Der Prüfauftrag Jesu

Matthäus 16, 1 – 12

 1 Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm; die versuchten ihn und forderten ihn auf, sie ein Zeichen vom Himmel sehen zu lassen.

  Jesus ist in Magadan. Wo das liegt, wissen wir nicht. Es gibt Handschriften, die deshalb verbessern: Magdala, ein Ort zwischen Tiberias und Kapernaum. Wie auch immer, dort, wo er jetzt ist, kommt es zu einer Begegnung mit Pharisäern und Sadduzäern. Die Sadduzäer werden hier, nachdem sie in den Drohpredigten des Täufers angegriffen waren, erstmals wieder als Gruppe von Matthäus erwähnt. Sie suchen Jesus auf. Zusammen mit den Pharisäern, mit denen sie im Normalfall nicht allzu enge Verbindungen pflegten.

Hier scheinen sie sich einig: Sie wollen Jesus herausfordern. Ein Zeichen vom Himmel –  σημεον κ το ορανο – soll er liefern. Wörtlich: aus dem Himmel. Einen Himmelsnachweis. Für die Leser des Matthäus-Evangeliums stellen sich zwei Erinnerungen ein. Die an die frühere Zeichenforderung (12,38), die Jesus schon abschlägig beschieden hat und die Erinnerung an den Versucher, der Jesus auch zu Zeichen bringen will. Mit ihrer Zeichenforderung übernehmen beide Gruppen – ungewollt? –  die Rolle des Versuchers.

In meiner Zeitung finde ich, als Mutmach-Wort eines Schulleiters für die Schüler zum Beginn des neuen  Schuljahres: „Wer wenig weiß, muss viel glauben. Wer viel weiß, kann sich seine eigene Meinung bilden.“(Kreis-Anzeiger 8.9.2015, S.17)Das ist genau das Programm der Pharisäer und Sadduzäer: sie setzen auf viel wissen. Sie wollen objektive Beweise. Eine Beglaubigung Jesu vom Himmel. Nachweise, die sie nach ihren Kriterien überprüfen können, Sie wollen einen Ort, von dem aus sie kühl und objektiv urteilen können: Glaubhaft oder nicht. Mit anderen Worten: sie wollen, dass Jesus sich ihrem Anforderungsprofil zur Prüfung unterwirft.

Als ob sich in Sachen Glauben etwas objektiv demonstrieren ließe. Wer das fordert, vergisst, dass die Worte des Glaubens der Sprache der Liebe entlehnt sind. So wenig wie die Liebe lässt sich der Glaube beweisen. Aber er hinterlässt Fußspuren. Von denen wird Jesus gleich reden. Freilich: auch die erschließen sich nicht anders als im Risiko des eigenen Lebens, in der Hingabe und der Liebe. Das allerdings weiß der Glaube. Und weiß damit mehr, als man in der Schule lernen kann.   

  2 Aber er antwortete und sprach: Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot. 3 Und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe. Über das Aussehen des Himmels könnt ihr urteilen; könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen?

             Es ist eine Zurückweisung, die Jesus ihnen zuteilwerden lässt. Auf den ersten Blick nicht schroff, aber doch deutlich. Er behaftet sie bei dem, was sie alltäglich tun: sie deuten, was sie sehen. Sie lesen  am Himmel ab, wie das Wetter werden wird. Wenn sie so den Himmel deuten können, was braucht es mehr? Wer so lesen kann, kann der nicht auch die Zeichen der Zeit lesen und verstehen?

Es hört sich an, als würde Jesus sagen: Seht doch genau hin. Blinde sehen, Lahme gehen, Stumme finden Worte, Tauben werden die Ohren aufgetan. Seht hin, lest den Propheten Jesaja. Was braucht ihr noch mehr an Zeichen.

4 Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen; doch soll ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Jona. Und er ließ sie stehen und ging davon.

