Alles auf eine Karte

Matthäus 13, 44 – 46

44 Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker.

             Alles auf eine Karte. So meine spontane Überschrift. Das Himmelreich gleicht einem Schatz. Das ist die Grundüberzeugung Jesu. Er hat mit dem römischen Reich ein Reich vor Augen, das für viele kein Schatz, sondern eine Plage ist. Er kennt Herrschaft, die alles andere als ein Glück ist. Das Reich der Himmel aber ist anders. Ein Schatz, ein Glück. Alle Sehnsucht wert. Erfüllung aller Träume.

Es ist verborgen im Acker – ich ergänze: im Acker der Welt. (13,38) Verborgen – nur so nebenbei: Vom Wortstamm her taucht das gleiche griechische Wort auf wie bei der Frau, die den Sauerteig unter das Mehl vermengt, versteckt hat(13,33). Im griechischen κεκρυμμένῳ steckt die Krypta mit drin, ein Ort unter der Erde. Das Himmelreich liegt nicht so offen zu Tage, wie die großen Reiche der Welt es tun, wie es die materiellen Besitztümer tun. Aber: man kann drauf stoßen. Man kann es finden. Sogar, wenn man es nicht gesucht hat.

Es hört sich nach einem Zufallsfund an, nicht nach dem Gelingen einer langen Suchaktion. Der da auf dem Acker arbeitet, sich müht und plagt, der stößt bei seiner Arbeit auf diesen Schatz. Ob das eigentlich in Ordnung ist, diesen Schatz erst einmal seinerseits zu verbergen und ihn nicht dem Eigentümer des Ackers zu übergeben, interessiert nicht. Auch ob dieser Mensch ein bettelarmer Tagelöhner ist, spielt für den Erzähler keine Rolle. Immerhin hat er noch einiges zu verkaufen, um den Acker zu erwerben.

Darauf liegt der Ton: Das ist ihm der Acker wert. Er verkaufte alles, was er hatte – alles für diesen Acker und diesen Schatz. Man darf es nicht überlesen: Dieses Handeln erwächst aus der Freude an dem Fund. Keine kühle Kalkulation, dass sich der Einsatz rechnet, sondern der Mensch ist regelrecht hingerissen von der Freude.

Darf ich das so lesen: Da entdeckt einer den Glauben an Jesus als die Wahrheit für sein Leben und ist hin und weg. Da lässt einer alles, was er hat, stehen und liegen und läuft hinter Jesus her. Weil er überwältigt ist von der Freude: In ihm sieht er das Reich der Himmel in Person vor sich.

Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier.
Ach, wie lang, ach lange ist dem Herzen bange, und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam, außer dir soll mir auf Erden
nichts sonst Liebers werden.

 Weg mit allen Schätzen, du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust!
Weg, ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewußt!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod soll mich, ob ich viel muß leiden,
nicht von Jesu scheiden.                                                                                                                                          J.
Franck 1653 EG 396

Hingerissen von Jesus, hingerissen vom Schatz – eine Lebenshaltung, die wir heute noch nachvollziehen können? Johann Franck schreibt sein Lied in einem menschenleer gewordenen Land, fünf Jahre nach dem großen Morden, nach Pestzeiten, nach tiefsten Notzeiten. Jesus erzählt sein Gleichnis in einem Landstrich, in dem  es den Menschen, die auf einem fremden Acker arbeiten mussten, erbärmlich schlecht ging, zum Gotterbarmen. Und verkündigt ihnen genau dies: das Gotterbarmen für die Habenichtse.

Vielleicht haben wir zu viel an Besitz und Sicherheiten, um erahnen zu können, wie hingerissen man sein kann, wenn man auf das Gotterbarmen stößt, auf den Schatz im Acker der Welt, das sich abbildet in einer Gemeinde, die das lebt. Und nicht nur – am Sonntag – davon redet. Etwas von der Freude dieses Schatzfinders spiegelt sich in den Worten des Paulus: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“(Philipper 3. 7-8) Was für eine überschwänglicheFreude. Keine Spur von Verlust.

