Zur Familie gehören?

Matthäus 12, 46 – 50

46 Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. 47 Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.

 Bis hierher war von der Familie Jesu nicht mehr die Rede. Nicht mehr seit der Rückkehr aus Ägypten. Da hieß es von seinem Vater Josef: „Und im Traum empfing er (gemeint: Josef) Befehl von Gott und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er (gemeint: Jesus) soll Nazoräer heißen.“(2,22b-23)Sonst spielt die „heilige Familie“ für seinen Weg durch Galiläa offensichtlich keine Rolle. Nicht wirklich verwunderlich bei einem, der auch seinen Jünger aus ihren Familien herausruft, um ihm nachzufolgen (4,22).

             Jetzt aber sind sie da, die Mutter und seine Brüder, um mit ihm zu reden. Worüber sie reden wollen, ist Matthäus nicht wichtig. Das Markus-Evangelium weiß mehr: „Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.“(Markus 3,21) Matthäus hat an einer Klärung ihres Wunsches kein Interesse. Wichtiger ist ihm, und das hält er fest: sie stehen draußen. Außerhalb des Kreises, der sich um Jesus gesammelt hat. Außerhalb der Volksmengen, χλοι, die ihm zuhören, die ihm nachlaufen. Sie gehören, weil und solange sie draußen stehen, nicht wirklich dazu. Da ist Abstand vorhanden, der auch nicht überbrückt ist, jedenfalls jetzt nicht.

So dicht ist die Menge um Jesus, dass er es gar nicht mitbekommen kann, dass seine Leute draußen stehen. Dass sie ihn sehen und mit reden wollen. Einer aus dem Volk muss es ihm sagen. Es ist ein bisschen überzogen, aber vielleicht doch nicht ganz falsch: genau das ist die Funktion von Fürbitte, den engen Kreis derer, die Jesu umstehen zu durchbrechen zugunsten derer, die draußen sind, die sich nicht selbst zu Worten melden können. Es ist legitim, dass sich dieser Kreis um Jesus sammelt. Aber er darf nicht so eng werden, geschlossen, dass es für die draußen keine Chance mehr gibt, Gehör zu finden, einen Zugang eröffnet zu bekommen.

So gesehen: Wunderbar, dass einer unter den vielen, der Menge, merkt, dass da draußen auch noch welche sind, die sehen wollen, mitreden wollen, gehört werden wollen. Es ist oft, vor allem später in der Passionserzählung so, dass die Menge, das Volk eher negativ besetzt ist. Weil sie undifferenziert als Masse agiert und sich verführen lässt. Hier wird sichtbar, dass es in der Menge immer auch Einzelne gibt. Aufmerksam. Hilfsbereit.

 48 Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?

             Ein wichtiges Wort des Matthäus: aber. δ Unscheinbar. So häufig auch im Deutschen nur ein Füllwort. Hier jedoch ist es das Signal, dass die nachfolgenden Worte nicht einfach werden. Kein Eingehen auf den Wunsch der Familie. Es wird sich zeigen: Jesus ist widerständig dem Versuch der Familie gegenüber. Vielleicht muss man fragen: Spürt er, dass sie ihn vereinnahmen wollen?

Auf den ersten Blick könnte man auf die Idee kommen: die Frage Jesu ist doch die Frage nach einer Selbstverständlichkeit. Es könnten ja Leute da sein, die seine Verwandtschaft aufzählen: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns?“(Markus 6,3) Nicht zu vergessen: Maria, seine Mutter. Auch sie ist bekannt. Es scheint allerdings so, als erwarte Jesus auf seine Frage gar keine Antwort. Weil er nicht die Leute um ihn herum „fragt“, sondern mit dieser „Frage“ seine eigene, nachfolgende Antwort vorbereitet.

  49 Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 50 Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

 Es ist eine Handbewegung, die schon fast alles sagt. Er streckte die Hand aus über seine Jünger. Er zeigt auf sie, nimmt sie mit dieser Handbewegung auf. Kennzeichnet sie – und sagt: δο. Siehe. Seht, würde ich lieber sagen: Die. die ich mit dieser Hand zeige, die sind meine Familie. Mutter und Brüder.

Nicht wie von selbst. Sondern sie sind es in dem, was sie tun. In dem, dass sie den Willen meines Vaters im Himmel tun. Familienzugehörigkeit zu Jesus hat also Konsequenzen. Sie zeigt sich in einem klar umrissenen Verhalten. Ich nenne auswahlweise: Lieben, wie der Vater  liebt. Die Geduld bewahren, wie der Vater die Geduld bewahrt. Vergeben, wie der Vater vergibt. Schenken, wie der Vater schenkt. Oder – O-Ton Jesu: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte… Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.(5,44-45.48)

Es ist die Ethik, wie Jesus sie lehrt: Wie Gott mir, so ich dir. Sich am Maßstab des Vaters im Himmel orientieren. Sich von ihm zeigen lassen, wie Leben geht. Nicht, um sich so den Himmel zu verdienen. Den Himmel gibt es immer nur geschenkt. Wohl aber so, um den geschenkten Himmel auf Erden zur Lebenswirklichkeit werden zu lassen, in der Wirklichkeit, die mein Leben ausstrahlt.