             Und dann, ganz knapp, wie eine Wiederholung. Diesmal verbunden mit einer Wertung: Diese Forderung macht sie erkennbar als Leute aus einem bösen und abtrünnigen Geschlecht. Γενε πονηρ κα μοιχαλς – das ist fast schon eine stereotypische Redewendung zur Charakterisierung der Zeit. Eine Wertung, die nicht moralisch zu verstehen ist, sondern sie bezieht sich auf ihre Weigerung zu sehen, was durch ihn von Gott her geschieht. Das einzige Zeichen, das noch aussteht ist das Zeichen des Jona. Dazu hat er doch schon zuvor alles gesagt. Wenn sie das sehen werden, wird sich entscheiden – ob  sie glauben oder sich weiter verweigern.

Mehr muss Jesus dazu nicht mehr sagen. Deshalb geht er einfach.

5 Und als die Jünger ans andre Ufer gekommen waren, hatten sie vergessen, Brot mitzunehmen.

 Das passiert. Vergesslichkeit ist nicht erst das Problem der alten Leute heute. Auch die Jünger sind manchmal vergesslich. Auch in Alltagsdingen. Diesmal also haben sie vergessen, Brot mitzunehmen. Sie stehen mit leeren Händen da, als es ans Essen gehen soll.

 6 Jesus aber sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 7 Da dachten sie bei sich selbst und sprachen: Das wird’s sein, dass wir kein Brot mitgenommen haben.

Es ist ein Missverständnis, das nahe liegt. Weil sie gedanklich mit ihrem vergessenen Brot beschäftigt sind, hören sie die Worte Jesu wie einen Kommentar dazu. Was sollen sie auch mit diesem merkwürdigen Rätselwort vom Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer anfangen können. Sie haben wohl auch nicht mehr im Ohr, vergessen, dass Jesus ihnen ein Gleichnis über die Wirkungen des Sauerteigs (13,33) erzählt hatte. Wie er alles durchdringen und durchsäuern kann.  

 8 Als das Jesus merkte, sprach er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, was bekümmert ihr euch doch, dass ihr kein Brot habt? 9 Versteht ihr noch nicht? Denkt ihr nicht an die fünf Brote für die fünftausend und wie viel Körbe voll ihr da aufgesammelt habt? 10 Auch nicht an die sieben Brote für die viertausend und wie viel Körbe voll ihr da aufgesammelt habt? 11 Wieso versteht ihr denn nicht, dass ich nicht vom Brot zu euch geredet habe?

             Jesus klärt auf. Nicht ungeduldig. Aber auch nicht zimperlich. . ὀλιγόπιστοι Kleingläubige nennt er sie, weil ihre Gedanken nur um das vergessene Brot kreisen. Dabei haben sie doch erfahren, dass sie sich nicht sorgen müssen um das Brot. Der fünftausend speist und viertausend speist und es ist immer noch die Fülle übrig, sollte der nicht auch für sie sorgen können?

Es ist das Argument, das schon durch die Worte Jesu in der Bergpredigt vorbereitet ist. Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“(6,31-32) 

Es ist wichtig: Jesus relativiert mit seinem Schluss-Satz nicht ihre Sorge um das Brot, sondern er sagt nur: Da habt ihr doch andere Erfahrungen gemacht. Und: Davon rede ich aber jetzt nicht. Es geht eben nicht um Brot.

 Hütet euch vielmehr vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 12 Da verstanden sie, dass er nicht gesagt hatte, sie sollten sich hüten vor dem Sauerteig des Brotes, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.

             Es ist eine Schule in Symbol-Sprache, die hier vorgeführt wird. Ein Lernen, Andeutungen zu verstehen. Gleichnisse zu hören und sie aufs eigene Leben zu beziehen. „Sauerteig ist eine Metapher die positiv wie – viel häufiger – negativ gebraucht werden kann.“(U. Luz, aaO.  S.448) Hier steht das Bild-Wort für die Lehre. διδαχ. Fremde Lehre, die alles verändert. Nicht zum Guten. Die Worte Jesu sind ein Ruf aus der Enge, aus der Gesetzlichkeit, aus der Angst auch in die Freiheit. Wir dürfen auf den grundsätzliche Vorsprung der Güte Gottes trauen. Auch in dem, dass wir manchmal vergesslich sind.

