Fruchtbare Saat

Matthäus 13, 1 – 9. 18 – 23

 1 An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. 2 Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, sodass er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer.

    Es ist wohl so, dass man sich Kapernaum am See als Ort des Geschehens zu denken hat. Jesus wechselt aus dem Haus unter den freien Himmel. In die Öffentlichkeit. Was er zu sagen hat, ist für aller Ohren bestimmt, keine Geheimlehre nur für den auserwählten Kreis der Jünger.  Weil es so viele sind, die kommen, sucht sich Jesus einen Platz, von dem aus er reden kann. „Dass Jesus sitzt, während das Volk steht, ist passend: In der Antike sitzt in der Regel der Lehrer.“(U. Luz, aaO.  S.297)Er setzte sich ist also Signal: ich will lehren. Wir haben es in den Gleichnissen, die folgen, mit dem Lehrer Jesus zu tun.

 3 Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach:

 Auffällig: Matthäus vermeidet das griechische Wort für lehren. Jesus redete – im Griechischen steht λλέωlautmalerisch unserem lallen verwandt. Es ist vermutlich der Hinweis: Was Jesus hier macht, ist anders als das Lehren in der Auslegung des  Gesetzes, anders als die Erklärung  der heiligen Schriften, anders als alles, was in der Synagoge geschieht. Ein ganz neuer Typus: Lehren durch das Erzählen von Geschichten. Gleichnissen. παραβολα Das kann Sprüche, Fabel, Rätselworte, Vergleichungen bedeuten. Eine offene Form, die Jesus füllt.

 Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. 4 Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen’s auf. 5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 7 Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s. 8 Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. 9 Wer Ohren hat, der höre!

             Was Jesus hier erzählt, kennen seine Zuhörer. Es ist, was alltäglich passiert: Es fällt nicht aller Same auf Boden, der schon vorbereitet ist. Manches geht bei der Aussaat verloren. Die Konzentration der Erzählung allein auf den Vorgang des Säens fällt auf. Kein Wort über Bodenqualität und die Beschaffenheit des Feldes. Nur, dass der Sämann sät. In den Blick fällt, wie viel vergeblich ausgesät ist, aus den unterschiedlichsten Gründen. Drei Viertel der Saat gehen verloren.

Das drängt die Frage auf: Was ist das für ein Sämann, der so mit Verlust sät? Oder ist das die falsche Sicht, weil am Ende ja das in den Vordergrund gerückt wird: was auf das gute Land fällt, trägt viel Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. Mir fällt auf, dass hier nicht der Ertrag bis zum Maximum gesteigert wird, sondern es geht umgekehrt vom Maximum abwärts. Aber auch dreißigfach ist noch richtig viel!

Bis ins Volkslied hinein hat das Gleichnis Spuren hinterlassen – und das Verständnis des Gleichnisses bestimmt. So heißt es im „Nachtwächterlied“:

Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsere Glock hat vier geschlagen!               Vierfach ist das Ackerfeld; Mensch wie ist dein Herz bestellt?                             Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen. Herr, durch Deine Güt’ und Macht schenk uns eine gute Nacht!                                                                            Volkslied aus Franken

Da ist es ganz klar: Es geht um die Beschaffenheit des Bodens. Ob er gut oder schlecht ist, das entscheidet über die Frucht. So hatte es Jesus ja auch schon zuvor von den Bäumen gesagt: „Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein.“(12,33) So gelesen läuft das Gleichnis auf eine Aufforderung zur Gewissenserforschung hinaus: Bin ich gutes oder schlechtes Land? Die Frage stellt sich allerdings sofort mit: Boden kann sich nicht selbst verwandeln. Kann einer denn seine seelische Beschaffenheit, sein Naturell und Charakter verändern? Sich selbst in gutes Land verwandeln?

18 So hört nun ihr dies Gleichnis von dem Sämann:

         Es ist bei diesem Gleichnis der seltene Fall gegeben, dass eine Deutung mitgeliefert wird, nicht nur bei Matthäus. Auch Markus und Lukas überliefern sie, aus dem Mund Jesu. Ihm zugeschrieben. Sie wird für die Jünger vorgetragen – sie sind mit dem ihr ausdrücklich angesprochen. Es fällt auf,  das Gleichnis wird benannt als das Gleichnis vom Sämann. Aber der Sämann spielt in der nachfolgenden Deutung keine Rolle! Da geht es nur um den Samen und die Frucht.

19 Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät ist; das ist der, bei dem auf den Weg gesät ist. 20 Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; 21 aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab. 22 Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht.