Es ist wichtig, gerade angesichts dieser Familien-Szene festzuhalten: „Die Entscheidung für Jesus geschieht nicht nur durch ein formales Bekenntnis; entscheidend ist, ob sich jemand auf Jesu Verkündigung des Willens Gottes einlässt und ihr mit seinem Tun folgt.“ (W. Klaiber, aaO.  S.261)

Zum Weiterdenken:

Es ist eine offene Frage: Es kann sein, dass wir Kirchenleute die normalen Menschen unerer Zeit religiös überfordern. Dass wir Erwartungen an sie haben, die an ihrer Wirklichkeit vorbei gehen. Es ist die merkwürdige Freiheit Jesu: niemand muss spirituelle Übungen absolvieren. Niemand muss jeden Tag eine halbe Stunde meditieren. Niemand muss täglich Bibel lesen. Niemand muss jeden Morgen und jeden Abend beten, auch nicht vor und nach dem Essen. Das alles sichert keine Zugehörigkeit zu Jesus. Es sind gute Übungen für die, die sie üben. Aber nicht Pflichtprogramm für alle.

Das Pflichtprogramm für alle: den Willen tut meines Vaters im Himmel tun. Liebe üben, auf Hass verzichten. Verzeihen, wo man sich beleidigt. Gestürzten auf die Beine helfen, Traurige trösten, Mutlosen Mut machen. Großzügig statt kleinlich sein, wenn es um Vergeben geht. Jeden Menschen achten. Auch und gerade die,  die mir zu schaffen machen. Und vor allem: sich selbst mit allen Ängsten und Sorgen dem Vater im Himmel anvertrauen. Wer so lebt, an dem wir etwas davon sichtbar, dass er zu Jesus gehören möchte.

             Auf dem Meditationsweg an den Wasserfällen von Taufers im Ahrntal findet sich das Standbild der „Heiligen Familie“ – des Franziskus von Assissi mit seinen Eltern. Sicherlich in Anlehnung an die Heilige Familie Maria, Josef und das Kind. Mit der Passage im Evangelium des Matthäus ist das schwerlich zu vereinbbaren. Es wäre übertrieben, in ihr „ein generelles Votum für die Auflösung familiären Bindungen sehen zu wollen. Aber eine Familienidelogie lässt sich damit erst recht nicht stützen.“( G. Hartmann, aaO. S. 232)  

          Ich denke nicht, dass es Zufall ist, dass Matthäus Josef hier nicht mehr erwähnt. So stark wird von Jesus der Vater im Himmel betont, dass für den irdischen Vater kein Raum mehr bleibt. Ob das fair ist, mag jeder Leser selbst entscheiden. Aus diesem Schweigen über Josef sind keine weiteren Schlüsse zu ziehen. Über seinen Tod. Oder über irgendetwas sonst. So wie ja auch nichts daraus zu schließen ist, dass Jesus nicht fragt: Wer sind meine Schwestern? Sie aber sehr wohl, zum Trost unserer geschlechter-gerechtigkeitsmäßig so empfindsamen Zeit dann doch benennt: Wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Schwester. Auch das Schwestersein wird von Jesus an das Tun des Willens Gottes gebunden. Es ergibt sich nicht qua Geschlecht.

Später wird Matthäus als Worte Jesu notieren: „Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.“(23,8) Das mag ein Hinweis sein, dass es auch hier im Schweigen über Josef nicht um Biographie geht, sondern um eine grundsätzlich andere Sicht, eben auf den Vater im Himmel.

 

Jesus, wir nennen Dich gerne Bruder, um uns Dir nahe fühlen zu können. Wir möchten, dass Du unser Jesus bist, bei dem wir sicher sein können, wie wir mit ihm dran sind.

Du aber willst von uns nicht folgenlos Bruder genannt werden. Du willst, dass wir tun, was uns als Deine Brüder und Schwestern erkennbar macht. Lieben auch da, wo es weh tut. Helfen auch da, wo es Kraft kostet. Festhalten auch an denen, die hoffnungslose Fälle sind.

Gib Du uns die Kraft und die Liebe, so geschwisterlich auf Deinem Weg unterwegs zu bleiben, Du Bruder Jesus. Amen