Alles muss klein beginnen

 Matthäus 13, 31 – 35

31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach:

Wieder ein Vorlegen, ein Einladen, sich über den eigenen Stand und den eigenen Weg klar zu werden. Es gefällt mir: Jesus nimmt seinen Zuhörern das Denken nicht ab. Er erklärt nicht so lange, bis nichts mehr unklar ist. Er erzählt und traut seinem Erzählen zu und traut seinen Zuhörern zu, dass sie hören und sehen. Mit geöffneten Ohren, geöffneten Augen – und mit einem empfangsbereiten Herzen. Ich vermag nicht zu denken, dass Jesus sein Publikum potentiell für Gegner gehalten hat. Er hat in ihnen allen „Kandidaten des ewigen Lebens“ (Wilhelm Löhe), des Himmelreiches gesehen. Darum auch erzählt er ein Himmelreich-Gleichnis nach dem anderen.

Es wird kein Zufall sein, dass ein Gleichnis dem anderen folgt, auch nicht nur Ergebnis der Redaktionsarbeit des Matthäus. Dahinter steht das Wissen:Es ist nicht mit einem Gleichnis für das Himmelreich getan, Daraus würde allzu rasch ein einseitiges Bild vom Reich der Himmel. Es gibt das Leben nur multiperspektivisch und so ist es auch mit dem Himmelreich. Man kann und darf es nicht definieren wollen. Es ist nur in Gleichnissen, Erzählungen, Sprüchen – mašal – zu beschreiben, aber nicht zu fassen.

Es ist der Grundfehler einer begriffsorientierten Theologie, dass sie versucht hat, alles Reden von Gott auf den Begriff, auf einen Nenner zu bringen. Sie hat vergessen, dass Gott sich nicht auf den Nenner bringen lässt, dass er seinen Namen verweigert:  „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“(2. Mose 3, 13-14)

Die Gleichnis-Reden Jesu locken zu einem Abschied von der Vorstellung, mit dem Skopus eines Textes hätte man seinen Kern gefunden. Das Eigentliche. Mit der Entkleiduung der Texte von ihren Bildern – Entmythologisierung – hätte man ihren Kern vor Augen und könnte so den Glauben sichern. Aber in Wahrheit ist es anders. Mit den Bildern gehen auch ihre Inhalt verloren. Die Sprechweise Jesu, sein Reden in vielfältigen Gleichnissen ist sachgemäß, weil sie das Geheimnis nicht erklärt, sondern vor Augen stellt, weil sie nötigt, immer wieder auf die Worte zuhören. Es ist wie mit dem Regebogen. Ich „sehe“, wo er die Erde berührt. Aber wenn ich dorthin gegangen bin, ist er schon weitergezogen. Er will gesehen werden. Mehr nicht.

  Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 32 das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, sodass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

             Ein Senfkorn – das Himmelreich? Es ist ein schreiender Gegensatz, vor allem für die ersten Hörer. Da das winzig kleine Korn, Durchmesser 1mm. Und es steht für das Himmelreich, das alle Welt umspannt, alle Zeit und alle Räume. Das All. „Er hat die ganze Welt in der Hand.“Aber es fängt so leicht übersehbar an. Schon unscheinbar ist zu viel.

Man wird zu überlegen haben, ob Jesus hier seinen Anfang in Galiläa beschreibt. Das Rufen dieses Jüngerhaufens, der in den Augen der Großen in Jerusalem, erst recht in den Augen der Großen der  Welt doch ein Nichts ist. Was für ein Häuflein  von Menschen ist das, das der Menschensohn in den Acker der Welt sät. Eine Auswahl, die von keinem Qualitätskriterium her zu rechtfertigen ist. Fischer, Handwerker, Zöllner, ein ehemaliger Sikarier. Alle im Blick auf die jüdische Tradition und „nach pharisäischen Maßstäben weltlich und unrein“(E. Schweizer , aaO.  S.199) Leute, mit denen beim besten Willen kein Staat zu machen ist. Mit diesen Leuten soll das Reich Gottes anfangen?„Aus den kümmerlichsten Anfängen, aus einem Nichts für menschliche Augen schafft Gott seine machtvolle Königsherrschaft, die die Völker der Welt umfassen wird.“(J. Jeremias, Die Gleichnisse Jesu, Siebenstern Göttingen 1966, S. 101)

