Kinder,Kinder

Matthäus 19, 13 – 15

13 Da wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er die Hände auf sie legte und betete.

             Das Bild wechselt. Eltern, vielleicht auch nur Mütter oder Großmütter, bringen Kinder zu Jesus. Wer sie bringt, ist nebensächlich. Wichtig ist nur, dass sie zu Jesus gebracht werden. Gebracht muss nicht heißen: getragen. Es müssen also nicht nur Kleinkinder sein, die noch nicht laufen können. Aber das griechische παιδα wird vorzugsweise für Kinder bis zum Alter von sieben Jahren verwendet.

Während aber im Blick auf Eltern und Kinder vieles unbestimmt bleibt, ist die Absicht umso klarer benannt, in der die Kinder gebracht werden: damit er die Hände auf sie legte und betete. „Die Hände aufzulegen ist eine Geste, mit der in der Bibel die Weitergabe von Segen oder Vollmacht vollzogen wird.“(W. Klaiber, aaO.  S.63) So wird erzählt, dass der sterbende Jakob die Söhne Josefs, seine Enkel, unter Handauflegung segnet. So kann also in der Bitte derer, die kommen, alte Tradition mitschwingen: „die Segnung der Kinder durch die Ältesten am Versöhnungstag.“(E. Schweizer , aaO.  S.251) So, wie auch heute noch manches Kind auch mit der Begründung getauft wird, „dass die Oma es so will“ oder „weil es so schön feierlich ist.“Ein schöneres Willkommen im Leben als es nur eine Geburtsurkunde vom Standesamt signalisiert.   

 Es geht nicht nur um ein schönes Ritual. Wenn Jesus das tun wird, für die Kinder betet, mit ihnen betet, dann geschieht etwas. Sie werden in die Gegenwart Gottes gestellt. Sie bekommen Anteil an seiner Lebenskraft, an seiner Macht. Sie werden von Jesus sozusagen mitgenommen vor den Thron seines Vaters im Himmel. Es ist zum Verstehen dessen, was hier geschieht, gut sich an frühere Worte Jesu zu erinnern: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(18,20) Diese Gegenwart Jesu schließt Kinder mit ein. „Kinder,Kinder“ weiterlesen

Jesus und die Ehe

Matthäus 19, 1 – 12

 1 Und es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, machte er sich auf aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordans; 2 und eine große Menge folgte ihm nach und er heilte sie dort.

             Der Satz es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begegnet so ähnlich auch nach der Aussendungsrede (11,1), Überleitung zu dem, was folgt. Die „Gemeinderede“ in Kapitel 18 ist abgeschlossen. Es fängt Neues an, auch durch den Wechsel der Orte gekennzeichnet. Jesus verlässt Galiläa und bricht nach Judäa auf. Es wird ein Abschied für immer. Wenn auch nicht ganz: Der Auferstandene wird seinen Jüngern in Galiläa neu begegnen! (28, 16)

Es ist offen, wie genau zu lesen ist: Folgt ihm eine große Menge aus Galiläa nach Judäa? Eine regelrechte Völkerwanderung – viele Volksscharen. Oder ist es so, dass er auch in Judäa viele findet, die sich zu ihm halten, ihm folgen, ihn suchen? Selbst wenn das in der Schwebe bleiben muss, sichtbar wird: Er setzt seinen Weg als Helfer fort, der sich der Not von Menschen annimmt. Wenn man so will: seine Arbeit ist noch nicht getan. Er setzt sie aber – zunächst – nicht fort als Lehre, sondern als „Heiltätigkeit.“ Matthäus wird nicht müde, das Bild Jesu als das Bild des Heilers, des Heilandes zu zeichnen.

 3 Da traten Pharisäer zu ihm und versuchten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, dass sich ein Mann aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheidet?

             In diese Szene treten plötzlich Pharisäer hinein. Nicht als Leute, die Hilfe suchen, sondern die Klarheit wollen. Eine Klarheit, die Matthäus wertet: πειρζοντες. Versuchen, Prüfen, auf die Probe stellen. Sie sammeln Beweispunkte, könnte man lesen. Aber auch: Sie wollen wissen, woran sie mit ihm sind. So wie es auch schon bei den Zeichenforderungen war.

Wie hält Jesus es mit dem Gesetz? Das ist ihre Frage, die sie schon seit den ersten Begegnungen und Debatten über den Sabbat umtreibt. Diese Frage wird erneut gestellt, diesmal angeheftet an das Problem Ehescheidungen. Es gibt zur Zeit Jesu, grob gesagt, zwei Richtungen, die jüdische Lehrer vertreten: Für die einen reicht schon als irgendein Grund das angebrannte Essen, um eine Frau wegzuschicken. Die andere ist strenger. Für sie ist nur der Ehebruch der Frau ein zulässiger Scheidungsgrund. Zu welcher Seite neigt Jesus? „Jesus und die Ehe“ weiterlesen

Unbegrenzt

Matthäus 18, 21 – 35

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?

Ich stelle mir vor – so will es ja der Erzählzusammenhang des Evangeliums – Petrus hat aufmerksam zugehört. Er hat die Regeln der Suche nach Lösungen auf sich wirken lassen. Und ist darüber erschrocken. Wie soll das gehen? Wie viel wird da von mir erwartet? Petrus ist einer, der von Jesus lernen will, einer, der weiß, dass er auf die Weisungen Jesu angewiesen ist. Und: mit seiner Frage vertritt er ja die anderen Jünger – und die mitlesende Gemeinde.

