregtheit deckt  die Leidensansage regelrecht zu.

 24 Als sie nun nach Kapernaum kamen, traten zu Petrus, die den Tempelgroschen einnehmen, und sprachen: Pflegt euer Meister nicht den Tempelgroschen zu geben? 25 Er sprach: Ja.

             Spannende Frage: Wie hält es Jesus mit der Kirchensteuer? Denn die Petrus fragen, fragen nicht nach der staatlichen, römischen Steuer. Die ist für Juden ein Ärgernis, aber nicht zu umgehen. Bei der Tempelsteuer aber gibt es eine innerjüdische Debatte. Die Qumran-Leute zum Beispiel wollten sie nur einmal im Leben entrichten. Andere lehnten sie ganz ab, weil sie für Kultusabgaben den König in der Pflicht sahen. Und wieder andere, so etwa die Pharisäer, wollten, dass jeder Jude zum Tempel-Unterhalt beitrug, aber mit „reinem Geld“(U. Luz, aaO. S.530) Mit jüdischen Münzen, nicht mit Geld aus römischer Prägung.

Petrus weiß: an dieser Stelle verweigert Jesus sich nicht. Er zahlt. Womit er zahlt, der doch nur ein Wanderer ist ohne festen Wohnsitz und ohne Einkommen ist, bleibt unklar. Auch warum er zahlt, weiß Petrus nicht. Das war bis hierher nie ein Thema.

Und als er heimkam, kam ihm Jesus zuvor und fragte: Was meinst du, Simon? Von wem nehmen die Könige auf Erden Zoll oder Steuern: von ihren Kindern oder von den Fremden? 26 Als er antwortete: Von den Fremden, sprach Jesus zu ihm: So sind die Kinder frei.

             Als Petrus heimkehrt ins Haus – sie sind ja in Kapernaum, wo das Petrus-Haus steht –   und vielleicht Jesus zur Sache befragen will, erweist sich Jesus einmal mehr als der, der Gedanken lesen kann. Der weiß, womit sich seine Leute herumschlagen.

Aber, auch wenn er Petrus zuvor kommt, so geht Jesus doch einem Umweg. Stellt ihm eine auf den ersten Blick rätselhafte Frage: Wen betrachten denn die Könige als steuerpflichtig? Wie halten es die weltlichen Herrscher? Gibt es Ausnahmeregelungen für die Söhne – so wörtlich statt Kinder? Oder sind die Söhne wie alle anderen? Das Wort λλοτροι, bei Luther mit Fremde übersetzt, liefert unser Lehnwort Allotria – und in Bayern den Hallotri. Wie gewöhnliche Leute würde ich übertragen. Leute, die dem König fremd sind, auch ein wenig gleichgültig.

             Die Antwort ist klar und Petrus gibt sie auch: Nur von den Fremden. Damit liegt die Schlussfolgerung  Jesu aus dieser Antwort auch klar auf der Hand: Keine Steuerpflicht für die Söhne. 

             Was ergibt sich daraus? Wer zur Familie Gottes gehört, muss keine Steuern zahlen. Er ist frei von jeder Abgabenpflicht. Es geht um ein Familienverhältnis – nicht um ein Obrigkeits-Untertanen-Verhältnis. Das berührt sich mit dem, dass Jesus oft vom Vater im Himmel spricht. „Gottes Vaterschaft steht im Mittelpunkt seiner Frömmigkeit.“(U. Luz aaO.  S.534) Daraus begründet sich seine Freiheit gegenüber einer Praxis, die den Glauben wie ein Regelwerk ansieht.

27 Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh hin an den See und wirf die Angel aus, und den ersten Fisch, der heraufkommt, den nimm; und wenn du sein Maul aufmachst, wirst du ein Zweigroschenstück finden; das nimm und gib’s ihnen für mich und dich.

Aber: Jesus ist nicht auf Konflikt aus. Schon gar nicht um einer Frage willen, die ihn merkwürdig unberührt lässt. Um Geldangelegenheit hat Jesus nie Streit vom Zaun gebrochen.

Es folgt eine Erzählung, die volkstümlichen Charakter hat. Eine Art „Wandergeschichte“. Frühere Zeiten haben das entsprechende Gedicht noch lernen dürfen: „Der Ring des Polykrates.“(F. Schiller 1798) Jesus scheint diese Erzählung zu kennen. Und inszeniert sie jetzt gewissermaßen. Nebenbei. So nebensächlich ist diese ganze Angelegenheit für ihn.

Ich höre eine Botschaft in dieser betonten Nebensächlichkeit: Es lohnt nicht, über alles und jedes zu streiten. Es gibt Dinge, die werden auch Christen abverlangt und sie erfüllen die Forderungen, die an sie gerichtet werden. Gewissermaßen nebenbei. Später im Evangelium wird Matthäus noch einmal von einer Steuerfrage an Jesu erzählen und seine Antwort überliefern: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“(22,21) Und Paulus sagt in Fortführung dieser Linie: „Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, sei es Steuer oder Zoll, sei es Furcht oder Ehre.“(Römer 13,7) 

Es ist keine große Leidenschaft für das Staatswesen, die sich hier zu Wort meldet, eher eine Distanz, die den Staat als „Auslaufmodell“ sieht, weil sie das Reich der Himmel, das Reich  Gottes als das kommende Modell der Welt betrachtet. Da aber wird jede Steuerfrage überholt sein.

 

Herr Jesus, auf dem Weg nach Jerusalem bist Du und sie kommen mit Alltagsfragen. Wie oft ist das so: Direkt neben den heiligsten Dingen stehen die profanen Angelegenheiten, erheischen unsere Aufmerksamkeit, fordern uns Kraft ab.

Ich möchte lernen, das Große groß zu sehen und das Kleine klein. Ich möchte lernen, über den heiligen Wegen die kleine Dinge nicht zu missachten. Aber auch umgekehrt, ihnen nicht mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden als ihnen zusteht.

Lehre Du mich Deine Sicht, Deine Großherzigkeit, Deine Freiheit. Amen