Nicht voreilig!

Matthäus 13, 24 – 30. 36 – 43

 24 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor und sprach:

Ich gerate ins Stolpern: Er legt ihnen vor statt des sonst so schlichten: „er sagte ihnen“ oder „er redet zu ihnen.“ Es ist fast, als würde er mit dem, was folgt, herausfordern wollen: Werdet euch klar, wo ihr steht, was ihr wollt. Ein früher Vorläufer: Mose kam und berief die Ältesten des Volks und legte ihnen alle diese Worte vor, die ihm der HERR geboten hatte. Und alles Volk antwortete einmütig und sprach: Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun. Und Mose sagte die Worte des Volks dem HERRN wieder.“(2. Mose 19,7-8) Es geht um Entscheidungen. Darum, sich selbst zu positionieren. Zuzustimmen.

 Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon.

Eine Alltags-Geschichte erzählt Jesus. Aber sie ist durchsichtig auf das Himmelreich. So geht es zu mit der Gottes-Herrschaft. Himmelreich, βασιλεα τν ορανν ist nur eine Umschreibung für die „Gottesherrschaft“, geboren aus der Scheu im Judentum, den Namen Gottes auszusprechen und im Aussprechen zu missbrauchen. Himmel steht für Gott. Mit dem „Wohnort“ Gottes ist Gott selbst im Spiel.

Ein Bauer sät – natürlich guten Samen. Kein Bauer kommt auf die hirnrissige Idee, schlechten Samen auszubringen auf seine Felder. Aber, auch das ist Alltagserfahrung der Zuhörer Jesu: es gibt Feinde und Feindseligkeiten. So kommt hier zu nachtschlafender Zeit, wenn ordentliche Leute von der Mühe der Arbeit ruhen, sein Feind – und sät Unkraut. ζιζνια. Taumellolch. Ein Gewächs, das aussieht wie Weizen, aber giftig ist. Ein Unkraut eben.

 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan.

            Am Anfang sieht man den Unterschied nicht. Aber wenn die Frucht entsteht, wird sichtbar, was ist. Und verlangt nach Erklärung. Darum fragen die Knechte den Hausherrn (im Griechischen οκοδεσπτος, den Oiko-Despoten!) nach dem Unerklärlichen: wie kann aus gutem Samen Unkraut werden? Im Hintergrund mögen frühere Worte Jesu mitschwingen: „Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.“(7,18)Muss dann nicht auch guter Same wie von selbst gute Früchte bringen?

Woher kommt dann das Unkraut? Der Hausherr weiß eine Antwort: Das hat ein Feind getan. Das klingt noch reichlich unbestimmt. Aber auch klar genug: es ist kein Zufall und kein Missgeschick. Und: es liegt nicht am Samen und seiner Qualität.

Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten? 29 Er sprach: Nein! Damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune.

             Nachdem die Frage zur Ursache so in der Schwebe bleibt, wendet sich die nächste Frage der Gegenwart  zu: Wie sollen wir damit umgehen? Was sollen wir gegen das Unkraut tun? Ausreißen? Den Acker vom Unkraut säubern?

Es wird wohl so sein, dass das Gleichnis auf Fragen ausgelegt ist, die bis heute Menschen umtreiben: „Warum gibt es so viel Leid, so viel Unrecht  und Böses in der Welt, wenn doch das Reich Gottes ganz nahe ist? Und warum greift Gott oder sein Beauftragter, der Messias, nicht durch und trennt die Spreu vom Weizen, wie dies Johannes der Täufer angekündigt hat. Muss das, was Verderben bringt und das Leben zu vergiften droht, nicht möglichst bald ausgemerzt werden?“(W. Klaiber, aaO.  S.273)

Eine andere Verstehensmöglichkeit: Es gibt gewiss auch in den Gemeinden, an die das Matthäus-Evangelium gerichtet ist, Unterschiede in der Frömmigkeit. Theologische Debatten, ethische Streitfragen. Und das hat es so an sich, dass aus dieser Ungleichheit im Denken und Glauben Fragen entstehen: Wie kommt es zu so unterschiedlichen Antworten auf das Evangelium? Zu Antworten, die die einen als die einzig richtige Antwort sehen und andere als hochproblematisch. die einen als Frucht und die anderen als Unkraut. Muss man da nicht aufräumen, säubern, auf Reihe und auf Linie bringen?

             Der Hausherr fällt seinen tatkräftigen Knechten in den Arm. Nicht ihr. Nicht jetzt. Wenn ihr die große Säuberung anfangt, wird es nicht bei ausgerissenem Unkraut bleiben. Der gute Samen, der Weizen wird ja auf jeden Fall wachsen. Was macht es da, dass das Unkraut auch noch seine Zeit zu wachsen hat? „Doch ist das Nebeneinander kein endgültiges Stadium.“(E. Schweizer , aaO.  S.198 )

             Alles hat seine Zeit. „pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit.“(Prediger 3,2)Wenn die Zeit der Ernte da ist, dann wird unterschieden werden. Erst das Unkraut, dann den Weizen. Das Unkraut für das Feuer, den Weizen für die Scheuer. Es fällt auf: die Knechte, die die Aussaat gemacht haben, werden die Ernte nicht einbringen. Die Schnitter werden sammeln. Nur Arbeitsteilung? Oder doch schon in der Erzählung der Hinweis: Es ist nicht eure Aufgabe, die Aufgabe der Knechte, die große Scheidung durchzuführen.