Er stellt mit seiner Frage nicht Vergebung als solche in Frage. Das hat er verstanden: Vergeben gehört zum Jünger-Sein unlöslich dazu. Auch das schwingt mit in seiner Frage: Siebenmal ist nicht nichts. Sondern sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, also ist siebenmal Vergeben ein völliges, vollkommenes Vergeben. Dazu also wäre Petrus bereit: zu solchem vollkommenem Vergeben, wenn es Jesus denn fordert.

Aber in seiner Frage steckt dennoch mit drin:„Gibt es für das Vergeben eine Obergrenze?“(U. Luz, aaO.  S.64) Vollkommen vergeben ist – mehr geht doch nicht? Ohne dass er es ausspricht, sagt er mit seiner Frage: Irgendwann ist es doch wohl auch genug mit dem Vergeben. So wie heute manchmal Leute sagen: Irgendwann muss doch auch einmal Schluss sein mit Schuld und Schuldbekenntnissen. Die Frage nach einer Obergrenze der Vergebung schließt unheimlicherweise das mit ein, dass es doch auch eine Obergrenze  für das Übernehmen von Schuld und das Eingestehen von Schuld geben müsse. Wir setzen allzu gerne auf Verjährung.

 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Jesus hätte einfach Ja sagen können. Siebenmal ist vollkommen. Genug ist genug. Aber er erweitert, geradezu maßlos. Das ist absurd. Denn so viel ist jedem, der zuhört, sofort klar: Hier geht es nicht um ein Abzählen, bis die 490 voll ist. Und bei der 491. Verfehlung ist endgültig „Schluss mit lustig“.  Sondern hier geht es um grenzenlose, unbegrenzte Vergebung. Immer. Ohne Ende. Bis zum Äußersten.

Das Wort Jesu ist das Gegenbild zur maßlosen Vergeltung des Lamech: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“(1. Mose 4,24) Das will Jesus offenkundig mit seinen Worten erreichen: „Für die Bereitschaft zu Vergeben gibt es keine zahlenmäßige Obergrenze.“(W. Klaiber, aaO.  S.50)

             Die Bereitschaft zu vergeben ist das eine. Sie aber auch praktisch zu leben ist das andere. Wie steht es um die Praxistauglichkeit dieser Worte Jesu? Was ist, wenn einer das ausnützt, dass Christ*innen vergeben? Wenn einer die Bereitschaft zu vergeben für trottelige Gutmütigkeit hält? Wenn ich wieder und wieder mit dem gleichen Fehl-Verhalten konfrontiert werde? Solche Fragen stellen sich wie von selbst ein. Erst recht, wenn sich eine*r vor allem in der Position dessen sieht, von dem Vergeben erwartet wird, vielleicht sogar eingefordert wird. Weil Christen doch vergeben müssen, barmherzig sein müssen. „Unbegrenzt“ weiterlesen

Langer Atem ist gefragt

Matthäus 18, 15 – 20

15 Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.

             Das also gibt es in der Gemeinde: Menschen versündigen sich. Auch  aneinander. Da geht einer mit dem anderen so um, dass Gemeinschaft zerstört wird. Dass es kein Miteinander mehr gibt, sondern nur die Absonderung: Nicht mit mir! Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Die Gemeinde ist keine reine Idylle. Kein Ort, an dem man von bösen Worten und Fehlverhalten nichts weiß und nichts spürt.

Hier ist offensichtlich nicht von Sünde in der Weise die Rede, dass sich einer gegen Gott vergeht, lästert, die Gebote übertritt, vom Glauben abweicht. Sondern es geht um Zerstörung des Miteinanders in der Gemeinde. Das wissen alte Handschriften, die ergänzen: μαρτάναω ες σ. „Sich versündigen an dir.“ Es geht um persönliche Betroffenheit. Dass Worte und Taten das richtige, wohltuende Miteinander verfehlen. Verletzen. Es wird nicht genau inhaltlich gefüllt, wie das aussehen kann. Vielleicht ja auch deshalb, weil solches sich versündigen nicht exakt festzulegen ist. Es ist auch ein subjektives Empfinden. Der Spruch, den einer oder eine nur als locker empfindet, kann die anderen doch tief kränken. Tausendfache Erfahrung, die immer wieder in der Entschuldigung endet oder doch enden soll: So habe ich das nicht gemeint.

Auch das wird man an dieser Stelle bedenken müssen: Es gibt die Gefahr, den anderen zu verletzen, vor den Kopf zu stoßen einfach durch die Sprache, die ich spreche. Es gibt diesen ungeschriebenen Kodex: die Sprache der Gosse ist nicht die Sprache, die wir im Gottesdienst sprechen. Die bewusste Verwendung von Fäkalsprache um aufzurütteln kann zu tiefen Irritationen führen. Paulus schreibt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“ (Philipper 3,8) Jeder Theologe weiß, dass für Dreck im Griechischen σκβαλα steht und dass man das mit Kot, „Unrat, Kehrricht“(Gemoll, aaO. S. 680) übersetzen kann. Muss man es deshalb in einer Predigt mit „Scheiße“ wiedergeben? Die Absicht einer Predigt ist doch, Menschen zum Hören zu bringen und sie nicht vom Hören abzuhalten. Man kann durch seine Wortwahl Menschen verschließen, weil man ihre innere Hörbereitschaft verletzt.

Ob es nun um bewusste Provokation oder unbewusste Aktion geht, darum der vorsichtige Rat, der behutsame Weg: Stelle ihn zur Rede. Sprich mit ihm darüber. Weise ihn zurecht hat schon mehr Gefälle, als es das griechische Wort λέγχω meint. Es geht primär nicht um Maßregelung, sondern um einen neuen Weg zueinander. Behutsam. Um den anderen oder die andere zu gewinnen. Den Bruder, die Schwester. Auch, um ihm oder ihr Bloßstellung zu ersparen. Deshalb auch unter vier Augen.