              Es mag hilfreich sein, sich klar zu machen. Die Gemeinde, für die Matthäus schreibt, ist aus dem jüdischen Lebenskreis schon ausgeschieden, aus der Synagoge ausgeschlossen. Aber es ist immer noch der Kontext, der sie prägt. Sie steht damit immer neu vor der Aufgabe zu prüfen, was aus der Lehre der Synagoge, der Pharisäer und Sadduzäer, noch für sie selbst verwendbar ist. Wo es Nähen gibt und wo es unüberbrückbare Unterschiede gibt. Wo die Gefahr besteht, dass die eigene Lehre durch andere Einflüsse verdorben wird, versauert.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Ich liege innerlich im Streit mit meinem sonst hochgeschätzten Kommentar: „Der Abschnitt bringt inhaltlich wenig Neues.“(U. Luz, aaO.  S.444) Selbst wenn das stimmt, ist er nicht überflüssig. „Repetitio est mater studiorum.“ –  „Wiederholung ist die Mutter der Studien.“Das habe ich als Latein-Schüler vor über fünfzig Jahren schmerzlich gelernt. Und erfahre es immer wieder. Es genügt nicht, bei Kindern nicht und bei alten Leuten nicht, etwas nur einmal zu sagen. Auch nicht bei Erwachsenen. Damit sich Dinge einprägen, erst recht, damit sich Verhalten einprägt, braucht es die Wiederholung.

            „Einmal ist keinmal“ sagt der Volksmund und hat Recht. Was wir wiederholen, wird bei uns wirksam, als gedanklicher Besitz und als Verhaltensmuster. Auch in dieser Hinsicht ist die Bibel ein kluges Buch – sie kennt solche pädagogischen Einsichten schon ziemlich lange.

Die Zurückweisung der Zeichenforderungen wird auch deshalb mehrfach erzählt, weil es bis heute so ist: Um die Wahrheit des Glaubens zu erweisen, werden Beweise eingefordert. Zeichen. Oft genug fallen Christenmenschen auch darauf herein und versuchen, dieser Forderung gerecht zu werden. Durch ihr „Zeugnis“, durch den Hinweis auf die eigene Erfahrung. Durch Geschichten. Und begnügen sich nicht mit dem einen Zeichen, das gegeben ist, dem Zeichen des Jona. Das freilich fordert, damit es seine Kraft erweist, Glauben und Nachfolge. Hingabe des eigenen Lebens.

Wenn man so will: Jesus erteilt einen Prüfungsauftrag. Der bis heute gültig ist. Denn auch die Gemeinde heute lebt ja nicht auf einer Insel, sondern in einem Raum, in dem es vielfach Einflüsse gibt. Durch das Denken der Zeit, durch die Religiosität, die in der Gesellschaft da ist, durch Religionen. Und immer wird die Gemeinde prüfen müssen: was ist mit unserem Bekenntnis, unserer Erfahrung, unserer Mitte des Glaubens kompatibel und was verändert unseren Glauben so, dass wir die Mitte verlieren.

Übertragen auf unsere Zeit: Haben wir als Kirche diese Mahnung, diesen Ruf in die Freiheit immer beherzigt? Oder sind wir nicht viel zu oft eine Pharisäer-Kirche geworden – die sich im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit glaubt? Der Sauerteig pharisäischen Denkens – Enge und Rechthaberei . ist uns besser vertraut als es es gut für uns als Kirchen ist. An dieser Stelle gilt es kritisch sich selbst zu prüfen – als Einzelne*r, als Gemeinschaft, als Kirche. Diese Prüfung ist nie abgeschlossen. Sie begleitet die Gemeinde, bis sie am Ziel ist. Dort erst werden alle Fragen in der Gegenwart Christi aufgehoben sein.

 

Jesus, hilf Du uns durch Deinen Geist zur Klarheit, dass wir uns binden an Dich, uns genügen lassen in Dir, uns leiten lassen durch Deine Worte.

Gib uns die Fähigkeit zu unterscheiden, was mit Dir zusammen passt, mit Deinem Erbarmen und Deiner Treue, mit der Freude an Dir, es zu unterscheiden von dem, was sich nicht mit Dir verträgt

Mache uns frei von aller Ängstlichkeit, die aus Furcht sich selbst zu verlieren, hart wird und verhärtet. Mache uns auch frei zu der Klarheit, die in allem aus Deiner Güte schöpft und Deinem Erbarmen folgt. Amen