Der Heiland

Matthäus 15, 29 – 39

29 Und Jesus ging von dort weiter und kam an das Galiläische Meer und ging auf einen Berg und setzte sich dort.

             Das Weitergehen Jesu ist eher ein Zurückkehren. Aus der Gegen um Tyros nun wieder ans Galiläische Meer. Auf einen der vielen Berge dort. Dieser unbekannte und unbenannte Berg wird gerne identifiziert mit der Gegend, wo heute die Kirche der Seligpreisungen steht.  An einer genauen Lokalisierung hat Matthäus allerdings, wie so oft, kein Interesse.

Wichtiger ist: Jesus setzte sich dort. Das lässt erwarten, dass er lehren wird. Dafür spricht zuerst einmal der Ort. Berge gelten als Orte einer besonderen Nähe Gottes. Und dafür spricht eben weiter, dass er sich setzt. Das ist die Position des Lehrers.

 30 Und es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Lahme, Blinde, Verkrüppelte, Stumme und viele andere und legten sie ihm vor die Füße, und er heilte sie, 31 sodass sich das Volk verwunderte, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen, die Blinden sahen; und sie priesen den Gott Israels.

             Dort, auf dem Berg,  findet statt, was sonst in Summarien zusammengefasst wird. Das ganze Krankheitselend Galiläas wird zu ihm gebracht. Lahme, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere. Matthäus redet hier nicht pauschal, er geht ins Detail. Weil jeder ja ein Einzelner ist. Sie alle werden ihm vor die Füße gelegt. So, dass er sie nicht übersehen und nicht übersteigen kann. Es ist nicht die Rede von irgendwelchen Bitten, aber in ihrem Tun wird ihre Erwartung dringlich gemacht. Es ist, als hätten die große Menge –  χλοι πολλο, einmal mehr – von der Kanaanäerin gelernt. Wieder kann man sagen: sie nehmen seinen Heilands-Ruf ernst, wörtlich: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“(11,28) Wenn das nicht nur schöne Sprüche sind, dann mach!

Ganz knapp, karg, zurückhaltend: und er heilte sie. Mehr nicht. Die Folge allerdings wird wortreicher geschildert. Es geht ein großes Staunen durch das Volk, ein sich Wundern, als sie das sehen. Es ist sicherlich Absicht, dass Matthäus jetzt formuliert: dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Lahmen gingen, die Blinden sahen. Das ist ja, als würde er den Propheten und seine Verheißung zitieren: Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.“ (Jesaja 35, 5-6) Was Jesaja als Zukunft ankündigt, das geschieht vor aller Augen. Jetzt.

Das Volk reagiert so, wie es angesichts dieses Geschehens allein angemessen ist. Aus dem sich Wundern wird ein Loben Gottes. Seine Herrlichkeit wird gepriesen. Es geschieht, was Jesus früher eingefordert hat:  „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (5,16) Wo sein Licht, Jesu Licht,  aufleuchtet, wird die Herrlichkeit des Gottes Israels, des Vaters im Himmel, gepriesen.

32 Und Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach: Das Volk jammert mich; denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig gehen lassen, damit sie nicht verschmachten auf dem Wege.

             Diesmal ist Jesus der, der die Initiative übernimmt. Nicht die Jünger sehen ein Versorgungsproblem. Sondern er sieht, wie es ist, und verwendet für sein Empfinden das gleiche Wort, Σπλαγχνζομαι, es jammert mich, mit dem Matthäus in der früheren Speisungs-Geschichte die Reaktion Jesu auf sein Sehen des Volkes beschrieben hatte. Ob Krankheit oder Hunger, so lese ich, es löst bei Jesus das gleiche Empfinden aus: Erbarmen. Jedes Leid geht ihm an die Nieren.„Die Wendung steht bei Matthäus immer dort, wo Jesus von der Not der Menschen bis in die Tiefe seines Herzens bewegt wird.“(W. Klaiber, aaO.  S.313) Dieses Berührt-Werden hat bei ihm immer Folgen: Ich will.

 Hier: sie sollen nicht hungrig bleiben. Nicht verschmachten. Es ist nach drei Tagen eine Not-Situation eingetreten, die die Normalität sprengt. Jesus sieht sie und will, dass sich die Jünger dieser Situation stellen. Helfen, weil es jetzt nötig ist.

