Kinder,Kinder

Matthäus 19, 13 – 15

13 Da wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er die Hände auf sie legte und betete.

             Das Bild wechselt. Eltern, vielleicht auch nur Mütter oder Großmütter, bringen Kinder zu Jesus. Wer sie bringt, ist nebensächlich. Wichtig ist nur, dass sie zu Jesus gebracht werden. Gebracht muss nicht heißen: getragen. Es müssen also nicht nur Kleinkinder sein, die noch nicht laufen können. Aber das griechische παιδα wird vorzugsweise für Kinder bis zum Alter von sieben Jahren verwendet.

Während aber im Blick auf Eltern und Kinder vieles unbestimmt bleibt, ist die Absicht umso klarer benannt, in der die Kinder gebracht werden: damit er die Hände auf sie legte und betete. „Die Hände aufzulegen ist eine Geste, mit der in der Bibel die Weitergabe von Segen oder Vollmacht vollzogen wird.“(W. Klaiber, aaO.  S.63) So wird erzählt, dass der sterbende Jakob die Söhne Josefs, seine Enkel, unter Handauflegung segnet. So kann also in der Bitte derer, die kommen, alte Tradition mitschwingen: „die Segnung der Kinder durch die Ältesten am Versöhnungstag.“(E. Schweizer , aaO.  S.251) So, wie auch heute noch manches Kind auch mit der Begründung getauft wird, „dass die Oma es so will“ oder „weil es so schön feierlich ist.“Ein schöneres Willkommen im Leben als es nur eine Geburtsurkunde vom Standesamt signalisiert.   

 Es geht nicht nur um ein schönes Ritual. Wenn Jesus das tun wird, für die Kinder betet, mit ihnen betet, dann geschieht etwas. Sie werden in die Gegenwart Gottes gestellt. Sie bekommen Anteil an seiner Lebenskraft, an seiner Macht. Sie werden von Jesus sozusagen mitgenommen vor den Thron seines Vaters im Himmel. Es ist zum Verstehen dessen, was hier geschieht, gut sich an frühere Worte Jesu zu erinnern: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“(18,20) Diese Gegenwart Jesu schließt Kinder mit ein. „Kinder,Kinder“ weiterlesen

Jesus und die Ehe

Matthäus 19, 1 – 12

 1 Und es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, machte er sich auf aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordans; 2 und eine große Menge folgte ihm nach und er heilte sie dort.

             Der Satz es begab sich, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begegnet so ähnlich auch nach der Aussendungsrede (11,1), Überleitung zu dem, was folgt. Die „Gemeinderede“ in Kapitel 18 ist abgeschlossen. Es fängt Neues an, auch durch den Wechsel der Orte gekennzeichnet. Jesus verlässt Galiläa und bricht nach Judäa auf. Es wird ein Abschied für immer. Wenn auch nicht ganz: Der Auferstandene wird seinen Jüngern in Galiläa neu begegnen! (28, 16)

Es ist offen, wie genau zu lesen ist: Folgt ihm eine große Menge aus Galiläa nach Judäa? Eine regelrechte Völkerwanderung – viele Volksscharen. Oder ist es so, dass er auch in Judäa viele findet, die sich zu ihm halten, ihm folgen, ihn suchen? Selbst wenn das in der Schwebe bleiben muss, sichtbar wird: Er setzt seinen Weg als Helfer fort, der sich der Not von Menschen annimmt. Wenn man so will: seine Arbeit ist noch nicht getan. Er setzt sie aber – zunächst – nicht fort als Lehre, sondern als „Heiltätigkeit.“ Matthäus wird nicht müde, das Bild Jesu als das Bild des Heilers, des Heilandes zu zeichnen.

 3 Da traten Pharisäer zu ihm und versuchten ihn und sprachen: Ist’s erlaubt, dass sich ein Mann aus irgendeinem Grund von seiner Frau scheidet?

