Vom Waschzwang zur inneren Reinheit

Matthäus 15, 1 – 20

1 Da kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und sprachen: 2 Warum übertreten deine Jünger die Satzungen der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen.

             Die Idylle währt nicht lange. Ττε. Da. Justament. Es ist, als würden sie in die Szene mit den Kranken regelrecht hineinplatzen. Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem. Sind sie eine Delegation, mit amtlichem Auftrag? Oder nur Einzelne, die sich ein Bild machen wollen? Es wird aus den Worten nicht klar.

Sie treten auf als Leute, die Rechenschaft fordern – über das Fehlverhalten der Jünger. Sie machen Jesus mit ihrer Frage für seine Jünger verantwortlich. Es sind ja deine Jünger.  Wenn er ihr Lehrer ist, was lehrt er sie denn, wenn sie sich so verhalten, wenn sie die Satzungen der Ältesten übertreten? Mit diesen Satzungen sind nicht nur die Gesetze aus den Schriften gemeint, sondern auch das, was die Lehrer, die Väter der Überlieferung im Lauf der Jahre alles an Auslegungen dazu gesagt haben. „Sie wurden von den Rabbinen ab dem 3. Jh. n. Chr. in der Mischna zusammengestellt und waren für orthodoxe Juden bindend.“(W. Klaiber, aaO. S. 304) Zur Zeit Jesu sind sie als mündliche Regeln aber schon bekannt und werden von den Pharisäern beachtet. Der Vorwurf heißt also nicht: die Jünger sind schon wie Heiden, sondern nur: sie sind nicht so wie wir.

 Konkret wird als Vergehen benannt: sie waschen ihre Hände nicht vor der Mahlzeit. Dabei geht es nicht um Hygiene, nach dem Motto: „Vor dem Essen, nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen.“ Es geht um kultische Reinheit. Gesetze, die für die Priester gelten, wenn sie den Tempel betreten, sollen für alle gelten: „Du sollst auch ein Becken aus Kupfer machen mit einem Gestell aus Kupfer zum Waschen und sollst es setzen zwischen die Stiftshütte und den Altar und Wasser hineintun, dass Aaron und seine Söhne ihre Hände und Füße darin waschen, wenn sie in die Stiftshütte gehen oder zum Altar, um zu dienen und Feueropfer zu verbrennen für den HERRN.“( 2. Mose 30, 18-20) Was da für die Priester gesagt ist, wird auf alle übertragen, abgeleitet auch wieder aus Mose: „Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein (2. Mose 19,6)

 Ansonsten gilt: Es gibt kein Gesetz, das um Gottes willen das Händewaschen vor dem Essen gebietet.

3 Er antwortete und sprach zu ihnen: Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Satzungen willen? 4 Denn Gott hat geboten (2.Mose 20,12; 21,17): »Du sollst Vater und Mutter ehren; wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« 5 Aber ihr lehrt: Wer zu Vater oder Mutter sagt: Eine Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht, 6 der braucht seinen Vater nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Satzungen willen.

             Jesus lässt sich erst einmal nicht auf eine Debatte über das Verhalten seiner Jünger ein. Lässt sich ihre Worte nicht als Schuldzuweisung gefallen. Sondern er geht zum Gegenangriff über, zeigt damit allerdings: er hat die Anfrage als einen Angriff empfunden.

Wie geht ihr denn mit dem Gebot  – ντολ  um? Mit den Weisungen Gottes?So lautet seine Frage. Er setzt hoch an, nämlich beim Dekalog. Da ist geboten, Vater und Mutter zu ehren. Und direkt nachfolgend die Strafandrohung: wer ihnen flucht, soll des Todes sterben. Das ist keine Satzung der Ältesten, sondern Gebot und Wort aus Mose. Heilige Schrift also! Ein Gebot, „das nicht nur Gehorsam, sondern auch Unterhalt, Fürsorge und körperliche Dienstleitungen einschloss.“(U. Luz, aaO.,  S.422) Dieses Gebot Gottes setzen die Satzungen der Ältesten außer Kraft – zugunsten des Tempels.

Verrückte Welt. „Jakob war noch immer erstaunt, wie viele Juden nur die eine Hälfte der Thora ernst nahmen. Die gleichen Leute, die die weniger wichtigen Ritualvorschriften und die nicht einmal im Talmud verwurzelten Sittenregeln streng einhielten, verstießen ohne jedes Bedenken selbst gegen die heiligsten Gesetze, selbst gegen die Zehn Gebote. Sie wollten sich stets Gott, nicht aber ihren Menschen gegenüber wohlgefällig verhalten.“(Isaak Bashevi Singer, Jakob der Knecht, Reinbek 1965, S.222) Soweit der Nobelpreisträger für Literatur, ein großer Erzähler in jiddischer Sprache. Seine Worte lesen sich wie ein Kommentar zur Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern.