Freilich. Das geht nicht um den Preis, dass alles weichgespült wird. Die Dinge müssen schon beim Namen genannt werden. Zu Recht finden heißt auch einsichtig werden. Sehen, wo es  Probleme im Miteinander gibt und wodurch sie verursacht werden. Es sind oft genug „die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“(Hohes Lied 2,15) „Hühnerkram“ könnte man denken. Aber er wächst sich so leicht aus zu großen Störungen.

Das Ziel ist klar: es geht darum, den Bruder, wieder zu gewinnen. Auch die Schwester, die hier ausnahmsweise in der neuen Übersetzung nicht ausdrücklich genannt wird. Einen neuen Zugang. Ein neues Miteinander. Wenn man so will: Versöhnung. Dazu ist kein Schritt zu viel. Das ist ein lohnendes Ziel. Und wenn es erreicht wird, ist große Freude. Hoffentlich und vermutlich auf allen Seiten. „Langer Atem ist gefragt“ weiterlesen

In der Mitte ein Kind

Matthäus 18, 1 – 14

 1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten:

 Immer noch ist Kapernaum der Ort des Geschehens. Es ist der Ort, an dem sie zu Hause sind. Der Ort, an dem man darauf hoffen kann, dass alles klar ist und sich klären lässt. Es ist eine „ideale“ Situation, eine günstige Gelegenheit: die Jünger haben ein Problem und erhoffen sich Klärung bei Jesus. Deshalb fragen sie bei ihm nach.

Wer ist nun der Größte im Himmelreich?

Man kann angesichts dieser Frage versonnen selbst ins Fragen kommen: Haben sie nach den langen Wegen mit Jesus immer noch nicht verstanden, dass das die falsche Frage ist? Aber es ist die Frage, die in der Welt allemal die richtige Frage ist. Die vielerorts die wichtigste Frage ist – ohne den Zusatz Himmelreich: Wer ist der Größte? Wer ist die Schönste? Wer ist die Beste? Wer ist der Frömmste? „Die `Großen´ in einem Königreich sind die Statthalter und Minister.“(U. Luz Das Evangelium nach Matthäus (18 – 25) EKK 1/3, Zürich 1997, S.12)Fragen nach dem Spitzenplatz sind die Fragen, die antreiben, die Kräfte konzentrieren lassen, die dem Ehrgeiz entsprechen. Nicht einfach nur groß sein, sondern der Größte – μεζων .Wer nichts mehr werden will, wird nichts.

             Warum sollen diese Fragen ausgerechnet für das Himmelreich unzulässig sein, wenn sie doch das Leben auf der Erde allgegenwärtig prägen? Hat doch Jesus selbst scheinbar auch in solchen Kategrorien gedacht, wenn er sagt: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.“(11,11) Demnach gäbe es doch auch im Himmelreich Rang-Unterschiede. Hinter der Frage mag die Überzeugung stehen: wenn wir die Kriterien kennen, nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, die entsprechenden Schritte tun.

2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

             Merkwürdig und auffallend: Jesus kritisiert die Frage nicht als völlig falsche Frage. Er antwortet allerdings auch nicht direkt auf ihre Frage. Sondern er tut etwas. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. So wie dieses Kind muss man sein, um überhaupt ins Himmelreich nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, dieenzu kommen. Dazu braucht es ein Umkehren. Kehrtmachen. „Eine grundsätzliche Änderung des üblichen Lebens.“ (U. Luz, aaO.  S.12)

      Weil Jesus nicht allgemein bleibt, sondern die Jünger anredet – ihr – wird die ganze Sache persönlich. Was bei den Jüngern als Bitte um eine Auskunft zur Sache anfängt, wird jetzt zur Zumutung an sie. Es geht um eine „Wende“  – so das Wort στρέφω im eigenen Leben. Um einen Ausstieg aus dem, was sie ein Leben lang gelernt haben. Damit auch um ein Aussteigen aus der Frage nach der Größe und der Rangordnung, die so ur-menschlich ist. „In der Mitte ein Kind“ weiterlesen

Steuer-Gerechtigkeit?

Matthäus 17, 22 – 27

22 Als sie aber beieinander waren in Galiläa, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn wird überantwortet werden in die Hände der Menschen 23 und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferstehen. Und sie wurden sehr betrübt.

             Sie sind wieder in Galiläa. Wo spielt keine Rolle. Sie haben sich dort versammelt. „Sie hatten ihr Wesen in Galiläa.“So schön und zutreffend für das griechische Συστρεφομνων die Luther-Übersetzung von 1912. Sie sind einfach beieinander. Warum? Mit welchem Plan? Galiläa ist gewissermaßen „Heimspiel“. Hier hat die Sammlung Jesu angefangen. Aus den Dörfern in Galiläa, vom Ufer des Sees hat er sich seine Jünger gerufen. Warten sie jetzt auf das Signal zum Aufbruch?    

Statt eines Aufbruchssignals kommt eine Leidensankündigung. Die Zweite aus dem Mund Jesu. Eine, die ins Passiv, in die Passion einweist: überantwortet werden, getötet werden. Aber immerhin: am dritten Tag auferstehen. Der Weg Jesu führt in die Hände der Menschen. Aber im Wort  παραδδωμι überantwortet werden schwingt mit, dass Gott seine Hände mit ihm Spiel hat.