Aber – was für die Skeptiker eine Zumutung ist, ist für die Hörer Jesu, für die Jünger und für die, die ihm glauben möchten, eine unglaubliche Ermutigung. Ja, es darf klein und unscheinbar anfangen. Ja es stimmt, wenn wir uns ansehen: „Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt.“(1. Korinther 1,26-27a) Was für ein Rückenwind für eine bedrängte und verängstigte Gemeinde. Es ist Gottes Sache aus dem kleinen, dem kleinsten Anfang Wachstum zu schenken.

Es ist ja auch Gottes Art: „So spricht der HERR: Wie wenn man noch Saft in der Traube findet und spricht: Verdirb es nicht, denn es ist ein Segen darin!, so will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich nicht alles verderbe.“(Jesaja 65,8) Mit einem kümmerlichen Rest treibt Gott seine Geschichte weiter. Und es ist wie eine Warnung an alle, die den kümmerlichen Jüngerhaufen verachten: „Denn wer immer den Tag des geringsten Anfangs verachtet hat, wird doch mit Freuden sehen den Schlussstein in Serubbabels Hand.“(Sacharja 4,10) Das alte Wort über den Bau des zweiten Tempels scheint mir auch zuzutreffen für den Anfang des Baues am Haus der lebendigen Steine.

Offenkundig hat ein Liedermacher unserer Tage aufmerksam bei Jesus zugehört und von ihm gelernt.

Schau nur dieses Körnchen, ach man sieht es kaum,
gleicht bald einem Grashalm. Später wird´s ein Baum.
Und nach vielen Jahren, wenn ich Rentner bin,
spendet er mir Schatten, singt die Amsel drin:

 Alles muss klein beginnen, lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen,und endlich ist es groß.                                                                               G.
Schöne, CD Du hast es nur noch nicht probiert 1988

 33 Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

    Daneben stellt Jesus gleich ein zweites Gleichnis. Wieder vom Himmelreich und wieder mit einem Alltagsbild voller Unscheinbarkeit. So wenig wie das Senfkorn zu sehen ist, so wenig ist der Sauerteig sichtbar. In eine riesige Mehlmenge versteckt (so wörtlich das griechische νκρυψεν) eine Frau ein bisschen Sauerteig. Aber diese winzige Menge durchdringt alles. Genug, um Brot zu backen für einhundertfünfzig (in Zahlen: 150!) Leute. Am Ende ist der ganze Mehlhaufen verwandelt. Durchdrungen.

Wieder ein schreiender Gegensatz und wieder: Irrwitzig für die Skeptiker, aber hoffnungsträchtig für die Glaubenden. Ganz ohne äußeres Zutun, wie von selbst durchsäuert das bisschen Sauerteig alles. Es legt nicht an den toll ausgearbeiteten Strategien, nicht an der überaus fachkundig zubereiteten Umgebung. Oder gar am Backtrog. Sondern die Frau – ein weibliches Gottesbild meldet sich zu Wort (!) – verbirgt es in den Mehlhaufen hinein. So wie Gott seine Leute in die Welt hinein verbirgt, vermengt, untermengt. Und darauf hofft und darauf wartet, dass sie die Welt durchsäuern.

Das Reich der Himmel hat, so lese ich, einen längeren Atem als unsere kirchlichen Reformprogramme. Wir denken gerne einmal visionär bis zum Jahr 2030. Die Worte des Gleichnisses haben keinen Zeithorizont. Ihr Horizont ist das Reich der Himmel. Gottes Reich. Gottes Ewigkeit.

