Gute Bäume gute Worte

Matthäus 12, 33 – 37

 33 Nehmt an, ein Baum ist gut, so wird auch seine Frucht gut sein; oder nehmt an, ein Baum ist faul, so wird auch seine Frucht faul sein. Denn an der Frucht erkennt man den Baum.

             Wieder einmal holt Jesus seine Gesprächspartner bei ihrer Alltagserfahrung ab. Jeder kennt das Unterscheidungsmerkmal für gute und faule Bäume. Es sind die Früchte. An dem, was sie hervorbringen, zeigt es sich, wie es um Bäume steht. Sie können nicht anders, ihr Zustand wird an ihren Früchten anschaulich.

 34 Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

             Es ist erschreckend: γενν­ματα χιδνν – ihr Otterngezücht , Frucht von Nattern, Schlangenbrut, ihr mit euren Schlangencharkter( alles nach Gemoll, aaO. S 169 möglich) – so redet Jesus mit denen, die um ihn stehen. Es wird nicht besser dadurch, dass schon der Täufer Ähnliches gesagt hatte und Jesus nur seine Worte aufgreift. Hier wird ein Bild Jesu sichtbar, das zutiefst irritiert: er greift Menschen frontal an. Er verurteilt sie, schon durch seine Anrede und unterstellt: Das, was ihr sagt, man muss wohl lesen: gegen mich sagt, das zeigt etwas vom Zustand eures Herzens. Ihr seid voller Bosheit.  Das ist seine Antwort auf ihre Deutung: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch Beelzebul, den Obersten der Dämonen.“12,24)

Wahr ist: der Herzenskenner Jesus liest die Gedanken des Herzens. Nicht nur, was sich Menschen so denken. Und hier wird sein Kennen zur Anklage, und darüber hinaus gehend, zum Urteil. Wobei, hier musste er nicht Gedanken lesen. Es reichte, die Worte der Pharisäer einfach zu behalten.

Das allerdings ist auch erschreckend: Diese Worte über die Pharisäer haben schlimme Folgen gehabt – bis in den alltäglichen Sprachgebrauch. Bis zum „Pharisäer“ als Kaffee-Namen für einen gesüssten Kaffee, der mit einem braunem Rum unter einer Sahnehaube „veredelt“ worden ist. Allzu oft haben sie christlichen Hochmut genährt. Nicht zuletzt, weil man sich die Worte Jesu als eigene Urteile angeeignet hat. Eine Grenzüberschreitung ohnegleichen.

  35 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz.

             Vielleicht liegt der Missbrauch auch darin begründet, dass viele einfach nicht weiter gelesen haben. Denn aus der Attacke gegen die Pharisäer wird ein allgemeiner Lehrsatz – für Christen und Heiden, Juden und andere Gottsucher. Ein Lehrsatz, den vor allem die zu beherzigen haben, die viel reden. Von Berufs wegen. Oder weil sie es gut können.

Es ist mit den Menschen wie mit den Bäumen. sie bringen hervor, was ihrer Wesensart entspricht. Gute Menschen Gutes, böse Menschen Böses. Ganz unbefangen unterstellt Jesus, dass es gute Menschen gibt. γαθς νθρωπος – das es gute Menschen gibt, ist nicht unmöglich und nicht ausgeschlossen durch das anthropologische Grundurteil: „Da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer.(Psalm 14, 3, Psalm 53,4, Römer 3,12) Es gibt Menschen, die Gutes sagen, gut von anderen reden, weil sie selbst gut sind, auch gütig. Angerührt von der Güte Gottes. Es gibt auch die anderen, die aus einem bösen Schatz schöpfen – wo und wie auch immer der gefüllt worden sein mag.

36 Ich sage euch aber, dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. 37 Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden.

