Es wird reichen

Matthäus 14, 13 – 21

13 Als das Jesus hörte, fuhr er von dort weg in einem Boot in eine einsame Gegend allein.

             Der Anschluss als das Jesus hörte, wirkt, als würde Jesus auf die Nachricht von der Ermordung des Täufers reagieren. Diese aber wird von Matthäus als eine Rückblende erzählt. So muss sich die Wendung darauf beziehen, dass Herodes Jesus für den wiedergekehrten Johannes hält. Das ist gefährlich genug. Dieser Gefahr weicht Jesus aus, in dem er mit dem Boot einen einsamen Ort aufsucht. Allein. Ohne die Jünger?   

 Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten. 14 Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn und er heilte ihre Kranken.

             Es ist ein vergeblicher Versuch. Das Volk, die Menge kommt ihm nach. Zu Fuß. Sie nehmen einen weiten Weg auf sich, um zu ihm zu kommen. Sie folgen ihm nach – κολοθησαν. Hier steht das Wort für die Nachfolge der Jünger! So groß ist die Anziehungskraft dieses Predigers und Wundertäters. Jesus sieht, dass er sich ihnen nicht entziehen kann. So verlässt er das Boot und er wendet sich denen, die kommen zu. πολς χλος – den Vielen, der großen Menge.  „Aus Erbarmen heilt er die Kranken des Volkes. Das ist keine Floskel. Das Erbarmen des Messias Israels mit seinem Volk ist Matthäus wichtig; es zeigt sich fast immer in seinen Heilungen.“(U. Luz, aaO. S.400)

            Wenn man Erbarmen, σλαγχνίζομαι, wörtlich übersetzt, könnte man sagen: Es drehte ihm das Herz im Leib um. Jesus lässt das Leiden der Menschen an sich heran, so dass es ihn selbst körperlich angeht, berührt. Das ist alles andere als „professionelle Distanz“.

  15 Am Abend aber traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde und die Nacht bricht herein; lass das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen.

             Am Abend sind die Jünger da. Sie machen sich Gedanken. Über die Versorgungslage der Leute. Fast könnte man denken, dass sie indirekt zu Jesus sagen: Jetzt lass es einmal gut sein. Die Leute müssen sich auch um sich selbst kümmern, zuerst um ihr Essen und dann auch um ein Nachtquartier. Sie sind an dieser Stelle überaus vernünftig. Selbstverständlich bereit, Verantwortung zu übernehmen. Darum wollen sie Grenzen setzen. Jesus kann schließlich nicht für alle und alles sorgen.

 16 Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, dass sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen. 17 Sie sprachen zu ihm: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische.

             Es ist eine seltsame Reaktion. Es ist nicht nötig. Weder dass sich die Jünger Gedanken machen noch dass die Leute fortgehen. Und dann die Aufforderung, die die Jünger überfordern muss: gebt ihr ihnen zu essen.

             Man kann es drehen und wenden, wie man will: Für die Jünger muss das völlig unverständlich sein. Jesus muss doch wissen, dass sie nichts haben, dass nichts „organisiert“ ist. So wie er auch weiß, dass hier kein Ort zum Bleiben ist und keine Möglichkeit zur Verpflegung. So bleibt ihnen nichts, als ihre Hilflosigkeit einzugestehen:  Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische.Das Johannes-Evangelium kennt noch den so nüchternen fragenden Zusatz der Jünger: „Aber was ist das unter so viele“( Johannes 6,9)

  18 Und er sprach: Bringt sie mir her! 19 Und er ließ das Volk sich auf das Gras lagern und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach’s und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk.

             Es ist eine atemberaubende Szene: Jesus nimmt ihre Hilflosigkeit auf, dass Bisschen, was sie haben. Bringt sie mir. Dann wendet er sich an das Volk, lässt sie alle Platz nehmen, wendet sich an den Himmel, dankte und brach´s und teilt aus. Er an die Jünger. Die Jünger an das Volk.

Das zu lesen ist erinnert werden an die eigenen Mahlzeiten, an das Danken und Austeilen, vor allem aber: erinnert werden an das Herrenmahl: „Und er nahm das Brot, dankte und brach es.“(26,26)Wieder und wieder gehört als Einsetzungsworte.

