Unter Gottes Ja gehen

Matthäus 17, 1 – 13

 1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.

             Was jetzt erzählt wird, geschieht am siebten Tag nach dem Bekenntnis des Petrus. Eine ganze Woche erfüllt sich mit diesem Geschehen. Die präzise Angabe, wo Matthäus sonst doch oft „dann“ sagt, „danach“ oder „da“, wird kein Zufall sein. Bei mir löst sie die Erinnerung an den siebten Tag Gottes aus.  An dem Gott sein Werk vollendet.

Ein anderer Einfall: Am Anfang eines Weges führt der Versucher Jesus „auf einen hohe Berg“ (4,8). Um zu erreichen, dass er seine Gottessohnschaft enthüllt. Auf eigene Faust. Jetzt führt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg. Drei von denen, die er zuerst gerufen hat. Alleinκατ᾽ ἰδίαν – „für sich allein.“(Gemoll, aaO. S. 383) Er sondert sich und sie ab. Welcher Berg das ist, spielt für den Evangelisten keine Rolle. Die Tradition findet diesen Berg im Tabor

 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

             Auf diesen Berg geschieht etwas – an Jesus. Μεταμορφόω In eine andere Gestalt verwandeln, umformen, umgestalten“ ((Gemoll, aaO. S.498) Eine Verwandlung geschieht. Es ist wichtig: „Im Deutschen hat sich seit den Bibelübersetzungen der Reformationszeit „verkleren“ bzw. „erkleren“ durchgesetzt. Dieses Wort hatte mittelhochdeutsch den doppelten Sinn von „erläutern“ und „erhellen.“(U. Luz, aaO. S.504) Mit meinen Worten: es wird in dieser Verwandlung etwas klar – über Jesus. Auch an Jesus und für Jesus.

Aber was ist das? Ich folge den Worten des Matthäus: sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Hier ist er nicht mehr nur Mensch unter Menschen, verwechselbar, wie einer von uns. Er ist mehr. Eine „neue Gestalt“ wird an Jesus sichtbar.

Das ist Rückgriff auf altes Bildmaterial aus den Schriften Israels: Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“(Daniel 12,3) Oder: „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.“(2. Mose 34,23) Wer vor Gott zu stehen kommt, in seiner Gegenwart, von dem geht ein Leuchten aus. Der wird verwandelt, innerlich und äußerlich.

Die Worte sind aber zugleich auch Vorgriff in die Zukunft: „Es ist eine Schau Christi in der kommenden Herrlichkeitsgestalt des Auferstandenen.“(U. Luz, aaO. S.510) Wenn man so will ein vorzeitiges Ostern.

Immer aber geht es um die gleiche Erfahrung: Es gibt ein Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes in die Welt hinein, das alles überstrahlt und alles verwandelt. Das eine Wirklichkeit aufleuchten lässt, die uns gemeinhin unsichtbar ist. Der Glaube sagt: Es ist die Wirklichkeit, auf die hin wir unterwegs sind.

 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

Plötzlich sehen die Jünger noch mehr – von ihnen ist ja die Rede: Ihnen erscheinen Mose und Elia. Sie stehen bei Jesus – beide sind Repräsentanten der Wahrheit Gottes. Mose für das Gesetz, Elia für die Prophetie.

Es gibt verschiedene Lebensweisen, Grundverständnisse. Ein Grundverständnis sagt: das Leben muss durch klare Ordnungen geregelt sein. Wenn das Leben gelingen soll, dann braucht es Spielregeln, an die wir uns halten müssen. Gott hat uns klare Regeln gegeben, wie wir leben sollen. Gott hat uns über die Grundregeln des Lebens nicht in Unwissenheit gelassen. Und wenn wir uns an diese Regeln halten, dann wird unser Leben gut. Dafür steht Mose.

Daneben steht: Leben ist auf einem Weg     nach vorne. Was kommen wird, will erspürt, erahnt werden. Es genügt nicht, immer die alten Verhaltensweisen anzuschauen. Gott will mit uns keinen Weg des rückwärtsgewandten Lebens gehen, sondern einen Weg in die Zukunft. Nicht das Gesetz, die Zukunft ist der Maßstab des Lebens. Dafür steht die Prophetie, steht Elia.

Nun stehen beide bei Jesus, reden mit ihm. In ihm werden die beiden Lebensweisen, die beiden Grundverständnisse miteinander „versöhnt“ im wahrsten Sinn des Wortes. Der Sohn bringt sie zusammen – er, der die Liebe ist.

4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.