             In diese Szene treten plötzlich Pharisäer hinein. Nicht als Leute, die Hilfe suchen, sondern die Klarheit wollen. Eine Klarheit, die Matthäus wertet: πειρζοντες. Versuchen, Prüfen, auf die Probe stellen. Sie sammeln Beweispunkte, könnte man lesen. Aber auch: Sie wollen wissen, woran sie mit ihm sind. So wie es auch schon bei den Zeichenforderungen war.

Wie hält Jesus es mit dem Gesetz? Das ist ihre Frage, die sie schon seit den ersten Begegnungen und Debatten über den Sabbat umtreibt. Diese Frage wird erneut gestellt, diesmal angeheftet an das Problem Ehescheidungen. Es gibt zur Zeit Jesu, grob gesagt, zwei Richtungen, die jüdische Lehrer vertreten: Für die einen reicht schon als irgendein Grund das angebrannte Essen, um eine Frau wegzuschicken. Die andere ist strenger. Für sie ist nur der Ehebruch der Frau ein zulässiger Scheidungsgrund. Zu welcher Seite neigt Jesus? „Jesus und die Ehe“ weiterlesen

Unbegrenzt

Matthäus 18, 21 – 35

21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal?

Ich stelle mir vor – so will es ja der Erzählzusammenhang des Evangeliums – Petrus hat aufmerksam zugehört. Er hat die Regeln der Suche nach Lösungen auf sich wirken lassen. Und ist darüber erschrocken. Wie soll das gehen? Wie viel wird da von mir erwartet? Petrus ist einer, der von Jesus lernen will, einer, der weiß, dass er auf die Weisungen Jesu angewiesen ist. Und: mit seiner Frage vertritt er ja die anderen Jünger – und die mitlesende Gemeinde.

Er stellt mit seiner Frage nicht Vergebung als solche in Frage. Das hat er verstanden: Vergeben gehört zum Jünger-Sein unlöslich dazu. Auch das schwingt mit in seiner Frage: Siebenmal ist nicht nichts. Sondern sieben ist die Zahl der Vollkommenheit, also ist siebenmal Vergeben ein völliges, vollkommenes Vergeben. Dazu also wäre Petrus bereit: zu solchem vollkommenem Vergeben, wenn es Jesus denn fordert.

Aber in seiner Frage steckt dennoch mit drin:„Gibt es für das Vergeben eine Obergrenze?“(U. Luz, aaO.  S.64) Vollkommen vergeben ist – mehr geht doch nicht? Ohne dass er es ausspricht, sagt er mit seiner Frage: Irgendwann ist es doch wohl auch genug mit dem Vergeben. So wie heute manchmal Leute sagen: Irgendwann muss doch auch einmal Schluss sein mit Schuld und Schuldbekenntnissen. Die Frage nach einer Obergrenze der Vergebung schließt unheimlicherweise das mit ein, dass es doch auch eine Obergrenze  für das Übernehmen von Schuld und das Eingestehen von Schuld geben müsse. Wir setzen allzu gerne auf Verjährung.

 22 Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.

Jesus hätte einfach Ja sagen können. Siebenmal ist vollkommen. Genug ist genug. Aber er erweitert, geradezu maßlos. Das ist absurd. Denn so viel ist jedem, der zuhört, sofort klar: Hier geht es nicht um ein Abzählen, bis die 490 voll ist. Und bei der 491. Verfehlung ist endgültig „Schluss mit lustig“.  Sondern hier geht es um grenzenlose, unbegrenzte Vergebung. Immer. Ohne Ende. Bis zum Äußersten.