Es ist eine „kleine Passionstheologie“(W. Klaiber, aaO.  S.28), die hier anklingt. Ausgelöst durch die griechische Übersetzung  von Jesaja 53,12 in der Hebräischen Bibel: Da wird vom Gottesknecht gesagt, „dass seine Seele in den Tod dahingegeben und er unter die Gesetzlosen gerechnet wurde; und er selbst nahm die Sünden von vielen auf sich, und um ihrer Sünden willen wurde er dahingegeben.“(Übersetzung: W. Klaiber, ebda. S.28) Im Passiv wird das Handeln Gottes verborgen. Es ist Gottes Weg mit Jesus. So wie es auch Paulus, wieder unter der Verwendung des Wortes παραδίδωμι, deutet: „Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt.“(Römer 4,25)

Wir verstehen: Jesus ist auf dem Weg Gottes. Und wird auf diesem Weg doch sofort wieder mit zutiefst weltlichen Angelegenheiten befasst. Hier der Steuer-Frage. Es mutet seltsam an: dieses gewichtige Wort der Leidensansage wirkt wie ins Leere gesprochen, trotz der Anmerkung: Und sie wurden sehr betrübt. Weil es für den Fortgang der Erzählung so gar keine Rolle spielt. Die alltägliche Aufgeregtheit deckt  die Leidensansage regelrecht zu. „Steuer-Gerechtigkeit?“ weiterlesen

Ein Senfkorn genügt

Matthäus 17, 14 -21

14 Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu ihm, fiel ihm zu Füßen 15 und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser; 16 und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen.

             Kaum im Tal angekommen, wird Jesus eingeholt von der Not eines Menschen. Der fällt vor ihm nieder, wirft sich ihm regelrecht vor die Füße und bittet. Beides – niederfallen und bitten wird in den nachfolgenden Worten sichtbar als ein Schritt zur Anbetung. Auch die Anrede: Herr, erbarme dich zeigt das. Es ist ein Rufen nach Erbarmen über meinen Sohn, Hier im konkreten Fall Rufen nach dem Erbarmen, nach dem die Gemeinde im Gottesdienst auch immer wieder ruft. Kyrie eleison. Vielleicht darf man sagen: Die allgemeine Bitte der Gemeinde entsteht aus den konkreten Bitten und die konkreten Bitten brauchen das Gebet der Gemeinde als Hintergrund.

Der Mensch, ein Vater, schildet die Krankheit seines Sohnes. Es gibt einen Menschen nie nur als Gattungswesen. Es gibt sie immer als Vater, Mutter, Mann, Frau, Sohn, Tochter. Hier also: Ein Vater. Sein Sohn ist mondsüchtig und fallsüchtig. Lebensgefährlich krank, weil er, wenn er stürzt, zusammenbricht, keine Selbst-Kontrolle mehr hat. Seine Krankheit hat ihn im Griff. Und deine Jünger konnten ihm nicht helfen. Kein Vorwurf, nur eine Feststellung. So weit reicht die Wirkkraft des Sendungsauftrages (10,8) nicht, dass sie diesem Jungen helfen könnten. Oder genauer: die Jünger können diese Kraft nicht in ihr eigenes Tun hinein „aktivieren“. „Die Jünger ohne Jesus sind hilflose Helfer.“(W. Klaiber, aaO. S. 25)Das gilt, weit über die erzählte Situation hinaus. Bis heute.

 17 Jesus aber antwortete und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch erdulden? Bringt ihn mir her!

             Jesus antwortet auf die Worte des Vaters. Reagiert auf diese Worte. Aber seine Antwort ist wohl kaum an den Vater gerichtet! Wir kennen die Wendung ungläubiges und verkehrtes Geschlecht schon aus den Zeichenforderungen (16,4). Da sind Pharisäer und Schriftgelehrte gemeint. Aber die sind hier nicht zur Stelle. Bleiben nur zwei Gruppen: die Jünger und das Volk.

Jesus redet aber sonst nie von seinen Jüngern als von diesem Geschlecht, schon gar nicht als ungläubig und verkehrt. Seine Jünger so zu tadeln ist nicht seine Art. Dann wäre also das Volk gemeint. Das dabei steht und einfach nur gespannt ist: Was wird er denn wohl jetzt machen? Es könnte sein, dass diese Haltung des Beobachtens, der Neutralität, die sich ein Bild von den Möglichkeiten Jesu zu machen sucht, von Jesus genauso bewertet wird wie die Zeichenforderungen. Als verweigerte Hingabe, als verweigertes Vertrauen. Dazu passt die alte Lutherübersetzung von 1912 – statt Geschlecht die Art. Bei Art geht es nicht um Geburtenkette und Vererbung, sondern um eine innere Haltung. „Ein Senfkorn genügt“ weiterlesen

Unter Gottes Ja gehen

Matthäus 17, 1 – 13

 1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.

             Was jetzt erzählt wird, geschieht am siebten Tag nach dem Bekenntnis des Petrus. Eine ganze Woche erfüllt sich mit diesem Geschehen. Die präzise Angabe, wo Matthäus sonst doch oft „dann“ sagt, „danach“ oder „da“, wird kein Zufall sein. Bei mir löst sie die Erinnerung an den siebten Tag Gottes aus.  An dem Gott sein Werk vollendet.

Ein anderer Einfall: Am Anfang eines Weges führt der Versucher Jesus „auf einen hohe Berg“ (4,8). Um zu erreichen, dass er seine Gottessohnschaft enthüllt. Auf eigene Faust. Jetzt führt Jesus drei seiner Jünger auf einen hohen Berg. Drei von denen, die er zuerst gerufen hat. Alleinκατ᾽ ἰδίαν – „für sich allein.“(Gemoll, aaO. S. 383) Er sondert sich und sie ab. Welcher Berg das ist, spielt für den Evangelisten keine Rolle. Die Tradition findet diesen Berg im Tabor

 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

             Auf diesen Berg geschieht etwas – an Jesus. Μεταμορφόω In eine andere Gestalt verwandeln, umformen, umgestalten“ ((Gemoll, aaO. S.498) Eine Verwandlung geschieht. Es ist wichtig: „Im Deutschen hat sich seit den Bibelübersetzungen der Reformationszeit „verkleren“ bzw. „erkleren“ durchgesetzt. Dieses Wort hatte mittelhochdeutsch den doppelten Sinn von „erläutern“ und „erhellen.“(U. Luz, aaO. S.504) Mit meinen Worten: es wird in dieser Verwandlung etwas klar – über Jesus. Auch an Jesus und für Jesus.

