Gefährlicher Leerstand

Matthäus 12, 43 – 45

43 Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s leer, gekehrt und geschmückt.

    Manchmal ist es gut zu fragen: Für wen wird etwas erzählt, gesagt, aufgeschrieben? So auch hier. In der erzählten Situation des Disputes mit den Schriftgehrten und Pharisäern wirken diese Worte seltsam deplatziert. Sie sind auch deutlich ein Bruch in dem Gesprächsgang. Sie haben im Grunde nichts mit dem zu tun, was zuvor verhandelt worden ist, mit der Frage nach Zeichen. such nichts mit den Gesprächspartnern Jesu – Schriftgelehrten und Pharisäern.

Aber denoch sind die Worte Jesu nicht völlig aus der Luft gegriffen. Siie greifen zurück auf den Anlass der Diskussionen. Auf die Befreiung eines Besessenen: Da wurde ein Besessener zu Jesus gebracht, der war blind und stumm; und er heilte ihn, sodass der Stumme redete und sah.(12,22) Jesus hat das nicht vergessen – dieses Tun hat alle Gespräche danach ausgelöst.

Hier allerdings sind sie wohl in erster Linie Warnung an die Christinnen und Christen, die in die Freiheit des Glaubens getreten sind. Sie sind eine Warnung davor, rückfällig zu werden. Sich von den Geistern der Vergangenheit neu einfangen zu lassen. Ihnen die Türen wieder zu öffnen. Es kann eine schlimme Täuschung sein, den guten Anfang schon für das Ziel des ganzen Weges zu halten. Sich in falscher Sicherheit zu wiegen: Es wird alles gut, weil wir doch den richtigen Schritt schon gemacht haben. Den Schritt zum Glauben. Der erste Schritt ist aber nur ein Schritt und noch nicht der ganze Weg.

Menschen sind wie Bäume. So hat Jesus zuvor gesagt. Menschen sind wie Häuser. Bei Häusern ist die Kernfrage: Wer wohnt in diesem Haus? Wer in einem Haus wohnt, der bestimmt die Atmosphäre des Hauses . Der entscheidet darüber, ob es eine offene Tür hat, ob es in diesem Haus ordentlich zugeht oder chaotisch. Ob Streit oder Frieden herrschen.

Beim Besitzerwechsel kann sich auch die Geschichte eines Hauses verändern. Es kehrt ein neuer Geist ein. Ein guter Geist. Die alten Geschichten werden umgeschrieben. Unser Haus in unserem Dorf hatte den Namen „Scheidungshaus“, weil sowohl das Erbauer-Paar als auch das nachfolgende Paar sich scheiden ließen. Der Name hat uns seinerzeit nicht geschreckt- wir wohnen gerne in unserem Haus. Und haben das Gefühl: der alte Geist ist vertrieben.

Nur leerstehen darf so ein Haus auch nicht. Dann nisten sich womöglich andere Geister ein. Es kann noch so schön geschmückt sein – es ist ein dankbares Objekt für eine Hausbesetzung.   Davon redet Jesus – es gibt Häuser, die werden zu Opfern von Hausbesetzern und es gibt Menschen, die werden zu Opfern von unreinen Geistern, die sie besetzen.      

Leerstand ist irgendwie nicht vorgesehen. Der neutrale Ort, wo man nach allen Seiten offen sein kann, existiert in der Sicht Jesu nicht. Entweder Gottes Geist oder der unreine Geist residiert im Menschenhaus. „Der Wille hat nicht die Entscheidungsfreiheit, zu einem Reiter zu laufen oder ihn zu suchen, sondern die Reiter selbst streiten darum, ihn festzuhalten und zu besitzen“, zitiert Jung den Reformator. Wer oder was der Satan ist, wäre ein eigenes, abendfüllendes Thema. Wichtig ist Jung etwas anderes: Der Mensch sei für Luther fremdbestimmt, „aber die ,Qualität‘ dieser Fremdbestimmung ist entscheidend“. Die durch Satan führe in Abhängigkeit, die durch Gott, „der in sich Freiheit ist“, in Freiheit und ewiges Heil.“(Von wegen freier Wille. Wie Volker Jung 220 Schülern Martin Luther nahebringt FAZ 09.02.2013, Nr. 34, S. 43) So geht es auch heute noch zu.

 “But you’re gonna have to serve somebody, yes
Indeed you’re gonna have to serve somebody
Well, it may be the devil or it may be the Lord
But you’re gonna have to serve somebody.”    B. Dylan Slow Train Coming

             Niemand läsṣt sich gerne seine Einflussmöglichkeiten nehmen. damals nicht, heute nicht.

  45 Dann geht er hin und nimmt mit sich sieben andre Geister, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin; und es wird mit diesem Menschen hernach ärger, als es vorher war. So wird’s auch diesem bösen Geschlecht ergehen.

