Netzwerk Himmelreich

Matthäus 13, 47 – 52

47 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt.

             Wiederum. Πλιν. Es scheint so, als spürte der Autor, dass er sich wiederholt. Erneut geht es um das Himmelreich. Man kann schon ins Fragen kommen: was steckt dahinter, dass ein Himmelreich-Gleichnis auf das nächste folgt? Es könnte der Erzählfreude Jesu geschuldet sein. Orientalen – und das ist Jesus als Jude ja zweifelsfrei auch – erzählen halt gern. Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Oder eben ernsthafter Himmelreich-Gleichnisse. Es könnte auch sein, dass er, und mit ihm der Evangelist Matthäus, Freude an der Vielfalt der Bilder hat.

Vielleicht aber steckt hinter dieser Vielfalt aber auch ein anderer Grund: Sachgerecht lässt sich vom Reich der Himmel nur so reden, dass man erzählt, viel erzählt. Unterschiedlich erzählt. Mit ganz verschiedenen Bildern, weil sich anders die „Sache“, um die es geht, nicht darstellen lässt. Wenn man versucht, das Himmelreich auf den Begriff zu bringen, dann verarmt es zu einer saft- und kraftlosen Angelegenheit: Transzendenz. Jenseits. Ewigkeit.  Wer, bitte, will sich schon für die Transzendenz erwärmen oder gar über sie freuen, sie ersehnen?

Ich denke, dass es zutiefst im Wesen dessen, was mit Himmelreich verbunden ist, begründet ist, dass Jesus erzählt, wirbt und lockt und warnt. Nicht zuletzt: er steht damit auch in der Tradition der prophetischen Bilder, wie sie sich reichlich vor allem beim Propheten Jesaja finden. In seinen Visionen von der kommenden Herrschaft Gottes und der zukünftigen Herrlichkeit der Stadt Gottes.

Nun also: das Himmelreich ist wie ein Netz. σαγήνη  – „ein Schleppnetz“ (Gemoll, aaO. s. 668)Ausgeworfen, um Fische zu fangen. Viele, nicht nur hier und da einmal einen. Wie von selbst höre ich Jesu Worte an Simon und Andreas mit: „Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!“(4,19) Auch die Fische, die sie fangen werden, sind vielfältig. Der ganze Artenreichtum des Meeres in einem Netz. Nicht nur eine Sorte, nicht nur Heringe.

Man kann es kaum deutlicher sagen: Gemeinde ist für alle da. Fische aller Arten sollen in diesem Netz nicht nur gefangen, sondern aufgefangen werden. Da ist so viel Raum – für unterschiedliche Herkunft, für unterschiedliche Stände, für unterschiedliche Erfahrungen. Es ist wie eine vorsichtige Andeutung, dass sich der Horizont des Himmelreiches nicht verengen lässt auf ein Volk,  nicht nur auf die „Frommen“. Auch nicht nur auf die, mit denen wir uns verbunden fühlen, die uns nahe und vertraut sind.

  48 Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg.

             Danach aber, wenn die Netze voll sind, ans Ufer gebracht, dann findet Unterscheidung statt. Es ist einmal mehr die alltägliche Arbeit der Fischer, die hier sichtbar wird und als Gleichnis dient. Nicht alle Fische taugen zum Verzehr. Die einen werden aufbewahrt zur Weiterverarbeitung. Die anderen weggeworfen. Zurück ins Meer? Den Vorgang, den Jesus hier schildert, kennen sie alle, seine Jünger zum Teil aus eigener Erfahrung, seine Zuhörer zumindest aus der Anschauung am Galiläischen Meer.

 49 So wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden 50 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.

 Der Erzählung folgt die Deutung. Der alltägliche Vorgang wird durchsichtig als Bild für eine himmlische Wirklichkeit. Für eine Wirklichkeit, wie sie von Gott her kommt. Die Engel Gottes führen die „große Scheidung“ (C.S. Lewis) durch.  War bei den Fischen noch von guten und schlechten, guten und unbrauchbaren Fischen die Rede, so geht es jetzt in der Unterscheidung der Engel um die Bösen und die Gerechten.