 45 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, 46 und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Ist das jetzt nur eine Variation zum Gleichnis vom Schatz im Acker? Oder doch ein ganz eigenes Gleichnis? Diesmal nimmt Jesus sein Bild aus einer anderen Welt, eher der Welt der  Wohlhabenden. Perlenkaufleute sind im Normalfall keine armen Leute und sie machen Geschäfte mit Leuten, die auch nicht arm dran sind. Perlenhändler – immer auf der Suche nach der ultimativen Perle. Dem einmaligen Exemplar, das sie nicht mehr weiter verkaufen wollen, sondern für sich selbst besitzen.

So auch hier. Diesmal ist es die zielgerichtete Suche, die zum Finden führt. „Suchet, so werdet ihr finden“(7,7) Das Wort Jesu hat hier seine Bestätigung. Und wieder die Reaktion. Er verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.

Wenn ich nur dich habe,                                                                                                           so frage ich nichts nach Himmel und Erde.          Psalm 73,25

             Jesus, so denke ich, kennt diesen Psalm. Und hat in ihm eine Folie für sein Erzählen. Seine Gleichnisse sind gewissermaßen eine erzählende Entfaltung dieses Psalmwortes. Auslegung in seine Zeit hinein.

Was ist der gemeinsame Zielpunkt dieser Gleichnisse? Sie sind gewiss keine Anleitung zum Besitzverzicht. (gegen U. Luz, aaO.  S.353, 354) Sie – der Mensch und der Kaufmann haben ja am Ende viel mehr als zuvor – sie haben, was ihr ihr Herz mit Freude erfüllt. Wonach sie sich sehnen.

In diesem Gleichnis geht es vor allem um die Freude des Findens. „Wer den Fund seines Lebens macht, wer dem begegnet, was sein Leben mit Freude und Sinn erfüllt, für den ist es selbstverständlich alles dranzusetzen.“ (W. Klaiber, aaO.  S.282) Der unermessliche Gewinn für das Leben wird vor Augen gestellt.

Jesus sieht keine heroische Entsagung um des Reiches der Himmel willen bei denen, die ihm folgen, sondern die hingerissene Freude. Sein Ruf war ihnen ein Ruf in die Freiheit. In ein Leben als Fest. Das berührt sich mit seinen Worten von den Hochzeitsleuten, die nicht fasten können, weil und derweil der Bräutigam bei ihnen ist.(9,15) Der Ruf in das Reich der Himmel ist ein Ruf in die Freude – und nicht einer in den Verzicht. In die Freude Gottes und in die Freude an Gott.

 Herausforderungen an unser Denken und Glauben

 Eine nicht so vertraute Möglichkeit zu lesen, beschäftigt mich. Wie wäre das, wenn Jesus hier zwei Gleichnisse erzählt, die nicht beide das Gleiche sagen, sondern sich ergänzen. Das eine vom Taglöhner erzählt vom Menschen, der in seinem Alltag auf das Himmelreich stößt, es findet, ohne es gesucht zu haben. Dann aber alles dran setzt, um diesen Schatz zu gewinnen. Das könnte die Nachfolge der Jünger andeuten, die  alles lassen, um ihm zu folgen. Das könnte den Weg in die Gemeinde andeuten, die einem Christen so wichtig ist, dass er alles andere nachordnet, hinten anstellt.

Das zweite Gleichnis erzählt von einem, der sucht. Systematisch und leidenschaftlich. Weil ihn die eine Überzeugung leitet: Die Perle ist es wert. Wie wäre es also, wenn Jesus im Bild des Kaufmanns von sich selbst redet? Er ist der, der die Perle findet. Der alles drangibt, um seine Perle, den Menschen zu gewinnen?

Zwei Seiten des einen Geschehens lassen sich wahrnehmen. Menschen stoßen, ohne zu suchen, ohne zu wissen, was sie suchen, auf Gott, auf seine Wirklichkeit – im Acker der Welt. Die andere Seite: Gott ist seit jeher leidenschaftlich auf der Suche nach seinem Menschen – von Anfang an: „Wo bist du?“(1. Mose 3,9) ruft er adam, den Menschen, wieder und wieder. Bis heute. Und gibt alles dran, um ihn zu gewinnen.