Keines unserer Worte geht ungehört verloren. Sie kommen alle noch einmal vor. Die Worte, mit denen wir Menschen aufgerichtet haben und auch die Worte, mit denen wir sie abgerichtet und „hingerichtet“ haben.  Unnütze Worte, ῥῆμα ργν – das sind nicht Witze, die man sich erzählt. Sondern es sind die Worte, die das Leben abschneiden, die einen Menschen schlecht machen, die den Ruf zerreißen,  die alles in den Dreck ziehen. Statt Glauben die Hoffnungslosigkeit nähren.

Es ist die Bitte dessen, der weiß, wie gefährdet gerade die sind, die viel reden müssen, weil es ihre aufgabe ntisich bringt, weil sie „Mundwerker“ sind. Verkündiger.

„Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen;
lass kein unnützlich Wort aus meinem Munde gehen;
und wenn in meinem Amt ich reden soll und muss,
so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn Verdruss.“                                                                                                     J. Heermann 1630, EG 495

Das also wird am Tag des Gerichts zum Vorschein kommen, ob unsere Worte dem Leben und der Liebe gedient haben oder ob sie leer gewesen sind, und das Leben entleert haben. Dem werden wir uns zu stellen haben – Pharisäer und Zweifler, Gläubige und Unfromme. Juden, Moslems, Buddhisten und Christen, vermutlich auch die, die von sich sagen, dass sie an gar nichts glauben, jedenfalls nicht an Gott.

Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton
Worte, die deutlich für jeden von dir reden – gib mir genug davon
Worte, die klären, Worte, die stören, wo man vorbeilebt an dir
Wunden zu finden und sie zu verbinden – gib mir die Worte dafür.

 Gib mir die guten Gedanken, nimm mir das Netz vom Verstand
und lass mein Denken und Fühlen vor dir spielen so wie ein Kind im Sand
Staunend und sehend, prüfend, verstehend nehm ich die Welt an von dir
sie zu durchdringen, dir wiederzubringen – gib mir Gedanken dafür

 Gib mir den längeren Atem, mein Atem reicht nicht sehr weit
Ich will noch einmal verstohlen Atem holen in deiner Ewigkeit
Wenn ich die Meile mit einem teiledie er alleine nicht schafft
lass auf der zweiten mich ihn noch begleiten – gib mir den Atem, die Kraft                                                                      M. Siebald CD Zeitpunkte 1978

Zum Weiterdenken

Der Ausgangspunkt aller Worte ist nach dem Wort Jesu das Herz. καρδα. Im Herzen entscheidet sich, was wir sagen. Im Herzen entsteht, was den Mund verlässt: Trost und Zuspruch oder Gehässigkeit und Niedertracht.  Es sind nicht nur die Gedanken, die sich zu Worten formen, negativen Gedanken oder positivem Denken. Es ist das Herz.

Das Herz als Quelle ist noch einmal eine Etage tiefer. Weil das Herz die Personmitte kennzeichnet, Sitz unserer Pläne, Hoffnungen, unseres Wünschens, auch unserer Gefühle. Es ist nicht von ungefähr, dass die Botschaft der Propheten von neuen Herzen zu sagen weiß:  „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“(Jeremia 31,33) Und noch einmal weitergehend als Wort Gottes: „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“(Hesekiel 36, 26-27)

Herztransplantation, damit es zu neuem Handeln und neuem Gottvertrauen kommt. Daran knüpft Jesus mit seinen Worten an.  Es braucht die Verankerung unseres Denkens und Tuns in erneuerten Herzen.  Es braucht das Herz als Wurzelboden für Erbarmen, für Güte, für die Zuwendung zu anderen. Wenn das Herz nicht verwandelt ist, werden die Gedanken nur Strohfeuer der Freundlichkeit erzeugen.

 

 Jesus, Keiner kann sich selbst zum guten Baum machen. Keiner kann aus sich selbst immer so sein, wie es Dir entspricht. Du musst uns prägen. Du musst uns wandeln.

Gib uns das Handeln, in dem Deine Liebe sichtbar wird. Gib uns die richtigen Worte, die Hoffnung säen. Hilf uns die Schritte des Lebens zu gehen, die Dir entsprechen. Mache Du aus uns Menschen nach Deinem Willen. Amen