 33 Da sprachen seine Jünger zu ihm: Woher sollen wir so viel Brot nehmen in der Einöde, um eine so große Menge zu sättigen? 34 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben und ein paar Fische.

 Sachlich, geradezu nüchtern wird die Ressourcen-Frage geklärt: Hier, in dieser Einöde ist es schwierig mit Brot für so viele. Es ist eine berechtigte Frage, die die Jünger stellen: wie soll das gehen? Erstaunlich: Kein Vorwurf an die Jünger. Kein: Habt ihr schon vergessen, damals bei den 5000? Stattdessen die schlichte Nachfrage: Was ist vorhanden? Was habt ihr? Sieben Brote und ein wenig Fisch. Das ist nicht viel für so viele.

35 Und er ließ das Volk sich lagern auf die Erde 36 und nahm die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. 37 Und sie aßen alle und wurden satt; und sie sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. 38 Und die gegessen hatten, waren viertausend Mann, ohne Frauen und Kinder.

 Die Szene ist irgendwie bekannt. Jesus bittet zu Tisch und nimmt in die Hände, was da ist. Er dankt – doch wohl dem Vater im Himmel – für das Wenige und fängt an auszuteilen. An seine Jünger. Und sie ihrerseits teilen auch aus.

Mir fällt keine Erklärung für dieses Geschehen ein. Ich habe keine. Damit kann ich aber gut leben. Die rationalistische Deutung: das Austeilen Jesu und der Jünger habe die Leute angesteckt, die eigenen Vorräte nun ihrerseits auch auszuteilen, ist schön. Weil sie auf die Wandlung der Herzens abhebt. Darauf, dass Teilen ansteckend sein kann.

Mich befriedigt diese Erklärung allerdings nicht. Weil ich das Gegenteil vor Augen habe: Die Bereitschaft vieler mit den Habenichtsen unserer Welt zu teilen, die in unser reiches Land flüchten, ist absolut unterentwickelt. Die Angst, dass sie uns alles wegfressen und die Arbeit wegnehmen könnten und/oder den knappen Wohnraum, ist viel größer. Gegen diese Angst kommen offensichtlich ein paar positive Gegenbeispiele kaum an.

Mich befriedigt die Erklärung aber auch deshalb nicht, weil sie so vernünftig ist. Vorgibt, den Text besser zu verstehen als der Autor ihn verstanden hat. Matthäus hat es offensichtlich ausgehalten, eine Geschichte zu erzählen, deren Erklärung sich ihm entzieht. Weil er sie vorgefunden hat. Wohl auch, weil sie zu seinem Jesus-Bild gepasst hat. Der Jesus, an den Matthäus glaubt und den er seinen Lesern vor Augen malt, hat eine Vollmacht, die Grenzen sprengt. Ἐξουσία. Geschichten von dieser Macht ziehen sich durch das ganze Evangelium. Erklärlich nach unseren Maßstäben sind sie fast alle nicht. Aber eine Herausforderung zum Vertrauen.

       Bei den 5000 waren es zwölf  Körbe, die als Reste eingesammelt wurden, hier sind es sieben Körbe. Dort genug für das ganze Gottesvolk. Hier genug für eine ganze Woche. Die Botschaft ist klar: Wenn Jesus austeilt, geizt er nicht. Es reicht über die unmittelbaren Empfänger hinaus. Niemand muss der Endverbraucher der Güte Jesu sein. Es gibt immer einen Überschuss zum Weitergeben.

 39 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er ins Boot und kam in das Gebiet von Magadan.

Es wirkt, als wäre Matthäus erleichtert: Jesus hat das Volk gehen lassen. Sie nicht bei sich festgehalten mit irgendwelchen Zauberkunststückchen. Das Wunder ist erzählt. Die Reise geht weiter. Jetzt hat er (Jesus? Matthäus?) wieder festen Boden unter den Füßen, in Magadan. Wo immer dieser Ort auch liegt.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Warum diese Doppelung der Speisungs-Erzählung? Die einfache Antwort: Es ist nur eine erzählerische Doublette, erklärt nichts. Mir hilft der Hinweis auf eine alttestamentliche Doppelung. Da wird zweimal erzählt, dass David Saul in einer Höhle angreifen könnte, überfallen, in einer völlig hilflosen Situation: wenn „Saul seine Füße bedeckt“(1. Samuel 24,4), also seine Notdurft verrichtet. Es gibt nicht viele Situationen, in denen ein Mensch schutzloser ist. Die jüdische Erklärung für diese Doppelung: einmal verschonen könnte noch  eine bloße  Gemütsaufwallung sein. Zweimal aber ist mehr. Es macht deutlich, dass David nicht anders kann, von innen heraus. Er muss verschonen, weil er die Unantastbarkeit des Königs, auch des verworfenen Königs von Gott her glaubt.