Aber was ist das? Ich folge den Worten des Matthäus: sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Hier ist er nicht mehr nur Mensch unter Menschen, verwechselbar, wie einer von uns. Er ist mehr. Eine „neue Gestalt“ wird an Jesus sichtbar.

Das ist Rückgriff auf altes Bildmaterial aus den Schriften Israels: Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“(Daniel 12,3) Oder: „Als nun Mose vom Berge Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln des Gesetzes in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte.“(2. Mose 34,23) Wer vor Gott zu stehen kommt, in seiner Gegenwart, von dem geht ein Leuchten aus. Der wird verwandelt, innerlich und äußerlich.

Die Worte sind aber zugleich auch Vorgriff in die Zukunft: „Es ist eine Schau Christi in der kommenden Herrlichkeitsgestalt des Auferstandenen.“(U. Luz, aaO. S.510) Wenn man so will ein vorzeitiges Ostern.

Immer aber geht es um die gleiche Erfahrung: Es gibt ein Aufleuchten der Herrlichkeit Gottes in die Welt hinein, das alles überstrahlt und alles verwandelt. Das eine Wirklichkeit aufleuchten lässt, die uns gemeinhin unsichtbar ist. Der Glaube sagt: Es ist die Wirklichkeit, auf die hin wir unterwegs sind. „Unter Gottes Ja gehen“ weiterlesen

Immer hinter IHM her

 Matthäus 16, 21 – 28

21 Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.

             Mit seit der Zeit beginnt etwas Neues. Die Zeit der unbeschwerten, wenn auch nicht konfliktfreien Wanderung in Galiläa wird abgelöst durch den Weg nach Jerusalem. Durch den Weg, auf den jetzt schon der Schatten der kommenden Ereignisse fällt.

Jesus geht – das macht diese erste Leidensankündigung deutlich – diesen Weg im vollen Bewusstsein dessen, was geschehen wird. Leiden und getötet werden und am dritten Tag auferstehen. Das freilich scheinen die Jünger schon nicht mehr zu hören. Aber das alles deckt er seinen Jüngern auf. Nur seinen Jüngern, nicht mehr dem Volk. Sie freilich bekommen so Anteil am Geheimnis seines Weges. Hier verwendet Matthäus das Wort δεικνειν. Zeigen, aufdecken. Das gleiche Wort verwendet der Seher Johannes, wenn es um „die Enthüllung göttlicher Geheimnisse“ (E. Schweizer , aaO.  S.224) geht, die über dem Weg der Gemeinde liegen (Offenbarung 1,1).

Es liegt Matthäus daran zu zeigen, dass Jesus nicht irrtümlich nach Jerusalem geht. Nicht mit falschen Erwartungen. Sondern wissend. Wissend auch, dass über diesem Weg ein „muss“ steht. δε deutet die von Gott verhängte Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesu an. Trotzdem wird es von den jüdischen Führern in freier Entscheidung und eigener, selbst verantworteter Bosheit vorbereitet.“ (U. Luz, aaO.   S.488) Dieses Müssen schließt aber mit ein und nicht aus, dass Jesus diesen Weg in freier Zustimmung zum Willen des Vaters geht!

Es ist ein bisschen schwieriger, als es manche allzu glatten Formeln uns weißmachen wollen, wenn das Zusammenspiel von göttlichem Willen und menschlicher Freiheit oder eben Vorherbestimmt-Sein zu verhandeln ist. Die Tatsache, dass Gott will, hebt nicht auf, dass wir uns entscheiden, so oder so. „Immer hinter IHM her“ weiterlesen

Felsenfest

Matthäus 16, 13 – 20

13 Da kam Jesus in die Gegend von Cäsarea Philippi und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

             Der Weg Jesu führt weiter. Er ist immer noch der, der unterwegs ist. Jetzt in der Nähe von Cäsarea Philippi, einer Stadt, die ihren Namen dem Herodes-Sohnes Philippus verdankt. Früher hieß sie Paneas. Heute ist daraus Baniyas geworden. Dort kommt  es zur Meinungs-Umfrage, initiiert von Jesus: Er will von seinen Jüngern wissen, was die Leute über ihn reden, genauer: Was sie von ihm halten. Noch genauer: Für wen sie ihn halten.

Es mag schriftstellerischer Zufall sein – hier verwendet Matthäus nicht das Wort, das er sonst für die Mengen verwendet. Hier steht ο νθρωποι. Die Menschen. Sachlich sinnvoll wiedergegeben: Die Leute. Lauter Einzelne. Er will wissen, was sie über den Menschensohn  – υἱὸς το νθρπου – sagen. Wollte man das griechischen Wortbild nachbilden, müsste man übersetzen: Wer sagen die Menschen, dass der Menschensohn sei?

Jesus fragt indirekt, und doch eindeutig nach seinem „Image“.  Es klingt, als wollte er wissen: Für wen halten sie mich? Der Menschensohn ist „verhüllende Selbstbezeichnung Jesu“ und gleichzeitig ein Hinweis, der den Anspruch Jesu verrät, „Gottes endzeitlicher Repräsentant zu sein.“(W. Klaiber, aaO.  S.320) Diese Bedeutung des Wortes Menschensohn leitet sich vor allem aus dem folgenden Satz ab: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschensohn und gelangte zu dem, der uralt war und wurde zu ihm gebracht. Der gab ihm Macht und Ehre und Reich.“(Daniel 7,13-14)Darum also doch nicht einfach: Für wen halten sie mich? Sondern in der Frage steckt mit drin: Erkennen sie mich als den, der ich in Wahrheit bin?