Was ist das Kriterium, um so zu unterscheiden? „Wer lebt im Einklang mit Gottes Willen und Wesen und ist deshalb auch offen für die Not anderer? Und wer denkt nur an sich und wird so zum Feind Gottes und seiner Mitmenschen?“ (W. Klaiber, aaO.  S.285) Später wird Jesus im Gleichnis vom großen Weltgericht diese Frage, was das Kriterium der Unterscheidung ist, noch einmal sehr deutlich aufnehmen.

Hier dagegen bleibt manches in der Schwebe. Nur so viel ist schon klar: Es ist nicht die Aufgabe der Fischer, die Unterscheidung zu vollziehen. Es sind auch hier wieder, wie schon im früheren Gleichnis (13,40) die Engel. Damit ist den Menschen, auch den Jüngern (!) das Gericht entzogen. Sie sind nicht die, die das Gericht heute schon durchzuführen haben. Es ist nicht ihre Zuständigkeit. Aber sie sind die, die mit dem Wissen um das kommende Gericht heute schon handeln sollen.

            Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Siebenmal taucht diese Wendung im Neuen Testament auf, davon sechsmal bei Matthäus. Immer im Zusammenhang mit dem Gericht am Ende der Zeiten. Das mag als Hinweis genügen, dass es nicht unentschieden ausgehen wird, dass es am Ende ein großes Erschrecken geben wird, weil es sich zeigt: Unser Verhalten ist nie gleichgültig gewesen,unser Denken nicht, unsere Worte nicht, unsere Taten nicht. Sie haben eine Langzeitwirkung, mit der wir nicht gerechnet haben.

             Bleibt der Hinweis: Erzählt wird nur die Verwerfung der Ungerechten, nicht die Versetzung der Guten in den Himmel. Es geht nicht um eine vollständige Darstellung dessen, was kommen wird. Sondern um eine Warnung. Um einen Aufruf zu einem Handeln, das dem Reich der Himmel entspricht.„Die Jünger haben es selbst in der Hand, wo sie einst sein werden.“(U. Luz, aaO. S.361) Sie müssen nur auf dem Weg hinter Jesus her bleiben.

 51 Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.

Die Belehrung ist abgeschlossen. Der Lehrer Jesus fragt nach: Alles klar? Aber die Frage meint mehr als: Habt ihr kapiert? Ich übertrage für mich: Bekommt ihr das, was ihr gehört habt, mit eurem Leben zusammen? So, dass es neue Lebensschritte bewirkt. Verstehen – die Worte mit dem Leben zusammen hören und zusammen führen. So, dass aus den gehörten Worten Lebenspraxis wird. Es ist das ein Verstehen, das gegeben wird, das Gott wirkt. Aber eben auch, das Menschen leben.

Die Antwort der Jünger: Ja. Ohne Wenn und Aber. Auch ohne jeden skeptischen Kommentar durch den Evangelisten. Während man im Markus-Evangelium oft den Eindruck haben kann, dass die Jünger nichts begreifen und Markus dieses Bild vom Jünger-Missverständnis deutlich zeichnet, scheint es für Matthäus so zu sein: Das Ja der Jünger ist gewissermaßen das Vorbild für das Ja der Gemeinde späterer Zeiten.  Die Jünger haben dieses Ja zu leben und die Gemeinde auch.

Hier könnte der Text gut abschließen. Aber es folgt noch etwas.

52 Da sprach er: Darum gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.

            Mein erster Eindruck: Dieses Wort steht hier, weil es assoziativ angeschlossen ist – über die Brücke: ein Jünger des Himmelreichs. Es ergibt sich nicht zwingend aus den vorhergehenden Himmelreich-Gleichnissen. Es wirkt ja ein bisschen wie ein Hinweis auf die Arbeitsweise christlicher Schriftgelehrter. Vielleicht sogar auf die Arbeitsweise des Evangelisten Matthäus selbst.

Es gibt – so lese ich hier, in der jungen Gemeinde schriftkundige Leute. γραμματες darf nicht engführend nur auf einen Stand, den Stand der Schriftgelehrten, hin gelesen werden. Es ist nicht zwangsläufig eine „Berufsbezeichnung“. Aber es kennzeichnet eben Menschen, Jünger, die sich mehr als andere, mit der Schrift, mit den Schriften befassen.