Darum sagt Petrus auch: Hier ist gut sein. Es ist nur zu wahr: wo das Leben nach den Regeln Gottes und die Sehnsucht nach der Zukunft zusammen gebracht werden mit der vergebenden und versöhnenden Liebe – da leuchtet die Herrlichkeit Gottes auf, da ist es für uns Menschen gut sein.

Wo das Gesetz allein bleibt, da wird es zur harten Forderung. Wo die Sehnsucht nach der heilen Zukunft alleine bleibt, da wird sie allzu leicht zur bitteren Anklage und Überforderung  der armen Gegenwart. Aber wo die versöhnende Liebe beide durchdringt und verbindet, kann das Leben in der Gegenwart Gottes Tiefe und Kraft empfangen.

Es ist ein guter Ort, wo die unterschiedlichen Lebensweisen versöhnt werden. Darum ist der Wunsch des Petrus so verständlich: lass uns hier bleiben. Für immer. So wie jetzt müsste es immer bleiben. Petrus will sesshaft werden. Keine neuen Wege mehr. Die Welt soll still stehen. Merkwürdig – es folgt kein Wort der Kritik aus dem Mund Jesu an diesem Vorschlag. Auch keine kritische Anmerkung des Evangelisten, wie sie Lukas überliefert: „Er wusste aber nicht, was er redete“(Lukas 9,33) Es ist, als hätte er seinen Satz nicht gesagt.

 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!

 Die Szene auf dem Berg ist keine Idylle. Unmittelbar vorher erzählt Matthäus, dass Jesus seinen Jüngern sein Leiden und Sterben in Jerusalem ankündigt. Jesus weiß um die Härte des Weges, der auf ihn wartet. Er ahnt die Angst und den Schrecken, der sich auf die Seelen legen wird. Er weiß, dass auch für seine Jünger ein schwerer Weg kommen wird.

Genau dahinein ergeht das Wort der Stimme aus der Wolke, das ja wie eine Tauf-Erinnerung wirken muss und wohl auch wirken soll: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Fast wortgenau wie in der Taufe am Jordan.

Diese Tauferinnerung, dieser Zuspruch ist nötig, damit Jesus die Kraft gewinnt für den kommenden Weg. Nötig, damit Jesus die Stärke gewinnt für die Aufgabe seines Lebens. Nötig, damit Jesus den Mut gewinnt, den Weg des Vaters zu gehen, auch dann zu gehen, wenn er ihn in Leid und Schmerz hinein führt, wenn er ihn ins Sterben bringt.

            Den sollt ihr hören. Das ist auch die Antwort auf den Wunsch des Petrus. Nicht wie Du es dir erhoffst. Sondern: Lasst euch von ihm sagen, wie es weitergeht. Lass euch von ihm führen. Auf den ersten Blick nur ein Wort an die Jünger. Aber auf den zweiten Blick eine Anrede an die, die das Evangelium hören werden aus dem Mund der Jünger, die es lesen werden aus der Feder des Matthäus, die es hören werden in der Verkündigung durch die Jahrhunderte hindurch. Nie nur das Menschenwort, sondern immer in all den Worten Jesus, den Verklärten, den österlichen Christus.

 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

             Es gibt umwerfende Erfahrungen. Die einem den Boden unter den Füßen wegziehen. Was die Jünger hier erleben, „haut sie um“. Eine Mischung aus Erschrecken und Anbetung. „Es ist die göttliche Herrlichkeit und Wahrheit, die sie zu Boden wirft und ihnen Furcht einflößt.“(U. Luz, aaO.  S.512)

Diese Furcht ist meilenweit entfernt von dem leichtfertigen Geplauder über Gott, das es bei uns heute medial oft zu hören gibt. Als ob Gott dankbar sein müsste, dass überhaupt noch von ihm gesprochen wird. Es ist wohl ein Kennzeichen wirklicher Gottes-Erfahrungen, das es nicht mehr so leichthin geht, das Reden über Gott. Dass da immer Erbeben und Ehrfurcht mitschwingen.

Die so Erschrockenen rührt Jesus an und ruft sie zurück ins Leben. „Das Verbum „Steht auf“ wird genauso bei Totenauferweckungen gebraucht (9,25) übertragen auch bei Heilungen und in dem kleinen Taufliedchen Epheser, 5,14“ (E. Schweizer , aaO.  S.227) Da heißt es: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“

So zurück ins Leben gerufen, haben sie nur noch Jesus vor Augen. Alles andere ist ihnen wieder verhüllt. Jesus allein aber genügt auch. Für den Weg, der vor ihnen liegt, müssen sie nicht mehr sehen als ihn allein.