34 Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen, 35 damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Psalm 78,2): »Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an.«

Matthäus sieht in den Worten Jesu erfüllt, was lange zuvor begonnen hat. Aufgedeckt, was prophetische Weissagung ist. Wobei als der Prophet der Psalmendichter Asaph gilt. Bei ihm heißt es:

„Ich will meinen Mund auftun zu einem Spruch                                                                  und Geschichten verkünden aus alter Zeit.“     Psalm 78,2

In der Übersetzung der Septuaginta steht da παραβολας, das Wort für Gleichnisse. Darum greift Matthäus auf diesen Vers zurück und ändert dann: aus „alter Zeit“ wird bei ihm: was von Anfang der Welt an verborgen war. Und deutet damit an: In den Worten – und, so ergänze ich: in den Taten – Jesu erfüllt sich, was Gott von Beginn an mit der Welt im Sinn hatte. Die Geschichte Jesu ist Heilsgeschichte für die Welt.

             So redet Jesus zu dem Volk und mit dem Volk. So sucht er ihr Herz, ihre Hoffnung, ihr Zutrauen. Gerade auch in diesen Rätselworten, Gleichnissen, die so vieles offen halten. Weil er ja kein Wahlproramm vorträgt, keine Propaganda-Broschüre verteilt, die nur noch den Weg der Zustimmung übrig lässt. Sondern er möchte Sehnsucht entzünden. Eine Bewegung aus dem Innersten des Herzens heraus. Aus einem Herz, das sich der Sehnsucht Gottes nach seinen Menschen öffnet. Das, so denke ich, ist „das Feuer, das er gekommen ist anzuzünden.“(Lukas 12,49) Das Feuer der Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem Mehr. Nach dem, was über den Alltag hinausgeht. Nach dem, was über das Menschenmögliche hinausgeht. Nach dem Geheimnis, das schon im 7. Tag der Schöpfung verborgen ist, nach der „Ruhe Gottes“.(Hebräer 4,10).

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Die beiden Gleichnisse reden nicht vom Tun, weder des Einzelnen, noch der Gemeinde. Sie richten den Blick konzentriert auf die Wirkungskräfte des Himmelreiches. Von dieser Art ist das Himmelreich, dass es unaufhaltsam ist. Schon im winzigen Anfang ist das herrliche Ende, das große Ziel verborgen da, die Vollendung. Das Himmelreich ist in seiner Vollendung nicht davon abhängig, dass wir es schaffen, zustande bringen. Mitten in einem Evangelium, das immer wieder auf das Tun und zum Händeln drängt, hier also Worte, die frei machen von der Vorstellung: Ohne unser Tun scheitert das Projekt Gottes. Nein, sagt Jesus: Die Wachstumskräfte des Himmelreiches reichen aus. Es ist nicht aufzuhalten. Was in der Welt von Anbeginn an verborgen war, das drängt jetzt ans Licht.

Auch das schwingt mit: Gott ist inkognito unterwegs. Als der Mensch, der ein Senfkorn in seinen Acker sät. Als die Frau, die Sauerteig in ihr Mehl hinein rührt, versteckt. Ein Pflanzer, eine Bäckerin – so ist Gott zugange.

Daraus entsteht Freiheit zum Handeln. Weil nicht alles an uns hängt. Sondern unser Handeln hinein gefügt wird in den Weg Gottes. Gerade deshalb können wir mutig werden zu tun, was wir als not-wendig sehen. Nach unserem Maß. Wir handeln immer im Vorletzten, vorläufig, unvollkommen, fragmentarisch. Das Letzte, Vollkommene, Endgültige zu tun ist die Sache Gottes.

 

Mein Jesus, Du hast Deinen Weg angefangen mit zwölf Jüngern – im Vertrauen auf den Vater, ohne ein Programm zur Weltveränderung. Du hast Menschen gerufen, den Samen der Hoffnung gesät, Liebe verschenkt, den weiten Horizont des Himmels geöffnet.