 14 Sie sprachen: Einige sagen, du seist Johannes der Täufer, andere, du seist Elia, wieder andere, du seist Jeremia oder einer der Propheten.

Die Jünger geben bereitwillig Auskunft, indem sie im Volk umlaufende Einschätzungen referieren. Der Täufer, Elia, Jeremia oder einer der Propheten. Die Leute greifen weit nach oben. Es ist in diesen Antworten schon deutlich: Jesus kann sich hoher Wertschätzung erfreuen. Ganz anders als bei den Pharisäern, die ihn im Bund mit Beelzebub wähnen. Das Volk achtet ihn, ehrt ihn. Sieht in ihm einen, hinter dem Gott steht.

 15 Er fragte sie: Wer sagt denn ihr, dass ich sei?

             Jesus fragt weiter. Persönlich. Direkt: Wer sagt denn ihr, dass ich sei? Das ist für unsere Ohren ungewohnt. So persönlich haben wir es nicht gerne. Die Frage, was ich von Gott halte und wie ich es mit Gott halte, gehört nach weitverbreiteter Meinung in den Intim-Bereich. Sie geht keinen anderen etwas an. Was ich glaube, ist Privatsache. Die Frage Jesu aber holt die Einstellung zu ihm selbst aus dem Bereich der inneren Überzeugung heraus. Ans Tageslicht. Auf die Zunge.

Paulus wird das im Brief an die Römer aufgreifen: „Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“(Römer 10,10) Das ist, was Jesus hier herausfordert: Bekennen mit dem Mund. Es ist die Situation, die die Leser*innen des Matthäus-Evangeliums kennen: Ihre Umwelt fragt sie, was sie von Jesus halten, wie sie es mit Jesus halten.

 16 Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!

 Simon Petrus antwortet – für sich und für alle anderen. Es ist sein persönliches Bekenntnis und doch gleichzeitig das Bekenntnis der Gemeinde – nach Ostern. Christus. Der Messias. Das griechische Wort Χριστς, Christus ist die Übersetzung des hebräischen Wortes für den Gesalbten, für den „endzeitlichen Herrscher, der Israel in eine Zeit des Heils und Friedens führen wird.“(W. Klaiber, aaO.  S. 321)

 Neben diesen Titel, dieses Wort Christus tritt das andere: Sohn des lebendigen Gottes. υἱὸς το θεο το ζντος. Das ist mehr als nur eine zusätzliche Wendung. Gott ist der Lebendige im Unterschied zu den toten Götzen. Er ist es in seinem Tun, dass er Leben schafft. Er ist der wirklich Handelnde, aus dem das Leben kommt. Wenn Petrus Jesus also Sohn des lebendigen Gottes nennt, dann verbindet er damit die Erwartung, dass von ihm her Leben kommt, dass aus ihm Leben fließt. Leben, das dem Tod standhält.

Diese Sicht hat das Lied der Kirche später aufgegriffen und bekennt, sozusagen in den Fußspuren des Petrus:

Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.
Hochgelobt sei der erbarmende Gott,
der uns den Ursprung des Segens gegeben;
dieser verschlinget Fluch, Jammer und Tod.
Selig, die ihm sich beständig ergeben!
Jesus ist kommen, die Ursach zum Leben.                J.L.K. Allendorf 1736, EG 66

             Man kann sicherlich danach fragen, ob dieses Bekenntnis nicht schon stark vom Bekenntnis der Gemeinde nach Ostern geprägt ist. Der Gemeinde, die auf den Auferstandenen traut. Ob es vorstellbar ist, dass der Jude Simon so etwas an der Baniyas-Quelle gesagt haben könnte. Was dafür spricht: Simon Petrus ist nicht der Erste, der Jesus als den Sohn Gottes bekennt. Als Jesus den sinkenden Simon festhält, da sagen die, die mit im Boot sind: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“(14,33)Dieses Bekenntnis erwächst aus dem Augenblick. Das Bekenntnis an der Baniyas-Quelle erwächst – so deute ich – aus der Zusammenschau der Erfahrungen und der Worte Jesu. Seines Wesens, das die Jünger, Simon ist nur einer unter ihnen, erfahren auf dem Weg mit ihm.

Beides halte ich für wichtig und für richtig: Bekenntnisse können aus einer Augenblickserfahrung heraus abgelegt werden und sie entstehen auf einem langen, kontinuierlichen Weg. Das schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich gegenseitig. Macht auch unabhängig von den aktuellen Erfahrungen, vor allem auch vom Ausbleiben aktueller Erfahrungen. Aber es weist zugleich darauf hin: Es gibt auch auf dem Weg immer wieder stützende und erhellende Erfahrungen. Das Bekenntnis lebt von beidem, dem Augenblick und dem Weg.

17 Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut haben dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

Die erste Antwort Jesu: Selig bist du. Eine Seligpreisung eines Einzelnen, des Simon, Jonas Sohn. Durchaus ungewöhnlich. „Selig seid ihr“ oder „Selig, wer“… ist häufiger.  Es ist ausgesprochen selten in der Bibel, dass einzelne Menschen namentlich seliggepriesen werden. Warum aber hier? Weil Petrus beschenkt worden ist. Beschenkt mit einer Einsicht, die, salopp gesprochen, nicht auf seinem Mist gewachsen ist. Darauf kommt man nicht von sich aus.Darauf kommt man nicht von sich aus, durch Nachdenken, auch nicht durch frommes Nachdenken. Darum: Fleisch und Blut, der natürliche Mensch sieht das nicht. Mein Vater im Himmel – sagt Jesus: Er ist der Ursprungsort dieser Einsicht, dieser Offenbarung. Er hat es aufgedeckt.