Es geht um mehr als um eine wunderbare Speisung an einem einsamen Ort. Es geht auch um mehr als um die Aufforderung: Wenn alle teilen, was sie haben, dann ist genug da.  Auch um mehr als nur zu zeigen, „dass wir mit wenig viel machen können.“(E. Cardenal, Das Evangelium der Bauern von Solentiname II, Wuppertal 1978, S. 66)

Hier leuchtet etwas davon auf, dass das Wenige, was wir zu bieten haben, in den Händen Jesu und unter seinem Segen genug sein kann für viele. Das ist für mich der Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte: die Jünger geben Jesus, was sie haben. „Unser Herr macht was draus!“ (K .Vollmer, oft zu uns als Studenten)                        

Diese Geschichte von der Speisung der 5000 gehört zu den Geschichten, an denen ich emotional hänge. Warum eigentlich? Vielleicht auch deshalb, weil es nie und nimmer darum gehen kann, Jesus nachzumachen. Wir sind nicht die, die so austeilen können, dasss aus Nichts genug für viele, wenn nicht für alle wird. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir so teilen würden, dass der Reichtum nicht exklusiv bleibt. Es wäre gut, vernünftige Verteilungswege für die Lebensmittel zu finden, die tagtäglich auf dem Müll landen – in Privathaushalten, bei Einzelhändlern und in der Gastronomie.

            Trotzdem – das ist nicht das Thema. Wohl aber geht es darum, zu sehen, wie Jesus mit seinen Leuten umgeht. Sie trauen dem Wenigen nicht, was sie haben. Wenn es nicht viel ist, nicht Fülle, dann ist es in unseren Augen so rasch – nichts. Er aber traut dem, was sie haben. Da ist keine Frage in seinem Mund: Mehr habt ihr nicht? Sondern da ist nur: Vertraut mir an, was ihr habt.  Jesus nimmt das Wenige, das ihm die Jünger zur Verfügung stellen können als ihre Gabe und verwandelt es in seine Gabe. Also: Ich muss nichts zu bieten haben, was ich nicht habe. Jesus fängt mit dem etwas an, was ich habe, auch wenn es in meinen Augen nichts ist.  

Ob das zu fromm gedacht ist? In einer Zeit, in der die Weltprobleme so bedrängend werden, dass sie einen in gefühlte Ohnmacht stürzen können, ist das für mich eine Hoffnungsgeschichte. Über die eigenen engen Grenzen hinaus. Das Wenige, was wir haben, was wir tun können, kann sich unter der Gegenwart und dem Segen Christi in genug verwandeln.

Diese Gedanken lassen mich kritisch anfragen, ob der Satz denn stimmt, „dass unsere Geschichte zu den sogenannten Geschenkwundern gehört, bei denen Analogien in der Erfahrung kaum vorhanden sind.“(U. Luz, aaO., S.397) Ich jedenfalls kenne Dutzende von Geschichten, wo plötzlich genug da war, wo aus Nichts Fülle geworden ist. Geschichten, die mir erzählt worden sind und Geschichten aus eigener Erfahrung. Aber wir sind in unserer kirchlichen Tradition ein wenig scheu im Erzählen solcher Erfahrungen. Vielleicht auch zu Recht. Weil sich aus ihnen keine Gesetzmäßigkeit machen lässt. Diese Erzählung erspart einem nicht die vernünftige Essens-Organisation für ein größeres Gemeindefest.

20 Und sie aßen alle und wurden satt und sammelten auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll. 21 Die aber gegessen hatten, waren etwa fünftausend Mann, ohne Frauen und Kinder.

             Hier aber: sie essen und alle werden satt. Es bleibt sogar übrig. Zwölf Körbe voll. Genug für das Gottesvolk, so möchte ich lesen. Matthäus liegt daran, dass es eine wirkliche Mahlzeit ist, die da eingenommen worden ist, dass alle satt geworden sind. Das unterstreicht die Notiz etwa fünftausend Mann, ohne Frauen und Kinder. Er jedenfalls will nicht nur eine Symbolgeschichte erzählen.

Was mich eschäftigt:

Ich lese diese Geschichte mit den täglichen Bildern des Flüchtlingsstromes vor Augen, der im Augenblick die Welt durchströmt. Wird es reichen, für uns und für die Fremden? So fragen Rassisten nicht – die wissen es ja: Es reicht nur für uns. Aber andere, Gutwillige, fragen schon so. Und schlagen sich damit herum, „ob wir unser Haus öffnen sollen, für einen unter den vielen.“ Das Essen würde reichen, der Platz auch. Die Frage, die umtreiben kann: reichen die Kräfte, angesichts der Aufgaben, die ohnehin schon vor uns liegen?  Ich hoffe, dass uns die Augen aufgehen und das Herz zu hören, wenn Jesus zu uns sagt: Gebt ihr ihnen zu essen.

 

Bringt her! sagst Du, Jesus, und nimmst, was wir Dir geben – fünf Brote und zwei Fische  -unsere Kraft, unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, unseren Glauben aber auch unsere Fragen, unser Verzagen, unsere Schwachheit und teilst aus.

Du brauchst nicht mehr zum Austeilen, als was wir Dir zu bieten haben. Unter Deinem Austeilen aber wird es genug.

Das ist mir zu groß. Ich kann es nicht begreifen. Ich kann nur staunen und mich aus meinen engen Grenzen befreien lassen zur Sehnsucht nach Dir, nach Deiner Gabe, nach dem Mahl an Deinem Tisch. Amen