Das Wort Jesu ist das Gegenbild zur maßlosen Vergeltung des Lamech: „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“(1. Mose 4,24) Das will Jesus offenkundig mit seinen Worten erreichen: „Für die Bereitschaft zu Vergeben gibt es keine zahlenmäßige Obergrenze.“(W. Klaiber, aaO.  S.50)

             Die Bereitschaft zu vergeben ist das eine. Sie aber auch praktisch zu leben ist das andere. Wie steht es um die Praxistauglichkeit dieser Worte Jesu? Was ist, wenn einer das ausnützt, dass Christ*innen vergeben? Wenn einer die Bereitschaft zu vergeben für trottelige Gutmütigkeit hält? Wenn ich wieder und wieder mit dem gleichen Fehl-Verhalten konfrontiert werde? Solche Fragen stellen sich wie von selbst ein. Erst recht, wenn sich eine*r vor allem in der Position dessen sieht, von dem Vergeben erwartet wird, vielleicht sogar eingefordert wird. Weil Christen doch vergeben müssen, barmherzig sein müssen. „Unbegrenzt“ weiterlesen

Langer Atem ist gefragt

Matthäus 18, 15 – 20

15 Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.

             Das also gibt es in der Gemeinde: Menschen versündigen sich. Auch  aneinander. Da geht einer mit dem anderen so um, dass Gemeinschaft zerstört wird. Dass es kein Miteinander mehr gibt, sondern nur die Absonderung: Nicht mit mir! Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben. Die Gemeinde ist keine reine Idylle. Kein Ort, an dem man von bösen Worten und Fehlverhalten nichts weiß und nichts spürt.

Hier ist offensichtlich nicht von Sünde in der Weise die Rede, dass sich einer gegen Gott vergeht, lästert, die Gebote übertritt, vom Glauben abweicht. Sondern es geht um Zerstörung des Miteinanders in der Gemeinde. Das wissen alte Handschriften, die ergänzen: μαρτάναω ες σ. „Sich versündigen an dir.“ Es geht um persönliche Betroffenheit. Dass Worte und Taten das richtige, wohltuende Miteinander verfehlen. Verletzen. Es wird nicht genau inhaltlich gefüllt, wie das aussehen kann. Vielleicht ja auch deshalb, weil solches sich versündigen nicht exakt festzulegen ist. Es ist auch ein subjektives Empfinden. Der Spruch, den einer oder eine nur als locker empfindet, kann die anderen doch tief kränken. Tausendfache Erfahrung, die immer wieder in der Entschuldigung endet oder doch enden soll: So habe ich das nicht gemeint.

Auch das wird man an dieser Stelle bedenken müssen: Es gibt die Gefahr, den anderen zu verletzen, vor den Kopf zu stoßen einfach durch die Sprache, die ich spreche. Es gibt diesen ungeschriebenen Kodex: die Sprache der Gosse ist nicht die Sprache, die wir im Gottesdienst sprechen. Die bewusste Verwendung von Fäkalsprache um aufzurütteln kann zu tiefen Irritationen führen. Paulus schreibt: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne.“ (Philipper 3,8) Jeder Theologe weiß, dass für Dreck im Griechischen σκβαλα steht und dass man das mit Kot, „Unrat, Kehrricht“(Gemoll, aaO. S. 680) übersetzen kann. Muss man es deshalb in einer Predigt mit „Scheiße“ wiedergeben? Die Absicht einer Predigt ist doch, Menschen zum Hören zu bringen und sie nicht vom Hören abzuhalten. Man kann durch seine Wortwahl Menschen verschließen, weil man ihre innere Hörbereitschaft verletzt.

Ob es nun um bewusste Provokation oder unbewusste Aktion geht, darum der vorsichtige Rat, der behutsame Weg: Stelle ihn zur Rede. Sprich mit ihm darüber. Weise ihn zurecht hat schon mehr Gefälle, als es das griechische Wort λέγχω meint. Es geht primär nicht um Maßregelung, sondern um einen neuen Weg zueinander. Behutsam. Um den anderen oder die andere zu gewinnen. Den Bruder, die Schwester. Auch, um ihm oder ihr Bloßstellung zu ersparen. Deshalb auch unter vier Augen.

Freilich. Das geht nicht um den Preis, dass alles weichgespült wird. Die Dinge müssen schon beim Namen genannt werden. Zu Recht finden heißt auch einsichtig werden. Sehen, wo es  Probleme im Miteinander gibt und wodurch sie verursacht werden. Es sind oft genug „die kleinen Füchse, die die Weinberge verderben.“(Hohes Lied 2,15) „Hühnerkram“ könnte man denken. Aber er wächst sich so leicht aus zu großen Störungen.

