Und er schweigt

Matthäus 15, 21 – 28

21 Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon.

             Ein Wechsel in ein entlegenes Gebiet. Nicht gerade das Vorzugsgebiet Israels. „Und ihr aus Tyrus und Sidon und aus allen Gebieten der Philister, was habt ihr mit mir zu tun?“ (Joel 4,4) Eher eine wenig geachtete Ecke, heidnisch durchsetzt, den Phöniziern zugeordnet. Warum Jesus dorthin geht, erfahren wir nicht, nur, dass es ein Rückzug ist, ein Ausweichen. Scheut er noch vor dem Konflikt mit den Pharisäern zurück so wie auch vor den Gedanken des Herodes?

 22 Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. 23 Und er antwortete ihr kein Wort.

             Und siehe! κα δοὺ – Achtung! Matthäus liebt dieses Ausrugfezeichen. Wir als Leser*innen werden aufmerksam gemacht. Es tut sich was. Es ist eine heidnische, eine kanaanäische Frau, die jetzt in den Blick gerückt wird. Eine aus dieser Gegend. Aus diesem Gebiet ist keine geographische Ortsangabe über ihren Weg, den sie zurück gelegt hat. Es ist eine Herkunftsangabe, so wie wir sagen: Jemand kommt vom Westerwald und damit nicht meinen: da ist er heute Morgen aufgebrochen. Sondern: das ist seine Heimat.

Die Frau ist eine Χαναναα. Kanaanäerin. Das ist „vermutlich die Selbstbezeichnung der Phönizier zur Zeit des Matthäus.“(U. Luz, aaO.  S.432)Sie schreit nach Jesus, ruft ihn an, sucht seine Hilfe. Als hätte sie gehört, von irgendwoher, dass er gesagt hat: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“(11,28) Sie nimmt ihn beim Wort. Sie sucht und schreit nach ihm in dem, was sein „Herzensanliegen“  ist, in seinem Erbarmen.

Wie nahe ist ihr Aufschrei an dem Hilferuf des Petrus. Wie  nahe auch an den Gebets-rufen der Gemeinde. Im Griechischen wird das noch deutlicher: Erbarme dich meiner. λησν – Eleison. Bis heute singen wir das in Gottesdiensten.

Sie hat allen Grund zu ihrem Rufen, Bitten, Schreien. Ihre Tochter  wird geplagt, Übel. Von einer Krankheit, über die wir nichts Genaues erfahren. κακς δαιμονζεται. Dämonen haben sie fest im Griff. Wie, warum – alles offen Was wir erfahren: Sie sucht Hilfe für sich, für ihr Kind mit seiner dunklen Krank­heit. Und trifft auf taube Ohren. Obwohl sie ihn Herr nennt, κριε, wie die Jünger es auch tun. Ihn auch noch Sohn Davids nennt, wie man den Messias anspricht. Er aber sagt nichts.

Der Heiland hört sie und es scheint, er hört sie nicht. Er hört ihre Worte, aber er antwortet ihr kein Wort. Schweigt. Steht da, als ginge ihn das alles nichts an. Wer will das verstehen? Wem wird Jesus da nicht unverständlich?

Und doch: Wie viele schreien heute nach Gott, nach Hilfe, rufen sich die Kehle heiser, schreien sich die Stimme wund, weinen, bis sie keine Tränen mehr haben – und haben das Gefühl: wir stehen vor einem schweigenden Gott. Wenn er denn früher geholfen hat – jetzt schweigt er. Es ist auch, auch heute, die Erfahrung einer betenden Gemeinde, dass sie manchmal auf das Schweigen Jesu trifft, dass sie ohne Antwort bleibt. Unerhört.

 Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. 24 Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

             Die Jünger finden diese Frau mit ihren Schreien nur lästig. Sie wollen sie los sein. Wenn es sein muss, soll er ihr doch helfen, nur dass sie geht.  Man könnte πλυσον ατν auch übersetzen: Stell sie doch zufrieden. Es ist keine Fürbitte, die sich ihr Anliegen zu eigen macht in den Worten der Jünger. Sondern nur genervt sein. Aber vielleicht gibt es ja auch Fürbitte aus diesem Motiv: weil man genervt ist?

Jesus aber blockt ab. Erst die Frau, jetzt die Jünger. Jesus zeigt sich hier ganz und gar als Mensch. Er ist ein Jude, nicht nur der Herkunft nach. Er ist Jude auch seinem Denken nach. Und in seinem jüdischen Denken gibt es eine Grenze: der Heilsweg Gottes führt mich zu Israel, zu dem Volk Gottes. Diese Frau fällt, modern gesprochen, nicht in seine Zuständigkeit. Weil es nicht „sein Fall“ ist.

War es bei dem Hauptmann von Kapernaum noch ein zögerndes, bremsendes Fragen: Ich soll kommen und ihn gesund machen? (8,7) so ist es hier ein glattes Nein. Ich bin nicht „der Heiden Heiland, der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt“(M. Luther, 1524, EG 4)Wir ahnen kaum, was wir da, ein wenig adventlich gestimmt, singen. 

25 Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.

 Sie aber gibt nicht auf. So sind Mütter, möchte man sagen. Sie geben nie auf, wenn es um ihre Kinder geht. Noch einmal: Herr, hilf mir – diesmal gepaart mit der demütigen Geste des Niederwerfens. Unterwerfung und Anbetung in einem. Er aber, Jesus, noch einmal zieht er die Grenze höher, richtet er eine regelrechte Mauer auf: es ist nicht fein, dass man den Kindern das Brot wegnehme und werfe es den Hunden vor.