Ein Rückblick: Petrus wollte drei Hütten bauen, sozusagen gleichberechtigte Wohnorte. Für Elia, Mose und Jesus. Aber diese Gleichwertigkeit wird aufgelöst – zuerst durch die Stimme vom Himmel, dann durch diesen Satz: sie sahen niemand als Jesus allein. Jesus tritt nicht neben Mose und Eila. Er ist die Erfüllung dessen, wofür die beiden stehen – das Gesetz und die Propheten.

 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

             Erneut ein Schweigegebot. Keine Propaganda mit Geschichten, die ihr selbst nicht versteht. Kein vorzeitiges Reden. Erst, wenn wirklich Ostern geworden ist, ist die richtige Zeit da. Dieses Redeverbot könnte ein Hinweis sein, dass es sich ursprünglich um eine Oster-Erzählung handelt. Die ja auch erst nach Ostern weiter erzählt werden kann.

Aber genauso vernünftig klingt es für mich zu überlegen, dass alles Reden seine Zeit hat und dass das Weitererzählen von Geschichten vor der Zeit wie unsinniges Gelalle wirken muss. Wer wollte das denn verstehen, wenn er Jesus jetzt wieder vor Augen hat, einen, der aussieht wie alle?

10 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen? 11 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurechtbringen. 12 Doch ich sage euch: Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten. So wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen.

             Trotz der Verklärung haben die drei Jünger – nur von ihnen kann ja hier die Rede sein – noch Klärungs-Bedarf. Elia hat sie darauf gebracht. Sie haben ihn gesehen und wissen von den Erwartungen, dass er vor dem Ende der Zeiten, als Vorläufer des Messias kommen müsse. Wie ist das denn nun? War ihr Sehen etwa sein Kommen?

Die Antwort Jesu führt weg vom Berg der Verklärung. Er sieht in Johannes dem Täufer den wiedergekommenen Elia. Allerdings nicht als eine Re-Inkarnation, wie das heute gerne einmal missverstanden wird. So denkt der an den Schriften Israels geschulte Jesus nicht. Das gibt es biblisch nicht.

Was es gibt, ist ein Denken in der Kategorie des Typus. Da gibt es ein Urbild, ein Vorbild und dann auch ein Abbild. Entsprechungen. So ist das mit Elia und Johannes. Johannes ist in seiner Funktion als Vorläufer das Abbild des wiederkommenden Elia, seine Entsprechung. Dafür braucht es keine Re-Inkarnation.

Und in dem, was er erlitten hat, in der Preisgabe an menschliche Willkür ist er wie eine  Vorabbildung dessen, was auf Jesus wartet, auf den Menschensohn

13 Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte.

             Es ist der Hinweis auf das Leiden, auf das Ausgeliefertwerden an die Willkür der Mächtigen, der die Jünger verstehen lässt, dass Jesus von Täufer spricht. Jetzt haben sie verstanden. Jetzt ist alles klar. Aber: wie lange?

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Eine weit spätere Parallele zu dieser Verklärung findet sich in den folgenden Worten: „Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.“ (Offenbarung 1, 12- 16)

Ich halte nicht so viel davon, sich Jesus als den entrückten Gottessohn vorzustellen, der nicht auf Zuspruch und Zuwendung angewiesen ist. Als den, den nichts berühren kann, der keine Angst und kein Zaudern kennt. Mir ist Jesus nahe, wenn ich mir das vor Augen halte: er wird hier gestärkt für den Weg, der vor ihm liegt. Mir ist auch das nahe: Es braucht auch unterwegs Bestätigungen für den Weg. Es ist nicht mit dem einen Wort am Anfang getan. Jesus braucht das Ja Gottes in der Taufe am Anfang und das Ja jetzt auf dem Berg, auf dem Weg nach Jerusalem.

Verklärungsgeschichte – ja: eine Geschichte, in der sich für Jesus sein Weg weiter klärt. Vor allem dies eine klärt: Dieser Weg vor ihm ist wirklich ein Weg im Wohlgefallen Gottes. Es hat sich seit der Taufe nichts geändert. So birgt diese Erzählung einen Spannungsbogen zwischen Tauferinnerung und Ostererscheinung.

 

Jesus, Deine Herrlichkeit leuchtet auf. Manchmal geschieht das auch in meinem Leben. Von einem Augenblick zum anderen ist alles klar. Zusammenhänge erschließen sich, der Weg wird sichtbar, Freude gewinnt Raum. Und in dem allem spüre ich, glaube ich Dich, Deine Gegenwart.

Ich danke Dir für solche Erfahrungen in meinem Leben, für Ostern, das mein Dunkel erhellt, Hoffnung entzündet. Ich danke Dir, dass manchmal alles andere aus meinen Blickfeld verschwindet und ich nur noch Dich sehe. Dich allein und spüre: Du Jesus allein genügst. Amen