Immer hinter IHM her

 Matthäus 16, 21 – 28

21 Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.

             Mit seit der Zeit beginnt etwas Neues. Die Zeit der unbeschwerten, wenn auch nicht konfliktfreien Wanderung in Galiläa wird abgelöst durch den Weg nach Jerusalem. Durch den Weg, auf den jetzt schon der Schatten der kommenden Ereignisse fällt.

Jesus geht – das macht diese erste Leidensankündigung deutlich – diesen Weg im vollen Bewusstsein dessen, was geschehen wird. Leiden und getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Das freilich scheinen die Jünger schon nicht mehr zu hören. Aber das alles deckt er seinen Jüngern auf. Nur seinen Jüngern, nicht mehr dem Volk. Sie freilich bekommen so Anteil am Geheimnis seines Weges. Hier verwendet Matthäus das Wort δεικνειν. Zeigen, aufdecken. Das gleiche Wort verwendet der Seher Johannes, wenn es um „die Enthüllung göttlicher Geheimnisse“ (E. Schweizer , aaO.  S.224) geht, die über dem Weg der Gemeinde liegen (Offenbarung 1,1).

Es liegt Matthäus daran zu zeigen, dass Jesus nicht irrtümlich nach Jerusalem geht. Nicht mit falschen Erwartungen. Sondern wissend. Wissend auch, dass über diesem Weg ein „muss“ steht. δε deutet die von Gott verhängte Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesu an. Trotzdem wird es von den jüdischen Führern in freier Entscheidung und eigener, selbst verantworteter Bosheit vorbereitet.“ (U. Luz, aaO.   S.488) Dieses Müssen schließt aber mit ein und nicht aus, dass Jesus diesen Weg in freier Zustimmung zum Willen des Vaters geht!

Es ist ein bisschen schwieriger, als es manche allzu glatten Formeln uns weißmachen wollen, wenn das Zusammenspiel von göttlichem Willen und menschlicher Freiheit oder eben Vorherbestimmt-Sein zu verhandeln ist. Die Tatsache, dass Gott will, hebt nicht auf, dass wir uns entscheiden, so oder so.

  22 Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!

             Auch hier, wie bei dem vorangegangen Bekenntnis, ist Petrus nur der Wortführer für die anderen Jünger. Es geht nicht um ihn als exklusive Gestalt. In ihm meldet sich der allzu menschliche Widerspruch gegen diesen Leidensweg, der da vor ihren Augen erscheint zu Wort. Fromm: Gott bewahre dich. Ich übersetze: das kann doch nur ein Missverständnis sein. Das will der Vater im Himmel doch nicht von dir und für dich. Da hast du etwas falsch verstanden. Es ist der Einspruch, der zu wissen glaubt, dass Gott so einen Weg nicht wollen kann.

  23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

             Die Reaktion Jesu ist erschreckend hart. In der Stimme des Petrus hört er die Stimme des Versuchers. Der ihm von Anfang an einen eigenen Weg einreden wollte. Der ihn von Anfang an wegziehen wollte von der Seite Gottes, hin auf einen selbstbestimmten Weg.

Nichts gegen Selbstbestimmung – sie ist notwendig immer da, wo Menschen sich anmaßen, die Wege anderer zu definieren und zu dirigieren. Nichts gegen menschlich – es ist notwendig, da, wo die Menschlichkeit dem Profit geopfert wird, dem Vorankommen, der eigenen Karriere. Aber hier steht das Menschliche gegen den Weg Gottes und verliert damit das eigene Maß. Oder anders formuliert: es gibt einen Maßstab für das Menschliche, der es schützt und zugleich relativiert und gerade darin auch wieder schützt vor der Selbstüberhebung: den göttlichen Willen. Genauer: den Willen des Vaters im Himmel.