Wenn ich von dieser Überlegung aus an die doppelte Erzählung von der Speisung herangehe, dann überlege ich: Mit diesen beiden Erzählungen wird deutlich, dass es ein Wesenszug Jesu ist, sich zu erbarmen, nicht nur eine einmalige Gemütsaufwallung und ein andermal kann er anders. Es ist sein Wesen, sich zu erbarmen. Sich die Not der anderen zur eigenen Not und zur eigenen Herausforderung zu machen.

Ein anderer Aspekt mag noch dazu kommen. Jesus muss nicht immer originell handeln. Er kann sich in seinem Handeln wiederholen. Weil das Leben ganz oft Wiederholungen mit sich bringt. Gott sei Dank wiederholt es sich: Jeden Morgen geht die Sonne auf. Jeden Tag ist der Tisch gedeckt. JedenTag dürfen wir neu anfangen und anknüpfen an das, was war. Wenn das Leben sich nicht stetig in seinen Ordnungen wiederholen würde – wir wären hoffnungslos überfordert. So aber: Jesus bleibt, sich wiederholend, treu in dem, wie er auf Menschen zugeht, mit ihnen umgeht. Es istder Alltag Gottes, für die dazu sein, die sonst gefangen bleben, leer laufen, nicht teilhaben können am Leben. Was für uns wunder ist, ist göttlicher Alltag. Und er wird es nicht leid, sich in seiner Lebensorge und Fürsorge zu wiederholen.Alle Tage neu.

Es liegt so nahe, die Schar der Kranken, vom Leben Geschlagenen, die zu Jesus gebracht wird, durchsichtig zu sehen auf die Scharen von Flüchtlingen, die in unserer reiches Land gekommen sind. Auf die Scharen, die um ihre Arbeit bangen, die mit ihren Kräften am Ende sind. Auf die Alleinerziehenden hin, die bbis zur Erschöpfung sorgen. Auf Pfleger*innen, Altenpfleger*innen, Physiotherapeut*innen, auf die vielen, die das Gesundheitswesen am Laufen halten und dabei die eigene Gesundheit oft genug überstrapazieren. Auf die viele, die Hilfe suchen, Zuflucht. Die nicht Jesus, aber uns vor die Füße gelegt werden. Ob sie etwas von der Zuwendung erfahren, die ihnen auf die Füße hilft?

Es wird auch kein Zufall sein: Sein Heilen vieler Kranker und die Speisung der Viertausend, beides begründet mit dem Hinweis auf sein Erbarmen, sind die letzten direkten Aktionen Jesu mit dem Volk. Danach folgen bei Matthäus nur noch Gespräche, Debatten, Gleichnisse, Reden, eine einzige Heilung noch, die der beiden Blinden vor Jericho und die Passion.

Jesu Handeln für das Volk, sein Erbarmen, geht von diesem Augenblick an auf einer anderen Ebene weiter. Auf dem Weg, auf den schon der Schatten des Kreuzes fällt.

 

Jesus, ich bin froh darüber, dass Dein Erbarmen so in die Mitte gerückt wird, Deine Zuwendung zu denen, die in Not sind, ob selbstverschuldet oder schicksalhaft. Du wendest Dich nicht ab, sondern Du wendest Dich zu – den Hilflosen, Armen, den Klagenden, den Sündern, den Verlorenen und Verlierern.

Wer nach Dir ruft, findet offene Ohren, ein zugewandtes Gesicht. Dich. Dass Du der Sohn Gottes bist, zeigt sich darin, wie Du Dich zu denen hinwendest, die in Not sind, deren Leben zu zerbrechen droht. Dafür danke ich Dir, Jesus, Gottessohn, Menschensohn. Amen