Gemeint ist unter dem Alten, das aus seinem Schatz hervorgeholt wird, sicher die Botschaft der Hebräischen Bibel. Auch hier sollte man nicht zu eng denken: nur die messianischen Weissagungen. Nur das, was sich sozusagen unmittelbar auf Jesus beziehen lässt. Der Respekt des Matthäus lässt ihn – so höre ich – das ganze Corpus der Schriften als Schatz bezeichnen. Es gibt keinen Grund, der neuen Gemeinde der Christen zu unterstellen, dass mit ihr eine Abwertung der Hebräischen Bibel begonnen habe.

Aber daneben tritt eben Neues. Gleichwertig, nicht höherrangig. Aber auch nicht nur neu, um die Neugier zu befriedigen. Vielleicht darf ich so weit gehen, das Neue, in Parallele zum „neuen Lied“ (Offenbarung 14,3) zu hören, zu der „neuen Kreatur“(2. Korinther 5,17). Dem neuen Geschöpf. Jedenfalls steht hier im Griechischen jedes Mal das gleiche Wort, καινbzw. καινός. Das ist weit mehr als nur die Neuigkeit oder das gewöhnlich Neue, für das im Griechischen das Wort νεός zur Verfügung steht. Gemeint ist also das Neue, das von Gott her kommt, neu ist gegenüber der alten Schöpfung, neu ist inmitten der alten Welt und Anfang der neuen Schöpfung.

Zum Weiterdenken

     Manche Gedanken denkt man zum ersten Mal. Manche Bilder erschließen sich völlig neu. Das Himmelreich gleicht einem Netz. Gottes Leute, so lese ich, sind Netzwerker. Sie sind Menschenfischer, aber nicht im Alleingang. Es mag sein, dass dies einer der großen Fehler in unseren Kirchen ist: Wir setzen immer wieder und immer noch auf die großen Einzelgestalten. auf die Charismatiker mit der überragenden Ausstrahlung. Am Anfang Paulus, später Bonifatius, Franziskus, evangelisch Luther, Zinzendorff, John Wesley und wie sie alle heißen. Wir setzen auch heute noch auf die ausstahlungsstarken Pfarrpersonen. Der Herr Jesus aber sagt: Das Himmelreich gleicht einem Schleppnetz zum Fischefangen und eben nicht einem begabten Angler mit reizvollem Köder.

Es geht nur gemeinsam. Es geht nur so, dass wir einander ergänzen, einander tragen. Wir packen es nicht im Alleingang – nicht in der Kirche, nicht in den Dörfern, nicht in der Gesellschaft, nicht in der Familie. Wir brauchen die, in deren Netz wir uns auch einmal fallen lassen könnnen, die, die mit uns zusammen das Netzwerk Gottes bilden.  Die Verheißung des Himmelsreichs liegt auf der Gemeinde!

  

Jesus, Du machst einst alles neu, die ganze Welt und alle Himmel, das All. Du beginnst damit heute. In der Sammlung der Menschen, die Dein Wort hören, Dir glauben, Dir folgen.

Gib Du, dass wir Deinem Neumachen nicht im Weg stehen, dass man schon etwas von der Freude auf die neue Welt spüren kann, an der Art, wie wir miteinander umgehen, gerade auch mit denen, die unbequem sind. Amen

2 Gedanken zu „Netzwerk Himmelreich“

  1. Danke für die inhaltsreichen Auslegungen ! Was ist mit
    Vers 50? Ähnliche Formulierungen kommen öfters im NT vor.

    1. Ich füge den folgenden Text in meine Auslegung ein:

      Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Siebenmal taucht diese Wendung im Neuen Testament auf, davon sechsmal bei Matthäus. Immer im Zusammenhang mit dem Gericht am Ende der Zeiten. Das mag als Hinweis genügen, dass es nicht unentschieden ausgehen wird, dass es am Ende ein großes Erschrecken geben wird, weil es sich zeigt: Unser Verhalten ist nie gleichgültig gewesen, unser Denken nicht, unsere Worte nicht, unsere Taten nicht. Sie haben eine Langzeitwirkung, mit der wir nicht gerechnet haben.

Kommentare sind geschlossen.