Ein Ärgernis, σκνδαλον, ist Petrus für Jesus mit seinen Worten. Einer, der ihn zu Fall bringen würde, wenn er ihm folgt. Seltsame Umkehrung: Selig, wer nicht an mir Anstoß nimmt, (11,6) sagt Jesus und hier: Ich stoße mich an dir. Ich würde an dir zu Fall kommen, wenn ich dir folge. Du wirst mir zum „Stolperstein“(W. Klaiber, Das Matthäusevangelium, TB 2, 16,21 – 28, Neukirchen 2015; S.14),sagt Jesus zu dem, von dem er zuvor gesagt: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen,(16,18)

             Was für eine Warnung gegen alle Selbstsicherheit gerade auch der Glaubenden. Gegen alle falsche Sicherheit: Wir wissen, wie es geht. Wir können nicht irren. Wir stehen fest im Glauben. Auch „Petrusse“ können ins Straucheln geraten und Felsenmänner stehen nicht immer wie von selbst auf festem Grund.

             Glücklicherweise bleibt es nicht bei der Abfuhr für Petrus. Es folgen Worte, die über die Situation hinaus führen. Die einweisen in ein Leben, das dem Weg Jesu entspricht

 24 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 25 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.

             Christus-förmig werden heißt: das Kreuz auf sich nehmen. Das Kreuz des eigenen Lebens. Das ist es, was es mit sich bringt, hinter Jesus her zu gehen. Damals in Galiläa und heute in unserer Zeit. Christus-förmig werden geht nur so, dass ich mir selbst nicht mehr genug bin. Nicht mein Ein und Alles. Nicht das Ziel aller Wege. Sich selbst verleugnen – von sich selbst absehen lernen, nicht mehr zulassen, „dass die menschliche Vernunft „Meisterin über den Menschen“ ist und nicht mehr „Herrschaft über die Sitten hat.“(J. Calvin, Institutio III 7,1 zit. nach U. Luz, aaO.  S.490)

             Christus-förmig werden – immer hinter Jesus her. Nachfolgen. κολουθέω Von der ersten Berufung der Jünger an ein Hauptwort im Evangelium. Immer seine Nähe suchen. Immer seinem Willen mehr trauen als dem eigenen Wollen. Immer sich bergen in ihn, auch in aller Ungeborgenheit. Jüngersein ist Nachfolgen.

             Wer sich diesen Weg ersparen will, weil er glaubt, auf diesem Weg sein Leben zu verlieren, der irrt. Das Leben verliert, wer es festhalten will. Sichern will. Durch seinen Besitz. Durch die Macht. Durch die Dinge, die er hat, durch die Position, die er sich erarbeitet hat. „Wer nur an sich selbst denkt, und das eigene Leben um jeden Preis bewahren und absichern will, der wird erleben, dass er (oder sie) am wahren Leben vorbei geht.“(W. Klaiber, aaO. S.15)

 Das Leben verliert, wer es  – auch in einem unglaublichen schönen Augenblick – „einfrieren“ will. Wer es auf Stillstand stellt, weil er den jetzt erreichten Status für das Ende aller Wege hält. Wer nicht mehr offen sein will für das Unbekannte, Neue, für den Weg, den Gott öffnet.

Am Ende bleibt auf diesem Weg eine sehr ernüchternde Einsicht:

 „Wenn Träume sterben dann wirst du alt
Du bist dein eigner Schatten nur und holst dich nicht mehr ein
Wenn Träume sterben dann wird es kalt
Du bist ein Mensch zwischen toten Dingen und bist allein.“                      
                                  Phudys,CD Perlenfischer 1977

Die Phudys sind mit ihrem Text nahe dran an dem, was Jesus sagt. Was sie „Träume“ nennen, nenne ich die Offenheit für den Weg Gottes. Es gibt in diesen Worten Jesu eine offene Seite zum Wissen aller Menschen über das Leben. Aber sie gehen nicht darin auf.

Selbstverleugnen ist Loslassen des Ist-Zustandes, dadurch, dass ich mich auf die Zukunft Gottes einlasse, mich auf sie hin ver-lasse. Dass ich über den Tag heute hinaus glaube: mir stehen noch Wege an der Seite Jesu offen. Was ich jetzt bin, ist noch nicht alles, was ich nach dem Willen Gottes werden soll.  Um so offen leben zu können, braucht es ein starkes Ich, braucht es Mut, Hingabe. Selbstverleugnung ist nichts für Ich-Schwächlinge, für Leute, die sich selbst nicht trauen und nichts trauen.