Das Ziel ist klar: es geht darum, den Bruder, wieder zu gewinnen. Auch die Schwester, die hier ausnahmsweise in der neuen Übersetzung nicht ausdrücklich genannt wird. Einen neuen Zugang. Ein neues Miteinander. Wenn man so will: Versöhnung. Dazu ist kein Schritt zu viel. Das ist ein lohnendes Ziel. Und wenn es erreicht wird, ist große Freude. Hoffentlich und vermutlich auf allen Seiten. „Langer Atem ist gefragt“ weiterlesen

In der Mitte ein Kind

Matthäus 18, 1 – 14

 1 Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten:

 Immer noch ist Kapernaum der Ort des Geschehens. Es ist der Ort, an dem sie zu Hause sind. Der Ort, an dem man darauf hoffen kann, dass alles klar ist und sich klären lässt. Es ist eine „ideale“ Situation, eine günstige Gelegenheit: die Jünger haben ein Problem und erhoffen sich Klärung bei Jesus. Deshalb fragen sie bei ihm nach.

Wer ist nun der Größte im Himmelreich?

Man kann angesichts dieser Frage versonnen selbst ins Fragen kommen: Haben sie nach den langen Wegen mit Jesus immer noch nicht verstanden, dass das die falsche Frage ist? Aber es ist die Frage, die in der Welt allemal die richtige Frage ist. Die vielerorts die wichtigste Frage ist – ohne den Zusatz Himmelreich: Wer ist der Größte? Wer ist die Schönste? Wer ist die Beste? Wer ist der Frömmste? „Die `Großen´ in einem Königreich sind die Statthalter und Minister.“(U. Luz Das Evangelium nach Matthäus (18 – 25) EKK 1/3, Zürich 1997, S.12)Fragen nach dem Spitzenplatz sind die Fragen, die antreiben, die Kräfte konzentrieren lassen, die dem Ehrgeiz entsprechen. Nicht einfach nur groß sein, sondern der Größte – μεζων .Wer nichts mehr werden will, wird nichts.

             Warum sollen diese Fragen ausgerechnet für das Himmelreich unzulässig sein, wenn sie doch das Leben auf der Erde allgegenwärtig prägen? Hat doch Jesus selbst scheinbar auch in solchen Kategrorien gedacht, wenn er sagt: „Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.“(11,11) Demnach gäbe es doch auch im Himmelreich Rang-Unterschiede. Hinter der Frage mag die Überzeugung stehen: wenn wir die Kriterien kennen, nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, die entsprechenden Schritte tun.

2 Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie 3 und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. 4 Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich. 5 Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.

             Merkwürdig und auffallend: Jesus kritisiert die Frage nicht als völlig falsche Frage. Er antwortet allerdings auch nicht direkt auf ihre Frage. Sondern er tut etwas. Er stellt ein Kind in ihre Mitte. So wie dieses Kind muss man sein, um überhaupt ins Himmelreich nach denen da entschieden wird, können wir uns vorbereiten, dieenzu kommen. Dazu braucht es ein Umkehren. Kehrtmachen. „Eine grundsätzliche Änderung des üblichen Lebens.“ (U. Luz, aaO.  S.12)

      Weil Jesus nicht allgemein bleibt, sondern die Jünger anredet – ihr – wird die ganze Sache persönlich. Was bei den Jüngern als Bitte um eine Auskunft zur Sache anfängt, wird jetzt zur Zumutung an sie. Es geht um eine „Wende“  – so das Wort στρέφω im eigenen Leben. Um einen Ausstieg aus dem, was sie ein Leben lang gelernt haben. Damit auch um ein Aussteigen aus der Frage nach der Größe und der Rangordnung, die so ur-menschlich ist. „In der Mitte ein Kind“ weiterlesen