Diese Deutung setzt den Boden mit den Hörern in eins, den Samen mit dem Wort von Reich. Jesu Botschaft: „Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen.“ (4,17;10,7;12,28) Diese Botschaft findet ein völlig unterschiedliches Echo. Unverständnis, freudige Aufnahme ohne Tiefgang. Ein Hören, das gegen die Tagesordnung der Welt nicht ankommt. Es gibt ein Hören des Wortes, aus dem keine dauerhafte Lebenspraxis wird.

In diesen Worten werden sich Erfahrungen spiegeln. Zuerst einmal die Erfahrungen des Predigers Jesus selbst. Wie viele hören seine Worte und sehen seine Taten, sind entsetzt oder fasziniert, erstaunt oder angerührt. Aber: es wird kein Weg aus dieser Anrührung. Der Prediger Jesus aber macht sich nicht abhängig vom Erfolg seines Predigens. Er sagt, was er zu sagen hat und hofft audf Frucht. Hofft, dass sein Wort Herzen berührt und tiefe Wurzeln schlägt. Damals am See. Später auf dem Weg. Er sät weiter das Wort aus – in Galiläa, in Judäa, in Jerusalm – und is zu uns heute.

Zugleich berühren sich die Worte gewiss auch mit Erfahrungen der Leser*innen des Evangeliums. Mit den Erfahrungen eines Matthäus, mit den Erfahrungender der christlichen Wanderprediger, die lange Wege auf sich nehmen, um das Evangelium von Jesus weiter zu tragen. Auch sie kennen das Aussäen des Wortes, das Weitererzählen der Botschaft vom Reich – und dass es eben nicht wie von selbst zur Frucht kommt.

Es mag sein wie es ist mit dem Erfolg der Aussaat. Der Sämann hat dennoch nicht aufgehört zu säen. Nicht aufgegeben, sein Wort auszurufen.

23 Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach.

Und siehe! möchte man sagen: Da wird doch Frucht! Es gibt auch die, die hören und verstehen und die dann auch Frucht tragen. Tun, was dem Wort entspricht.

Auf diesem letzten Satz liegt alles Gewicht des Gleichnisses. Es mag sein, dass vieles vergeblich gesät wird. Es mag sein, dass die Boten umsonst laufen, dass das Wort vielerorts und in vielen Herzen keine Wurzeln schlägt. Aber das ist kein Grund aufzugeben. Denn es gibt auch das gute Land – und es gibt auf jeden Fall das Wort, das seine Frucht in sich trägt.

Zum  Weiterdenken und Glauben:

Es fällt ja auf – für den Misserfolg der Aussaat werden etliche Faktoren angeführt: Der Arge, die Oberflächlichkeit, die übermächtigen Lebensummstände. Ob es Faktoren gibt, die das fruchtbringende Hören beeinflussen, bleibt ungesagt. Weil es nicht wichtig ist? Oder weil die Gefahr bestünde, daraus ein Regelwerk abzuleiten: So muss man vorbereitend aktiv werden? So lässt sich der Erfolg des Säens optimieren?

Dieses Nichtsagen stellt heraus: es ist allemal ein Wunder, ein Geschenk, dass das Wort Resonanz auslöst, Spuren in einem Leben schafft, dass es gutes Tun hervorbringt. Dieses Schweigen hängt wohl mit dem Geschenk-Charakter des Wortes zusammen. Wir haben ja keinen rechtlichen Anspruch daruf, dass Gott uns gegenüber ist, dass er mit uns spricht. Er könnte sich auch in Schweigen hüllen und uns und die Welt sich selbst überlassen. Aber er sät sein Wort aus – Geschenk an die Welt.

Einmal mehr höre ich Worte aus den Propheten mitschwingen: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“(Jesaja 55, 10-11) Es ist der Sämann, auf den alles ankommt und sein Same, das Wort, das alles wirkt. Dieser Same schafft sich seinen Boden. Kann er, der Herr, harte Herzen wandeln, so kann auch er, sein Samen, auf schlechtem Boden gute Früchte tragen.

Die Frage an uns Heutige heißt: Bewegt uns dieses Gleichnis zum Vertrauen – auf den Sämann und auf das Wort, das er uns anvertraut hat, es auszusäen? Im Vertrauen auf die Qualität des Samens.

 

Mache mich zum guten Lande, wenn Dein Samkorn auf mich fällt. So oft habe ich das gesungen. Es ist meine Hoffnung, dass Dein Handeln, Jesus, an mir nicht ins Leere geht, dass es fruchtbar ist, dass es mich bewegt, meine Hände und Füße, mein Herz erfüllt, mich tun lässt, was Dir entspricht

Was ich tun kann, will ich tun,mich diesem Wort hinhalten. Amen