So zu lesen hat zwar die ganze Tradition der Auslegung gegen sich – aber sei es drum. Denn was ist das für eine Hochwertung der Gemeinde. Sie ist Jesu Schatz und nicht sein Notbehelf. Das ist der Widerspruch in sich gegen das berühmte Wort von Alfred Loisy: „Jesus verkündigte das Reich Gottes und es kam die Kirche“. Nein, die Gemeinde, der Schatz im Acker der Welt ist Jesus wert, dass er alles hingibt. Mit Freuden.

Ich habe noch die Sätze meiner Großtante vor über 60 Jahren im Ohr – über ihre Haushaltshilfe: „Da habe ich eine Perle gefunden.“ Für mich ist es denkbar,  in genau dieser Weise über den Kaufmann zu denken: Er sieht in dem einzelnen Menschen  – in dir, in mir, in uns – die eine Perle, für die er alles gibt.

Dieser Gedanke hat seine Begründung in der Erzählung vom verlorenen Schaf. „Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ist’s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“(18, 12 – 14)

 Eine zweite Begründung exegetischer Art finde ich in dem unmittelbar vorangehenden Himmelreich-Gleichnis: „Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs.“(13,38) Es ist also kein großer Sprung, von daher darauf zu kommen, dass der Tagelöhner auf den guten Samen stößt als den Schatz im Acker.

 So gelesen sind diese beiden Gleichnisse ein wechselseitiges Zeugnis von der Freude. Von der Freude des Menschen, wenn er auf das Himmelreich stößt und es ergreift. Von der Freude, die der Grundton des Evangeliums ist. Und von der Freude Gottes beim  Finden seiner Menschen. Ein sichtbarer Ausdruck für die Wertschätzung, die Jesus denen gegenüber hegt, die er für das Himmelreich begeistern, gewinnen möchte. Sie sind ihm Schatz und Perle. Sie sind ihm alle Hingabe wert. Am Ende sogar die Hingabe des eigenen Lebens. Und er verkaufte alles….    

 Ein dritter Gedanke: Was, wenn die Bibel der Acker wäre, in dem Schätze verborgen sind. Manchmal springt einen ein Wort an. Manchmal stellt sich ein Gedanke ein. Das Wort – noch nie so gesehen. Der Gedanke – noch nie so gedacht. Es war immer da, das Wort und der Gedanke. Aber ich bin achtlos daran vorbei gegangen. Weil ich blind dafür war. Und jetzt, von einem Augenblick zum anderen:Hingerissen. Augen auf.

Es ist die Motivation, die mich seit über vierzig Jahren Tag um Tag biblische Texte lesen lässt. Ich bin immer noch auf Schatzsuche. Was ich in der Zwischenzeit gelernt hat – es geht nicht ohne die Bereitschaft, die Besitztümer loszulassen. Die altgewohnten Sichtweisen aufzugeben. Damit ich neue Schätze finden kann, muss ich mich von ausgetretenen Lese- und Denkgewohnheiten verabschieden. Neue Gedanken und Einfälle zulassen. Die ewige Wiederholung alter Wege gleicht dem Stillstand, dem Putzen von Handwerksgerät statt dem Graben an möglichen neuen Fundstellen.

 

Jesus, es löst in mir Freude aus. Du bist hingerissen vor Freude über den Schatz im Acker, über die eine Perle, über Dein Finden. Du hörst nicht auf zu suchen, weil Du es ahnst: Im Acker der Welt ist Dein Schatz.

Jesus, lass Du in mir die Freude wachsen, Dich zu suchen, Deine Nähe, mich zu bergen in Dir. Schenke mir den Mut, alles auf eine Karte zu setzen, um das Himmelreich zu gewinnen, die Hingabe an Dich zu leben in der Hingabe an meine Weggefährten, in der Liebe, die sich verschenken kann.

Ganz und bedingungslos. Amen