Einmal mehr ist es hilfreich, sich aus dem Text des Evangeliums zu vergegenwärtigen: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“ (11,28) In der Sprache des Johannes-Evangeliums hört sich das vergleichsweise so an: „Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“ (Johannes 3, 31-33)

Das steckt in den Worten Jesu: Simon sagt, was nur von Gott her möglich ist zu sagen, nur durch den Geist Gottes. Bei Paulus wird das so klingen: „Niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“(1. Korinther 12,3)    

 18 Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. 19 Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.

Nach diesem Wort über die Herkunft der „Einsicht“ des Simon Petrus, folgt das Wort Jesu an ihn.  Du bist Petrus. Fels. Stein. Auf Aramäisch: „Kephas“. Man kann darüber rätseln: Bekommt Petrus hier, in diesem Augenblick einen neuen Namen, eine Art „Kriegsnamen“ (nom de guerre), Ordensnamen, Amts-Namen (so wird es ja bei den Päpsten nach ihrer Wahl gehalten!), oder wird „nur“ sein Name neu gedeutet? Ich kann mit beiden Verstehens-Weisen gut leben und muss sie nicht entscheiden.

Es ist eine Frage, die Theologen sich meistens nicht stellen, die man aber durchaus stellen kann: Was macht das mit Petrus, so ein Wort? Überlastet es nicht? Ist es nicht eine viel zu große Verantwortung, die ihm da aufgebürdet ist? Im Dom von Todi in Umbrien habe ich ein Petrus-Bild gefunden, in dem er die Schlüssel in der Hand hält, aber mit einem sehr  bedrückten Gesichtsausdruck, so als wollte er sagen; Das ist zu viel von mir verlangt.  Dazu passt, was Papst Johannes XXIII. von einem Traum erzählt. Er habe wegen der großen Verantwortung auf dem Stuhl Petri schlecht geschlafen und dann im Traum eine Stimme gehört: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.“

Seit Jahren gibt es den Werbeslogan: „Auf diese Steine können sie bauen.“ Jesus sagt hier – ich nehme meine Worte – zu Petrus: „Ich baue auf dich.“ Wie viel Zutrauen zu dem Fischer vom See Genezareth liegt in diesen Worten. Wie viel Wertschätzung für einen, der mit ihm durch das Land zieht, sieht, was er tut, hört, was er sagt. Nicht immer alles und nicht immer gleich versteht. Der aber aufgebrochen ist, weil er, Jesus, ihn gerufen hat. Der manchmal, so wie hier bei Cäsarea Philippi, Sachen sagt,  die er gar nicht überblicken kann.

Ich denke, dass Jesus in den Worten des Petrus nicht zuallererst all das hört, was wir an theologischer Bedeutung darin hören, sondern dass er darin das bedingungslose Vertrauen hört, die Liebe, die sich ihm ganz hingibt. Und genau auf diese Liebe baut Jesus. „Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (Johannes 21,15)

Ob das Wort Jesu Petrus über sich selbst hinaus hat wachsen lassen wird nicht erzählt. Auch nicht, ob er darüber erschrocken ist. Weil die psychische Verfassung des Jüngers Petrus dem Evangelisten Matthäus nicht so erzählenswert erscheint, nicht so wichtig wie das Wort des Meisters, des Menschensohnes: Ich baue auf dich.

Darum ist mir allerdings wichtig: es ist wirklich Petrus, dieser konkrete Mann vom See Genezareth, der hier mit den Worten Jesu gemeint ist. Nicht nur sein Bekenntnis. Es ist wahr: Jesus baut seine Gemeinde auf Menschen, mit Menschen, unter Menschen. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. In dieser Gemeinde wird es immer menschlich zugehen. Wie denn auch sonst? Wenn es nur heilig in ihr zuginge – für mich wäre da kein Platz.

Und zugleich: Hoffentlich geht es in dieser Gemeinde immer menschlich zu, fehlerfreundlich, barmherzig. Dann, wenn sie das Erbarmen Jesu widerspiegelt, dann erst ist die Gemeinde ja Gemeinde Jesu. Gemeinde auf seiner Spur, in seiner Spur.

Darum auch ist das Schlüsselwort ja gar nicht als ein Machtwort zu lesen, das vor allem den Aspekt der Macht betont. Es macht guten Sinn, eine erste Deutung in der Spur der Rabbinen zu versuchen: Es geht um die Gesetzesauslegung, um die Frage, was erlaubt und was verboten ist. Was geboten ist und was zu meiden ist. Um Wegweisung also. Danach haben wir es hier mit so etwas wie der Einsetzung einer Lehrautorität zu tun. Gute Lehre ermöglicht gute Wege zu gehen.

Das andere: diese Schlüsselbefugnis des Petrus zielt auf die Erde. Hier ist ihr Ort. Nicht im Himmel. Deshalb auch ist es ein völlig verqueres Bild, Petrus zum Himmelspförtner zu machen. Er soll den Weg zum Himmel frei machen und ihn nicht versperren. Das aber, den Weg zum Himmel freimachen – das geschieht durch das Bekenntnis. Durch das Hinweisen auf Jesus. Durch das Weitergeben seines Erbarmens.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Eine Gemeinde, die sich in ihrer Lebenspraxis an das Erbarmen Christi hält, die es austeilt und die es bekennt, muss sich um ihre Zukunft nicht sorgen. Die Hölle, genauer: das Totenreich, noch genauer: die Pforten des Hades, πύλαι ᾅδου mit ihrer Gnadenlosigkeit hat gegen das Erbarmen keine Chance.