Es ist eine Beschimpfung übelster Art, Menschen mit Hunden zu vergleichen. Sie wird nicht besser dadurch, dass man die Hunde verniedlicht zu „Hündchen“ oder mit dem Diminutiv zu „Hündlein“(Luther 1912) verkleinert oder sie sachlich richtig als Haushunde identifiziert. Es bleibt dabei: das Wort Jesu zieht eine Parallele zwischen dem kranken Kind und den Hunden, wie auch immer sie sind.

Jesus gibt – bis hierhin – in dieser Szene ein Bild ab, das befremdet. Erst recht heute, angesichts der Versuche so vieler, weltoffen zu sein, vorurtelsfrei, allen und jedem zugewandt. Jesus wirkt stur, eng, dogmatisch befangen, fremdenfeindlich: `Ich bin nur für die verlorenen Schafe Israels da. `Die aus den Völkern gehen mich nichts an. Wir müssen sehen, dass es für unsere Leute reicht.´ Es sind die Sprüche der Rechten, der ewig Gestrigen, die mir hier in den Ohren klingen.

Ist Jesus in dieser Geschichte einer ihrer Brüder im gleichen Ungeist? Nur unsere Leute zählen. Solidarität, schön und gut, aber nicht mit denen, die nicht zu uns gehören. Jesus – beschränkt durch seine Grenzen im Kopf, weit entfernt von der Weit- und Warmherzigkeit, die wir an ihm lieben? Es fällt mir schwer, diese Gedanken auszuhalten.

 27 Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Das ist das erste Wunder, das diese Geschichte erzählt. Diese Frau beugt sich dem harten Wort Jesu: Recht hast du, in deinen Augen sind wir Hunde. Recht hast du, in der Heilsordnung kommen wir erst unter ferner liefen, an 2. Stelle. Aber der Abfall vom Tisch ‑ der gehört uns, um den dürfen wir dich bitten. Sie beugt sich, ohne gedemütigt zu sein. Ohne sich klein machen zu lassen. Sie ist gerade in dieser Beugung eine starke Frau.

Indem sie das sagt, bereitet sie das zweite Wunder vor. Diese Frau lockt Jesus über seine Grenze. Sie hätte allen Grund, gekränkt zu sein  über das harte Wort Jesu: Du hast kein Recht auf meine Hilfe. Aber sie nimmt es an, nimmt es auf sich, beugt sich unter dieses harte Wort. In dieser Beugung gewinnt sie ihm dann doch seine Hilfe ab. In dieser Beugung unter das Wort: Es steht Dir nichts zu, zieht diese Frau Jesus über seine Grenze. Sie lässt ihn erkennen und verstehen, akzeptieren, was er vorher von sich selbst vielleicht noch nicht wusste: Erbarmen verträgt keine Grenzen, aus welchen Gründen auch immer.

Sie bringt Jesus zu einem Eingeständnis: Dein Glaube ist groß. Vom Centurio in Kapernaum sagt Jesus: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!“ (8,10) Hier: Dein Glaube ist groß. Neben den großen Glauben eines Mannes tritt hier der große Glaube einer Frau. „Glaube besteht darin, dass man selbst nichts hat, außer dem Vertrauen zu Jesus.“(U. Luz, aaO.  S.436) Dieser Glaube empfängt, was er erhofft. Sie hat durch ihren Glauben, in ihrer Hartnäckigkeit Jesus regelrecht bezwungen.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben.

Es fällt uns schwer zu denken: Jesus sieht seinen Auftrag nicht universalistisch, sondern begrenzt. Sieht sich nicht zu allen Menschen gesandt, sondern nur zu Israel. Sein Auftrag ist eine Sammlungsbewegung in Israel. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Es geht Jesus um die Treue zu seinem Auftrag, so wie er ihn bis hierher sieht. Seine Sendung gilt Israel, nicht der ganzen Welt. „Die Ablehnung der Heiden … wird hier zum Prinzip, dass sich aus seiner Sendung durch Gott ergibt.“(U. Luz, aaO.  S.434) Es ist zum Glück nicht dabei geblieben.

             Darum ist die Erzähluung eine Geschichte, die über die konkrete Situation hinaus Bedeutung hat, auch für das Selbstverständnis der Christengemeinde in ihren Anfängen. „Jesus hat Gott nicht in den Grenzen Israels eingesperrt, sondern sich vom Glauben der Heidin bewegen lassen.“ (U. Luz, aaO.  S437) Diese Geschichte ist ein wichtiger Meilenstein in der innerchristlichen Debatte über den Weg des Evangeliums hin in die Völkerwelt, über die Grenzen Israels hinaus. Sie hat dazu geholfen, dass Jüngerinnen und Jünger, Missionare wie Paulus, ihren Weg gehen durften. Gegen harte Widerstände, aber doch gehen durften, weil sich am Ende ein anderes Wort durchsetzte: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker.“( 28, 18-19a)

 

Warum, Jesus, schweigst Du? Warum lässt Du das Rufen und Schreien ungehört verhallen? Verstellst Du Dich? Stehst Du Dir mit deinen eigenen Regeln im Weg? Brauchst Du es, dass Dich der Notschrei über Deine Grenzen hinaus führt?

Jesus, ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe wie diese Mutter, den Mut, die Schlagfertigkeit, die Demut, Dich weiter zu rufen, immer weiter, wenn Du schweigst. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, solange nach Dir zu rufen, bis Du antwortest.

Mein Glaube ist nicht groß. Höre Du das Rufen meines kleinen Glaubens und lass mich nicht zu lange warten auf Dein lösendes Wort. Amen.