 7 Ihr Heuchler, wie fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen (Jesaja 29,13): 8 »Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir; 9 vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.«

             Der Zurückweisung und der Entlarvung einer verdrehten Haltung zum Gesetz folgt das Urteil – in der Form eines Zitates aus dem Propheten. Jesajas Gotteswort wird zum Urteilsspruch für die, die Jesus attackiert haben. Was sie sagen, ist nur Menschenwort. Nicht Gotteswort. Weil sie ihre Worte so überhöhen, sie bindend machen wollen, darum nennt Jesus sie Heuchler. ποκριτα – Hypokritiker. Sie, die ganz nahe bei Gott sein wollen, sind in Wahrheit auf Distanz, fern. Nur Mundwerk, keine Herzenshingabe.

10 Und er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen:

             Hat Jesus jetzt die Auseinandersetzung satt? Man kann den Satz so lesen, dass er sich in diesem Augenblick von den Pharisäern und Schriftgelehrten abwendet und dem Volk zuwendet. Sie werden ihm zuhören, während die aus Jerusalem ja gar nicht hörbereit zu sein scheinen.

  Hört zu und begreift’s: 11 Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.

Klarstellung: nicht, was wir essen ist ein Problem. Sondern, was aus dem Mund herauskommt. Das ist hart für einen jüdisch geprägten Menschen zu hören: Es gibt keine unreine Speise. Das ist auch in der jungen Christenheit noch lange ein Problem. Sichtbar geworden in der Vision des Petrus: Petrus „sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.“(Apostelgeschichte 10, 11 – 15)

In diese innerchristliche Auseinandersetzung, was ist rein, was ist unrein, was ist für Christen erlaubt zu essen, gehört auch diese Passage aus dem Matthäus-Evangelium. Sie behauptet nicht weniger, als dass der Herr Jesus selbst die Frage längst entschieden hat!

 12 Da traten seine Jünger zu ihm und fragten: Weißt du auch, dass die Pharisäer an dem Wort Anstoß nahmen, als sie es hörten? 13 Aber er antwortete und sprach: Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen. 14 Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube.

             Eine dritte Gruppe wird jetzt eingeführt, nach den Schriftgelehrten und Pharisäern, nach dem Volk: die Jünger. Sie haben bis jetzt still zugehört, sie, die doch den Anstoß zur Debatte gegeben haben. Jetzt sind sie aufgeschreckt, weil sie spüren: da kommt Gegenwind.

Die Antwort Jesu ist fast so etwas wie eine Ansage des Gerichtes: Als Pflanzung Gottes hat sich Israel verstanden. Es ist eine der großen Verheißungen: „Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einen Tag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden, zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauerkleid, Lobgesang statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.“(Jesaja 61,3) Diese Verheißung macht Jesus Israel streitig durch sein Wort!  Härter geht es nicht mehr.

Und doch setzt Jesus noch eins drauf: sie sind Blinde, die Blinde führen. Lasst sie. Es erledigt sich von selbst. Das sind erschreckend harte Worte. Übel missbraucht, als sie Christen sich zu eigen gemacht haben, um Juden zu demütigen. Sich angemaßt haben, das Gericht, das Jesus andeutet, in die eigenen Hände zu nehmen. Es gibt auch eine Unheils-Geschichte der Worte Jesu. Immer dann, wenn wir sie als Christen in unsere Regie genommen haben, zu unseren Gunsten.

15 Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis!

Nicht nur diesmal sind die Jünger begriffs-stutzig. Unverständig. Zumindest Petrus fragt nach. Aber wohl nicht nur für sich, sondern für alle. Und gibt so Jesus Gelegenheit, noch einmal klar zu sprechen, zu klären. Aber was will er erklärt haben? Das mit den Blinden? Das mit der Pflanzung?

 16 Und Jesus sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? 17 Merkt ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? 18 Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. 19 Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. 20 Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein.

Die Antwort Jesu macht deutlich: es geht um die Frage rein und unrein. Das eigentliche Problem, wenn es um rein und unrein geht, ist, was sich in unserem Herzen so tummelt. Es ist so nüchtern: Was wir essen, geht nur durch uns hindurch. Es wird wieder ausgeschieden. Salopp könnte man sagen: Macht euch darüber keinen Kopf.