20 Da gebot er seinen Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.

             Merkwürdig: das Bekenntnis ist gesprochen. Es ist bejaht, gewürdigt. Angekommen. Ohne Tadel. Und doch folgt ein Rede-Verbot. Jetzt noch nicht. Die Zeit ist noch nicht reif. Mag sein: die Jünger sind noch nicht reif. Auch das ist vielleicht für uns zu lernen. Es ist nicht immer Bekenntnis-Zeit. Zeit zum Reden. Wohl aber immer Zeit, an ihm zu bleiben. Bei ihm zu bleiben.

Eine Antwort aus unseren Tagen zu der Frage, wie wir es mit Jesus halten, sei nachgetragen:

 „Was Jesus für mich ist? –Einer, der für mich ist!                                                         Was ich von Jesus halte? – Dass er mich hält“                                                                             L. Zenetti, Auf Seiner Spur, Mainz 2000, S 126

 Was mich beschäftigt:

            Die Szene bei Cäsarea Philippi hat schier unglaubliche Folgen in der Kirchengeschichte,  dient sie doch als Begründung des Papstamtes. Ich lese davon, im Unterschied zu den katholischen Brüdern und Schwestern, nichts. Ich lese nur den Dialog zwischen Jesus und dem Jünger. Ich lese nur die Frage, die er ihm stellt und die er über die Jahrtausende hinweg auch mir stellt: Wer bin ich dir? Wer bin ich dir für dein Leben, die Ängste und Hoffnungen, den Schmerz und das Glück?

Es ist die Gefahr dieser Antwort des Petrus, dass man sie wie eine Formel hört. Abfragbar, lernbar. Dass man darüber vergisst, dasses eben keine Formel ist. Man versteht diesen Satz nur, wenn man ihn zusammensieht mit dem, was der Evangelist erzählt, mit den Heilungen, mit den Worten Jesu, mit seinen Reden, mit seinem Tun.  Aus dem Sehen auf den Weg Jesu entsteht, geistgewirkt, dieser Satz und weist zurück auf die Bilder, die den Weg Jesu ausmachen.

Um diese glatte Formel zu meiden, gebe ich – zweitausend Jahre später – meine Antwort: Du bist mir Zuflucht und Halt, Heiland und Tröster, Fürsprecher vor dem Thron des Vaters. Du bist der, der mein Leben gut macht, heil macht, es hält und heilt in aller seiner Zerbrechlichkeit. Ich versuche, je älter ich werde umso mehr, ohne die Hoheits-Titel Jesu für mich auszukommen. Weil hinter ihrem Gebrauch so leicht verschwindet, dass es um die Bedeutung Jesu für mein Leben geht, um die existentielle Tiefe, den Halt, den festen Grund, den ich bei ihm finde.

Eine verblüffende Erfahrung. Im Gespräch mit einer eher alten Dame fragt die Palliativ-Medizinerin: „Sind Sie gläubig?“ Sie erläutert ihre Frage mit dem Hinweis, dass der Glaube eine Hilfe sei für den Weg, auf dem es auch um das Abschiednehmen aus der Welt geht. Da rechnet jemand mit der Kraft des Glaubens, die standhalten hilft.

Die negativen Prognosen über den Zustand der Kirche sind allgegenwärtig. Wir werden weniger. Wir werden ärmer. Wir werden demnächst, 2060, im Grunde keine öffentliche Relevanz mehr haben. Wie Mehltau legt sich die Depression über diese Verlust auf die Kirchen. Solche Zeiten hat es schon früher gegeben. Und in solcher Zeit ist der Liedvers entstanden, der auch heute Hoffnung wecken mag.

„Es tut ihn nicht gereuen, was er vorlängst gedeut‘,
sein Kirche zu erneuen in dieser fährlich Zeit.
Er wird herzlich anschauen dein Jammer und Elend,
dich herzlich auferbauen durch Wort und Sakrament.“                                                                         Böhmische Brüder 1544, EG 243

Der Bestand, der Wiederaufbau der Kirche geschieht von innen her – durch Wort und Sakrament. Das ist das Zeugnis der vergangenen Zeiten, das wir heute neu zu hören haben.

Einer Kirche, die von der Sorge um ihre Zukunft wie gelähmt erscheint, könnte es gut tun, sich erinnern zu lassen: Wir dürfen uns darauf verlassen: wenn wir uns festmachen im Erbarmen Gottes und es austeilen wie die fünf Brote und zwei Fische, müssen wir uns nicht um unsere Zukunft sorgen. Wir mögen unsere Gestalt als Volkskirche wandeln müssen, wie es noch vor zwanzig Jahren unvorstellbar war – aber unsere Zukunft steht nicht auf dem Spiel.  Die hängt an der Treue und dem Erbarmen Gottes.

 

Jesus, Ich bin kein Felsenmann, nicht unerschütterlich, nicht aus dem Stein, auf den man bauen kann. Ich bin froh, dass Du der Felsen bist, der ewig bleibt, dass Dein Wort der  feste Grund ist, auf den ich mich gründen darf.

Ich danke Dir, dass Du Deine Kirche vor den Angriffen behütest, die sie selbst nicht abwehren könnte, vor dem Absturz in die Tiefe, aus der es keine Rettung gibt.

Ich danke Dir, dass über uns allen der Himmel geöffnet ist und wir diesen offenen Himmel bezeugen dürfen, uns geöffnet und allezeit offen durch Deine Gnade und Treue, Dein Erbarmen. Amen