Hier nur so viel: wie viel Blutvergießen wäre im Lauf der Kirchengeschichte unterblieben, wenn man sich immer an diese Trennung gehalten hätte: Ihr seid Knechte zur Aussaat, aber nicht die Schnitter Gottes. Ihr seid nicht die, die scheiden müssen, sammeln für das Feuer.

„Das Nebeneinander von Unkraut und Weizen steht in jüdischen Gleichnissen nicht selten für die Völker und Israel… Stimmig ist in diesem Kontext auch, dass die Lolchhalme zuerst eingesammelt und verbrannt werden, denn nach jüdischer Erwartung werden in den Enddrangsalen oder im Vernichtungsgericht die Bösen vernichtet und die Gerechten bewahrt.“(U. Luz, aaO.  S.325) Die gleiche Abfolge spiegelt sich auch in der Offenbarung, in der erst das Gericht und dann die Heilszeit in der himmlischen Stadt in den Blick genommen werden.

36 Da ließ Jesus das Volk gehen und kam heim.

             Jesus entlässt die Leute und kehrt in das Haus zurück. Ob es sein Haus ist, wie die Übersetzung heim signalisiert, geht aus dem Text nicht hervor. Mir ist das eher fraglich. Deshalb weiß das er kam heim in der Luther-Übersetzung mehr als der Text hergibt. Nur so viel ist klar: Die Zeit der öffentlichen Rede ist jetzt erst einmal vorüber.

 Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.

             Seine Jünger aber wollen Aufschluss. Eine Deutung des Gleichnisses. Offensichtlich steht dahinter ihr Eindruck: Wir verstehen alles, was du sagst, aber nicht so ganz. Und: das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld hatte er, Jesus, doch auch gedeutet. Also liegt es nahe, ihn auch jetzt wieder zu fragen. „Jüngerschaft bedeutet fortgesetzte „Schule“ bei Jesus – Unterricht und Lebensschule.“(U. Luz, aaO.  S.339) Lebenslanges Lernen an Wort und Tat.

 37 Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät. 38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel.

             Knapper geht es kaum. „Dass der Sämann Jesus ist, der Feind der Teufel, ist fast selbstverständlich.“(E. Schweizer , aaO.  S.201) Jedenfalls naheliegend. Auffallend ist allenfalls, dass der gute Same nicht das Wort ist. Die Gleichsetzung mit den Kindern des Reiches überrascht. Aber sie drückt eine große Wertschätzung aus – so wie sie auch in der Bergpredigt schon angeklungen ist: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“(5,13.14)Es ist nicht die Sache des Matthäus-Evangeliums, die Christen klein zu machen. Es will sie vielmehr stark reden. Ihr seid Gottes guter Same für die Welt.

Auch das Andere ist wichtig: Die Schnitter sind die Engel. Es ist nicht der Auftrag des Samens, der Kinder des Reiches, die Trennung zu vollziehen. Es ist gut, sich daran zu erinnern: es gibt im Reich der Himmel Aufträge, für die wir Menschen nicht zuständig sind. Weil sie uns überfordern oder vielleicht auch, weil sie uns gefährden. Es ist ja gefährlich, zu unterscheiden: gut oder böse, gerecht oder ungerecht, weil darin die Selbstüberhebung stecken kann. Eine Gefährdung von Anfang an. „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5)      

40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, 42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. 43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.

             Die Schilderung des Endes fällt ungleich aus. Das Gericht nimmt breiten Raum ein. Dass die Gerechten leuchten, wird gerade nur knapp erwähnt. Aber: Es ist der Menschensohn, nicht irgendein Gott, der das Gericht initiiert. Es sind seine Engel. Letzte Hoffnung für alle, die es trifft, dass der Retter der Richter sein wird? Weil er doch in seiner Liebe bis ans Ende geht, bis ans Äußerste, auch im Gericht?

Das Gericht trifft die, die Falsches, Böses tun. Nicht die mit dem falschen Bekenntnis. Alles, was zum Abfall verführt und Unrecht tun. Das ist hilfreiche Unterscheidung. Es gibt τ σκνδαλα, daher unser deutsches Skandale, Sachverhalte, die zum Abfall verführen. Es gibt nicht nur die, die Unrecht tun, sondern auch die ungerechten Sachverhalte – die ungerechte Verteilung der Güter der Erde, dass nicht alle gleich sind in ihren Lebenschancen, dass Menschen fliehen müssen, dass Menschen ausgebeutet werden, dass Menschen die Würde geraubt wird durch anonyme „Sachzwänge“, usw. Für all das wird kein Platz mehr sein. Aber eben auch nicht für die Profiteure solcher skandalösen Zustände.