Worüber ihr nachdenken müsst, was euch beschäftigen muss, ist, was sich so alles in eurem Herzen wiederfindet. Im Innersten eurer Person. Nicht in euren Därmen. Das Herz ist die Person-Mitte. Da sind die Willenskräfte angesiedelt. Von daher kommt unser Wünschen und Sehnen, unser Begehren.

In der Aufzählung Jesu böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung fällt auf: es sind alles Verhaltensweisen, die Gemeinschaft belasten und auf lange Sicht zerstören. Nicht individuelle Eigenarten, Absonderlichkeiten. Auch nicht Laster wie Tanzen, Rauchen… So läuft es in den Worten Jesu nicht auf Askese hinaus als Gegensteuerung gegen Wohlleben und Genuss-Sucht, sondern auf ein sozialverträgliches Verhalten.

 Eine schöne Anwendung und Weiterführung finde ich in dem so klugen Kommentar: „Nicht das Fleisch oder andere Speisen sind schädlich, sondern das, was durch sie im Herzen ausgelöst wird: Gier, Luxus. Es geht also nicht um das Vermeiden von Fleisch, sondern um Selbsterziehung oder um Einübung der Freiheit zum Verzichten.“(U. Luz, aaO., S.428f.) Worauf man alles kommen kann bei einer Diskussion, die über das Händewaschen angefangen hat.

Zum Weiterdenken:

In Zeiten, in denen mancherorts und durch manche Gruppierungen Essen als solches schon fast wieder zur heiligen Handlung wird, erst recht das nur das Richtige essen, sind diese Worte Jesu neu eine entlastende Botschaft. Vegan, vegetarisch oder Fleisch – das ist keine Frage des Heils. Nicht so und nicht so. Alles Moralisieren an dieser Stelle fällt hinter die Freiheit Jesu zurück.

Paulus hat das auf seine Weise aufgegriffen: „Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, ist es unrein. Wenn aber dein Bruder wegen deiner Speise betrübt wird, so handelst du nicht mehr nach der Liebe. Bringe nicht durch deine Speise den ins Verderben, für den Christus gestorben ist. Es soll doch nicht verlästert werden, was ihr Gutes habt. Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“ (Römer 14, 14-17)

             Es ist, so scheint es mir, die Versuchung unserer Zeit, dass sich ein ethischer Rigorismus breit macht. Es geht nicht mehr um Toleranz in Fragen der Lebensführung Es geht um richtig oder falsch, gut oder böse. Wer das Falsche ißt, ist böse, weil er das Klima ruiniert. Wer das falsche Auto fährt, ist böse, weil er das Klima ruiniert. Wer die falsche Heizung hat…  Wir sind, so will es mir scheinen dabei, in unerträglicher Weise moralisch zu werden. Meine These: Dahinter steht der Gottesverlust. Weil wir nicht mehr glauben können, dass diese Welt in Gottes Händen aufgehoben ist, werden wir zu Gesinnungsfanatikern. Wir müssen „nur noch schnell die Welt retten.“(T. Benzko, CD Wenn Worte meine Sprache wären. 2012)

             Dem gegenüber steht das Wort Jesu: Es geht um das Herz, um die Hingabe des Herzens an den Vater im Himmel. Eine Hingabe, die den Respekt vor dem/der Anderen mit sich bringt, auch vor dem, den ich auf falschem Weg wähne. Das macht nicht alles gleichgültig. Aber es hindert, schnelle, vorschnelle Urteile zu fällen. Es hindert, nur sich selbst auf dem richtigen Weg zu glauben und alle, die anders unterwegs sind, auf dem Weg der Verdammnis.

 

Mein Gott, manchmal überfällt mich die Angst, dass ich mir Deine Worte zurecht lege, dass ich eine Auswahl treffe nach dem, was mir passt und was mir nicht zusagt, dass ich das Hören auf Dein Wort nur da und dann übe, wo es mir gelegen kommt.

Hilf Du mir durch Deinen Geist, dass ich nicht kleinlich bin, wenn es gilt, Andere zu beurteilen, dass ich aber sorgfältig bin und konsequent, wenn es um mein eigenes Leben geht.

Gib mir, dass ich Deinen Willen suche, Deinem Erbarmen traue, Deine Güte anderen zuteil werden lasse, dass Dein Wort mich leitet, immer und überall. Amen