Das ist schlichte Lebenserfahrung: Schlechte Gewohnheiten sind nie ein für alle Mal abgelegt. Der trockene Alkoholiker bleibt ein Leben lang Alkoholiker. Der Burnout-Geheilte bleibt wohl ein Leben lang dennoch gefährdet. Und auch Christ*innen können rückfällig werden, ihr Lebensvertrauen erneut auf das setzen, was sie einmal als Besessenheit erkannt hatten: Geld, Macht, Ansehen, Einfluss, Sex. Wo das passiert, so die Erfahrung, die Jesus anspricht, wird es schlimmer als zuvor. Rückfälle sind oftmals schlimmer als alles, was vorher war.

Herausforderungen an unser Denken und Glauben

Es ist eine Binsenweishet: Nur wer die Tür seines Hauses zumacht und sie geschlossen hält, ist einigermaßen sicher vor dem Eindringen ungebetener Besucher. Das gilt auch für das Lebenshaus. Wenn eine*r von Gefangenschaften befreit worden ist, frei geworden ist, dann gilt es, diese Freiheit auch wirklich zu glauben und in ihr zu leben. Die Freiheit wird gefährdet, wenn man ständig auf die alten Bindungen zurückschaut. So wie Wunden nicht zuheilen können, wenn sie ständig neu aufgekratzt werden. Wer seine alten Bindungen wieder und wieder anschaut mit der bangen Fragen: Sind sie auch wirklich Vergangenheit, der bleibt, allem Freispruch zum Trotz, unter ihrer Macht.

Es ist der „Psychologe“ Jesus,  der weiß: Ein Befreiter muss seine Befreiung auch wirklich wollen, aus ihr leben wollen. Es gibt in der Abendmahls-Liturgie nach der Absolution den Satz: „Euch geschehe, wie ihr glaubt.“ Wer die zugesprochene Vergehung glaut, der setzt sie bei sich selbst in Kraft. Sie lässt einen dann auch frei sein. Wer sie aber nicht glaubt, der begibt sich „freiwillig“ unter die alte Gefangenschaft. Es ist die Aufgabe unseres Vertrauens, dem gehörten Wort Raum zu schaffen in der eigenen Seele und dem eigenen Leben. Diese „Mitwirkung“ nimmt uns das Geschenk der Vergebung und Befreiung nicht ab.

  Es ist eine Warnung, sich nichts vorzumachen: wir sind nicht so frei, wie wir es gerne wären. Nicht so unangreifbar, wie wir es uns wünschen. Nicht so sicher in unserem Glauben,  dass uns nichts mehr passieren kann. Uns doch nicht. „Den Teufel spürt das Völkchen nie, Und wenn er sie beim Kragen hätte.“(J. W. v. Goethe, Faust, Szene in Auerbachs Keller) Der Bibel- und kapitelfeste Frankfurt Dichter ist in Sachen dieser Freiheit eher skeptisch. Weil er ahnt, dass die Freiheit immer stark gefährdet ist.

Das gilt für einzelne Menschen. Manchmal denke ich: es gilt auch für Völker. Wo man geglaubt hatte, den Rassismus als menschenverachtende Einstellung ein für alle Mal überwunden zu haben, lernt man bestürzt; er feiert fröhliche Urstände. Wo man geglaubt hatte, es sei in Stein gemeißelt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (GG § 1), da erfährt man heute bestürzt: Sie ist antastbarer denn je. „Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet. Wo erfährt man so ungeschminkt, wie er ist, der Mensch? (…) Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, ‘nur’ sozial, nicht physisch vernichtend.” (www.anstoß-gw.de vom 19.7.15) 

Es ist gut, sich keine Illusionen zu machen über dieses böse und ehebrecherische Geschlecht.(12, 39) Aber auch, es nicht vorschnell identifizieren zu  wollen: die Gottlosen, die da draußen, die anderen. Was, wenn wir selbst zu diesem Geschlecht gehörten? Wir können uns doch nicht selbst schützen. Wir sind schutzbedürftig gegen die bösen Geister, die draußen und die drinnen.

 

Jesus, Du weißt, wie viel auf uns einströmt. Worte dringen an unser Ohr, ob wir sie wollen oder nicht. Bilder greifen nach unserem Sehen und wir können die Augen nicht verschließen. Wir sind unter dem stetigen Einfluss unserer Zeit.

Verleihe Du uns,  mir, dass die Bilder keine Macht über uns gewinnen, die unsere Seele verwunden, dass die Worte kein Gehör in uns finden, die uns Hass und Neid und blinde Wut lehren wollen.

Gib Du, dass uns Dein Wort fest macht, immun gegen die Botschaften, die uns wegziehen wollen von Dir, die uns Deine Freiheit nehmen wollen. Gib uns Deinen Geist. Tag um Tag neu. Amen