Dem gegenüber stehen die Gerechten. Lichtgestalten, weil das Licht auf sie fällt. Leuchtend wie die Sonne. Griechische Leser lesen hier im Wort λιος mehr als nur den Himmelskörper. Ist doch Helios eine geradezu göttliche Figur. Die orthodoxe Kirche des Ostens hat daraus eine theologische Schlussfolgerung gezogen: Das Ziel Gottes mit den Christen ist ihre Vergöttlichung. Gottgleich zu werden. So wie Jesus gottgleich ist. So kühn haben wir im Westen nie über den Menschen zu denken gewagt.

Wer Ohren hat, der höre!

             Dreimal kommt diese Aufforderung im Matthäus-Evangelium: Siebenmal wird sie in der Offenbarung verwendet – immer am Ende der Sendschreiben (Offenbarung 2-3) Es ist ein Hinweis, auf die Wichtigkeit dessen, was gesagt worden ist. Zugleich auch eine Warnung: nicht einfach weiter so. Ein Weckruf auch an die Leserinnen und Leser, nicht nur an die ersten Hörer des Gleichnisses.

Herausforderungen für unser Denken und Glauben

Es ist schon von einiger Bedeutung: der Acker ist die Welt. Die Christen werden in die Welt hinein gesät. Nicht in den abgegrenzten Raum der Kirche. Das Ziel der Aussaat Gottes ist eine Welt, die Frucht bringt. Die Kinder des Reiches sollen guter Same in der Welt und für die Welt sein. Unbekümmert darum, dass es auch eine andere Saat in der Welt gibt.

Von diesen Worten her ist eines nicht möglich: Christsein so zu betrachten, als sei es die große „Heimholaktion“ Gottes für ein paar fromme Leute. Ja, Jesus sammelt das Volk Gottes. Aber er sammelt es nicht, um es in Sicherheit zu bringen, sondern um es auszustreuen. In diesem Ausstreuen, σπείρω, steckt unser Wort „Diaspora“ mit drin. Das also gilt es zu hören: Die Christen sind das ausgestreute Saatgut Gottes. Und es ist der Weg dieses Saatgutes, dass es, „wie das Weizenkorn in die Erde fällt und erstirbt. Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“(Johannes 12,24) Was ist das für ein starkes Bild dafür, welche Hoffnung Jesus auf die Kinder des Reiches setzt. Samen der guten Zukunft Gottes mit der Welt!

Wie steht es nun für uns heute mit diesem Gleichnis und seiner Deutung? Zuvorderst: Es gibt keine Rechtfertigung für die Herstellung der reinen Gemeinde durch Ausschluss, Wegsperren, Ausmerzen des Unkrautes. Diese Worte zielen in die Zeit des Evangelisten: Es ist nicht die Aufgabe der matthäischen Gemeinden, sich von der jüdischen Synagoge zu trennen, sozusagen durch den Auszug aus der Synagoge Gericht zu vollziehen. Im Acker der Welt ist Raum genug für beide und es ist doch noch Wachstums-Zeit.

Aber es ist – zumal heute – höchst fragwürdig, aus einer Zwischenzeit eine Art Grundsatz-Definition der Kirche zu machen: die Kirche ist immer und für alle Zeit corpus permixtum. Ein Mischgebilde aus Bösen und Gerechten. Das bringt die Gefahr mit sich, „dass eine solche Definition die Kirche auf ihrem Weg des Gehorsams nicht fördert sondern lähmt.“ (U. Luz, aaO.  S.345)

             Matthäus hat ein anderes Bild und die Deutung Jesu sucht etwas anderes als die Formel des corpus permixtum. Vielmehr geht es darum, dass die Kinder des Reiches Weizen sind und nicht Taumellolch werden, dass sie sich so verhalten, wie es dem Vater im Himmel entspricht und nicht so, wie es das Wesen der Welt ist. Es ist die Überzeugung, die sich in Worten des Matthäus immer wieder findet: Das Tun entspricht dem Wesen. Aus dem guten Samen wird Gutes erwachsen. Und durch das Gute wirst du, der Gutes tut, in deinem Gut-Sein bestätigt werden.

 

Jesus, bewahre uns vor den schnellen Urteilen, den selbstgerechten Einschätzungen: Der ist gut. Die ist gerecht. Der ist jenseits von gut und böse. Bewahre uns vor der Anmaßung, die Dein Urteil glaubt vorweg nehmen zu können.

Mache Du uns demütig. Stärke uns in dem Bemühen, in Deiner Spur zu bleiben, barmherzig, liebevoll, und immer  darum zu ringen, einander auf dem Weg des Glaubens zu stützen. Amen