Bis heute leben wir von Deiner Aussaat, von Deinem Wort, von Deiner Liebe, von der Hoffnung und Sehnsucht, die Du in uns entzündet hast. Amen

Ein Gedanke zu „Alles muss klein beginnen“

  1. Zu diesen Spannungen:- zwischen winzig klein, fast unsichtbar, und weltumspannend, ja alle Menschen umfangend (Gott will das alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen 1.Tim2,4)
    – zwischen nichts oder wenig tun können und doch alles tun/hingeben (nämlich Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit alle meiner Kraft und meinen Nächsten wie mich selbst Mk 12,30)
    fällt mir eine Psalmübertragung von dem ehemaligen Schwanbergpfarrer Koller ein:

    Nach Psalm 102
    Lieder eines fröhlichen Trümmerhaufens

    Mein Leben nimmt ab und ich habe noch gar nicht richtig gelebt.
    Soll das schon alles gewesen sein?
    Ich merke, wie meine Lebenskraft nachlässt und ich habe noch nicht verwirklicht, was du, Gott, in mir angelegt hast.
    Ich schaue zurück. Mein Leben besteht aus lauter Bruchstücken. Wie eine Rauchfahne sind meine Tage verweht. Mein Herz ist alt. Mir schmeckt nichts mehr.
    Ich komme mir vor wie ein fremder Vogel, ein Kauz in den Ruinen. Bald werden die Schatten mich auslöschen.
    Was bist du für ein Gott, der mich hochgehoben hat, um mich zu Boden zu werfen?

    Wir ausgedienten Einzelkämpfer, wir wandernden Stadtmusikanten zwischen Bremen und Jerusalem, wir haben uns zusammengetan, wir geben noch nicht auf, wir helfen uns in Gottes Namen.
    Die Zeit ist da, Gott, dass du dich über deine versprengten Leute erbarmst und die Gemeinde wieder baust.
    Es ist Zeit, dass du dich um uns kümmerst.
    Wir wollen, dass gebaut wird. Mit uns rechnet niemand mehr. Aber du kannst auf uns zählen. Wir bauen mit.
    Du brauchst ein Haus, wir brauchen ein Haus.
    Es ist ein Jammer, dass die goldene Stadt so in Trümmern liegt.
    Mach dich auf, Herr, wir haben uns aufgemacht. Wir haben Leben in uns entdeckt, wir sind lebendige Steine,
    die geben erst Sinn, wenn du uns einbaust in deine neue Stadt.

    Der Herr hat schon angefangen, wieder Orte des Heiles aufzubauen. Seht ihr nicht das Feuer am Horizont?
    Gott wird hellwach beim Gebet der Verlassenen.
    Was ihr nicht mehr erlebt, wird die nächste Generation erleben. Man wird weiterbauen auf euren Anfängen.
    Dies sei aufgeschrieben und gesagt für das jetzt noch umerschaffene Volk, für das jetzt noch ungesunden Lob.
    Der höchste Herr sieht den am besten, der am tiefsten ist.
    Er hört das Seufzen der Gefangenen.
    Er befreit die Kinder des Todes.

    Bis dorthin ist es noch weit. Wird meine Kraft ausreichen?
    Werde ich mit dabei sein?
    Mein Gott, verkürze nicht meine Zeit.
    Nimm mich nicht weg auf halbem Weg.
    Du hast doch Lichtjahre in der Hand, du Edengründer,
    du Himmelslenker. Der ganze Kosmos vergeht.
    Jedes Atom wird zertrümmert.
    Das Universum veraltet wie ein Gewand.
    Du wechselst die Kleider und bleibst, wie du bist.
    Nimm mich zu dir an dein Herz, dann bleibe ich ewig jung.
    Nimm mich zu deinen Söhnen und Töchtern, mit denen du dich umgeben hast. Blühende Kinder sind es,
    nicht mehr Kinder des Todes, Geschwister des Gekreuzigten,
    der lebendig ist und lebendig macht.

    Ehrlicherweise muss ich bekennen, dass im Angesicht der Winzigkeit und des noch kleiner Werdens alles äußeren und manchmal auch inneren Augenscheins in unseren Gemeinden (bald sind GKR-Wahlen, viele sind krank und alt geworden und müssen in die zweite Reihe treten; wo sind die, die nachwachsen, die den Samen weiter ausstreuen oder Brot backen für kommende Generationen?) …
    im Angesicht dessen ist es mir oft schwer diese Spannung auszuhalten.
    So grüße ich alle, die vielleicht am kommenden Sonntag singen und beten „Tut mir auf die schöne Pforte“ … hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.
    Annekathrin Pfifferling
    aus dem Thüringer Wald

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