 26 Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

             Noch einmal greift Jesus seinen Gedanken auf und treibt ihn weiter. Ja, es geht um Lebensgewinn. Um das gelingende Leben. Um das Leben, das sich lohnt. Das Versprechen, das wieder und wieder gemacht wird: Du gewinnst es, wenn du die Welt gewinnst. Wenn du dir deine Welt eroberst. Wenn du dir deinen Platz im Leben sicherst.

Dem stellt Jesus seine Sicht entgegen. Auf diesem Weg, die Welt zu gewinnen, geht es haarscharf am Leben vorbei. Es ist wichtig: Wo die Luther-Bibel mit Seele übersetzt, steht in Wahrheit Leben.  ψυχ ist mehr als die Psyche. Mehr als die Seele. Es ist wirklich das Leben. Die „Kostbarkeit“ (Gemoll, aaO.  S.815) schlechthin.

Diese Kostbarkeit aber kann sich keiner erwerben, erdienen, aus eigener Kraft erringen. Sie ist und bleibt Geschenk. Gabe aus Gottes Händen. Wer sie nicht empfängt wie ein Kind, steht am Ende mit leeren Händen da.

 27 Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.

Ist diese Ankündigung Drohung? Oder nüchterner Hinweis? Ich neige zum Zweiten: Wer im Leben nur sich selbst gekannt hat, der wird auch am Ende, auch im Gericht allein sein. Wer aber sein Leben losgelassen hat, Zeit verschenkt hat, Kraft verschenkt, Zuwendung verschenkt, dem wird am Ende Zuwendung zuteil. Ihm wird vergolten. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (25,40)

Wohl wahr: Die Menschen sind alle gleich. Aber ihr Tun ist unterschiedlich. Manche kennen nur sich selbst, andere kennen nicht einmal sich selbst. Selig die, die Gott und den anderen kennen und lieben, wie sich selbst.

 28 Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.

 Bleibt das Schlusswort. Ein Wort, das auf die Naherwartung Jesu hinweist. Das deshalb der Christenheit große Schwierigkeiten bereitet: Kann es denn sein, dass Jesus nicht wusste, wie sich die Zeit dehnen wird? Er, auf den wir das Gottes-Prädikat anwenden: allwissend.

Es gibt Auswege aus dem Dilemma. Ein Ausweg: In der Verklärung Jesu erfüllt sich dieses Wort Jesu an „Petrus und Jakobus und Johannes“ (17,1) Der nächste Ausweg: es erfüllt sich an den Osterzeugen. Der dritte Ausweg: es erfüllt sich an uns allen, wenn wir die Geschichte des Reiches Gottes fortschreiten sehen im Weg der Kirche.

Mir erscheint es ehrlicher als diese Auswege: Matthäus überliefert ein Wort Jesu, das unser Verstehen übersteigt. Nach unserem Denken hat er sich geirrt. Das Reich Gottes ist in seiner vollen Herrlichkeit noch unterwegs. Und er als der Menschensohn ist noch nicht wieder gekommen mit seinen Engeln, in seinem Reich.

Was mich beschäftigt

          Wahr ist aber auch – und jetzt rede ich sehr persönlich: ich kann mir Christsein nicht anders vorstellen als in dieser Erwartung: Herr, komme. Komme bald. Die Welt schreit aus tausend Wunden nach Erlösung. Lass uns nicht mehr zu lange warten. Wenn so zu denken, Naherwartung ist, wie sie die erste Christenheit kannte, quer durch alle Schriften des Neuen Testamentes, dann lebe ich in der Nah-Erwartung.

Aber diese Lebenshaltung ist nicht exklusiv meine Haltung. Manchmal besingen wir sie, sogar in der Kirche:

 Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod
und allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.       P. Gerhardt 1653   EG 361

 

Jesus, Wir warten auf Dich. Manchmal sind wir unserer Wege müde, manchmal aber auch fürchten wir die Last unserer Wege. Ich würde gerne Wege gehen, die leicht sind, im hellen Licht des Tages, unbeschwert.

 Gib Du mir,  dass alle meine Wege bei Dir bleiben, dass ich mich Dir anvertraue auf den guten Wegstrecken und Dir vertraue auf den schweren Abschnitten.

Hilf mir,an Dir zu bleiben und auf Dich zu warten. Du kommst mir ja entgegen durch die Zeiten hindurch. Amen